Bauern

Der Begriff B. bezeichnet im Allgemeinen einen Inhaber, Eigentümer oder Pächter eines landwirtschaftl. Anwesens, das von diesem selbst mit seiner Familie und evtl. einigen fremden Arbeitskräften bewirtschaftet wird. Die B. bildeten nie eine homogene Bevölkerungs- oder Berufsgruppe. Unterscheiden sich die versch. Typen des B. heute in erster Linie durch ihre ökonom. Möglichkeiten und ihre ideolog. Positionen - Grossbauern und Agrarindustrielle versus Klein-, Berg- und Biobauern -, so bildete in den Epochen vor der Franz. Revolution immer auch der personrechtl. Status ein wesentl. Kriterium für die Einstufung in der Sozialpyramide. Die B. übten im 20. Jh. dank dem Schulterschluss mit den bürgerl. Kräften und einer Bauernstaatsideologie einen erhebl. Einfluss auf das polit. System der Schweiz aus. Erst gegen Ende des Jahrhunderts nahm dieser Einfluss etwas ab.

1 - Ur- und Frühgeschichte bis zur Römerzeit

Im Anschluss an die Klimaerwärmung der Nacheiszeit breitete sich in Europa eine neue, auf Ackerbau und Viehwirtschaft gründende Lebens- und Wirtschaftsform aus (Neolithikum). Der Bauernbegriff ist zunächst eng mit diesem für die Kulturgeschichte einschneidenden Übergang vom Wildbeutertum zur Landwirtschaft und sesshaften Lebensweise verbunden und trägt keine weitere soziokulturelle Bedeutung. Ackerbau und Viehwirtschaft bewirkten jedoch nicht nur eine Umwälzung der Subsistenzgrundlagen (Subsistenzwirtschaft), sie ermöglichten die Anhäufung von Vorräten und anderen materiellen Gütern (Landbesitz, Viehhabe) und gelten somit als Vorbedingungen für die Entwicklung komplexer Organisationsformen und Gesellschaftsmuster.

Die Schweiz war im europ. Rahmen vergleichsweise spät von diesen Entwicklungen betroffen. Die ältesten Nachweise bäuerl. Lebensformen im Alpenraum stammen von Bellinzona (Castel Grande) und Sitten (Place Planta) aus der Zeit um 5000 v.Chr. Als typ. für die neolith. Bauerngesellschaften gelten die zahlreichen Ufersiedlungen des schweiz. Mittellandes, die untrennbar mit dem Begriff Pfahlbauer verbunden sind. Aufgrund der reichhaltig in den Kulturschichten erhaltenen organ. Reste (Samen, Früchte, Tierknochen, aber auch Holzwerkzeuge) sind Kulturpflanzen und Haustiere bekannt, und es gelingt, etwa für das untere Zürichseebecken oder die Ufer des Neuenburgersees, eine plausible Rekonstruktion der Arbeits- und Lebensbedingungen früher Bauernbevölkerungen.

Dörfl. Siedlungen an Seeufern sind bis in das frühe 1. Jt. v.Chr. nachgewiesen, und die Produktion von landwirtschaftl. Erzeugnissen muss auch in der Bronze- und in der Eisenzeit als grundlegende Subsistenzform vorausgesetzt werden. In den Alpen bietet der Fundplatz Munt Baselgia bei Scuol einen guten Einblick in ein weit entwickeltes bronzezeitl. Agrarsystem mit jahreszeitl. Fruchtwechselwirtschaft, Schafzucht und Milchwirtschaft. Spezialisierte Tätigkeiten wie die Gewinnung und Verarbeitung von Metallen sowie die Hierarchisierung der Gesellschaft, die sich in Siedlungen und Gräbern abzeichnet, deuten aber auf eine zunehmend arbeitsteilige Organisation der Bevölkerung hin. So sind zu den hallstattzeitl. befestigten Höhensiedlungen mit Zentralortfunktion, z.B. Châtillon-sur-Glâne, bäuerl. Kleinsiedlungen zu ergänzen, welche die Versorgung mit Nahrungsmitteln gewährleisteten. Die kelt. Gesellschaft der späten Eisenzeit kannte, nach den Beschreibungen in Caesars Gallischem Krieg, ein Klientelsystem, in welchem Sklaven und unfreie B. an eine Aristokratie von Stammesfürsten gebunden waren. Zur effektiven sozialen und rechtl. Stellung der B. dieser Epochen erlauben die archäolog. Quellen (z.B. Boscéaz oder Marthalen) jedoch keine Aussagen.

Im Zuge der Romanisierung etablierte sich die röm. Sozial- und Wirtschaftsordnung, in welcher die patriz. Gutsherrschaft eine entscheidende Rolle spielte. Gutshöfe bildeten die landwirtschaftl. Produktionseinheiten und streuten in grosser Dichte über das ganze Mittelland und bis in den Alpenraum hinein (Römischer Gutshof). Sie wurden in der Regel von Gutsverwaltern oder Pachtbauern (coloni) mit Sklaven und Freigelassenen bewirtschaftet, doch ist auch die Existenz von unabh. Kleinbauern belegt.

Autorin/Autor: Philippe Della Casa

2 - Mittelalter

Im MA arbeiteten über 90% der Bevölkerung in landwirtschaftl. Produktionsbereichen. Der vom HochMA an belegte Begriff pur bezeichnete urspr. aber nicht den in der Landwirtschaft tätigen Landmann, den B. im heutigen Wortsinn, sondern den ländl. Nachbarn oder Mitbewohner. Die ma. Quellentermini burschap oder gebursami werden folglich mit "Bauernschaft" nur ungenau umschrieben: Sie beziehen sich weniger, wie es die moderne Übersetzung suggeriert, auf den Zusammenschluss von B. im Sinne landwirtschaftl. Produzenten, als vielmehr auf die rechtl.-soziale Organisation von Nachbarn bzw. Dorfgenossen. In diesem Sinn betonen sie die für den hoch- und spätma. Vergesellschaftungsprozess bedeutende Nachbarschaft bzw. Dorfgenossenschaft (Dorf).

Mit einer grundsätzlich anderen Bedeutung wird der Begriff pur in der ma. Ständeordnung (Ständische Gesellschaft) verwendet. In dieser umfasste der Dritte Stand nicht allein die B., sondern alle Nichtadligen und Nichtgeistlichen, also auch Städter, Handwerker und Kaufleute. Ihnen allen wurde die Aufgabe des Dienens und Arbeitens zugeschrieben. Neben dem Bauernbild, das die edle Arbeit des bumans preist, findet sich in der ständedidakt. Literatur der Begriff pur auch pejorativ verwendet. Von adliger oder geistl. Seite wurde er als Kampfbegriff gegen ungehorsame B. oder emporkommende Bürger ins Feld geführt, um ihnen, wie z.B. in Heinrich Wittenwilers "Ring" (um 1410) oder Felix Hemmerlis "Dialogus" (um 1450), den Platz zu weisen.

