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Baden (AG, Gemeinde)

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Polit. Gem. AG, Hauptort des gleichnamigen Bez., bestehend aus der Kernsiedlung links der Limmat in der Klus der Lägern, den Quartieren Kappelerhof, Allmend, Meierhof und Chrüzliberg sowie dem 1962 eingemeindeten Dättwil, seit 1819 ohne das zur polit. Gem. erhobene, rechts der Limmat gelegene Ennetbaden (ehem. Kleine Bäder). In röm. Zeit Aquae Helveticae, 1040 Baden. B. hatte als Bäderort (Grosse Bäder), ma. Markt, habsburg. Verwaltungszentrum, eidg. Tagsatzungsort, Industriestandort und Kernort einer Agglomeration zu allen Zeiten ausgeprägte Zentrumsfunktionen inne. Seit dem MA durch die schiffbare Limmat, seit 1847 durch die Eisenbahn und seit 1971 durch die A1 steht B. in enger wirtschaftl. Beziehung zum 20 km entfernten Zürich. 16.-18. Jh. 1'000-1'800 Einw.; 1799 1'202 (davon Grosse Bäder 131); 1850 3'159; 1900 6'489; 1930 10'624; 1950 12'127; 1960 14'553; 2000 16'270 (immer mit Dättwil).

1 - Römische Zeit

Der erstmals bei Tacitus überlieferte röm. Vicus Aquae Helveticae befand sich nördl. der Badener Klus auf dem Haselfeld. Am linken Flussufer beim Limmatknie lag die Bäderanlage, die ein System von Thermalquellen (47° C, hoher Mineralgehalt) nutzte. Die Gründung des Vicus erfolgte im Zusammenhang mit der Errichtung des Legionslagers von Vindonissa. Sowohl das Bäderquartier als auch die Wohn- und Gewerbeviertel erlangten in der 1. Hälfte des 1. Jh. n.Chr. eine respektable Grösse, erlitten aber einen Rückschlag, als Angehörige der 21. Legion im Dreikaiserjahr 69 n.Chr. den fast vollst. aus Holzbauten bestehenden Vicus niederbrannten. Der Wiederaufbau erfolgte in Stein. Die Aufgabe des Legionslagers von Vindonissa 101 n.Chr. minderte zwar die Prosperität des Bäderorts, doch zeigt der intensive Handel mit Produkten aus der Töpferei des Reginus und der Bronzewerkstatt des Gemellianus in der 2. Hälfte des 2. Jh., dass Aquae Helveticae weiterhin blühte. Die versch. Alemanneneinfälle um die Mitte des 3. Jh. führten zu einem Ende der Siedlungstätigkeit auf dem Haselfeld. Der Bau einer Befestigungsmauer zum Schutz des Bäderquartiers sowie eine grosse Zahl von Münzen des 4. Jh. aus dem Thermalquellschacht des "Heissen Steins" zeigen, dass das Bädergebiet auch in der Spätantike besiedelt und frequentiert war.

Hauptachse des Vicus war die von Vindonissa kommende Heeresstrasse. Beidseits dieser Strasse, die parallel zur Kante der steil abfallenden Böschung verlief, konnten Wohn- und Gewerbebauten festgestellt werden. Die Strasse war flankiert von Laubengängen (Portiken), an welche sich Verkaufsläden anschlossen. Dahinter befanden sich die Wohnräume, daran anschliessend Höfe, die als Werkplätze und Remisen dienten. Im Zentrum der Siedlung standen villenähnl. Gebäude. Vom Bäderbez. sind heute Reste von drei Badebassins bekannt, die durch Thermalwasser aus gefassten Quellen gespeist wurden. Weitere Gebäudereste zeigen, dass der röm. Thermenbez. im Umfang dem bis ins 18. Jh. ummauerten ma.-neuzeitl. Badegebiet der Grossen Bäder entsprach.

