• <b>Krankheit</b><br>Glasscheibe von 1635 (Schweizerisches Nationalmuseum). Die Darstellung gehört zu einer Gruppe von sieben kleinen Scheiben unbekannter Herkunft, die vermutlich für den Privatgebrauch bestimmt waren. Sie illustrieren die Worte Christi zu den Sieben Werken der Barmherzigkeit: Der Christ soll Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien und die Toten bestatten.
  • <b>Krankheit</b><br>Röntgenkampagne zur Diagnostik von Lungentuberkulose (Schwindsucht) im September 1945 in Zürich. Fotografie von  Jack Metzger (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-12078) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. Mit dem Gebrauch von Penizillin nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Tuberkulose Einhalt geboten werden: In der Schweiz wurden 1945 rund 100 Fälle auf 100'000 Einwohner registriert, im Jahr 1997 waren es noch 10. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist man nach wie vor weit davon entfernt, die Krankheit weltweit unter Kontrolle zu haben.

Krankheit

Im Gegensatz zur Gesundheit (Gesundheitswesen) fehlt bei K. eine offizielle, allgemein gültige Umschreibung. K. ist keine vorgegebene, von der Natur definierte Grösse, sondern in hohem Masse kontextabhängig, d.h. von gesellschaftl. Normen und Werten, von ökonom., kulturellen und wissenschaftl. Rahmenbedingungen, insbesondere auch von den jeweiligen medizin. Vorstellungen geprägt. Gesundheit und K. sind seit den 1960er Jahren auch von den Sozialwissenschaften, v.a. der hist. Anthropologie, diskutierte gesellschaftl. Phänomene.

K. steht in besonderem Masse im Brennpunkt zweier Perspektiven: Einerseits bildet sie im Rahmen gesellschaftl. Vorstellungen erkennbare objektive Tatbestände ab, andererseits ist mit K. in der Regel eine subjektive Empfindung verbunden. Während sich die Prozesse des objektiven Erkennens stark mit der Entwicklung der modernen Schulmedizin verändert und standardisiert haben, ist die Subjektivität schwerer fassbar; beide Sichten sind jedoch das Ergebnis hist. Entwicklungsprozesse.

K. hat anthropologisch Affinitäten mit anderen existenziellen Gefahren wie Armut, Alter oder Invalidität. Dagegen wurden in der europ. Geschichte oft Gegenstrategien entwickelt, was die Krankenbehandlung häufig in die Nähe der Fürsorge rückte. Die mittelhochdt., aber nicht althochdt. fassbare Bezeichnung kranc entspricht dem lat. debilis bzw. infirmus (schwach). Im Begriffsumfeld findet sich siech (lat. aeger), das sich eher auf langwierige Leiden bezieht, während mit sucht insbesondere ansteckende Krankheiten bezeichnet wurden. Franz. maladie ist in altfranz. fassbar als Zusammenzug aus dem lat. male habitus, ebenso ital. malattia.

Autorin/Autor: Sebastian Brändli

1 - Vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit

Die K.en und ihre Ursachen wurden in fast allen antiken Hochkulturen thematisiert. Besonderen Einfluss auf die europ. Entwicklung hatte die griech. Medizin, die K. als Störung des Säftegleichgewichts definierte. Gelehrte wie volkstümliche medizin. Vorstellungen des MA und der frühen Neuzeit fussten auf humoralpatholog. Grundsätzen. Ebenso wichtig war im MA die kirchl.-theol. Vorstellung, die K. als eine gottgewollte Strafe für eine begangene Sünde ansah. Innovative Krankheitskonzepte entstanden durch den Einbezug von Anatomie und Chirurgie, so bei Andreas Vesal in seinem Hauptwerk "De humani corporis fabrica libri septem" (1543 in Basel erschienen), sowie durch die Professionalisierung der städt. Handwerkschirurgen und Ärzte.

<b>Krankheit</b><br>Glasscheibe von 1635 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Die Darstellung gehört zu einer Gruppe von sieben kleinen Scheiben unbekannter Herkunft, die vermutlich für den Privatgebrauch bestimmt waren. Sie illustrieren die Worte Christi zu den Sieben Werken der Barmherzigkeit: Der Christ soll Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien und die Toten bestatten.<BR/>
Glasscheibe von 1635 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Die Herausbildung moderner Territorialstaaten hatte ein gesteigertes öffentl. Interesse an Gesundheit bzw. K. der Bevölkerung zur Folge. Dabei spielten verschiedene polit. und religiöse Begründungen eine Rolle, insbesondere die Bevölkerungspolitik des Merkantilismus und die Konzepte der Medicinischen Policey; diese Konzepte wurden jedoch nirgends vollständig verwirklicht. Versch. Massnahmen, nicht nur im Bereich der Epidemienvorsorge, sondern auch Regeln für das moral. Verhalten (Sittenmandate) sollten K.en verhindern helfen.

