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Flüchtlinge

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Die Genfer Flüchtlingskonvention (Art. 1A) und das auf ihr basierende, mehrfach revidierte schweiz. Asylgesetz von 1979 (Art. 3) definieren den Flüchtling als Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer polit. Überzeugung sich ausserhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt". F.n im Sinn der Konvention kommt eine spezielle Rechtsstellung zu; viele Signatarstaaten stellen sie den Ausländern gleich, die im betreffenden Staat den günstigsten Schutz geniessen. Die Genfer Flüchtlingskonvention verankerte auch das Prinzip des Non-Refoulements: F., denen in ihrem Herkunftsland Folter und Tod droht, dürfen nicht dorthin zurückgebracht werden, falls ihr Asylgesuch abschlägig beantwortet wird. In der schweiz. Rechtssprache bezeichnet der Ausdruck "Flüchtling" den Status derjenigen Ausländer, deren Gesuch um Asyl positiv entschieden wurde. Ein Asylbewerber ist dagegen ein Ausländer, der um den Flüchtlingsstatus nachgesucht hat und auf den Entscheid der Bundesbehörden wartet.

1 - Mittelalter und Frühe Neuzeit

Im MA mussten zahlreiche Menschen aus politischen, religiösen oder persönl. Gründen ihre Heimat verlassen, in der Schweiz etwa die Unterlegenen in innerkommunalen Auseinandersetzungen, Geächtete und Juden (Antisemitismus). Vom 16.-18. Jh. strömten in versch. Wellen Waldenser und Protestantische Glaubensflüchtlinge in die ref. Kantone der Eidgenossenschaft, so 1549-60, 1572-74, 1585-87 und nach 1680. Die quantitativen Angaben differieren erheblich; für den sog. Grand Refuge nach dem Widerruf des Edikts von Nantes 1680 reichen die Schätzungen von ca. 60'000 bis über 100'000 F., die aber bis auf ungefähr 20'000 "nützliche", reiche oder besonders hilfsbedürftige Exulanten das Land spätestens in den 1690er Jahren wieder verliessen. Das aufgrund seiner langen Grenze zu Frankreich und der Nähe zu Genf, dem wichtigsten Zugang zur Waadt, stark betroffene Bern hatte sich eine entsprechende Behördenstruktur gegeben (Exulantenkammer) und handelte mit den anderen ref. Ständen einen Verteilschlüssel aus, gemäss dem es 50% der franz. F. zu versorgen hatte, Zürich 30%, Basel 12% und Schaffhausen 8%.

1792-98 fanden viele franz. Monarchisten (Emigrés) - die Schätzungen belaufen sich auf 6'000-9'000 - in Freiburg, Neuenburg und Solothurn Aufnahme. Geflohene Adlige und Geistliche übten einen gewissen Einfluss auf die aristokrat. und patriz. Führungsschichten der eidg. Orte aus, und bereiteten die spätere Gegenrevolution in ideolog. Hinsicht vor. Zum Zentrum des oppositionellen franz. Klerus wurde Freiburg, dessen Regierung und dessen Bischof einen Kreuzzug gegen die revolutionären Ideen führten. Viele der Emigrés kehrten nach Ende der Pariser Schreckensherrschaft nach Frankreich zurück; die Verbliebenen wurden 1798 ausgewiesen.

Autorin/Autor: Albert Portmann-Tinguely, Philipp von Cranach

2 - Das liberale Asylland des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jh. erwarb sich die Schweiz den Ruf des klass. Asyllandes. Als Folge der Restaurationspolitik kamen seit 1815 dt. Liberale, ital. Carbonari, ehem. Mitglieder des franz. Nationalkonvents oder Bonapartisten aus Frankreich in grosser Zahl ins Land, v.a. Angehörige der Mittel- und Oberschichten, darunter viele Intellektuelle, die sich z.T. wie etwa Pellegrino Rossi oder die Brüder Wilhelm und Ludwig Snell am polit. Leben beteiligten. Die Schweiz profitierte politisch, wirtschaftlich und kulturell von dieser Zuwanderung. Poln. Aufständische gegen die russ. Herrschaft trafen nach 1830 ein; 1833 hielten sich über 400 von Frankreich abgewiesene Polen in Bern auf. Dass die liberalen Orte die publizist. Tätigkeit ihrer Gesinnungsgenossen aus dem Ausland zuliessen, missfiel den autokrat. Nachbarstaaten, die regelmässig restriktivere Massnahmen forderten. Auf diesen Druck erliess die Tagsatzung 1823 das Presse- und Fremdenkonklusum, welches die Kantone zur Überwachung der Berichterstattung über auswärtige Mächte verpflichtete. Trotzdem gewährten die Regenerationskantone auch weiterhin F.n aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten grosszügig Asyl, sofern diese nicht frühsozialist. oder -kommunist. Anschauungen in der Öffentlichkeit vertraten (Deutsche Arbeitervereine, Junges Europa).