Autorin/Autor: Martin Hartmann

2 - Frühmittelalter bis heute

Gräberfelder aus dem 7. Jh. wurden im Kappelerhof und im Gebiet Ländli entdeckt. Auf dem sog. Stein, einem Felssporn über der Klus, stand schon vor 1000 ein Adelssitz, der im späten 11. Jh. an die Lenzburger gelangte. Deren hier residierende Linie nannte sich vom frühen 12. Jh. an Gf. von B. Durch Erbgang gelangte die Feste Stein 1172 an die Kyburger, von diesen 1264 an die Habsburger. Der Stein wurde, besetzt durch einen Landvogt, Sitz der vorderösterr. Verwaltung (Vorderösterreich) und des Archivs. 1415 im Zuge der eidg. Eroberung des Aargaus belagert und zerstört, wurde er 1658-70 wieder befestigt und 1712 endgültig geschleift (seither Ruine). An der engsten Stelle der Klus befand sich der Flussübergang mit der Zollstelle (zuerst Fähre, 1242 Brücke erw.) und der Niederen Feste (1265 erw.), dem späteren Landvogteischloss. Um 1297 erhielt B. das Stadtrecht, doch ist die Markt- bzw. Stadtwerdung in kyburg. Zeit (1230-40) anzusetzen. Hoch- und Niedergerichtsbarkeit wurden im 14. Jh. von den Habsburgern dem Schultheissen übertragen. Der Gerichtsbez. umfasste auch die Grossen Bäder und Ennetbaden (Kleine Bäder). Mit dem Kloster Wettingen trug die Stadt am rechten Limmatufer immer wieder Grenzkonflikte aus. Nach der Eroberung durch die Eidgenossen wurde B. zwar von Kg. Sigismund als reichsunmittelbar und folgl. als Reichsstadt bezeichnet, zusammen mit den eroberten Gebieten aber an die Eidgenossen verpfändet, was den königl. Freiheiten fakt. die Wirkung entzog. B. wurde Zentrum der gemeinen Herrschaft B., unterstand aber nicht deren Landvogt, sondern direkt den regierenden Orten. Nicht zuletzt wegen der Bäder fanden in B. von 1416 an zahlreiche Tagsatzungen statt (spätgot. Tagsatzungssaal im Stadthaus), 1424-1712 auch zur Abnahme der Jahresrechnungen aller gemeinen Herrschaften. Nach 1712 diente B., infolge der Weigerung der kath. Orte, nach ihrer Niederlage im 2. Villmergerkrieg Angelegenheiten der gemeinen Herrschaften weiterhin hier zu besprechen, nur noch gelegentl. als Tagsatzungsort.

Die Stadtkirche Mariä Himmelfahrt steht über den Fundamenten einer Saalkirche des späten 9. Jh. Sie wurde im Hoch- und SpätMA mehrfach erweitert und umgebaut und erhielt 1460 ihr heutiges spätgot. Äusseres. Die Barockisierungen des 17. Jh. und die klassizist. Ausstattung im 19. Jh. prägen den Innenraum. Die Habsburger übertrugen das Patronatsrecht über die 1241 erstmals erw. Pfarrei B. 1406 dem Kloster Wettingen, was zu wiederholten Konflikten zwischen dem Kloster und den städt. Räten um die Pfarrereinsetzung führte. 1624 gründete die Stadt das der Stadtkirche angeschlossene Chorherrenstift Mariä Himmelfahrt (1875 aufgehoben). Ein 1588 gegr. Kapuzinerkloster St. Johannes und Katharina südl. der Altstadt wurde 1841 aufgehoben und 1855 abgebrochen. Das Kapuzinerinnenkloster Mariä Krönung in der südwestl. Vorstadt bestand 1612/13-1841 und 1843-67 (sog. Klösterli). Von dem einstigen guten Dutzend Kapellen haben fünf bis heute überdauert: St. Sebastian (Bau 1505), die Dreikönigskapelle (ca. 1100, Neubau 1881), St. Niklaus (13. Jh.), St. Anna (1482) und Maria Wil (1660, Wallfahrtskapelle). 1526 war die Stadtkirche Schauplatz der Badener Disputation (Johannes Eck gegen Johannes Oekolampad). Die Mehrzahl der anwesenden Geistlichen bekannte sich zum alten Glauben. Nach den Kapitulationsbestimmungen im Frieden von Aarau (1712) wurde 1714 in B. eine ref. Kirche gebaut, die vorerst nur von ref. Badegästen und vom Landvogteipersonal benutzt wurde. Im 19. Jh. hatte die Industrialisierung eine starke konfessionelle Durchmischung zur Folge (1910 3'658 prot., 4'169 kath., 313 isr., 99 andere und ohne Angaben). 1859 entstand eine grössere jüd. Gem., die 1913 eine Synagoge erbaute. Heute ist B. Sitz des Kulturvereins der Israeliten der Schweiz. Ostkirchl. Bekenntnisse und der Islam haben an Bedeutung gewonnen (1990 5'056 prot., 7'836 kath., 59 isr., 2'767 andere, konfessionslos und ohne Angaben).

