• <b>Spiele</b><br>Sammlung von Spielen, Gesängen und sketchartigen Lustspielen sowie Ratschlägen für die Organisation von Jugendfesten, veröffentlicht 1838 von Johann Jakob Sprüngli. Frontispiz mit Lithografie von  Johann Melchior Deschwanden (Schweizerische Nationalbibliothek). Pfarrer Sprüngli fasste in seinem "Taschenbuch" die Anleitungen für ein 1837 von der lokalen Sängerzunft organisiertes Schulschlussfest in Thalwil zusammen. Der Brauch, den Schülern in Anerkennung ihrer geleisteten Arbeit einen fröhlichen Festtag zu bescheren, verbreitete sich im ganzen Land und blieb mancherorts lebendig.

Spiele

Spielen als eine der erstaunlichsten Erscheinungen der menschl. Natur ist teils biolog. Bedürfnis - auch Tiere spielen -, teils wichtiger Kulturfaktor (Sprichwörter und Redensarten belegen es). Es ist eine fast immer zweckfreie, nicht rational begründbare, meist soziale, körperl. oder geistige Tätigkeit, die sich vom "gewöhnl." Leben und von der Arbeit unterscheidet (Freizeit). S., die sich meistens innerhalb fester Regeln bewegen und Freude und Spannung bereiten, sind zeitlich durch Anfang und Ende und oft auch räumlich begrenzt und wiederholbar. In der Kindheit und der Jugend, in denen wohl am intensivsten gespielt wird, dient das Spiel nach Maria Montessori der Ausbildung kognitiver Praktiken, der Einübung sozialer Rollen und der Persönlichkeitsentwicklung.

Die Ausgangsbedeutung des seit dem 9. Jh. belegten dt. Worts scheint "Tanz" zu sein, diejenige des franz. jeu und des ital. gioco "Scherz" (lat. iocus). In allen drei Sprachen hat sich die Bedeutung im Lauf der Zeit stark erweitert und umfasst neben dem eigentl. Spiel auch Feste und Bräuche, Sport, Theateraufführungen (Theater), Tanz- und Zirkusveranstaltungen (Tanz, Zirkus), Schaustellung, Musikausübung (Musik) und Gruppen von Ausübenden (Armeespiel) sowie Einheiten von Spielgeräten (Kegelries, Karten).

Zu den S.n gehören u.a. Funktions- oder Bewegungsspiele (Fang-, Lauf-, Hüpf-, Sprungspiele, Turnen), S. mit Geräten (Rassel, Nachzieh-Spielzeug), mim. Fiktions- oder Rollenspiele (Puppen, Puppenstube, Bauernhof, Eisenbahn, Kostümieren, Theater), Konstruieren, Werken, Gestalten, Gesellschafts- und Gruppenspiele (Verstecken), Neckspiele ("Blinde Kuh"), Rate- und Pfänderspiele, Glücksspiele (Brett- und Würfelspiele, Kartenspiele, Kegeln). Einteilungen dieser Art überschneiden sich immer, da die meisten S. mehreren Kategorien angehören. Weiter kann sich der Charakter eines Spiels auch verändern; so entwickelte sich z.B. das Spiel "Wir kommen aus dem Mohrenland" von einem Beruferaten zu einem Fangspiel.

Autorin/Autor: Erika Derendinger

1 - Von der Ur- und Frühgeschichte bis 1800

Archäolog. Funde von mögl. Spielgeräten aus dem Raum der heutigen Schweiz gibt es seit der mittleren Steinzeit (5000 v.Chr.). Aus der Cortaillod-Kultur des westl. Mittellands (4500-3500 v.Chr.) stammende Miniaturgefässe aus Keramik können als Kinderspielzeug gedient haben, wie auch zwei Funde aus Feldmeilen, ein Wurzelstück in Hundegestalt, ein Sandsteinplättchen mit Menschengesicht und kleine Tierfigürchen aus Ton vom Südwestufer des Burgäschisees. Aus der Bronzezeit (2200-800 v.Chr.) fanden sich in der Ufersiedlung Mörigen am Bielersee Rasseln aus Ton mit eingeschlossenen Steinchen sowie Spielzeugtiere aus Ton in Grandson-Corcelettes, Auvernier und Pfeffingen-Schalberg.

Aus der Römerzeit sind diverse schriftl. Quellen und bildl. Darstellungen von S.n überliefert; bei Ausgrabungen werden oft Würfel und Spielsteine aus Knochen gefunden. Spielbretter sind aus Aventicum (Marmor), Augusta Raurica und Vindonissa bekannt. In Letzterem wurden zudem hölzerne Spielkreisel gefunden. Mädchen spielten das sog. Astragalspiel (Aufwerfen und Auffangen von kleinen Knochen), dargestellt auf der Scherbe eines Kelchs aus Terra Sigillata (Keramik) aus Vindonissa.

