21/10/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Nationalspiele der Schweiz

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Als N. gelten das Schwingen, Steinstossen und im weiteren Sinn das Hornussen. Die Ersteren fanden unter der Bezeichnung "Nationalturnen" 1855 Eingang ins Programm des Eidg. Turnfestes von Lausanne (Feste) - dies im Bestreben, dem dt. Turnen nach Friedrich Ludwig Jahn eigene, dem Volke angepasste und von ihm entwickelte Übungen entgegenzusetzen. Tatsächlich gehen alle drei Disziplinen auf spätma. Wettkämpfe zurück, die meist im Rahmen von Kirchweihen und Schützenfesten stattfanden oder andere volkstüml. Anlässe (Alpaufzug, Mittsommerfeste) ergänzten. Eine Art Fünfkampf jugendl. Hirten, wie Hans Georg Wackernagel dies annahm, lässt sich nicht nachweisen. Hingegen blieben die oft als alteidgenössisch bezeichneten Übungen vorab in alpinen Regionen populär. Für das Schwingen und Hornussen bildeten im 17. und 18. Jh. das Entlebuch sowie das Emmen- und Haslital ein eigentl. Rückzugsgebiet. Die Unspunnenfeste von 1805 und 1808 stellten einen ersten Versuch dar, den sog. Hirtenspielen im Rahmen der patriot. Erneuerungsbewegung während der Helvetik und Mediationszeit wieder eine überregionale Bedeutung zu verschaffen. Aber erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. fand vorab das Schwingen einen breiteren Rückhalt in der Bevölkerung. Der 1864 publizierte Schwinger-Lehrgang des Berner Arztes Rudolf Schärer machte das Kampfspiel auch in Turnerkreisen populär. Der Erfolg eidg. Schwingfeste (meist ergänzt mit Jodel- und Alphorndarbietungen und unter Mitwirkung von Trachtenverbänden) führte 1895 zur Gründung des Eidg. Schwingerverbands (ESV). Die Hornusser schlossen sich 1902 auf Landesebene zum Eidg. Hornusserverband (EHV) zusammen und seit 1907 besteht mit der "Eidg. Schwinger-, Hornusser- und Jodlerzeitung" ein gemeinsames Publikationsorgan. Der anhaltende Erfolg beider Sportverbände (2005: ca. 5'100 bzw. 8'000 Aktive) erklärt sich nicht zuletzt aus der engen Verbindung sportl. und brauchtüml. Elemente.

Autorin/Autor: Hans Peter Treichler

1 - Schwingen

Die ab der Reformationszeit häufig anzutreffende Formel Ringen und Schwingen legt nahe, dass in der Eidgenossenschaft zwei versch. Formen des Zweikampfs unterschieden wurden. Der für das Schwingen typ. Kleidergriff, das Festhalten des Gegners im Gestöss, erscheint zwar bereits auf Abbildungen des 13. Jh., aber erst ab etwa 1600 lässt sich das Schwingen als spezielle Wettkampfform der Alphirtenkultur nachweisen. Zahlreiche behördl. Ge- und Verbote zeugen von jährl. Treffen an bestimmten Austragungsorten - meist eine Alp, auf der sich die Vertreter einzelner Ort- oder Talschaften gegenüberstanden, wobei der Bergschwinget oft mit einer Älplerchilbi zusammenfiel. Besonders zahlreich fanden sich solche Treffpunkte rund um das Haslital und Entlebuch, so auf der Alp Seewen, der Axalp, der Engstlen- und Balisalp sowie auf dem Brünig. Austragungsorte an der bern.-freiburg. Grenze zeigen, dass das Kampfspiel, als lutte oder lutte Suisse bekannt, auch auf einen Teil der Romandie übergriff.

Bereits in den Reisebeschreibungen des 18. Jh. spielte das Schwingen eine stereotype Rolle als alteidg. Hirtenbrauch. Zahlreiche Radierungen und Stiche schildern in meist überhöhter Manier eine idyll. Naturkulisse mit friedl. Wettkämpfern und in Volkstracht gekleideten Zuschauern. Eine ausführl. Beschreibung mit hist. Rückblick liefert der Entlebucher Pfarrherr Franz Josef Stalder 1797 in seinen "Fragmenten über Entlebuch": Die von ihm postulierten festen Regeln scheinen nicht die einzigen gewesen zu sein. Andere Quellen belegen, dass an Stelle der heute gebräuchlichen kurzen Überhosen auch Mähergurten oder ein um den Oberschenkel geknüpftes Tuch zum Einsatz kamen. Auch die Dauer des einzelnen Wettkampfs, Gang genannt, war keineswegs einheitlich reglementiert.

Die seit der Gründung des Eidg. Schwingerverbands gültigen Regeln sehen eine Wettkampfdauer von 10-12 Minuten vor. Der Sieger muss den Gegner so auf den Rücken legen, dass beide Schulterblätter den Boden berühren, und dies ohne Loslassen der Hosengriffe. Ein Kampfgericht bewertet die Leistung der Teilnehmer mit Punkten und bestimmt die Paarungen für den nächsten Gang. Bei den grossen Anlässen, zu diesen zählen das Unspunnen- und das Eidg. Schwingfest (sechs- bzw. dreijähriger Turnus), erhält der Sieger, der sog. Schwingerkönig, einen jungen Stier (Muneli). Der Schwingerkalender zählt jährlich rund 120 Anlässe. Viel Prestige geniessen der Brünig-, der Stoos- und der Rigischwinget.