Der Schultheiss und ein sechs Mitglieder umfassender Kl. Rat als Inhaber der städt. Regierungs- und Gerichtsgewalt erneuerten sich selbst. Nach 1500 gelangten immer häufiger Angehörige des städt. Patriziats zu höheren Ämtern. Die Steuerfestsetzung, die Rechnungsabnahme und weitere Befugnisse standen dem Rat der Vierzig zu, der sich ebenfalls selbst ergänzte. Mit der Eroberung B.s 1712 durch Zürcher und Berner Truppen verloren Schultheiss und Rat, die sich eng an die kath. Orte angelehnt hatten, einen Teil ihrer Kompetenzen und gerieten unter verstärkte Kontrolle der regierenden Orte. 1798 wurde B. Hauptstadt des gleichnamigen helvet. Kt., 1803 aarg. Bezirkshauptort. Die gut dotierte Ortsbürgergem. verfügt über umfangreichen Waldbesitz und über grosse Kulturlandflächen, die sie im 20. Jh. schrittweise zur Bebauung freigab (u.a. Quartier Allmend). Die rasch wachsende Einwohnergem. hatte in den 1960er Jahren mehrmals Probleme mit der Beschlussfähigkeit der Gemeindeversammlung. Deshalb trat 1972 ein Einwohnerrat (40 Mitglieder) an deren Stelle.

B. war mit der Landschaft ökonom. vielfältig vernetzt. Die Orte im Einzugsgebiet des Wochenmarkts (zwischen Rhein, Aare und Reuss, bis nach Bremgarten und Regensberg) entrichteten in Form sog. Brückengarben einen Zoll für den Flussübergang. Der Wirtschaftsraum der vier Badener Jahrmärkte war noch grösser. Der Verkehr zu Wasser (Limmatschifffahrt in der Hand der Stadt Zürich) und v.a. zu Land war ein wesentl. Wirtschaftsfaktor. In B. verzweigten sich die Routen vom Bodensee und von Zürich nach Westen. Die zahlreichen städt. Handwerker waren zu Bruderschaften zusammengeschlossen. Die hauptsächl. im Sommer frequentierten Bäder hatten vom SpätMA an überregionale Anziehungskraft, wobei die sog. Badenfahrt nicht nur der Kur, sondern auch dem Vergnügen diente. Die Verbindung von Bäder- und Tagsatzungsstadt brachte B. ökonom. Gewinn, der sich in der hohen Finanzkraft und der selbstbewussten Darstellung von Stadtregierung und städt. Oberschicht niederschlug. Die überschüssigen Gelder des Stadthaushalts (hohe Ungeldeinnahmen) legte das sog. Rentamt in Darlehen an Kredit Suchende der Landschaft und an Stifte, Städte und Fürsten an. Das Spital, kurz vor 1350 durch Königin Agnes gestiftet, sorgte für Arme und Kranke, war daneben aber ein bedeutender Wirtschafts- und Machtfaktor, indem es dank Vergabungen und hohen Jahresüberschüssen bedeutende Grund- und Patronatsrechte erwarb. So war es Kollator in Göslikon, Fislisbach, Steinmaur und in der Grosspfarrei Rohrdorf. Das Spital gewährte, wie das Rentamt, private Hypotheken und wurde zudem zur Mitfinanzierung grösserer städt. Werke herangezogen. Vom 17. Jh. an wandelte es sich zum Altersasyl, das sich durch hohe Eintrittsgelder mehr und mehr gegen Arme abschloss und seine diesbezügl. Funktionen an das vom 15. Jh. an existierende Siechenhaus abtrat. Mit dem Ausbleiben der Tagsatzungen nach 1712 begann eine wirtschaftl. schwache Periode, die erst im 19. Jh. zu Ende ging, als der Kurort dank bedeutenden Investitionen neu aufblühte.

Erst nach 1800 siedelten sich gewerbl.-industrielle Betriebe an. Erste Fabrik war 1835 eine durch Zürcher Fabrikanten gegr. Spinnerei. Von der 1847 eröffneten Spanischbrötli-Bahn (Zürich-B., 1856 nach Brugg weitergeführt) gingen anfängl. keine direkten wirtschaftl. Impulse aus. Mitte des 19. Jh. entstanden einige Metall verarbeitende Betriebe (1858 Oederlin mit Sitz in B. und Fabrik auf Obersiggenthaler Gebiet, 1873 Merker). 1877 erschloss die Nationalbahn B. mit einer zweiten Station. Ihr Konkurs 1878 stürzte die in erhebl. Mass finanziell engagierte Stadt in eine Wirtschaftskrise. Diese wurde erst 1891 überwunden, als sich die Elektrotechnikfirma Brown, Boveri & Cie. (BBC) zwischen der Stadt und dem nördl. Ausgang der Klus ansiedelte, um sich das Arbeitskräftepotential der noch kaum industrialisierten Region nutzbar zu machen. Gleichzeitig wurde ein Elektrizitätswerk (Kappelerhof) gebaut. Mit BBC, der 1895 gegr. Finanzierungsges. Motor (seit 1923 Motor-Columbus) und der 1914 gegr. Nordostschweiz. Kraftwerke wurde B. zu einer Hochburg der Elektro- und Elektrizitätswirtschaft. In der Folge wuchsen Stadt und Region B. im Gleichtakt mit der erfolgreichen BBC (1900 1'500 Beschäftigte, 1920 5'500; 1970 19'250 in der Region B.). Nördl. und südwestl. der Altstadt entstanden Vorstädte, 1926 die Hochbrücke nach Wettingen. Auftragseinbrüche in den 1920er und v.a. in den 1930er Jahren (3'500 Entlassungen bei rund 7'000 Beschäftigten) stellten die Stadt und die Region vor sozialpolit. Probleme.