Die raren alemann. Funde aus dem frühen MA bestehen aus Pfeil und Bogen sowie Miniaturen aus Knabengräbern. Bis ins 20. Jh. in abgelegenen Regionen des ganzen Alpenraumes vorkommende archaische Spielzeugtypen dürften wohl in jener Zeit entstanden sein: Spielzeugkühe aus Tier-Fussknochen (sog. Beinechüe) und Tiere aus Lärchen- oder Tannzapfen, aus Zweigstücken mit vorderer Gabelung oder halbzylindr. Klötzen mit Zweiggabelung als Hörner (Evolènatypus).

Im MA gab es die Freizeit im heutigen Sinn nicht. Musse (otium) - durch die hohe Zahl der kirchl. Feiertage immerhin fast ein Drittel des Jahres - diente dem religiösen Leben. Dazu gehörte auch die fröhl. Ausgestaltung der kirchl. Feste des Jahres- oder Lebenslaufs durch S. (Kirchenjahr). Diese waren als Hauptmittel zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls fest in den kirchl. Rahmen wie in die höf. oder bürgerl. Gesellschaft eingebunden. Die Haltung der ma. Gesellschaft war dem Spielen gegenüber jedoch immer ambivalent: Kirchl. und obrigkeitl. Moralisten beargwöhnten und verdammten es als unsittl. Müssiggang. Dies spiegelt sich in zahlreichen Sittenmandaten und Ratserlassen der eidg. Orte. Besonders Gewinn- und Glücksspiele wurden verboten: 1290 in Rheinfelden, 1304, 1320, 1326 in Zürich, wo 1370 auch das Tanzen an Hochzeiten untersagt wurde - an Neujahr, Fasnacht, Kilbi und Markttagen blieb es jedoch erlaubt.

Für das Spielen im MA finden sich reiche Bildzeugnisse. Ein Relief auf dem Chorgestühl der Kathedrale Lausanne von 1200 stellt Ringkämpfer dar. In der um 1300 in Zürich entstandenen Manessischen Handschrift sind höf. S. dargestellt (Schach bei Otto von Brandenburg, Turnier beim Thurgauer Ritter Walther von Klingen, Steinstossen beim Burggrafen von Lienz). Bilderchroniken (Diebold Schilling, Schodolers "Eidg. Chronik") zeigen volkstümliche sportl. S., die Schützenfeste von Konstanz 1458 und Altdorf (UR) 1508, den Fasnachtstanz unter der Dorflinde von Schwyz, einen Knaben mit Steckenpferd, das Kegel- und Würfelspiel sowie das Spielen auf Musikinstrumenten. In der Literatur ist Meister Altswert zu erwähnen, ein elsäss. Dichter der 2. Hälfte des 14. Jh., der in 54 Versen die Erwachsenenspiele seiner Zeit vorstellt. Erhaltene Spielgeräte aus dem MA bestehen aus geschnitzten Spielsteinen aus Knochen mit Drachen aus dem 11. Jh. (Altenberg bei Füllinsdorf) und aus Hirschhorn aus dem 11.-12. Jh. (Burg Salbüel bei Willisau), vielen Würfeln, Schachfiguren aus Knochen oder Elfenbein (arab. Typus ohne menschl. Gestalt) sowie einer Tonpuppe in der Tracht von 1350 aus Alt-Schauenburg in Frenkendorf.

Im 16. Jh. reduzierte sich die Zeit zum Spielen nicht nur, weil die Reformation zahlreiche Festtage abschaffte, sondern auch durch das ausgeprägte Arbeitsethos der Zeit. Zunehmende, alle paar Jahre verschärfte Spielverbote, die nun auch die Kinder betrafen, sind Zeugen davon. Basel verbot 1508 das Schlitteln und Gleiten (ausser am Kohlenberg) und 1581 das Spielen auf dem Petersplatz, das Eneo Silvio Piccolomini noch 1433 und 1438 beschrieben hatte. Winterthur bestrafte ab 1530 das Spielen mit Kluckern (Marmeln) mit Trülle oder Geldbusse. Auch die Spielorte waren durch Ge- und Verbote geregelt, jeder Ort hatte bestimmte Stätten, oft war es der Kirchhof. Auf offenen Plätzen war Spielen erlaubt, auf abgelegenen, die nicht kontrolliert werden konnten, nicht (Zürcher Mandat 1636). Im 18. Jh. sind S. weiterhin archivalisch fassbar durch Spielverbote, die bis 1790 zunehmend verschärft wurden.

