Tauner

Die T. waren kleinbäuerl. Angehörige der Ländlichen Gesellschaft, die nur wenig Land, meist ein paar Ziegen und im Gegensatz zu den Bauern oft kein Zugvieh besassen. Die grundherrl. Frondienste und die genossenschaftl. Arbeiten leisteten sie mit der Hacke.

Der Begriff in seiner unterschiedlichen zeitgenöss. Ausprägung geht auf tagwan bzw. tagwen zurück, d.h. den Tagesverdienst und das im Frondienst verrichtete Tagewerk (Flächenmass). In den Quellen werden jene Personen als T. bezeichnet, die nicht genügend Land zur Selbstversorgung besassen und deshalb auf einen Zusatzerwerb als Taglöhner angewiesen waren. Eine zweite Wurzel hat der Ausdruck im spätma., sozioökonomisch differenzierten Abgabewesen: T. wurden jene Personen genannt, die anders als die Besitzer von Zugvieh, dem Herrn oder dem Gemeinwesen nur Handdienste leisten konnten. In der frühen Neuzeit bezeichnete der Begriff gemeinhin jene Gruppe von Kleinbauern im Dorf, die keinen Pflug bzw. kein Zugvieh besass und die vom Tagwan (Tageslohn) lebte. Entsprechend den Unterscheidungskriterien, die sich am Besitz der wichtigsten landwirtschaftl. Produktionsmittel orientieren, beschränkt sich die Bezeichnung T. auf jene Regionen der Schweiz, in denen der Ackerbau vorherrschte.

Im ausgehenden MA entstanden die T. als soziale Gruppe im Zuge der sozioökonom. Differenzierung der ländl. Gesellschaft. Gefördert wurde die Schichtung in Bauern und T. durch die Abstufung der Feudallasten. Mit dem frühneuzeitl. Bevölkerungswachstum nahm der Anteil der T. an der ländl. Bevölkerung zu. Gebiete mit vorherrschender Dorfsiedlungsweise und Dreizelgenwirtschaft sowie mit erbrechtl. Realteilung, meist verbunden mit fortschreitender Güterzersplitterung, wiesen gegenüber den Streusiedlungs- und Feldgrasregionen tendenziell eine stärkere Zunahme des Anteils der T. an der Bevölkerung auf.

In der frühen Neuzeit gehörten die landarmen und landlosen T. zur unterbäuerl. Schicht der Dorfbevölkerung. Weitere, nicht an der agrar. Tätigkeit und am Grundbesitz orientierte Unterscheidungsmerkmale wie Vermögen, Beruf, polit. Stellung, Bildung und Ansehen fehlen meist, so dass sich die T. von anderen Gruppen der ländl. Unterschichten in der vorindustriellen ländl. Gesellschaft vielfach nicht abgrenzen lassen. Zudem gibt es regionale Unterschiede bei der Verwendung der Bezeichnung und bei der Subsistenzgrenze, die durch die natürl. Gegebenheiten variierte. Im mittelländ. Kornland benötigte ein durchschnittl. Haushalt von 5-6 Personen zur Selbstversorgung in der frühen Neuzeit mind. 3-4 ha Acker- und Wiesland, in der Feldgraswirtschaftszone lag diese Grenze höher.

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

1 - Wirtschaftliche Stellung

Der durchschnittl. Umfang eines Taunerbetriebs erreichte selten 1 ha und konzentrierte sich auf einige wenige Acker- und Wiesenparzellen, etwas Gartenland, Bünten und Rütenen (temporär genutzte Allmendäcker) sowie -- im Kornland geradezu typisch -- auf ein Stück Reben. Neben dem Klein- und Schmalvieh (Ziegen, Schafe, Hühner) hielten die T. höchstens eine Kuh. Von einem Zusatzerwerb abhängig, waren sie in allen untergeordneten ländl. Berufskategorien vertreten (Handwerk und Hauswerk), hauptsächlich jedoch als Taglöhner. Ab dem ausgehenden 17. Jh. ermöglichte die Protoindustrie (Textilindustrie, Strohflechterei) zahlreichen T.n ein Auskommen in der Heimarbeit. Die versch. Tätigkeiten reichten in Normalzeiten knapp zur Versorgung eines Haushalts aus, nicht jedoch zur Vorratsanlegung und Krisenvorsorge, was in Notzeiten zu Hunger, Krankheit und rascher Verarmung führte.