Autorin/Autor: Hans Peter Treichler

2 - Steinstossen

Vom Steinstossen an städt. und ländl. Anlässen berichten bereits spätma. Quellen. 1472 wurde am Schützenfest von Zürich mit drei verschieden schweren Steinen (15, 30 und 50 Pfund) gestossen. Ähnlich wie das Schwingen wurde die Disziplin aber in der Folgezeit zu einem Bestandteil der Sennenwettkämpfe. Reisebeschreibungen des 18. Jh. erwähnen den Brauch im Appenzell, in Glarus und Schwyz. Dabei kamen nach diesen Angaben 100 bis 200 Pfund schwere Steine zum Einsatz. Gestossen wurde mit oder ohne Anlauf, ein- oder beidhändig, nach einer Zielmarke oder auf grösstmögl. Weite.

Besondere Beachtung fand die Disziplin an den Unspunnenfesten von 1805 und 1808. Ein Duplikat des dort verwendeten, 83,5 kg schweren Findlings kam ab 1905 an weiteren Unspunnen- und an eidg. Schwingfesten zum Einsatz. Dieser Stein mit den eingemeisselten Jahresdaten der ersten Anlässe wurde indes 1984 von jurass. Separatisten aus dem Museum der Jungfrauregion entwendet. Anlässlich des Marché-Concours tauchte der Stein in Saignelégier 2001 im Vorfeld der Expo.02 überraschend wieder auf. Im Sept. 2005 wurde er erneut gestohlen.

Autorin/Autor: Hans Peter Treichler

3 - Hornussen

Das zu den Schlagspielen gehörende Hornussen erscheint kurz nach 1600 in den Quellen. Auch hier bildete das Emmental eine Kernzone des Wirkungsbereichs. Eine eindrucksvolle Beschreibung des Spiels findet sich in Jeremias Gotthelfs Roman "Uli der Knecht" (1841). Walter Schaufelberger weist frühe Parallelen im Wallis (Tsara) und Graubünden (Hora, Gerla) nach. Albert Spycher berichtet vom Gilihüsine in Betten. Bei allen Varianten ging es darum, einen Flugkörper (Knochen, Wurzelstück) mit dem Schlag einer festen Gerte in ein Zielfeld zu treiben. Die Gegnerschaft versuchte, das Geschoss mit vorgehaltenen oder hochgeworfenen Schindeln zu stoppen. Dass ursprünglich Körper- und Kopftreffer besonders gewertet wurden, stellt den Zusammenhang zu älteren Kriegsspielen her, bei denen die Schindel eine Schildfunktion hatte.

Heute wird die Sportart v.a. im Bernbiet ausgeübt. Beim modernen Mannschaftsspiel befördert der Schläger den Hornuss, einen 78 g schweren Kunststoffkörper, mit dem elast. Schwungstecken vom Abschlagbock in Richtung des gegner. Feldes (Ries), das 100 m nach dem Bock beginnt (Tiefe: 180 m, Breite: zunehmend von 8 auf 14 m). Die dort verteilten sog. Abtuer versuchen, den Hornuss mit vorgehaltener oder hochgeworfener Schindel aufzuhalten. Sechs Kampfrichter stellen fest, bei welcher Distanz die Flugkörper unschädlich gemacht werden oder ob sie im Ries landen, was besondere Strafpunkte für die Abtuer nach sich zieht. Aus diesen Angaben wird die Wertung für den einzelnen Schläger und das Total für die schlagende Partei abgeleitet. Der Schlagende hat zwei mal zwei Versuche. Haben alle Spieler geschlagen, wechselt das Schlagrecht.

Die je nach Stärkeklasse 16-18 Mann starken Teams, sog. Gesellschaften, verfügen meist über ein eigenes Spielfeld. Während der Saison, die Meisterschaften in der Gruppen-, Verbands- und Eliteklasse sowie interkant. Begegnungen und das im Dreijahresturnus abgehaltene Eidg. Hornusserfest (erstmals 1903 in Heimiswil ausgetragen) umfasst, wird oft täglich trainiert. 2005 waren 271 Gesellschaften registriert.

Quellen und Literatur

Literatur
Gilihüsine [Film], Regie: W. Egloff, 1956
– W. Schaufelberger, Der Wettkampf in der Alten Eidgenossenschaft, 1972
– A. Spycher, Kegeln, Gilihüsine und Volkstheater in Betten (VS), 1985
National- und Volksspiele der Schweiz, Ausstellungskat. Basel, 1991, (mit Bibl.)
Festgenossen, hg. von B. Schader, W. Leimgruber, 1993
100 Jahre Eidg. Schwingerverband, 1895-1995, 1995
Schlagen und Abtun [Film], Regie: N. Wiedmer, 1999

Autorin/Autor: Hans Peter Treichler