Nach 1848 erwies sich der Umgang mit der Flüchtlingsfrage als erste aussenpolit. Bewährungsprobe des jungen Bundesstaates. 10'000-12'000 dt. Liberale, Republikaner aus Frankreich, Italien und Ungarn in unbekannter Zahl flohen in die Schweiz; Aufständische aus Baden und der Pfalz, rund 9'000 Mann, wurden 1849 in Basel interniert. Franz. Republikaner suchten nach dem Staatsstreich Napoleons III. 1851 in den französischsprachigen Kantonen Schutz. Frankreich, Preussen und Österreich wollten die Schweiz zur Ausweisung der F. zwingen und zogen an der Grenze Truppen zusammen. Dank den Bemühungen Englands und den Ausweisungen, welche die Schweiz schon vollstreckt hatte, gaben die Grossmächte schliesslich die Idee eines militär. Vorgehens gegen die Schweiz auf. Der Bundesrat schlug den Weg ein, welchen die Tagsatzung mit den Fremdenkonklusa gewiesen hatte. Seine Politik war teils durch eine Verteidigung des Asylrechts, teils durch aussenpolit. Opportunität geprägt: Man nahm einerseits grosszügig F. auf, gab aber anderseits auch dem Druck der Grossmächte nach, indem man v.a. politisch aktive Asylanten wegwies. Die Behörden lieferten die betroffenen F. bis auf ganz wenige Personen nicht aus, sondern handelten mit einem nicht unmittelbar betroffenen Nachbarn eine Durchreiseerlaubnis für die Weiterreise etwa nach England oder in die Vereinigten Staaten aus. Diese grosszügige Flüchtlingspolitik wurde in der 2. Hälfte des 19. Jh. auch Teil der Rechtfertigungsideologie des Bundesstaats.

Nach 1860 verlor die Flüchtlingsfrage in einem nunmehr liberaleren Europa zwischenzeitlich etwas an Schärfe. Mehr als 2'000 Polen erreichten die Schweiz nach der Niederschlagung des Aufstands von 1863-64. Im Dt.-Franz. Krieg 1870-71 wurden 1'800-2'500 Zivilevakuierte aus Strassburg aufgenommen und die 87'000 Mann der Bourbakiarmee in der Schweiz interniert. Ab den 1860er und 70er Jahren kamen vermehrt auch sozialist. F. ins Land. 1871 suchten z.B. 800 Mitglieder der Pariser Kommune, darunter der Maler Gustave Courbet, in der Schweiz Asyl, nach der Verabschiedung des Sozialistengesetzes 1878 dann viele dt. Sozialdemokraten. Der Bundesrat setzte seine fallbezogene Politik fort: Während er das Asylrecht der Kommunemitglieder verteidigte, liess er 1888 die Redaktoren der dt. Wochenschrift "Der Sozialdemokrat", darunter Eduard Bernstein, ausweisen. Der grosse Druck, den das Dt. Reich, Österreich und Russland nach der Wohlgemuth-Affäre 1889 auf die Schweiz ausübten, führte 1889 zur Wiedereinsetzung eines ständigen Bundesanwalts, der die Massnahmen der kant. Polizeibehörden zur polit. Überwachung der F. und anderer Fremden koordinierte.

