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Ökonomische Gesellschaften

Ö. entstanden als Gelehrte Gesellschaften während der Agrarrevolution in der 2. Hälfte des 18. Jh. Sie folgten teils der Physiokratie, teils einem umfassenderen Ökonomiebegriff und bezweckten die Diskussion, Verbreitung und Umsetzung nützl. Wissens zur Produktionssteigerung insbesondere in der Landwirtschaft, aber auch im Handel, Gewerbe, Bergbau und in der Industrie. Sie erstellten topograf. Beschreibungen und statist. Bestandesaufnahmen der wirtschaftl. Zustände, schrieben Preisfragen aus, publizierten prakt. Anleitungen für das Landvolk sowie Schriften zur Volksaufklärung, bauten Musterbetriebe auf und förderten die Berufsbildung. Die Ö. machten eine Vernetzung von aufgeklärten Experten und von Expertenwissen möglich. Ihre Mitglieder entstammten vorwiegend den polit. und intellektuellen Eliten der Städte. Die erste bedeutende kontinentaleurop. Sozietät dieser Art war die von Johann Rudolf Tschiffeli 1759 gegr. Berner Ökonom. Gesellschaft mit Sektionen im dt. und v.a. im welschen Teil der Republik Bern, die unter dem Präsidium Albrecht von Hallers (1708-77) internat. Berühmtheit erlangte. Ihr Publikationsorgan "Abhandlungen und Beobachtungen durch die ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt" erschien parallel in Deutsch und Französisch. In Zürich erregte die im gleichen Jahr von der 1746 gegr. Naturforschenden (oder Physikal.) Gesellschaft eingesetzte Ökonom. Kommission mit ihren sog. Bauerngesprächen weitherum Aufsehen. Lokale Gründungen folgten v.a. in Freiburg, Solothurn (beide 1761), Genf (Société des arts, 1776), Chur (1778) und Basel (1795). Nach 1780 erlahmten vielerorts die Aktivitäten der Ökonom. Patrioten, da die Agrarverfassung und das Zunftsystem (Zünfte) den prakt. Reformen enge Grenzen setzten und die Erneuerer mit der Obrigkeit in Konflikt kamen. Erst im 19. Jh. vermochten die zahlreichen kantonalen und überregionalen landwirtschaftl. Vereine bei der Agrarmodernisierung aktiv mitzuwirken.


Quellen
Forschungsdatenbank zur Ökonom. Ges. Bern, hg. von M. Stuber et al., (Univ. Bern, Hist. Institut)
Literatur
– E. Erne, Die schweiz. Sozietäten, 1988
Nützliche Wissenschaft und Ökonomie im Ancien Régime, hg. von A. Holenstein et al., 2007
Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe, hg. von M. Stuber et al., 2009

Autorin/Autor: Emil Erne