Über die B. im MA informieren uns Schriftquellen und Sachüberreste. Das ma. Schriftgut stammt zur Hauptsache aus der Hand geistl. und weltl. Herrschaftsträger und gibt daher v.a. deren Sicht der bäuerl. Lebenssituation und Lebensweise wieder. Zudem ist bis zum späten 13. Jh. vorwiegend Schriftgut (Urbare, Urkunden) überliefert, in dem Rechtsverhältnisse zwischen Herrschaften und B. umschrieben oder Besitz- und Herrschaftsrechte gegenüber bäuerl. Bevölkerungen normativ festgehalten wurden, die zwischen Herrschaftsträgern strittig waren. Vom 14. Jh. an verfeinerte sich die herrschaftl. Schreibpraxis, so dass auch effektiv geleistete Abgaben, Veränderungen in den Besitzverhältnissen oder persönl. Angaben der B. fassbar werden (Rechnungsbücher, Abgabenverzeichnisse, Inventare). Zudem agierten die B. zunehmend selber mit Schrift oder erscheinen in den Schriftstücken mind. auch als handelnde Subjekte. Dies gilt z.B. für Texte, die die (Selbst-)Organisation der ländl. Genossenschaften zum Inhalt haben (Offnungen), und für Vereinbarungen, die Besitzverhältnisse für einzelne Bauerngüter festhalten (Verkaufs-, Erbschaftsurkunden). Erst aus dem Übergang zum 16. Jh. ist auch Privatschriftgut der ländl. Bevölkerung erhalten (Briefe, Hausbücher). Sachüberreste und bildl. Darstellungen informieren insbes. zur Sachkultur, zur Lebensweise und zur Veränderung der Kulturlandschaft durch landwirtschaftl. Nutzung.

Die vom Früh- zum SpätMA feststellbare soziale Ausdifferenzierung der Ländlichen Gesellschaft ist mit den Veränderungen der zentralen gesellschaftl. Institutionen - z.B. der Grundherrschaft, der Stadt und der Territorialherrschaft - und der Wirtschaftssysteme eng verbunden. Bis weit ins HochMA treten die Landbewohner im Schriftgut v.a. der geistl. Grundherrschaften beinahe ausschliesslich als Herrschaftsobjekte in Erscheinung. Die B., unabhängig davon, ob als Freie oder Unfreie (Leibeigene) bezeichnet, waren sozial über ihre Stellung innerhalb der grundherrl. Familia und wirtschaftlich über ihre Aufgaben (Abgaben, Frondienste) in der grundherrl. Villikation (Fronhof) definiert. Ab der Mitte des 13. Jh. lassen sich in der ländl. Gesellschaft zunehmend versch. soziale Organisationen erkennen. Sie basierten wesentlich auf den Nutzungs- und Kirchgenossenschaften (Genossenschaft), deren Ziel die gemeinsame Wahrnehmung von Rechten und Pflichten in landwirtschaftl. (Alpen, Allmend, Ackerflur) und religiösen Bereichen (Leutpriester, Kirche) war. Im Dorf und in der Talgenossenschaft verbanden sich wirtschaftl., rechtl., nutzungsrechtl. und polit. Kooperationsformen zum komplexen System gegenseitiger Verbindlichkeiten und Abhängigkeiten der Nachbarn. Aus den vielfältigen Interessenlagen und Verflechtungen dieser Organisationsformen resultierten soziale Ein- und Ausgrenzungen entlang von Kriterien wie Nutzung, Besitz, Nachbarschaft oder Verwandtschaft. Im schweiz. Mittelland, im Jura, in den Voralpen sowie in den südalpinen Gebieten ist das Entstehen von dörfl. Kooperationsformen eng verknüpft mit der landesherrl. Territorialisierung. In den Innerschweizer Landgebieten oder in den höher gelegenen alpinen Gebieten dagegen wurde die Ausbildung von genossenschaftl. Zusammenschlüssen möglicherweise durch eine schwach ausgeprägte Feudalisierung begünstigt.

Die bäuerl. Bevölkerung des MA bildete keine homogene soziale Gruppe, und die Vorstellung von einer "Bauernschaft", die geeint für ihre Interessen einstand, entbehrt der Grundlage. Vielmehr muss von einer ausgeprägten sozialen Binnendifferenzierung ausgegangen werden. Verschiedenste Faktoren bestimmten die soziale Position: Der personenrechtl. Status (frei, unfrei/leibeigen) bildete ein Kriterium, das aber im Laufe der Zeit an Bedeutung verlor. Bedeutsamer und im SpätMA immer deutlicher fassbar werden die ökonom. Unterschiede, die v.a. durch den Besitz von Land und Gespannen (den sog. Zügen) bestimmt wurden. Der wirtschaftl. und soziale Status (Vollbauer, Pächter, Tauner) innerhalb der Dorfgemeinschaft wurde wesentlich mitbestimmt durch das Verhältnis der Dorfleute zu den versch. Herrschaftsträgern. Allgemein ist für das spätma. Dorf bzw. für die Talgemeinde eine schmale Oberschicht belegt, zu der etwa die Meier- und Kelnhofinhaber sowie die Untervögte gehörten. Dieser Gruppe, die über bessere materielle Ressourcen und über ein höheres Sozialprestige verfügte, kamen Vermittlerfunktionen zwischen Herrschaft und Dorfleuten zu.

Die spätma. Spezialisierung in der Landwirtschaft beschleunigte die soziale Differenzierung innerhalb der ländl. Bevölkerung. Gerade kapitalintensive Produktionsformen wie die Viehwirtschaft oder der Weinbau erhöhten die sozialen und wirtschaftl. Unterschiede. Auch die unterschiedl. Zugangsmöglichkeiten zum Markt verstärkten diese Entwicklung (Agrarmarkt). Mit der Spezialisierung und Kapitalisierung einher ging eine zunehmende Verschuldung gegenüber v.a. städt. Kreditgebern.

Alltagskultur und Lebensweise der ländl. Bevölkerung, v.a. der Kleinbauern und Landlosen, sind quellenmässig schwer fassbar, z.T. aber auch noch zu wenig untersucht. Das materielle Leben (Kleidung, Gebrauchsgegenstände, Häuser) war mehrheitlich bescheiden. Die Ernährung war für den Grossteil der Bevölkerung einfach und abwechslungsarm: Bohnen- und Kohlgewächse sowie v.a. Getreide (Dinkel, Hafer) als Grundnahrungsmittel wurden, witterungs- und konjunkturabhängig oder saisonal bedingt, in bescheidenem Ausmass ergänzt durch andere Lebensmittel. Hunger war eine stets wiederkehrende Erfahrung, unterbrochen von kurzen Zeiten der Sattheit und begleitet vom Traum von einer Zeit und einem Ort, wo Lebensmittel im Überfluss bereitstehen würden. Auch Krankheit und Tod waren allgegenwärtig. Über den Umgang mit den damit verbundenen Ängsten, über die religiös-spirituellen Vorstellungswelten und Rituale der ländl. Bevölkerung im MA sind die Kenntnisse aber ebenso dürftig wie etwa über die Zeitvorstellungen und den Umgang mit der Zeit.

Die Vielfalt von Lebensformen, die sich in sehr unterschiedl. Hof-, Haushalts- und Familienformen niederschlägt, kann unter dem Begriff "bäuerl. Familienwirtschaft" zusammengefasst werden. Die Organisation von Produktion, Konsum und Reproduktion gründete auf der Familie bzw. auf dem Haushalt. Die Kernfamilie, bestehend aus dem Mann als Haushaltsvorstand, der Frau und vielleicht 1-4 Kindern, die die ersten Lebensjahre überlebten, scheint im SpätMA verbreitet gewesen zu sein. Eine strenge geschlechtsspezif. Ausdifferenzierung der Arbeitsbereiche, wie sie in dieser Zeit für andere Gebiete belegt ist, kann für den schweiz. Raum nicht nachgewiesen werden. Die soziale Stellung der Frauen auf der Landschaft ist kaum fassbar, doch muss auch für die ländl. Gesellschaft des MA eine zunehmende Patriarchalisierung angenommen werden. Der bäuerl. Haushalt war ein vom Lebenszyklus geprägter Konsum- und Zweckverband, der die meiste Zeit zwei, kurzzeitig auch mehr Generationen umfasste, in Übergangsphasen mehrere erwachsene Geschwister unter einem Dach zusammenschloss und z.T. auch über (wenig) Gesinde verfügte. Seine personelle Zusammensetzung wies grosse Fluktuationen auf. Insbes. die zahlreichen Landlosen wechselten auf der - z.T. saisonal bedingten - Suche nach Unterkunft und Arbeit häufig Wohn- und Aufenthaltsorte. Dies führte, wie z.B. für das Wallis belegt ist, selbst in kleineren Regionen zu einer beträchtl. Mobilität und verweist auf wichtige soziale Beziehungsnetze (fründe, gesellen), die über die Verwandtschaft hinausgingen.