Ähnlich wie die Sozialdemokraten wurden die Revolutionäre und Anarchisten, die im letzten Viertel des 19. Jh. aus Russland, Polen, Bulgarien sowie nach 1893 auch aus Italien in der Schweiz eintrafen, von den Behörden behandelt (Anarchismus). Michail Bakunin, der die Schweiz als Agitationsplattform nutzte, blieb abgesehen von der ständigen Überwachung bis zu seinem Tod unbehelligt. Errico Malatesta wurde 1891 ausgewiesen, aber nicht ausgeliefert. Sergei Gennadjewitsch Netschajew wurde dagegen 1872 den russ. Behörden übergeben, weil der von ihm begangene Mord nicht als politisch motiviertes Verbrechen gelten konnte. Die Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Österreich 1898 in Genf durch Luigi Luccheni zog aufgrund starken aussenpolit. Drucks die Ausweisung mehrerer ital. Anarchisten nach sich; die schweiz. Behörden ahndeten von diesem Zeitpunkt an anarchist. und antimilitarist. Propaganda häufiger mit der Ausweisung. Ausserdem begann die Bundeswaltschaft 1898, mit den Polizeibehörden der europ. Länder Informationen über die Aktivitäten der Anarchisten und Sozialisten auszutauschen.

In der Zeit des 1. Weltkriegs spitzte sich die Flüchtlingsfrage wieder zu. Neben sehr wenigen polit. F.n strömten v.a. in der zweiten Kriegshälfte viele Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten ins Land; deren Zahl stieg von ca. 700 (ohne die F., die schon vor Kriegsbeginn in der Schweiz gelebt hatten) im April 1916 auf über 15'000 im Sept. 1917 an; im Mai 1919, ein halbes Jahr nach Kriegsende, lag sie schliesslich bei ca. 26'000 (davon 12'000 aus Italien, 7'200 aus Deutschland, 2'500 aus Frankreich, 2'500 aus Österreich-Ungarn sowie 1'130 aus Russland). Im Gegensatz zu polit. F.n, denen ehrenwerte Motive zugebilligt wurden, galten die Deserteure und Kriegsdienstverweigerer als Drückeberger. Da aber Elsässern oder Italienern, die nicht in der dt. bzw. österr. Armee dienen wollten, auch polit. Beweggründe zugestanden wurden, verbot der Bundesrat am 30.6.1916 die Abschiebung von Deserteuren und Refraktären über Kantons- und Landesgrenzen. Die Beteiligung von F.n an polit. Manifestationen und Tumulten, die ökonom. Schwierigkeiten sowie die Oktoberrevolution 1917 führten zu einer fremdenfeindl. Polemik in der Presse, auf die der Bundesrat mit einer Verschärfung des Ausweisungsvorbehalts zur Bekämpfung antimilitarist. Umtriebe und mit der Einführung eines Arbeitsdienstes reagierte. Nach Konflikten und Streiks mit bzw. von Arbeitsdetachementen ordnete der Bundesrat am 1.5.1918 die Rückweisung sämtl. Deserteure und Kriegsdienstverweigerer an der Grenze an, musste diesen Beschluss aber nach Protesten in der Bevölkerung kurz vor Kriegsende zurücknehmen. In der Nachkriegszeit verhinderten in vielen Ländern unklare oder restriktive Amnestiegesetze die Rückkehr der F.; Ende 1920 hielten sich noch mehr als 18'000 Flüchtlinge in der Schweiz auf, von denen viele im Land blieben.

Autorin/Autor: Albert Portmann-Tinguely, Philipp von Cranach

3 - Die restriktive Flüchtlingspolitik 1918-1945

Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Haltung der Behörden zunehmend restriktiver. Infolge der starken Einwanderung ital. Arbeiter seit den 1890er Jahren und der Konflikte, die sich aus dem Zusammenarbeiten und -leben mit Ausländern eingestellt hatten, war eine gewisse Fremdenfeindlichkeit entstanden. Der Begriff Überfremdung tauchte 1914 im behördl. Vokabular auf und wurde auch in der Zwischenkriegszeit weiter verwendet, obwohl seit Kriegsbeginn die ausländ. Bevölkerung wieder spürbar abnahm. Da der Landesstreik als ein von sozialist. F.n aus dem Ausland angeheizter Revolutionsversuch interpretiert wurde, nahm die Linksfeindlichkeit der Behörden zu (Antikommunismus). Weil der Bundesrat zudem die Hoffnung hegte, dass ein Entgegenkommen in der Flüchtlingspolitik Benito Mussolini dazu bewegen könnte, seine irredentist. Gelüste auf das Tessin zu zügeln, wurde die Praxis gegenüber den in Italien ab 1924 verfolgten Sozialisten, Kommunisten und anderen Antifaschisten zunehmend härter (Antifaschismus).