Als übergeordnete Tendenz im MA und in der frühen Neuzeit ist die Individualisierung von K. erkennbar. K. entwickelte sich dadurch zum anerkannten individuellen Status und zum primären Grund für die Anerkennung von Arbeitsunfähigkeit. Die Geisteshaltung der Aufklärung und die Weltsicht des Bürgertums führten diese Verlagerung der Verantwortung auf das Individuum weiter.

Die Herausbildung von Krankheitskonzepten wurde auch durch die Häufigkeit einzelner K.en und deren öffentl. Wahrnehmung bestimmt (sog. Schlüsselkrankheiten). Für die Konstituierung von K. im SpätMA kann das eruptive Auftreten der Pest in den Jahren nach 1347 und die daraus entstandene, unvorhersehbare und existenzielle Bedrohung kaum hoch genug veranschlagt werden. Zusammen mit anderen Epidemien wie Aussatz, Syphilis und engl. Schweiss führte die Pest zur Entwicklung institutioneller Vorbeugemassenahmen wie der Gründung von Sanitätsräten und Siechenhäusern sowie einer Quarantänepolitik.

Autorin/Autor: Sebastian Brändli

2 - Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Der Individualisierungsprozess von K. setzte sich im 19. Jh. fort. Industrialisierung und Soziale Frage, aber auch K.en wie Cholera, Typhus oder Tuberkulose modifizierten zwar den Prozess, indem sie kollektive bzw. polit. Lösungen herausforderten, das individuelle Paradigma der K. blieb aber bis heute bestimmend. Hauptsächlich die aus der Individualisierung abgeleitete Gleichsetzung von K. mit Arbeitsunfähigkeit sowie von Gesundheit mit Arbeitsfähigkeit hat sich bei sozialintegrativen Massnahmen ebenso wie versicherungsrechtlich durchgesetzt (Arbeitsmedizin, Arbeitsrecht).

Die wissenschaftl. Entwicklung der Schulmedizin liess die Zellularpathologie zum bestimmenden Krankheitskonzept werden. Weitere medizin. Erkenntnisse und daraus abgeleitete Organisationsformen wie Therapievorstellungen und Vorsorgemöglichkeiten trugen zur komplexen Entwicklung des Erkennens und Behandelns von K.en bei. Dazu gehörten die Impfung, die Massnahmen zur Erreichung der Keimfreiheit (Antisepsis/Asepsis), die Entwicklung des modernen Spitals, die Isolierung und Kategorisierung von K.en sowie die Veränderung des Alltags durch neue Vorsorgeformen (Hygiene).

<b>Krankheit</b><br>Röntgenkampagne zur Diagnostik von Lungentuberkulose (Schwindsucht) im September 1945 in Zürich. Fotografie von  Jack Metzger (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-12078) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.<BR/>Mit dem Gebrauch von Penizillin nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Tuberkulose Einhalt geboten werden: In der Schweiz wurden 1945 rund 100 Fälle auf 100'000 Einwohner registriert, im Jahr 1997 waren es noch 10. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist man nach wie vor weit davon entfernt, die Krankheit weltweit unter Kontrolle zu haben.<BR/>
Röntgenkampagne zur Diagnostik von Lungentuberkulose (Schwindsucht) im September 1945 in Zürich. Fotografie von Jack Metzger (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-12078) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
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Mangelkrankheiten als Folge ungesunder Lebensverhältnisse wurden aufgrund des steigenden Lebensstandards im 19. und 20. Jh. zurückgedrängt (Rachitis, Tuberkulose). Auf der anderen Seite entstanden sog. Zivilisationskrankheiten, die sich in Industrieländern auf Grund der guten Lebensverhältnisse verbreiteten. Dazu gehören u.a. Diabetes und Hypertonie (durch Überernährung) sowie Allergien; auch Alterserkrankungen können zu den Zivilisationskrankheiten gezählt werden, treten sie doch häufig auf, wenn durch zivilisator. Leistungen die Lebenserwartung steigt (z.B. Krebs, Herzinfakt und Alzheimer). Mit Zivilisationskrankheiten verwandt sind Suchtkrankheiten, die in ihrem Entstehen mit zivilisator. Bedingungen in Verbindung gebracht werden (Drogen).