In der Befreiungstradition wurde den B. von der älteren schweiz. Nationalgeschichtsschreibung lange eine führende Rolle zugesprochen. V.a. die B. der Innerschweiz galten als die treibenden, nach Freiheit und Unabhängigkeit strebenden Kräfte, allenfalls sogar als Gründer von "Bauernstaaten". Dem widerspricht aber, dass bei den spätma. kommunalen Bewegungen eine führende Mitwirkung von B. quellenmässig nicht belegt werden kann. Die Vorstellung von der Entstehung genossenschaftl.-bäuerl. Territorialstaaten mit freiheitl.-demokrat. Charakter gilt deshalb heute als überholt. Selbst die erstmals im 12. und 13. Jh. belegten Talgenossenschaften waren keine bäuerl.-egalitären, von gemeinsamer Willensbildung geleiteten Gemeinschaften, sondern wurden von wenigen eingesessenen mächtigen Familien angeführt, während von der übrigen Bevölkerung kaum etwas bekannt ist. Bei der Ausbildung der Eidgenossenschaft im 14. und 15. Jh., die wesentlich von den Städteorten getragen wurde, treten bäuerl. Gruppen ebenfalls nicht als verfassungsbildender Faktor in Erscheinung.

Die Territorialisierung und die Veränderungen in der Landwirtschaft führten im SpätMA zu einem beschleunigten sozialen Wandel und zu erhöhten Spannungen im soziopolit. Gefüge. Diese Entwicklungen zeichnen sich einerseits ab in innerbäuerl. oder innerdörfl. Konflikten (Nutzungskonflikte, Grenzstreitigkeiten usw.). Andererseits finden sie ihren Niederschlag auch in Auseinandersetzungen um die (Neu-)Definition von Rechten und Pflichten zwischen versch. Territorialgewalten (Adlige, Klöster, Städte) und einzelnen Dörfern bzw. Landschaften (z.B. Siegel- und Bannerhandel 1404, Grüningerhandel 1441, Böser Bund im Berner Oberland 1445-51, Freiburg 1449-52, Wädenswilerhandel 1467-68). Unter den erstarkenden territorialen Gewalten sind in der Eidgenossenschaft des 15. Jh. v.a. die Führungsgruppen einzelner Städteorte (Zürich, Bern, Luzern, später auch Freiburg, Solothurn oder Schaffhausen) als Gegenpartei zu Teilen der ländl. Bevölkerung zu nennen. Die Konflikte können aber nicht auf den Gegensatz Stadt-Land reduziert werden, sondern sind im Prozess der Herrschaftsintensivierung zu interpretieren, der ländl. und städt. Untertanen gleichermassen erfasste. Die Konflikte tangierten z.T. den bäuerl. Alltag (Zehntstreitigkeiten), kreisten aber häufig auch um Rechte und Freiheiten von Dörfern oder Landschaften. Da die Aufstände häufig von den Interessen einer ländl.-bäuerl. Oberschicht geprägt waren, ist die Bezeichnung "Bauernunruhen" für Ländliche Unruhen oft nicht ganz zutreffend.

Bei vielen spätma. Konflikten in der Eidgenossenschaft (z.B. Amstaldenhandel 1478, Waldmannhandel 1489, Rorschacher Klosterbruch 1489) ist die zwischen städt. und ländl. Führungsgruppen vereinbarte Versicherung zur gegenseitigen Hilfeleistung gegenüber den unruhigen Untertanen ein hervorstechendes Charakteristikum. Das Stanser Verkommnis von 1481 ist ein eindrückl. Zeugnis für den Versuch der polit. Führung in den Länder- und Städteorten, Unruhen gemeinsam entgegenzutreten. Gegen Ende des 15. Jh. und zu Beginn des 16. Jh. erhöhten die Territorialisierung und Herrschaftsintensivierung, die Spezialisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft sowie die soziale Ausdifferenzierung das Konfliktpotential auf der Landschaft und verschärften den Kampf um die Ressourcen, der z.B. in den Jahren 1513-16 (Könizer Aufstand, Luzerner Zwiebelnkrieg, Zürcher Lebkuchenkrieg) verschiedenenorts ausbrach.

Autorin/Autor: Thomas Hildbrand, Matthias Weishaupt

3 - Frühe Neuzeit

Die frühneuzeitl. Gesellschaft in der Schweiz war wesentlich eine Agrargesellschaft. Rund drei Viertel der Bevölkerung lebten ganz oder teilweise von der Landwirtschaft. Als B. wurden jene selbstständig wirtschaftenden, agrar. Produzenten bezeichnet, die sich und ihre Familien von den Erträgen ihres Hofes ernähren konnten. In differenzierterer Beschreibung der ländl. Sozialstruktur unterschied man in Ackerbaugebieten anhand von Besitzkriterien (Boden und Gespanne, sog. Züge) die "Vollbauern" von den klein- und unterbäuerl. Taunern, Handwerkern und Heimarbeitern, die ihre Nahrung nicht ausschliesslich in der Landwirtschaft fanden. B. als Synonym für "Landbewohner" galt als Gegensatz zum Herrn bzw. Städter: Die Landbewohner waren in der alten Eidgenossenschaft - mit Ausnahme der Länderorte - Untertanen städt. oder fürstl. Obrigkeiten und hatten als solche nicht an der Herrschaft teil.

Die naturräuml. Lage, Klima und Witterung sowie soziale, rechtl.-polit. und wirtschaftl. Faktoren (Bevölkerung, Sozialstruktur, Agrarverfassung, Abgabe- und Besitzverhältnisse, Hofgrösse, Arbeitskräftebesatz, Agrarkonjunktur, Markteinbindung und Verkehrslage, Agrartechnologie) wirkten bei der Ausgestaltung der ländl.-bäuerl. Gesellschaft zusammen. Die Forschung hat auf der Grundlage unterschiedl. Faktoren (Produktion, Siedlung, Bodennutzung, Marktintegration, Feudalbelastung) modellartig versucht, Agrarzonen der Alten Schweiz zu beschreiben: das mittelländ. "Kornland", die Feldgraszone höherer Randlagen des Mittellandes und Juras sowie voralpiner Gebiete, das vor- und nordalpine "Hirtenland" sowie die inneralpine Zone.