Nach 1945 konnte die Produktion bei BBC nur noch dank massiver Anwerbung von Gastarbeitern im erwünschten Mass ausgeweitet werden. Dadurch stieg der Ausländeranteil überdurchschnittl. (seit 1960 liegt er über 25%), und der Anteil Industriebeschäftigter betrug über Jahrzehnte 60% und mehr (1960 1,5% Erwerbstätige im 1., 66,4% im 2., 32,0% im 3. Sektor). Die Desindustrialisierung nach der 1988 vollzogenen Fusion von BBC mit der schwed. Asea zur Asea Brown Boveri (ABB) leitete das fakt. Ende der Industriestadt B. ein. 1990 zählten noch 30% der Arbeitsplätze zum 2., jedoch 68% zum 3. Sektor. Der Kurort verlor nach einer Frequenzspitze zwischen 1890 und 1914 in der Krisen- und Kriegszeit viele Gäste und konnte sich nach 1945, bedrängt durch Verkehrslärm und baulich nicht mehr wesentl. erneuert, nur vorübergehend erholen. Seit 1960 gehen die Logiernächte stark zurück. Nach wie vor dominieren die klassizist. Kurhotels. Als Folge der Industrialisierung wuchsen nicht nur B., sondern in konzentr. Kreisen zuerst die Nachbar-, dann die weiter entfernt liegenden Gem.; Wettingen als grösste Agglomerationsgem. hat seit 1950 mehr Einw. als B. Die Regionalisierung wurde seit den 1950er Jahren durch die Auslagerung industrieller Tätigkeiten in versch. Regionsgem. und auf das Birrfeld beschleunigt. B. war zwischen 1950 und 1960 die am stärksten wachsende Agglomeration der Schweiz (gem. statist. Begriff: 1930 21'000 Einw., 1960 47'000, 1990 81'000). Die mit dem Status als Zupendlerort (1990 78% Zupendler) verbundenen Verkehrsprobleme wurden durch die sog. Verkehrssanierung 1957-65 (neue Tunnels für Bahn und Strasse ausserhalb der Altstadt) gemildert, nicht aber beseitigt. Die Zahl der Pendler aus Stadt (1990 52% Wegpendler) und Region B. nach Zürich wuchs in den letzten Jahrzehnten stark, wodurch sich die Agglomeration B. ihrerseits mit jener von Zürich vernetzt hat.

Die ma. Altstadt mit ihren Dominanten Stadtkirche und Stadtturm (1441) gilt heute als Kulturgut von nationaler Bedeutung. An Brauchtum sind im 20. Jh. die Verbrennung des "Füdlibürgers" (Fasnacht), Badenfahrten (mehrtägige Volksfeste) und die Cordulafeier (Ehrung verdienter Personen im Gedenken an einen zürcher. Überfall 1444) entstanden oder neu belebt worden. Höhere Schulen mit überregionalem Einzugsgebiet sind heute die Kantonsschule (1961), die ABB Technikerschule (1971) und der Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Aargau (1993-97 Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule Aargau). Über eine feste Bühne verfügt B. seit 1675, seit 1950 im neu erbauten Kurtheater. In den 1960er Jahren entfaltete sich auch die Kleintheaterkunst. Das erste Kino nahm 1913 den Betrieb auf. B. zählt eine Reihe namhafter Museen, u.a. das Hist. Museum (1876), das Schweizer Kindermuseum (1985) und die Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown (1990, Wohnmuseum und Sammlung franz. Impressionisten). Seit 1978 ist B. Standort des zweiten aarg. Kantonsspitals neben Aarau (Vorläufer: Städt. Krankenhaus 1912). Das Siedlungswachstum erfolgt seit etwa 1970 hauptsächl. in den 1962 eingemeindeten Ortsteilen Dättwil, Rütihof und Münzlishausen. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde das zuvor geschlossene ABB-Areal an zentraler Lage für nichtindustrielle Nutzungen geöffnet.

Autorin/Autor: Andreas Steigmeier

Quellen und Literatur

Literatur