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte ein Massenexodus von Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, engagierten Christen, Intellektuellen und Künstlern aus Deutschland ein, der die Schweiz vor noch nie dagewesene Probleme stellte. Die Schweizer Behörden legten bereits im Frühjahr 1933 die bis 1944 angewandte Unterscheidung zwischen polit. und anderen F.n fest: Als polit. Flüchtling galt nur, wer persönlich verfolgt war; lediglich hohe Staatsbeamte und Führer von Linksparteien wurden dieser Kategorie zugeteilt. Infolge dieser engen Auslegung gewährte die Schweiz von 1933 bis 1945 insgesamt nur 644 Personen polit. Asyl. Alle anderen F. waren in rechtl. Hinsicht bloss Ausländer; ihre Behandlung regelte das Bundesgesetz über den Aufenthalt und Niederlassung von Ausländern, das 1934 in Kraft trat. Administrativ waren die kant. Polizeibehörden für die F. zuständig; die Polizeiabteilung des EJPD koordinierte die Massnahmen. Die Schweiz sah sich als Erstaufnahme- und Transitland, das die F. sobald wie möglich wieder verlassen sollten. Um die F. zur Weiterreise zu bewegen, wurde ihnen ein Erwerbsverbot auferlegt.

1937 befanden sich ca. 5'000 F. in der Schweiz. Mit dem Anschluss Österreichs und den Pogromen vom Nov. 1938 verschärfte sich die Lage; die Gesamtzahl der sich in der Schweiz befindenden F. stieg 1938-39 zwischenzeitlich auf 10'000 bis 12'000 an. Der Versuch der internat. Staatengemeinschaft, sich für die Flüchtlingsfrage auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, war auf der Konferenz von Evian gescheitert, weil es weltweit an der Bereitschaft zur Aufnahme der in Deutschland und Österreich verfolgten jüd. Menschen fehlte. Viele Länder verschärften vielmehr im Anschluss an die Konferenz ihre Einwanderungsgesetzgebung, was die Schweiz in ihrer restriktiven Haltung bestärkte. Die z.T. judenfeindlich gesinnten schweiz. Behörden - in der Fremdenpolizei lassen sich antisemit. Tendenzen schon vor der nationalsozialist. Machtergreifung nachweisen - beschlossen im Aug. 1938, F. ohne Visum zurückzuweisen, führten ab dem 4. Okt. für dt. "Nichtarier" die Visumspflicht ein und handelten mit Deutschland die Kennzeichnung der Pässe von Personen jüd. Ursprungs mit dem sog. Judenstempel aus (Stempel "J").

Während des 2. Weltkriegs gewährte die Schweiz insgesamt ca. 60'000 Zivilpersonen für eine Dauer von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und Faschisten Schutz; davon waren ca. 28'000 Juden. Ausserdem wurden während des ganzen Kriegs 104'000 Soldaten, geflohene Kriegsgefangene, Deserteure und Dienstverweigerer aufgenommen, darunter 43'000 Franzosen und Polen im Juni 1940 nach der Niederlage Frankreichs und mehr als 21'000 Italiener im Herbst 1943 (Internierungen). Schliesslich durften rund 60'000 Kinder aus den umliegenden Ländern und etwa 66'000 Grenzflüchtige sich für einige Zeit in der Schweiz erholen. Die Gesamtzahl von ca. 290'000 besagt nicht, wieviel F. sich jeweils zu einem gewissen Zeitpunkt in der Schweiz aufhielten. Bei Kriegsbeginn befanden sich zwischen 7'000 und 8'000 regulär eingereiste Emigranten in der Schweiz, darunter 5'000 Juden. Ende 1942 hielten sich ca. 16'200 F. in der Schweiz auf, Mitte 1943 waren es ca. 21'500. Ende 1943 beherbergte die Schweiz 73'000 Ausländer (davon 22'000 Juden), bei Kriegsende schliesslich rund 115'000 F. Die meisten von ihnen verliessen rasch nach Kriegsende das Land.