Grundlage einer bäuerl. Existenz war weiterhin der Besitz eines Hofes, der in der beschriebenen Form der "bäuerl. Familienwirtschaft" bewirtschaftet wurde. Angesichts allgemein tiefer und erheblich schwankender Erträge bestand das Ziel bäuerl. Wirtschaftens in der Produktion eines möglichst sicheren, stabilen Ertrags zur Deckung des eigenen Bedarfs. Im Generationenwechsel auf den Hofstellen lassen sich idealtypisch zwei Formen von Erbrecht unterscheiden: die ungeteilte Übergabe an einen einzigen Erben (Anerbenrecht), die in gewissen mittelländ. Gebieten der Kt. Freiburg, Bern, Aargau und Luzern praktiziert wurde, und das grundsätzlich gleiche Erbrecht aller Erben (Realteilung), das z.B. in der Ostschweiz, in Baselland, Genf, Graubünden, Wallis und Tessin überwog. In der Praxis gestaltete sich der Erbgang als komplexer, von lokalen und familialen Erbrechtssystemen und Heiratspraktiken gesteuerter Vorgang. Die Realteilung erleichterte zwar die Aufteilung der Stellen und wurde dadurch begünstigt, dass der bäuerl. Grundbesitz häufig keinen oder nur noch schwachen grundherrl. Bindungen unterworfen war. Sie leistete aber auch einer Zersplitterung bäuerl. Besitzes Vorschub und förderte damit ein soziales Abgleiten in klein- bzw. unterbäuerl. Schichten.

Die B. waren, am ausgeprägtesten in Gebieten geschlossener Dorfsiedlung mit Dreizelgenwirtschaft (Zelgensysteme), in ein gemeindlich-genossenschaftliches System der nachbarschaftl. Kooperation und Koordination eingebunden. Die Gemeinde regelte das Zusammenleben der Nachbarn und die kollektive Nutzung der Ackerfluren und Allmenden. Sie nahm herrschaftl.-polit. Funktionen wahr und vertrat die Interessen ihrer Angehörigen gegenüber der Obrigkeit. In Gebieten mit vorherrschender Einzelhof- oder Streusiedlung entwickelten sich korporativ-kommunale Organisationsformen, die im Vergleich zur Dorfgemeinde durch eine geringere funktionale Verdichtung und durch die Zuweisung der versch. Regelungs- und Kompetenzbereiche an mehrere genossenschaftl. Organisationen gekennzeichnet waren (z.B. Allmend-, Holz- und Alpgenossenschaften, Gerichtsgemeinde, Talgemeinde). Die Zugehörigkeit zur Gem. brachte Pflichten mit sich, sie allein eröffnete aber auch den Zugang zur Nutzung des Gemeindebesitzes, den viele Gem. im Verlauf der frühen Neuzeit unter dem Eindruck der Übernutzung durch die wachsenden klein- und unterbäuerl. Schichten mit der Erhöhung der Aufnahmegebühren (Einzugsbriefe) verengten.

Im Verlauf des SpätMA und des 16. Jh. erwarben die B. vielfach das Erblehensrecht, gelegentlich sogar das freie Eigentum an ihren Gütern. In den stärker herrschaftlich-obrigkeitlich geprägten Gebieten, die im Gegensatz zu (vor-)alpinen Regionen eine weniger weit gehende Entfeudalisierung erfuhren, forderten Grund-, Gerichts- und Zehntherren sowie die frühneuzeitl. Staatsgebilde einen regional sehr unterschiedlichen, mitunter erhebl. Teil des bäuerl. Arbeitsertrags in Form von Geld- und Naturalzinsen, Zehnten und Steuern. Die Landwirtschaft trug u.a. die Hauptlast der Staatsfinanzen. In den Städteorten und fürstl. Territorien äusserte sich die Untertänigkeit der B. und übrigen Landbewohner auch in wirtschaftl. und polit. Abhängigkeit von der Stadt bzw. Herrschaft (städt. Wirtschaftsprivilegien, städt. Kapitalmarkt, Militärpflicht, weitgehend fehlende polit. Partizipation der Landschaft). In der Mentalität der Städter äusserte sich der Anspruch kultureller und herrschaftl. Überlegenheit häufig in der abwertenden Typisierung angeblich bäurischer Eigenschaften, welche die prekäre materielle Lage, die polit. Unterdrückung oder die mangelnde Bildung der Landbewohner reflektierte (der B. als dummer, schwerfälliger, roher Mensch). Dem wurde aber auch der sprichwörtlich schlaue, kluge und verschmitzte B. als literar. Figur gegenübergestellt, der sein Recht und seine Ehre seiner Lage und seinem Stand zum Trotz gegen ständ. Überlegene behauptete. Wiederholt wurde der B. in der Vorstellung bürgerlich-aristokratischer Bildungseliten auch zum idealen Träger von Reformbewegungen stilisiert, so der "witzige" B. als Figur der reformator. Propaganda oder der "philosoph." B. als Adressat und Rezipient volksaufklärerischer, agrarischer Reformprogramme im 18. Jh.

In den asymmetr. strukturierten Beziehungen zur Obrigkeit nahmen B. eine aktive Rolle wahr. Vorstellungen von gerechter Herrschaft und ein an Billigkeit und Herkommen orientiertes Rechtsbewusstsein legitimierten in ihrer Überzeugung Protest und Widerstand gegen unbillige Einschränkungen, Belastungen und Neuerungen seitens der Herrschaft. Ländl. Unruhen und bäuerl. Widerstandsbewegungen richteten sich in der alten Eidgenossenschaft besonders häufig unter Berufung auf die kommunalen Rechtstraditionen und überkommenen Freiheiten gegen Massnahmen frühstaatl. Herrschaftsintensivierung, so z.B. in den Bauernkriegen von 1525 und 1653. B. waren über die Ämter des Untervogts, der Gemeindevorsteher, der Geschworenen, der Ehegaumer, der Kirchenpfleger usw. vielfach in die staatl. und kirchl. Lokalverwaltung eingebunden und wirkten als Schaltstellen zwischen Obrigkeit und ländl. Gesellschaft. Deshalb sind - bei allem Antagonismus zwischen Obrigkeit und Untertanen - die vermittelnden Berührungspunkte und die Formen der notwendigen Kooperation nicht zu übersehen, die sich infolge der intimen Lokalkenntnisse der Untertanen und des geringen Ausbaugrades staatl. Verwaltung etablierten. Die Spannungen und Ungleichgewichte innerhalb der ländl. Gesellschaft äusserten sich in einer Vielzahl von Auseinandersetzungen zwischen Vollbauern und Taunern oder zwischen Gemeindegenossen und Hintersassen um den Zugang zur Nutzung knapper Ressourcen.

Die ländl. Gesellschaft war in der frühen Neuzeit von demograf., sozialen und wirtschaftl. Entwicklungen geprägt, die in regional ungleichmässiger Dynamik verliefen: In den meisten ländl. Regionen wuchs die Bevölkerung zwischen 1500 und 1800, im 16. und 18. Jh. intensiver als im 17. Jh., in den nichtalpinen Gebieten deutlich stärker als in den meisten alpinen Gegenden. Im Vergleich von Bevölkerungsdichte und Wachstumsraten zeigte sich die unterschiedl. Tragfähigkeit der Agrarzonen. Das Wachstum basierte bis ins 17. Jh. vorwiegend auf dem extensiven Ausbau der Landwirtschaft. Danach beruhte es - zuerst in den voralpinen Gebieten, im 18. Jh. auch in den übrigen Regionen - auf der Schaffung nichtagrar. Subsistenzmöglichkeiten durch die Heimindustrie (Protoindustrialisierung). Die Steigerung der Produktivität, vorab in der ackerbäuerl. Landwirtschaft, wurde nach der Mitte des 18. Jh. zentrales Thema der Reformvorschläge der Ökonom. Patrioten und Ökonom. Gesellschaften. Diese verharrten im Gegensatz zu den späteren Agrarreformen der Helvetik und des 19. Jh. im Rahmen der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung und stiessen damit bei den B. häufig nur auf geringe Umstellungsbereitschaft.

