19/06/2015 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Nachbarschaft

Als Personenverband, der die Gesamtheit der Nachbarn eines bestimmten Gebiets umfasst, ist die N., wie es sie in einigen Regionen der Schweiz gab, eine Vorform der späteren Gemeinde. Sie dient der Nutzung und Pflege gemeinsamer Güter sowie gegenseitiger Hilfe und kann auch niedere hoheitl. Funktionen wahrnehmen. In diesem Sinne umschreibt der Begriff eine ähnl. Realität wie derjenige der Genossenschaft. Die N. bezeichnet auch die mit Rechten und Pflichten verbundene Mitgliedschaft in einer N., in allgemeinerem Sinn auch das Verhältnis der Nachbarn untereinander. Überdies bedeutet "gemeine N." die Versammlung der Nachbarn als deren oberstes Organ, im Tessin als vicinantia oder consilium generale bezeichnet. Im Tessin ist die N. (vicinanza) schon ab dem 13. Jh. gleichbedeutend mit Gemeinde, ihre Mitglieder waren die sog. Vicini. Gleichen Ursprungs wie die Tessiner sind auch die Bündner N.en, die sich im SpätMA zu Gerichtsgemeinden zusammenschlossen. Mit Ausnahme des Unterengadins bedeutet heute das rätorom. Wort für N., vischnanca, Gemeinde.

Jede N. im engeren Sinn hatte ihre auf altem Herkommen gegr. Verfassung, in der die Rechte und Pflichten der Nachbarn geregelt wurden. Im MA sind Satzungen selten, einzelne Bestimmungen lassen sich jedoch den Offnungen oder Dorfordnungen entnehmen. Südlich der Alpen existierten seit dem 13. Jh. Statuti. Unter obrigkeitl. Leitung schriftlich niedergelegte Statuten von N.en sind aus dem 18. Jh. für Zug überliefert. Die Versammlung der N. regelte je nach Region die durch die N. wahrzunehmenden Gemeindenutzungen und kommunalen Aufgaben, Hilfeleistungen in Notfällen, die Organisation von Stiftungen, Festen, Hochzeiten, Begräbnissen oder gemeinsamen Gebeten, die Wahrnehmung der Nachbarlosung (retractus ex iure vicinitatis) bei Güter- und Hausverkäufen, die Pflege von Weg und Steg sowie die Wahl in die versch. Ämter (Dorfmeister, Alpmeister, Bannwarte und Brunnenmeister). In Lugano, Mendrisio, im Valle Maggia und Val Lavizzara delegierte die N. ihre Vertreter (meist den Console) auch in den Landschafts- bzw. Talschaftsrat; in Graubünden standen ihnen entsprechend ihrer Grösse eine gewisse Anzahl Sitze in den Gerichtsgemeinden zu. Die N. nahm Schlichtungsaufgaben unter den Nachbarn, aber auch auf einer höheren Ebene wahr.

Die Aufnahme in die N. erfolgte durch Erbfall, Einheirat, Einkauf oder auf Wunsch der N. (z.B. bei Siedlungsrückgang). Dabei war ein Eid zu schwören und zur Förderung guter Freundschaft ein Einstand zu leisten. Die Aufnahme stand nur sog. ehrlichen Personen zu. In Zug hatte der Käufer eines in der N. gelegenen Guts oder Hauses eine Abgabe in der Höhe von 5% des Kaufpreises zu zahlen; hingegen war der Erwerb auf dem Erbweg frei. Beim Wechsel in eine andere N. war ein Ein- bzw. Abzugsgeld zu zahlen. Die Kasse der N. führte der Seckelmeister und aushilfsweise auch der Weibel.

Die N. schloss entweder alle Ortsansässigen ein oder beschränkten sich auf die vollberechtigten Inhaber einer Hube (bzw. die Besitzer von Haus, Herd, Rauch). Die Entwicklung ging in Richtung einer zunehmenden Abschliessung der N. Folglich wurde zwischen Nachbarn und Hintersassen unterschieden (z.B. in Schänis 1559), an einigen Orten, etwa im Tessin, kam es zu weiteren Unterscheidungen zwischen Vollbürgern, Halbbürgern und Hintersassen (Mendrisio, Lugano, Locarno). In Zug wurden 1780 Fremde von der Teilnahme, dem Mindern und Mehren der N., ausdrücklich ausgeschlossen.

In der frühen Neuzeit entwickelten sich die N.en zu Dorfgenossenschaften weiter. In der helvet. Republik verschwanden sie als Personenverbände mit öffentl. Aufgaben, lebten aber mancherorts als Quartiervereine weiter, wie z.B. die acht N.en in der Stadt Zug, oder verwandelten sich in Bürgergemeinden bzw. patriziati im Tessin.


Quellen
N., Pfarrei und Gem. in Graubünden 1400-1600, Qu., hg. von I. Saulle Hippenmeyer, U. Brunold, 1997
Literatur
– R. Schwarz, Die Gerichtsorganisation des Kt. Graubünden von 1803 bis zur Gegenwart, 1947
– K.-S. Bader, Stud. zur Rechtsgesch. des ma. Dorfes 1-3, 1957-73
– P. Caroni Le origini del dualismo comunale svizzero, 1964
HRG 3, 813-815
Dt. Rechtswörterbuch 9, 1992-96, 1136-1138
– I. Saulle Hippenmeyer, N., Pfarrei und Gem. in Graubünden 1400-1600, 1997
– P. Sutter, Von guten und bösen Nachbarn, 2002
– H. Zückert, Allmende und Allmendaufteilung, 2003

Autorin/Autor: Karl Heinz Burmeister