Aufgrund einer antisemit. Haltung, zur Abschreckung und vielleicht auch aus Angst um die Versorgungslage - prekärer als die Ernährungsfrage waren allerdings die Probleme der Unterkunft und der Kleidung - beschlossen die Schweizer Behörden im Aug. 1942, F. aus Rassengründen seien grundsätzlich wegzuweisen, obwohl sie um die Gefährdung der Juden wussten. Das Verbot wurde von vielen Bürgern, Behördenvertretern und Exponenten der Landeskirchen unterlaufen, was vielen F.n das Leben rettete. Erst gegen Ende 1943, als sich die Niederlage der Achsenmächte abzeichnete, lockerten die Behörden schrittweise ihre restriktive Politik, und am 12.7.1944 erteilte das EJPD die Weisung, alle an Leib und Leben gefährdeten Zivilpersonen aufzunehmen. Während des Krieges wurden schätzungsweise 20'000 Personen an den Grenzen weggewiesen und 10'000 Personen von Schweizer Konsulaten kein Visa erteilt; die Betroffenen wurden z.T. in den dt. Konzentrationslagern ermordet. Bei diesen Abgewiesenen handelt es sich zu einem grossen Teil um Personen jüd. Herkunft. Gegen Kriegsende wurden auch nationalsozialist. und faschist. Funktionäre und Kriegsverbrecher abgewiesen, die in der Schweiz Unterschlupf suchten.

Autorin/Autor: Albert Portmann-Tinguely, Philipp von Cranach

4 - Offene Grenzen 1945-1982

Nach 1945 war die schweiz. Flüchtlingspolitik vom Bemühen um die Bewältigung der restriktiven Haltung der Bundesbehörden während der Kriegszeit geprägt. Von 1945 an gelangten jährlich 200-400 F. aus Osteuropa in die Schweiz. Diese wurden als Opfer der totalitären kommunist. Systeme von der Bevölkerung offen empfangen, zumal die bis in die 1970er Jahre andauernde Hochkonjunktur keine wirtschaftl. Ängste aufkommen liess. Da die Schweiz geschützt inmitten von Nato-Staaten lag, hatte der Bundesrat auch keine aussenpolit. Bedenken, den Flüchtlingsbegriff sehr extensiv - die persönl. Verfolgung stellte keine Bedingung für die Asylgewährung dar - zu interpretieren; schon 1947 hatte er das Dauerasyl und Bundesbeiträge für die Flüchtlingsfürsorge eingeführt.

12'000 Ungarn flohen in die Schweiz, nachdem die Truppen des Warschauer Paktes den Aufstand 1956 niedergeschlagen hatten; von ihnen blieb ca. die Hälfte. Die Unterdrückung durch China veranlasste viele Tibeter nach der Niederwerfung des Aufstands von 1959 zur Flucht in die Schweiz; in den frühen 1980er Jahren war die Tibeter Gemeinde hierzulande mit 1'700 Angehörigen die grösste ausserhalb Asiens. 12'000 Tschechoslowaken kamen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes 1968. Während des Vietnam-Krieges flüchteten zwischen 1975 und 1983 rund 8'200 Südvietnamesen vor den siegreichen Kommunisten in die Schweiz. Auch 1'600 Chilenen, die von 1973 bis ca. 1983 vor der Diktatur Pinochets flohen, fanden Aufnahme; der Versuch des Bundesrats, deren Kontingent auf 200 zu limitieren, hatte Proteste der Bevölkerung hervorgerufen. Die zunehmend schwierige Lage in den Ostblock-Staaten (Wirtschaftskrise, Unterdrückung der Solidarnosc in Polen, Ceausescu-Regime u.a.) liess ab 1981 die Zahl der jährl. Ostflüchtlinge in der Schweiz von 500-1'000 auf 2'500 ansteigen.

Nicht nur die Aufnahmepraxis, sondern auch das 1979 verabschiedete, liberale schweiz. Asylgesetz bezeugte das Bemühen, wieder an die Asyltradition des 19. Jh. anzuknüpfen. Ausserdem ist die Schweiz seit 1951 Mitglied des Exekutivkomitees des Hochkommissariats für F. der Vereinten Nationen (UNHCR).