Mittel- und kleinbäuerl. Besitzverhältnisse prägten die schweiz. Agrargesellschaft, Grossbesitz blieb selten. Der allg. Bevölkerungsdruck führte im Verlauf der frühen Neuzeit zu Besitzzersplitterungen, zum Rückgang des Anteils der Vollbauern und zum Wachstum einer breiten klein- und unterbäuerl. Schicht, deren Land- bzw. Viehbesitz zur Ernährung einer Familie nicht mehr ausreichte (Agrarverschuldung). Der Anteil dieser Klein- und Kleinstbauern an der ländl. Bevölkerung schwankte je nach Region zwischen rund 50% und fast 90% der Haushalte, während die vollbäuerl. Haushalte kaum mehr als ein Viertel der ländl. Bevölkerung stellten. Die sozialen Unterschiede waren vielfältig sichtbar: Die Höfe der Vollbauern teilten sich in den Grossteil der Nutzfläche. Sie verfügten über eigene Gespanne und beschäftigten Taglöhner oder Dienstboten, hatten den grösseren Anteil an der Allmendnutzung und konnten, gerade auch in schlechteren Zeiten, Teile ihres Ertrags auf dem Markt absetzen. Die Klein- und Kleinststellenbesitzer dagegen waren mangels eigener Gespanne auf die Pflughilfe der Vollbauern angewiesen. Sie beschäftigten kaum Gesinde und waren für einen Teil ihres Nahrungsmittelbedarfs auf den Markt oder den Direktbezug bei Vollbauern angewiesen. In der kommunalen Selbstverwaltung und frühstaatl. Lokalverwaltung waren die Vollbauern tendenziell übervertreten, die Tauner, Landhandwerker und Heimarbeiter unterrepräsentiert. Einflussreichere Ämter wurden immer wieder über Generationen von Angehörigen weniger Familien aus der Dorfehrbarkeit (Vollbauern, Wirte, Müller) besetzt. Landarme Haushalte fanden einen Zu- und Nebenerwerb im Dienst bei B., im Landhandwerk oder im Kleingewerbe.

Neue, vom Grundbesitz weitgehend unabh. Beschäftigungsmöglichkeiten eröffneten sich für diese Gruppen der ländl. Gesellschaft ab dem 16. und 17. Jh. mit der Ausdehnung der ländlichen, insbes. textilen Heimindustrie. Dies ermöglichte v.a. in den für Ackerbau ungünstigen, höher gelegenen Gebieten der sog. Feldgraszone, wo weniger rigorose Niederlassungs- und Produktionsbestimmungen als im "Kornland" herrschten, ein starkes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum (Zürcher Oberland, Baselland, Appenzell Ausserrhoden, Glarus, Toggenburg, Oberaargau), welches auch das Schichtungsgefüge der ländl. Gesellschaft in Bewegung brachte. Kommerzialisierung und Monetisierung prägten die Landwirtschaft und ländl. Gesellschaft - allerdings ohne das den Heimindustrieregionen eigene Bevölkerungswachstum - vom 16. Jh. an auch dort, wo sich die B. auf Kosten des Getreidebaus auf die Vieh- und Milchwirtschaft sowie den Export von Vieh und Käse spezialisierten (z.B. Greyerz, Saanenland, Emmental). In der 2. Hälfte des 18. Jh. schliesslich setzte auch in den Ackerbaugebieten eine grundlegende Umstrukturierung der Landwirtschaft (Agrarrevolution) ein. Die Umschichtungen in der ländl. Bevölkerung des 18. Jh. waren eine wichtige Voraussetzung für die 1798 einsetzende Entkollektivierung und Privatisierung der Eigentumsverhältnisse, welche nicht zuletzt von einer nunmehr politisch emanzipierten und repräsentierten ländl.-bäuerl. Oberschicht mitgestaltet wurde.

Autorin/Autor: André Holenstein

4 - 19. und 20. Jahrhundert

Die B. in der modernen Gesellschaft sind statistisch vergleichsweise gut dokumentiert. Ihre Sozial- und Mentalitätsgeschichte ist aber erst ansatzweise erforscht, ihre polit. Rolle oft verzeichnet. Besonders die Triebkräfte der Modernisierung (aufgezwungen oder gewollt?), die ambivalente Haltung zum Staat (Konservatismus oder Rebellion) und zum Fortschritt ("ewiger Bauer" oder Anpassung an die Industriegesellschaft) verdienen vermehrte Aufmerksamkeit.

In der Folge der gesellschaftl. Spezialisierung versteht man im 19. und 20. Jh. unter dem Begriff B. die selbstständigen Betriebsleiter auf den bäuerl. Familienbetrieben, die Nahrungsmittel primär für den Markt produzieren. Als Bäuerinnen gelten die Ehefrauen, die neben der Führung des Haushalts und der Mitarbeit im Betrieb in der Regel auch für die Kleinviehzucht und Gemüseproduktion zuständig sind. In der Schweiz fallen praktisch alle Betriebsleiter unter die Kategorie der B., da es kaum Grossgrundbesitzer gab und gibt. Zwischen Gross- und Arbeiterbauern, deren Kleingut weitgehend von deren Familie geführt wurde, konnte dennoch eine grosse soziale Kluft bestehen.

Im 19. und 20. Jh. lassen sich vier Perioden der Gesch. der B. ausmachen: In den ersten zwei Dritteln des 19. Jh. lösten sich die B. im Zuge der Agrarrevolution und der polit. Umwälzungen aus den herkömml. Strukturen, die durch feudale Reste und kollektive Regelungen geprägt waren; Stichworte dazu sind wirtschaftl. Individualisierung und polit. Gleichberechtigung. Zwischen den 1870er Jahren und dem 1. Weltkrieg integrierten sich die B. unter dem wirtschaftl. Druck des Weltmarkts und als Reaktion auf die expandierende Industriegesellschaft zum organisierten Berufsstand, der in der pluralist. Gesellschaft nach Einfluss strebte. Die Zeit vom 1. Weltkrieg bis zum Ende des 2. Weltkriegs brachte einerseits einen Höhepunkt in der Wertschätzung der B. durch die Gesellschaft, andererseits gerieten sie zunehmend in die wirtschaftl. Defensive. Seit dem 2. Weltkrieg ist die Landwirtschaft technisch-wirtschaftlich revolutioniert worden, gleichzeitig wurden die B. in versch. Hinsicht marginalisiert.

4.1 - Die wirtschaftlich-soziale Entwicklung

Die allmähl. Aufhebung der Feudallasten seit dem 18. Jh. erleichterte die Individualisierung der Nahrungsmittelproduktion. Diese passte sich den im Verlaufe des 19. Jh. wechselnden Marktbedürfnissen rasch an, wie etwa die umfassende Umstellung vom Ackerbau auf die Viehwirtschaft am Ende des Jahrhunderts deutlich zeigt. Die B. spezialisierten sich immer mehr auf die Produkte, die entweder über den Markt abgesetzt werden konnten oder deren Anbau im 20. Jh. zunehmend durch die staatl. Behörden organisiert wurde. Immer mehr gewerbl. Tätigkeiten, wie z.B. die Herstellung und Wartung von Arbeitsgeräten, Hilfsstoffen und Sämereien, wurden aus dem Bauernbetrieb in dafür spezialisierte gewerbl. Unternehmungen ausgelagert. Für die Selbstversorgung zentrale Produktionsbereiche, wie der Beeren- und Gemüseanbau oder die Kleinviehzucht, verloren vorübergehend an Bedeutung. Erst in der Zwischenkriegszeit wurden als Folge der Krise in der Viehwirtschaft (Milch und Fleisch) diese vorwiegend von den Bäuerinnen gepflegten Produktionsbereiche wieder wichtiger. Die Spezialisierung auf die Marktproduktion von Nahrungsmitteln machte den B. immer mehr zum Berufstätigen im modernen Sinn.