Das wirtschaftl. Überleben der T. hing stark von der Beteiligung am Gemeinnutzen des Dorfs ab. Für ihr weniges Vieh waren sie auf die kollektive Nutzung der Weiden, der Allmend und des Waldes angewiesen. Als die Allmendrechte in der frühen Neuzeit im Zuge von Bevölkerungswachstum und Ressourcenverknappung strenger geregelt wurden, führte das vielfach zu Konflikten mit den Bauern. Letztere beanspruchten auf der Allmend weiterhin eine zu ihrem Vieh- und Grundbesitz proportionale Nutzung, während die T. ihre Weiderechte verteidigen mussten. Die T. wurden zwar selten gänzlich vom Zugang zur Allmend ausgeschlossen, doch erhielten sie meist nur noch verminderte Nutzungsrechte zugestanden, teils wurden ihnen gesonderte Allmendstücke oder minderwertiges Schachenland (an Flussauen) für den Weidgang überlassen. In Krisenzeiten erlaubten ihnen die Dorfgenossen eine zeitlich befristete Sondernutzung in Rütenen und Bünten. Darin bauten sie Getreide und Gemüse, in der 2. Hälfte des 18. Jh. zunehmend auch Kartoffeln an. Auch um die Brach- und Stoppelweide entbrannte Streit zwischen T.n und Bauern. Die sog. Besömmerung der Brache und die vermehrten Einhegungen (Einschlagsbewegung) verkürzten die Zeit des kollektiven Weidgangs v.a. zum Nachteil der T.

In der frühen Neuzeit blieben Bauern und T. trotz häufiger, teils längjähriger Nutzungskonflikte durch vielfältige wirtschaftl. Beziehungen voneinander abhängig. Die Bauern benötigten insbesondere während der Aussaat- und Erntezeit die T. als Arbeitskräfte (Saisonarbeit). Weit abhängiger waren indes die T., denn sie brauchten die Zugtiere, Pflüge und Wagen der Bauern zur Bearbeitung ihrer Ackerparzellen und zum Einbringen der Ernte. Krisenzeiten (Hungersnöte), in denen die T. auf bäuerl. Unterstützung angewiesen waren und sich häufig verschuldeten (Agrarverschuldung), verstärkten solche Abhängigkeiten. Diese Verhältnisse lockerten sich erst mit der Ausbreitung von protoindustriellen Erwerbsmöglichkeiten auf dem Lande. Allerdings gerieten die ländl. Unterschichten dadurch in Abhängigkeit von städt. Verlagsherren (Verlagssystem).

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

2 - Politische Stellung

Die T. waren im Unterschied zu den Hintersassen Gemeindebürger. Da jedoch die Teilnahme an der Gemeindeversammlung und das Wahl- und Stimmrecht vielfach mit den Nutzungsrechten verknüpft waren, hingen die kommunalen Mitbestimmungsmöglichkeiten davon ab, ob die Nutzung der Gemeindegüter nach dem Real- (Grund-, Haus- oder Viehbesitz) oder nach dem Personalprinzip (Nutzungsrechte an die Person gebunden) geregelt war. Im ersten Fall hatten die T., zumindest in Nutzungsfragen, nur beschränkte Mitbestimmungsmöglichkeiten. Praktisch überall blieb den T.n der Zugang zu den angesehenen, durch die dörfl. Oberschicht monopolisierten Gemeindeämtern (wie Untervogt, Ammann und Seckelmeister) bis zum Ende des Ancien Régime verwehrt. Als sich ab dem ausgehenden 17. Jh. im Zusammenhang mit dem Armenwesen (Fürsorge) die Bürgergemeinde von der reinen Nutzungsgemeinde zu lösen begann und die anteilmässig immer kleiner werdende Gruppe der nutzungsberechtigten Vollbauern den T.n Aufgaben in der Gem. übertrugen, erlangten letztere mehr Mitbestimmungsbefugnisse in kommunalen Angelegenheiten, blieben in Nutzungsfragen allerdings weiterhin benachteiligt. Verschiedentlich fungierten T. nun auch als Geschworene oder als Richter im Niedergericht. Nach der Auflösung der dörfl. Nutzungsgenossenschaften (Agrarrevolution) in der 1. Hälfte des 19. Jh. verlor der Bergriff T. seine rechtl. Bedeutung in der Zuteilung von Weide- und Holzrechten. Weil die landlose und landarme Dorfbevölkerung zunehmend in der exportorientierten Heimindustrie und in den industrialisierten Regionen schliesslich in den Fabriken ihr Auskommen (Arbeiterbauern) fand, kam der Begriff auch als soziale Kategorie immer weniger zur Anwendung.

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Eichholzer, «Über die Stellung der T. nach den Rechtsqu. des Kt. Zürich», in ZRG GA 38, 1917, 115-129
– M. Mattmüller, «Bauern und T. im schweiz. Kornland um 1700», in Schweizer Volkskunde 70, 1980, 49-64
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992, v.a. 289 f.
– A. Schnyder-Burghartz, Alltag und Lebensformen auf der Basler Landschaft um 1700, 1992
GKZ 1, 284-289, 408-413; 2, 88-93
– A. Ineichen, Innovative Bauern, 1996, 63, 71, 138-143

Autorin/Autor: Niklaus Landolt