Autorin/Autor: Albert Portmann-Tinguely, Philipp von Cranach

5 - Neue Flüchtlingsströme

Nach 1980 nahm die Zahl der F. stetig zu, was die in der Schweiz seit den 1960er Jahren geführten Auseinandersetzungen über das Ausmass der Einwanderung wieder verschärfte (Initiativen gegen Überfremdung wurden 1965, 1969, 1972, 1974, 1977, 1985 und 1995 eingereicht). Lag die Zahl der Personen aus dem Asylbereich (Ausländerausweise F und N) 1981 noch bei 2'670, so stieg sie bis 1991 auf 63'410 und dann, nach einem zweijährigen Rückgang, bis 1999 als Folge des Kosovo-Konflikts auf 107'010 an, bevor sie bis 2008 wieder auf 40'794 absank. Die Nettobelastung der öffentl. Hand für Flüchtlingsausgaben im Inland stieg von 373 Mio. Fr. 1990 auf 1'307 Mio. Fr. im Jahr 2000 und betrug 2007 noch 730 Mio. Fr. Abgesehen von den F.n aus dem ehem. Jugoslawien handelte es sich jetzt überwiegend nicht mehr um Europäer, sondern um Migranten aus asiat., afrikan. und lateinamerikan. Staaten, die in der Regel vor dem Hintergrund von Bürgerkriegssituationen und schlechter wirtschaftl. Lage nach Europa auswanderten und deshalb auch als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden. Dieses Migrationspotential war schon in einem Bundesratsbericht von 1991 auf einige 100 Mio. Menschen geschätzt worden. Zusätzl. Druck erfuhr die Schweiz wegen der Erstasyl-Abkommen, in denen sich die Mitglieder der EG bzw. der EU in Schengen bzw. Dublin auf eine gemeinsame Asylpolitik verpflichteten, was dazu führte, dass in diesen Staaten abgewiesene F. in Europa praktisch nur noch in der Schweiz um Asyl nachsuchen konnten.

Die Behörden reagierten auf die steigende Zahlen der Asylsuchenden, deren polit. Instrumentalisierung seit den 1990er Jahren v.a. der SVP spektakuläre Wahlerfolge verschuf, mit einem Bündel von Massnahmen. Der Flüchtlingsbegriff wurde wieder enger ausgelegt. Zugleich wurden aber auch sog. Gewaltflüchtlinge - dieser Status wurde anlässlich der Asylgesetzrevision 1998 geschaffen - gruppenweise für eine begrenzte Zeit aufgenommen, bis sich die Lage im Herkunftsland entschärft hat. Damit stieg die Zahl derjenigen, die trotz abgelehntem Asylgesuch nicht in die Heimat zurückgeschafft werden konnten. Daneben bemühten sich die Behörden, das langdauernde Prüfungsverfahren zu beschleunigen und Vollzugsprobleme bei der Ausweisung durch die Schaffung von Anreizen für die freiwillige Rückkehr, Rückübernahmeabkommen, die kompromisslose Durchsetzung von Ausweisungsentscheiden usw. in den Griff zu bekommen. Drittens versuchte die Schweiz mit entwicklungs-, friedens- und menschenrechtspolit. Massnahmen, Krisen bereits in den Ursprungsländern zu bekämpfen. 2006 erfuhr das Asylgesetz eine weitere, restriktivere Revision. Im Rahmen der Abkommen von Schengen/Dublin integrierte sich die Schweiz 2008 in die Erstasyl-Konventionen der EU.

Autorin/Autor: Albert Portmann-Tinguely, Philipp von Cranach

Quellen und Literatur

Literatur
– M. Vuilleumier, F. und Immigranten in der Schweiz, 1989 (franz. 1987)
– W. Kälin, «Die schweiz. Flüchtlings- und Asylpolitik», in Neues Hb. der schweiz. Aussenpolitik, hg. von A. Riklin et al., 1992, 761-775
"Zuflucht Schweiz", hg. von C. Goehrke, W.G. Zimmermann, 1994
– G. Kreis, «Schweiz. Asylpolitik in Vergangenheit und Gegenwart», in Asylland wider Willen. F. in Österreich im europ. Kontext seit 1914, hg. von G. Heiss, O. Rathkolb, 1995, 264-279
– U. Gast, Von der Kontrolle zur Abwehr: die eidg. Fremdenpolizei im Spannungsfeld von Politik und Wirtschaft 1915-1933, 1997
– G. Kreis, «Die schweiz. Flüchtlingspolitik der Jahre 1933-1945», in SZG 47, 1997, 552-579
– R. Broggini, La frontiera della speranza: gli ebrei dall'Italia verso la Svizzera 1943-1945, 1998
– J. Stadelmann, Umgang mit Fremden in bedrängter Zeit, 1998
– «Les réfugiés en Suisse durant la Seconde Guerre mondiale», in Actes SJE, 2002, 253-338
Veröff. UEK, Schlussber. 2002, 107-180
– J. Lätt Réfuge et écriture: les écrivains allemands réfugiés en Suisse, 1933-1945, 2003
– S. Erlanger "Nur ein Durchgangsland", 2006
– B.-E. Lupp Von der Klassensolidarität zur humanitären Hilfe, 2006