Im Rahmen der von den staatl. Behörden vorangetriebenen nationalen Autarkiebestrebungen und Förderung der Selbstversorgung auf den Bauernbetrieben gewann die fachl. Bildung der B. und Bäuerinnen stark an Gewicht. Galt es in der Zwischenkriegszeit v.a., die im Verlaufe der Spezialisierung verloren gegangenen Kenntnisse im Bereich des Ackerbaus wieder zu vermitteln, so rückte in der Nachkriegszeit angesichts der zunehmenden Mechanisierung und Chemisierung der Agrarproduktion immer mehr die Vermittlung naturwiss. Kenntnisse in den Vordergrund der bäuerl. Fachausbildung.

Der Wandel vom traditionalen, mehr auf Selbstversorgung ausgerichteten zum modernen, marktorientierten B. vollzog sich allerdings je nach Region in sehr unterschiedl. Rhythmus: In den inneren Alpentälern Graubündens und des Wallis blieb die Subsistenzwirtschaft bis nach dem 2. Weltkrieg erhalten, während der Ackerbau in den voralpinen Hügelzonen schon um die Jahrhundertwende aufgegeben worden war. Im Mittelland waren versch. Mischformen anzutreffen: Am längsten hielten sich Elemente der Subsistenzwirtschaft in den Gebieten der sog. "verbesserten Dreifelderwirtschaft", in der Nordschweiz von Schaffhausen bis Baselland. Wie stark und wie schnell die B. in diesem Prozess unternehmerische Denk- und Handlungsweisen übernahmen, ist wenig erforscht. Sicher ist, dass auch ihre soziale Stellung innerhalb der Industriegesellschaft sich akzentuierte: Je mehr die B. im Modernisierungsprozess als "Unternehmer" ihre Betriebe rationalisierten, desto mehr mussten sie als "Arbeiter" ihre Beschlüsse auch selbst ausführen.

Zu Beginn des 19. Jh. bildeten die B. noch die Mehrheit der Bevölkerung. Die Industrialisierung führte jedoch zu ihrer allmähl. Marginalisierung, und auch im 20. Jh. verringerte sich die Gesamtzahl der bäuerl. Betriebe weiterhin stark: Von fast 250'000 Betrieben (ohne Kleinstbetriebe), die bei der ersten Betriebszählung 1905 gezählt wurden, schrumpfte sie bis zum 2. Weltkrieg langsam auf gut 200'000, bis 1990 rasch auf etwa 90'000 und bis 2007 auf 62'000. Von diesen waren noch 45'000 Haupterwerbsbetriebe. Betroffen vom Strukturwandel waren fast ausschliessl. Betriebe mit weniger als 10 ha Kulturland; die Zahl derjenigen, die mehr Fläche bewirtschafteten, nahm in der Nachkriegszeit sogar zu. Von der Marginalisierung der bäuerl. Bevölkerung - der Anteil der im Agrarsektor Beschäftigten sank von rund zwei Dritteln aller Erwerbstätigen in der 1. Hälfte des 19. Jh. auf noch gut 4% im Jahr 2007 - waren die B. selbst denn auch weit weniger betroffen als ihre Dienstboten und Familienangehörigen.

Personalbestand der Landwirtschaftsbetriebe nach sozialer Stellung 1929-2000
JahrMännerFrauen
 FamilienangehörigeFamilienfremdeTotalFamilienangehörigeFamilienfremdeTotal
 BetriebsleiterÜbrige  BetriebsleiterinnenÜbrige  
1929355'502a 93'377448'879308'987a 26'926335'913
1939220'940151'007105'508477'45523'523303'21631'686358'425
1955195'794108'82778'388383'00914'900247'82125'752288'473
1965154'09881'82039'357275'2758'316156'68314'477179'476
1975127'31566'75324'404218'4725'811124'49510'273140'579
1980119'82359'41024'361203'5945'451111'11011'740128'301
1990102'55345'17619'001166'7305'74383'6694'14493'556
2000b74'72426'96127'476129'1612'34661'94610'34074'632
(in Prozenten)
192979,2%a 20,8%100%92,0%a 8,0%100%
193946,3%31,6%22,1%100%6,6%84,6%8,8%100%
195551,1%28,4%20,5%100%5,2%85,9%8,9%100%
196556,0%29,7%14,3%100%4,6%87,3%8,1%100%
197558,3%30,5%11,2%100%4,1%88,6%7,3%100%
198058,8%29,2%12,0%100%4,2%86,6%9,2%100%
199061,5%27,1%11,4%100%6,1%89,4%4,5%100%
2000b57,8%20,9%21,3%100%3,1%83,0%13,9%100%

a keine Differenzierung zwischen Betriebsleitern oder Betriebsleiterinnen und Übrigen

b seit der landwirtschaftl. Betriebszählung von 1996 gelten für das BFS neue Erhebungsnormen, weshalb verglichen mit 1990 etwa 13'000 Landwirtschaftsbetriebe nicht mehr berücksichtigt wurden (v.a. kleine Betriebe und Betriebe, die nur über Teilzeitbeschäftigte verfügen)

Quellen:H. Brugger, Die schweiz. Landwirtschaft 1914 bis 1980, 1985, 88; BFS

Im Zuge dieser Entwicklung wurde der bäuerl. Betrieb immer ausgeprägter - v.a. nach dem 2. Weltkrieg, als Maschinen die Dienstboten ersetzten - zum Familienbetrieb. Spielte im 19. Jh. die dörfl. Gemeinschaft noch eine zentrale Rolle, so im 20. Jh. die Familie - zunächst im weiteren Sinn, seit dem 2. Weltkrieg zunehmend die Kernfamilie. Güterzusammenlegungen und die Aussiedlung von Höfen aus den Dörfern machten den Einzelhof vollends zum vorherrschenden Siedlungstyp. Im 20. Jh. öffnete sich zunehmend eine wirtschaftl. Schere zwischen Tal- und Bergbauern. Letztere konnten den techn. Fortschritt weniger nutzen und wurden deshalb seit der Zwischenkriegszeit zum agrarpolit. Sonderfall. Besondere staatl. Hilfsmassnahmen verhinderten aber nicht, dass der Bergbauer zum Inbegriff von Armut in der Schweiz wurde, während man ihn gleichzeitig als Verkörperung echten Schweizertums verklärte.

Die am Ende des 19. Jh. einsetzenden Bestrebungen vorwiegend bürgerl. Kreise zur Homogenisierung und Neudefinition der "bäuerl." Kultur zielten mit der Gründung nationaler Verbände der Schwinger (1895), Hornusser (1902), Jodler (1910) und der Trachtenbewegung (1926) einerseits auf eine Integration der B. in den schweiz. Nationalstaat hin, andererseits boten sie der bäuerl. Bevölkerung gewissermassen einen Ersatz für den Verlust der gewohnten Lebenswelten, den die kapitalist. Modernisierung den B. mit ihrer Verwandlung in Landwirte bescherte.

Autorin/Autor: Werner Baumann, Peter Moser

4.2 - Die politische Bedeutung der Bauern

In den liberalen Revolutionen in der 1. Hälfte des 19. Jh. spielten die B. noch kaum eine aktive, gestaltende Rolle. Im ausgehenden 19. Jh. stimulierten jedoch die Agrarkrise und das wachsende Bewusstsein, einer Minderheit anzugehören, ihre Organisierung und ihr zunehmend selbstbewusstes Auftreten. Mit der Gründung der im Umkreis der demokrat. Bewegung anzusiedelnden Bauernbünde gelang es den B. erstmals, mit eigenständigen Organisationen ihre Stimme in der polit. Auseinandersetzung hörbar zu machen. Doch erst die 1897 in der Gründung des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) gipfelnden Organisationsbestrebungen einer landwirtschaftl. Elite machten die B. zu einem politisch gewichtigen Faktor. Dem langjährigen Sekretär des SBV, "Bauernführer" Ernst Laur, gelang es auch, den B. zunehmend das Bewusstsein eines einheitl. "Bauernstands" zu vermitteln.

Der bürgerl.-bäuerl. Schulterschluss, der die innenpolit. Konstellation des 20. Jh. massgeblich geprägt hat, entstand um die Jahrhundertwende rund um die Frage des im benachbarten Ausland schon in den 1870er und 80er Jahren eingeführten Zollschutzes. Laur und der SBV verstanden es, dank ihrer Modernisierungspolitik auf betriebswirtschaftl. Ebene auch wirtschaftsliberale Kreise für eine moderate Schutzzollpolitik zu gewinnen. Die polit. Linke, noch kaum in das polit. System der Schweiz integriert, trug mit ihrer kompromisslosen Freihandelspolitik wesentlich zum Entstehen dieses Bündnisses bei, das im 1. Weltkrieg bestätigt, im Generalstreik zementiert und 1929 mit der Wahl Rudolf Mingers als Vertreter der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (Schweizerische Volkspartei (SVP)) in den Bundesrat auf parteipolit. Ebene nachvollzogen wurde.

Zu einer ernsthaften Erschütterung der bürgerl.-bäuerl. Koalition kam es in den 1930er Jahren primär aufgrund der immer unvereinbarer werdenden wirtschaftspolit. Grundhaltungen. Die Option einer Zusammenarbeit zwischen den organisierten Arbeitnehmern und der Bauernschaft eröffnete sich, als zumindest Teile der bäuerl. Organisationen im Rahmen der Richtlinienbewegung massgeblich am Aufbau einer ernstzunehmenden Alternative zur bürgerl. Regierung auf Bundesebene mitbeteiligt waren. Diese Bestrebungen scheiterten jedoch letztlich. In der Nachkriegszeit spielte wieder weitgehend die bürgerlich-bäuerliche Koalition, deren im Landwirtschaftsgesetz von 1952 konkretisierte Agrarpolitik auch von den Sozialdemokraten anfänglich beinahe vorbehaltlos unterstützt wurde.

Bei der Umsetzung der fast ausschliesslich auf Bundesebene konzipierten Agrarpolitik spielten die Kt. und v.a. die landwirtschaftl. Spitzenverbände - z.B. der vom Bund mit der Durchführung der einzelbetriebl. Milchkontingentierung beauftragte Zentralverband schweiz. Milchproduzenten (Schweizer Milchproduzenten (SMP)) - eine zentrale Rolle. Die B., die weder bei der Abstimmung über das Landwirtschaftsgesetz 1952 noch bei produktespezif. Vorlagen (Zuckervorlage 1948, Milchproduktion 1960) der Parole ihrer Verbände geschlossen folgten, wurden durch die Übernahme parastaatl. Funktionen ihrer Organisationen (u.a. Landwirtschaftliche Genossenschaften, Viehzuchtverbände) in der Nachkriegszeit besonders eng an die staatl. Agrarpolitik gebunden.

Die aus wirtschaftsliberalen Kreisen schon bei der Schaffung des Landwirtschaftsgesetzes geäusserte Kritik an den Preisstützungen, die den B. so wichtig waren, erhielt im Verlaufe der 1960er Jahre immer mehr an Gewicht. Zusammen mit der seit den 1970er Jahren primär von den Umweltverbänden verlangten Extensivierung und der Ende der 1980er Jahre im Rahmen von Gatt und Welthandelsorganisation eingegangenen Verpflichtung zum Abbau der Preisstützungen und zur Liberalisierung des Agrarhandels führte diese Kritik zu Beginn der 1990er Jahre - gegen den Willen eines grossen Teils der B. und ihrer Vertreter - zu einer Neuorientierung der staatl. Agrarpolitik (Abbau der Preisstützungen und Exportsubventionen, Ausbau der an ökolog. Auflagen geknüpften produktionsunabhängigen Direktzahlungen).

Die staatl. Agrarpolitik ermöglichte nicht nur einem Teil der B. das Überleben im Agrarsektor. Sie war spätestens seit dem 1. Weltkrieg zunehmend auch auf die ernährungswirtschaftl. Interessen der industriell geprägten Gesamtgesellschaft ausgerichtet. Gleichzeitig trieb sie den Marginalisierungsprozess der bäuerl. Bevölkerung in der modernen Gesellschaft voran. Aus diesen Gründen gab es innerhalb der Bauernschaft immer auch oppositionelle Gruppierungen, die nicht primär an der Ausgestaltung der staatl. Agrarpolitik interessiert waren, sondern vielmehr die längerfristigen Auswirkungen dieser Politik bekämpften (z.B. Uniterre, Schweizerische Vereinigung zum Schutz der kleinen und mittleren Bauern (VKMB)). Die bäuerl. Opposition thematisierte den grundsätzlichen und letztlich unauflöslichen Widerspruch zwischen der modernen Wachstumsgesellschaft und einer bäuerl. Welt, die ein Teil der Bauernschaft erhalten wollte, obwohl sie dem Expansionsdrang des Industrie- und des Dienstleistungssektors im Wege stand.

Autorin/Autor: Werner Baumann, Peter Moser

5 - Bauernstaatsideologie vom 15. bis 20. Jahrhundert

Als Bauernstaatsideologie lässt sich die Vorstellung bezeichnen, dass die edlen Tugenden und die polit. Tatkraft der B. in besonderer Weise für den Staatsbildungsprozess der Eidgenossenschaft verantwortlich seien. Sie ist erstmals im ausgehenden MA fassbar, als sie legitimierend zur argumentativen Behauptung eines Herrschaftsanspruchs eingesetzt wurde. Im Zuge der fortschreitenden Verstaatlichung der schweiz. Eidgenossenschaft im 15. Jh. kam es im Zusammenhang mit Zentralisierungsbestrebungen des Reichs unter Maximilian I. immer wieder zu Differenzen um den Status des eidg. Bundessystems. Die polit. und krieger. Auseinandersetzung fand ihre Entsprechung auf einer ideolog. Ebene, auf der v.a. die Figur des B. (pur) in den Kampf geführt wurde. Bezug nehmend auf die Dreiständeordnung, die dem Adel die Aufgabe des Herrschens und den B. die des Dienens zuwies, diffamierten v.a. reichstreue Humanisten die polit. Führungsgruppen der Eidgenossenschaft als böse puren, die der natürlich gottgegebenen Ordnung zuwider die Macht usurpiert hätten. Diesem Vorwurf begegneten die eidg. Machthaber mit dem Bild der frumen edlen puren; sie legitimierten ihre Herrschaftsstellung damit, dass sie seinerzeit die tyrann. Adelsherrschaft mit Gottes Hilfe gebrochen hätten und somit die legitimen Nachfolger des Adels seien. Seinen Niederschlag fand dieser Kampf mit der Feder in Pamphleten und in den sog. Hist. Volksliedern; getragen wurde die Legitimationsideologie von den polit. Eliten in der Eidgenossenschaft. Die Differenz zwischen Bauernideologie und Herrschaftsstruktur offenbarte sich in den ländl. Unruhen, beispielsweise 1478 im Amstaldenhandel oder 1513-15 in den Landgebieten der führenden Städteorte Bern, Solothurn, Luzern und Zürich.