Gesetzgeberisch erfuhr das Konzept der in der frühen Neuzeit nirgends verwirklichten Medicinischen Policey zur Abwehr und Verhinderung von K.en im 19. Jh. als Gesundheitspolizei eine Neuauflage. Neben gesundheitspolit. Gegenstrategien zur Lösung der Sozialen Frage (z.B. Wohnungsfürsorge) wurden v.a. seuchenpolizeil. Massnahmen ergriffen. In der Bundesverfassung von 1874 wurde in Art. 69 dem Bund die Kompetenz betreffend die Vorsorge bei Epidemien übertragen, die im eidg. Seuchengesetz konkretisiert wurde. Eine erste Vorlage wurde 1882 wegen des Impfzwangs abgelehnt. 1886 trat das Bundesgesetz, das Massnahmen im Bereich der Pocken, Cholera, Typhus und Pest vorsah, in Kraft.

Für die Deutungsmacht der aufgeklärten Schulmedizin an der Wende zum 19. Jh. waren die medizin. Strategien zur Bekämpfung der Pocken (Inoculation, Vaccination) zentral. Eine weit verbreitete K. war der Kropf, der bis ins frühe 20. Jh. im Alpenraum sehr häufig war (Kretinismus). In der frühen Industrialisierung waren die Cholera und die Tuberkulose präsent. Erstere war europaweit für die Entwicklung der Hygienebewegung und der dazugehörigen Erstellung einer urbanen Infrastruktur (Kanalisation) verantwortlich, Letztere war mit der Etablierung der Höhenkuren in Davos stark mit der Schweiz verknüpft. Im schweiz. Bewusstsein verankert sind auch die Grippewellen während und nach dem 1. Weltkrieg (Grippe). Im 20. Jh. haben Kreislaufkrankheiten und Krebs, seit ihrem Auftreten Weltkrankheiten wie Aids, Sars und die Vogelgrippe - nicht zuletzt wegen der generellen Mediatisierung der Gesellschaft - die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die Krankheitsvorstellungen verändert, obwohl statistisch nach wie vor Herzkreislaufkollaps und Krebs die häufigsten Todesursachen in der Schweiz sind (Mortalität).

Eine eigene Kategorie bilden die psych. K.en. Melancholie und Hysterie waren ab der Antike als Beschreibung bestimmter phys. Verfassungen bekannt, Geisteskranke blieben aber in der Regel in ihrem sozialen Umfeld integriert. Erst die Aufklärungsmedizin definierte psych. Störungen als K. Die im 19. Jh. entstandenen Konzepte betonten teils medizin., teils psycholog. Aspekte. Anfang des 20. Jh. wurde - insbesondere mit der Einführung von Schizophrenie als K. durch Eugen Bleuler - eine Kategorisierung gefunden, die in den Grundzügen bis heute gültig ist.

Autorin/Autor: Sebastian Brändli

3 - Krankheit in Arbeit und Versicherung

K. im Betrieb ist heute ein eigenständiges, wissenschaftl. und polit. Thema. Als Phänomen trat es bereits in den Manufakturen des Merkantilismus auf, wurde durch Proto- und Industrialisierung aber verstärkt wahrgenommen, v.a. auch über Auswüchse der Kinderarbeit, die durch Fabrikgesetze im 19. Jh. eingeschränkt wurde. K. stellt heute in Industriestaaten neben Unfall und Alter das grösste individuelle Risiko dar. Dessen Versicherbarkeit ist das Ergebnis eines längeren Prozesses, der im Rahmen des umfassenden Individualisierungsprozesses von K. in der frühen Neuzeit vorbereitet wurde. Die Anfänge der Krankenversicherung liegen im 19. Jh. Erst 1912 gelang mit dem Kranken- und Unfallversicherungsgesetz (KVUG) eine einheitl. Regelung, die Rückwirkungen auf Krankheitskonzepte hatte. Seit den grossen Gesetzesrevisionen Ende des 20. Jh. (1981 Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 1994 Bundesgesetz über die Krankenversicherung) ist der gesetzgeber. Revisionsbedarf kaum mehr zu stillen, was insbesondere im Kampf um den sog. Leistungskatalog (Leistungen, die eine Krankenkasse im Rahmen der obligator. Grundversicherung zu erbringen hat und somit implizit eine Liste "anerkannter" K.en darstellen) zum Ausdruck kommt. K. gerät damit via Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien in den Sog wirtschaftl. Überlegungen.

Versicherungsrechtlich spielen Zivilisationskrankheiten und Suchtkrankheiten oft eine Sonderrolle, da die Frage der Selbstverschuldung gesellschaftl. und gesundheitspolit. Fragen aufwirft (Alkoholismus, Tabakkonsum). Mit der Schaffung unterschiedl. Risikokategorien wurden erste Reformschritte angegangen.

Autorin/Autor: Sebastian Brändli

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Ackerknecht, Gesch. und Geographie der wichtigsten K.en, 1963
– M. Foucault, Geburt der Klinik, 1973 (franz. 1963)
– W. McNeill, