17/09/2001 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Aristokratisierung

A. bezeichnet hier -- in Anlehnung an die antike Staatsformenlehre (Aristokratie = griech. "Herrschaft der Besten", im Gegensatz zur Monarchie bzw. Demokratie) -- die frühneuzeitl. Entwicklung zur Herrschaft eines Standes, der sich durch Herkunft, Funktion oder Besitz als Kollektiv abhob.

Das fast vollst. Verschwinden des alten Adels aus der polit. Führung der eidg. Orte im SpätMA liess eine neue Schicht von herrschenden Fam. heranwachsen, die von den Zeitgenossen als "Ehrbarkeit" und nach Max Weber als Honoratioren bezeichnet werden: Personen, die dank ihrer ökonom. Lage im Stande waren, andauernd nebenberufl. zu regieren, und die eine solche soziale Schätzung genossen, dass sie bei formal unmittelbarer Demokratie kraft Vertrauens der Genossen zunächst freiwillig und schliessl. traditionell die Ämter einnehmen konnten. Die im 16. Jh. einsetzende Abschliessung des Bürgerrechts in den Städten wie auch in den Länderorten begrenzte die Zahl derjenigen, die eine Teilhabe an der Macht beanspruchen konnten. Die Vorteile des Bürgerrechts überwogen nun bei weitem die damit verbundenen Bürden. Aber auch innerhalb der Bürgerschaften begann sich eine kleine Zahl von Fam. abzuheben, die sich de facto die polit. Ämter teilten. Oft komplizierte Kooptationsverfahren (Kooptation) verhinderten weitgehend, dass neue Fam. in den Kreis der Regierenden vorstossen konnten. Der Prozess der A. erfasste auch die kleineren Städte und Dörfer, so dass die Eidgenossenschaft als ein System von hierarch. gestuften Aristokratien bezeichnet werden kann.

Der Ausbau der Staatsaufgaben in der frühen Neuzeit erforderte in immer stärkerem Masse gut ausgebildete Berufsmagistraten, die sich aus den sich bildenden Patriziaten oder Aristokratien rekrutierten. Die sich zur Aristokratie zählenden Fam. strebten nun im Lebensstil -- besonders im Heiratsverhalten -- dem Vorbild des europ. Adels nach, ohne allerdings eine völlige Ebenbürtigkeit zu erlangen und ohne die republikan. Grundwerte der eidg. Staaten in Frage zu stellen. Als Hochburgen eines aristokrat. Selbstverständnisses galten die Patrizischen Orte Bern, Freiburg, Solothurn und Luzern. Auch in den sog. Zunftstädten prägten aristokrat. Formen den Habitus der Führungseliten, die sich allerdings weniger abschlossen als diejenigen der Patriz. Orte.

Die Abschliessung des Bürgerrechts und die Beschränkung der Macht auf wenige Fam. führte im 17. und 18. Jh. zur Oligarchie. Da stets Fam. ausstarben, aber keine neuen hinzukamen, verengte sich der Kreis der regierenden Fam. immer mehr. Zaghafte Reformversuche in den meisten eidg. Städten Ende des 18. Jh. brachten keine Entspannung des Problems. Die zunehmende A. stiess immer wieder auf den erbitterten Widerstand der von der Macht ausgeschlossenen Kreise. Besonders in den grossen Städten treffen wir zwischen 1650 und 1750 auf Städtische Unruhen, deren Ziel es war, die Macht innerhalb der Bürgerschaft ausgeglichener zu verteilen. Sie konnten aber keine Erfolge verzeichnen. Die inneren Unruhen, die Genf von 1707 bis 1782 erschütterten (Genfer Revolutionen), wurden europaweit zum Symbol der Auseinandersetzung zwischen Aristokraten und Demokraten -- Genf wurde zum "Laboratorium der Revolution".

In den letzten Jahrzehnten vor der Revolution wurde das aristokrat. Prinzip aus philosoph. Sicht grundsätzl. in Frage gestellt und der Sturz der Aristokratien des Ancien Régime zum wichtigsten -- durch die Helvetische Revolution schliessl. auch weitgehend erreichten -- Ziel der revolutionären Kräfte. Das aristokrat. Prinzip blieb indes im polit. Kampf noch bis weit ins 19. Jh. hinein ein wichtiges Thema der Polemik für oder gegen staatl. Modernisierungstendenzen.


Literatur
– K. Messmer, P. Hoppe, Luzerner Patriziat, 1976, 1-28
– M. Guisolan, Aspekte des Aussterbens in polit. Führungsschichten im 14. bis 18. Jh., 1981

Autorin/Autor: François de Capitani