Das mit der bäuerl. Freiheitsideologie verbundene Dilemma zeigte sich erneut während der Reformation, etwa in der Politik Zwinglis, der in seinem gegen Habsburg und die altgläubigen Orte gerichteten Feldzugsplan 1526 auf die polit.-ideolog. Mobilisierung der Bauernschaft zählte, sich aber im Burgrecht mit Bern 1528 gegen Ansprüche der B. in den Untertanengebieten der Städteorte absichern musste. Als Modell hatte die "freiheitl.-bäuerl." Eidgenossenschaft auch bei B. nördlich von Rhein und Bodensee vom Hegauer Bundschuh 1460 bis zum Bauernkrieg von 1525 seine Anziehungskraft für die ideolog. Legitimation des aufständ. Handelns. Der Hoffnung der aufständ. B. auf polit. und wirtschaftl. Verbesserungen stand die Angst des süddt. Adels vor der "Verschweizerung" gegenüber. Die Verwechslung von "Ideologie" und soziopolit. "Wahrheit" zeitigte aber tragische Folgen, wenn die Anführer des Bundschuhs bei den Eidgenossen, den vermeintlichen bäuerl. Verbündeten, Zuflucht suchten, von den eidg. Führungskräften aber ausgeliefert oder gar hingerichtet wurden.

In der Forschung ist heute der ideolog. Gehalt des ma. Bauernbilds erkannt und die Vorstellung überholt, dass die Eidgenossenschaft aus einer innerschweiz. Hirtenkultur (Hirtenvolk) herausgewachsen sei, sich durch ein besonderes bäuerl. Nationalbewusstsein gegen aussen abgegrenzt habe und das Fortbestehen des "Bauernstaats" der ausserordentl. Schlagkraft der schweiz. Hirtenkrieger zu verdanken habe.

Nach der Entdeckung des schweiz. Hirten als Verkörperung des Edlen und Ursprünglichen im Zuge einer im Europa des 18. Jh. weit verbreiteten Alpen- und Schweizbegeisterung und nach der literar. Erfindung des freiheitsliebenden Menschen im schweiz. Hirtenland - zu verweisen ist hier auf Schillers "Wilhelm Tell" und seine Kreation der Schweizer als ein "Volk von Hirten" - wurde v.a. in der 2. Hälfte des 19. Jh. das idealisierte und idyllisierte Bauern- und Hirtenbild zum Prototyp des freiheitl., demokrat. Schweizers. Die Nationalgeschichtsschreibung und die Schulbuchpädagogik halfen - mit Rekurs auf das verklärte Bild des ma. Hirtenkriegers - entscheidend bei der Konstruktion eines Bauernbildes, das im nationalpatriot. Diskurs vielfältige Projektionsflächen bot: Ein echter und rechter Schweizer war im Kern B., sittlich-moralisch integer, christlich-kirchlich organisiert, antisozialistisch und zeichnete sich durch seine nationale Wehrhaftigkeit aus. Das Bauerntum erschien als physischer und geistiger Urquell des modernen Staats. Städte, Industrie und Arbeiterschaft wurden ausgeblendet oder dann als "Bauerntum in der Diaspora" (Emil Dürr) wahrgenommen. Der 1897 gegr. SBV sowie der ab 1902 informelle und seit 1919 formelle Bürgerblock unter Einschluss der B. trugen wesentlich zur Verbreitung dieser Bauernideologie bei. Den Höhepunkt erlebte sie z.Z. der Geistigen Landesverteidigung. Mit der nationalen Kampagne der Anbauschlacht wurde die materielle Notwendigkeit der Landwirtschaft zelebriert, und die B. erlebten ihre höchste Wertschätzung. Landesverteidigung mittels Landbebauung lautete die Parole, und die Ansicht des Bauernsekretärs Ernst Laur, "dass die Wehrkraft eines Landes im Bauernstand ruhe", wurde wichtiger Teil der nationalen Behauptungsideologie. Das Landi-Dörfli an der Schweiz. Landesausstellung von 1939, die Verfilmung von Robert Fäsis Roman "Füsilier Wipf" im gleichen Jahr oder der Roman "Schweizerspiegel" (1938) von Meinrad Inglin bringen diesen "Landigeist" zum Ausdruck. Nach dem 2. Weltkrieg verloren die B. - eben noch als "Rückgrat der Nation" gepriesen - allmählich an Bedeutung innerhalb der Gesellschaft. Die massive ideolog. Überhöhung machte vorübergehend einer nüchterneren Einschätzung Platz. Die "bäuerl. Kultur" verlor einen Teil ihrer bisherigen Anziehungskraft auf nichtbäuerl. Kreise. Die Marginalisierung der bäuerl. Bevölkerung in der Nachkriegszeit tat jedoch der "Schweizerart ist Bauernart"-Mentalität insgesamt wenig Abbruch. Die Schweiz wurde weiterhin, nicht nur von aussen, als Land der B. und Kühe gesehen. Auch im innereidgenössischen polit. Diskurs fand die Beschwörung der angeblich bäuerl. Wurzeln des schweiz. Staatswesens sowie der Rekurs auf scheinbar uralte bäuerl. Werte - Gesundheit, Naturverbundenheit, Traditionsbewusstsein, Heimatverbundenheit - immer wieder Anklang und diente v.a. reaktionären populist. Bewegungen als Modell. Auch mit der in den 1970er Jahren aufbrechenden Diskussion über die ökolog. Auswirkungen des hist. einmaligen Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit rückten die B. als Eigentümer und Verwalter eines wesentl. Teils dessen, was als Natur empfunden wurde, wieder ins Zentrum gesellschaftl. Erwartungen. Eine politolog. Untersuchung der frühen 1990er Jahre kam zum Schluss, dass - bei 4% Anteil der B. an der Gesamtbevölkerung - 40% der Schweizer und Schweizerinnen als "mentale B." bezeichnet werden könnten.

Autorin/Autor: Matthias Weishaupt

Quellen und Literatur

Literatur
  • Allgemein

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  • Ur- und Frühgeschichte bis zur Römerzeit

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    – J. Schibler et al. Ökonomie und Ökologie neolith. und bronzezeitl. Ufersiedlungen am Zürichsee, 1997
  • Mittelalter

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    – P. Dubuis, Une économie alpine à la fin du Moyen Age, 2 Bde., 1990
    – R. Sablonier «Innerschweizer Gesellschaft im 14. Jh.», in Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft 2, 1990, 9-233, v.a. 38-55, 214-233
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    Wirtschaft und Herrschaft, hg. von T. Meier, R. Sablonier, 1999
  • Frühe Neuzeit

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    – G.-A. Chevallaz Aspects de l'agriculture vaudoise à la fin de l'ancien régime, 1949
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    – C. Pfister Klimagesch. der Schweiz 1525-1860, 31988
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    – D. Zumkeller, Le paysan et la terre, 1992
    – A. Holenstein, B. zwischen Bauernkrieg und Dreissigjährigem Krieg, 1996
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  • 19. und 20. Jahrhundert

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    – H. Brugger, Die schweiz. Landwirtschaft 1850-1914, 1978
    – C. Quartier Paysans aujourd'hui en Suisse, 1978
    – M. Lemmenmeier, Luzerns Landwirtschaft im Umbruch, 1983
    – F. Walter Les campagnes fribourgeoises à l'âge des révolutions: 1798-1856, 1983
    – H. Brugger, Die schweiz. Landwirtschaft 1914-1980, 1985
    – W. Baumann, Bauernstand und Bürgerblock, 1993
    – P. Moser, Der Stand der B., 1994
  • Bauernstaatsideologie vom 15. bis 20. Jahrhundert

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    – M. Weishaupt, B., Hirten und "frume edle puren", 1992