Konsumvereine

K. sind selbstverwaltete Organisationen, die v.a. in der 2. Hälfte des 19. Jh. im Zuge der Genossenschaftsbewegung entstanden sind. Arbeiter, später auch Angestellte, Beamte und Bauern schlossen sich zusammen, um ihre Interessen als Konsumenten durch gemeinschaftl. Vermittlung von Gütern des tägl. Bedarfs zu fördern. Neben K.n mit einem breiten Sortiment von Nahrungs- und Genussmitteln sowie Haushaltsartikeln gab es solche, die sich auf Milch, Brot, Fleisch, Kohle usw. spezialisierten. Die Mitgliedschaft war offen oder auf eine bestimmte Gruppe beschränkt (z.B. Arbeiterkonsumverein Bremgarten, Société coopérative de consommation des employés français de la gare de Vallorbe, Cooperativa di consumo fra lavoratori italiani di Rorschach, Sozialist. Genossenschaft Vorwärts Bern). K. verkauften ihre Produkte in der Regel gegen Barzahlung zu Tagespreisen, standen also nicht in direkter Preiskonkurrenz zum gewerbl. Detailhandel. Dies hatte den Vorteil, dass die Mitglieder in den Genuss einer periodisch nach Anteil der Einkäufe erstatteten Rückvergütung kamen. Dieses System geriet v.a. nach dem Wegfall der Preisbindung der zweiten Hand 1967 in eine Krise und verlor 1974 seine Bedeutung, als der Grossverteiler Coop zu Nettopreisen überging.

Vorläufer der K. entstanden bereits vor 1850. Ausgehend von der Aktienbäckerei Schwanden (1839) verbreiteten sich v.a. im Kt. Glarus, aber auch in den Kt. St. Gallen, Schwyz, Bern, Waadt und Genf Selbsthilfeorganisationen zur Vermittlung von Brot. Initiiert wurden diese bis nach 1850 von Arbeitern, aber auch von Philanthropen und Unternehmern, die an niedrigen Lebenshaltungskosten interessiert waren. 1851 gründeten acht Grütlianer (Grütliverein) um Karl Bürkli den Konsumverein Zürich (KVZ), der als erster den Namen Konsumverein trug. Ideelle Basis für die Verbreitung der K. boten 1863 die erstmals vom Arbeiterverein Schwanden aufgenommenen Prinzipien des 1844 in Rochdale (England) gegründeten Konsumvereins: u.a. offene Mitgliedschaft, demokrat. Verwaltung, Rückvergütung, polit. und konfessionelle Neutralität und Barzahlung. Eine nächste wichtige Gründung erfolgte 1865 mit dem Allg. Consum-Verein Basel (ACV), der alle Bevölkerungsschichten ansprach. Im Tessin, wo sich die K. im Vergleich zur übrigen Schweiz etwas später entwickelten, entstand die erste Cooperativa di consumo 1867 in Bellinzona. 1883 wurden in der ganzen Schweiz 121 K. registriert. Die meisten von ihnen waren Aktiengesellschaften, denn erst das Obligationenrecht (1881) ermöglichte die Rechtsform der Genossenschaft. Diese wurde bis 1904 von 228 der insgesamt 287 K. gewählt.

Eine neue Phase begann 1890, als nach den gescheiterten Versuchen von 1853 und 1869 der Verband schweiz. Konsumvereine (VSK, ab 1970 Coop) gegründet wurde, der immer mehr K. integrierte. 1936 waren 505 von 661 K. beim VSK, 50 bei andern Verbänden und 106 unabhängig. Ausserhalb des VSK blieb v.a. der KVZ, der ab 1878 eine geschlossene Aktiengesellschaft war. Das mittelgrosse Detailhandelsunternehmen wurde 1991 von Coop übernommen, ein Teil wurde verkauft. Auch einzelne Landwirtschaftliche Genossenschaften vermittelten früh Konsumgüter, scheuten aber den Konflikt mit dem Gewerbe. Eine Ausnahme bildete der Volg, der 1892 mit einer zentralen Einkaufsstelle in den Detailhandel einstieg und neben Bauern auch Arbeiter aufnahm. Im Jahr 2000 belieferte die Volg Konsumwaren AG 652 Läden, darunter 289 von Genossenschaften.

1902 gründeten christlichsoziale Kreise in St. Gallen die erste Konsumgenossenschaft Konkordia, der bald weitere und 1909 ein schweiz. Verband folgten. Konkordia erreichte Mitte der 1920er Jahre den Höhepunkt mit fast 200 Läden, musste jedoch 1926 deren Belieferung dem Volg übertragen. Sie konnte sich auf bescheidenem Niveau halten, bis sie durch den Strukturwandel im Detailhandel 1970 zur Liquidation gezwungen wurde. Der 1909 gegr. Verband ital. K. in der Schweiz (28 Genossenschaften) ging ein, nachdem viele Italiener im 1. Weltkrieg heimgekehrt waren. Über das Schicksal der kleinen, unabhängigen K. ist wenig bekannt. Das schwindende Interesse an Konsumgenossenschaften in den 1960er Jahren und die zunehmende Notwendigkeit zur Anlehnung an eine der bestehenden Grosshandelszentralen wirkten sich negativ auf ihre Entwicklung aus.


Literatur
Die K. in Holland, Japan, Österreich und der Schweiz, hg. von G.J.W.C. Goedhart et al., 1923, (Nachdr. 1992)
– M. Boson, Co-op in der Schweiz, 1965, (franz. 1965)
– O. Delcò, 70 anni Coop Ticino, 1973
– Gruner, Arbeiter
– B. Degen, «Consumerism in Capitalism», in Consumerism versus Capitalism?, 2005, 243-259

Autorin/Autor: Bernard Degen