Für das Spielen im 16. und 17. Jh. gibt es viele bildl. und literar. Belege: S. sind dargestellt auf Zeichnungen von Urs Graf dem Älteren, auf einem Kinderalphabet-Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren (1525), und dessen ältester Bruder Ambrosius stellt erstmals in der Schweiz einen Stelzenläufer dar. Die von Johann Fischart 1575 publizierte freie dt. Übersetzung von François Rabelais' "Gargantua" enthält das berühmte Kapitel über die S. Jörg Wickram beschrieb Soldatenspiele, und auch Thomas Platter erwähnte 1596 S. 1657 gab der beliebte Zürcher Porträtist Conrad Meyer 26 Kupferstiche heraus, die S. darstellen, mit Versen des Niederländers Jacob Cats, die von Johann Heinrich Ammann aus Schaffhausen übersetzt wurden.

Autorin/Autor: Erika Derendinger

2 - 19. und 20. Jahrhundert

Um die Wende zum 19. Jh. zeichnete sich ein Umschwung in der Bewertung des Spiels ab. Die Pädagogen der Aufklärung (Johann Amos Comenius, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi und Friedrich Froebel) setzten sich nun für S. und Leibesübungen der Kinder ein; führend war der Arzt Johann Bernhard Basedow. Sie waren von zwei versch. Auffassungen geleitet: Einerseits sahen sie das Kind als vollkommenen, unverbildeten Idealmenschen ("edler Wilder") und andererseits als form- und erziehbar. Die zweite Anschauung war wegbereitend für die Lern- und Beschäftigungsspiele nach dem Prinzip "Lernen durch Anschauung, Selbsttätigkeit und sinnl. Erfahrung". Im 19. Jh. entwickelten sich zudem mit der räuml. Trennung von Leben und Arbeiten, dem Aufkommen des privaten bürgerl. Familienlebens und der Ausstaffierung der Kinderzimmer mit Spielzeug sowohl eine schärfere Klassentrennung wie eine immer stärkere Absonderung der Kindheit vom Erwachsenenleben.

Darstellungen von S.n im 18. und 19. Jh. stammen von Johann Rudolf Schellenberg, Gabriel Lory, Sigmund Freudenberger, Franz Niklaus König, Gottfried Mind, Jacques-Laurent Agasse, Johann Friedrich Dietler, Karl Itschner, Hans Jakob Kull, Elisabeth de Stoutz und Johann Jakob Sprüngli, der einer der ersten Spielförderer des 19. Jh. war. Aus beiden Jahrhunderten sind zahlreiche Spielsachen erhalten und in Museen zu finden.

<b>Spiele</b><br>Sammlung von Spielen, Gesängen und sketchartigen Lustspielen sowie Ratschlägen für die Organisation von Jugendfesten, veröffentlicht 1838 von Johann Jakob Sprüngli. Frontispiz mit Lithografie von  Johann Melchior Deschwanden (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Pfarrer Sprüngli fasste in seinem "Taschenbuch" die Anleitungen für ein 1837 von der lokalen Sängerzunft organisiertes Schulschlussfest in Thalwil zusammen. Der Brauch, den Schülern in Anerkennung ihrer geleisteten Arbeit einen fröhlichen Festtag zu bescheren, verbreitete sich im ganzen Land und blieb mancherorts lebendig.<BR/>
Sammlung von Spielen, Gesängen und sketchartigen Lustspielen sowie Ratschlägen für die Organisation von Jugendfesten, veröffentlicht 1838 von Johann Jakob Sprüngli. Frontispiz mit Lithografie von Johann Melchior Deschwanden (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Im 20. Jh. wurde durch den zunehmenden Verkehr der Spielraum auf öffentl. Plätzen und Strassen immer stärker beschnitten. Dies führte zur Einrichtung von geschützten Kinderspielplätzen, Krippen, Horten und Freizeitwerkstätten, was jedoch oft auch als Gettoisierung kritisiert wird. Wohl gegenläufig zur Einengung auf den privaten Lebensraum zeigte sich eine gewaltige Zunahme der industriellen Spielzeugproduktion, die bewusst geschlechtsspezifisch kognitive, den schul. Intellekt fördernde S. für Knaben und affektive, rollenfixierende S. für Mädchen anbot. Gleichzeitig wuchs im 20. Jh. jedoch die Jugendarbeit in den Sportvereinen stark, und die heutige Akzeptanz des Sports in der Gesellschaft erlaubt sogar bis zu einem gewissen Grad die Rückeroberung des öffentl. Raums für Streetball, Rollbrettfahren und Rollerskating. Seit den 1970er Jahren ist ein Trend zur Internationalisierung der S. zu beobachten (z.B. Barbie). Das Aufkommen der elektron. S., die zuerst auf eigenen Stationen (Heimcomputer, Playstation), heute vermehrt auch in Netzwerken gespielt werden, ist ein Hinweis auf virtuelle, zunehmend von der Lebenswirklichkeit wegführende Spielwelten. Durch eine weltweite Vermarktungsstrategie, die häufig an Filme oder Fernsehserien (Walt-Disney-Filme, Harry Potter, Herr der Ringe, Pokémon) gekoppelt ist, werden S. zunehmend kommerzialisiert. Die Verringerung der durchschnittl. Arbeitszeit bis zum Ende des 20. Jh. führte dazu, dass auch Erwachsene vermehrt spielen.

Autorin/Autor: Erika Derendinger

3 - Die Spielzeugproduktion

Die Herstellung von Spielzeug entwickelte sich von der privaten Anfertigung für den Eigengebrauch über organisierte Heimarbeit zwecks Verkauf zur industriellen Massenproduktion. Ende des 19. Jh. konnten sich höchstens 20% der Familien käufl. Spielzeug, d.h. von Erwachsenen für Kinder zum Zweck des Spielens professionell hergestellte, stark geschlechtsspezif. Objekte leisten (Puppen und Miniatur-Haushaltgeräte für Mädchen, Steckenpferde, Zinnsoldaten, Baukästen, mechan. Spielzeug für Knaben). Gut zwei Drittel davon stammten aus Deutschland.

Im 19. Jh. wurden Zinnfiguren in Aarau bei Johann Rudolf Wehrli produziert. Seit 1828 werden in der heute noch existierenden AG Müller in Schaffhausen Spielkarten hergestellt. Die älteste noch aktive Schweizer Spielzeugfabrik ist die seit 1874 bestehende Wisa Gloria AG in Lenzburg. Um 1910 entstand die Fahrni & Cie. in Rothrist. Das 1912 in Genf eröffnete Institut Jean-Jacques Rousseau entwickelte eigene edukative Spielmittel; ab 1924 entstanden die Puppen von Sasha Morgenthaler. In Ascona hatte die Deutsche Käthe Kruse zuvor den bekanntesten Puppentyp des 20. Jh. geschaffen.

Als im 1. Weltkrieg die Importe ausblieben, schufen die Architekten Carlo Kuster und Carl Zweifel Städtebaukasten, H. Oberholzer Kasperfiguren und der Bildhauer Hans Trudel Schaukelpferde. Im 2. Weltkrieg gründeten die Brüder Stockmann in Luzern die Metallbaukästen-Firma Stokys; es entstanden u.a. die Hag-Modelleisenbahnen, die Albisbrunn-Spielwaren, die Decor AG und die Carlit AG. Nach Kriegsende ging die einheim. Produktion wieder stark zurück. Das Druckhaus Säuberlin & Pfeiffer in Vevey produzierte 1917-63 patriot. Spiele, da ausländ. Spiele nicht der schweiz. Mentalität entsprächen. Bis heute kümmert sich das Heimatwerk um Herstellung und Vertrieb von Spielzeug aus Schweizer Werkstätten, z.B. Brienzer Schnitzerei und Heimberger Keramik. Manches entsteht als Nebenprodukt wie die Modell-Kochherde der Firma Sigg. Das grösste Handelsunternehmen ist die Franz Carl Weber AG, die 1881 als erstes Fachgeschäft gegründet und 1984 von der Denner AG, 2006 von der franz. Ludendo-Gruppe übernommen worden ist.

In zahlreichen Museen ist die Geschichte der S. aufgearbeitet: Im Spielzeugmuseum in Riehen, im Zürcher Spielzeugmuseum, im Schweizer Spielmuseum in La Tour-de-Peilz sowie im Kindermuseum in Baden. Der Gründung der ersten Ludothek in Münchenstein 1972 folgten zahlreiche weitere (2000 385).

Autorin/Autor: Erika Derendinger

Quellen und Literatur

Literatur
– E.L. Rochholz, Alemann. Kinderlied und Kinderspiel aus der Schweiz, 1857
– K. Ranke, «Meister Altswerts Spielregister (14. Jh.)», in SAVk 48, 1952, 137-197
– J.B. Masüger, Das Schweizerbuch der alten Bewegungsspiele, 1955
– I. Weber-Kellermann, Die Kindheit, 1979
– P. Grand et al., Jeux de notre enfance, jeux de nos enfants, 1983
– F.K. Mathys, Ist die schwarze Köchin da?, 1983
– R. Kaysel, M. Etter, Die Schweiz im Spiel, 1989
LexMA 7, 2105-2112
Kind sein in der Schweiz, hg. von P. Hugger, 1998, 349-368
– P. Ariès, Gesch. der Kindheit, 152003 (franz. 1960)

Autorin/Autor: Erika Derendinger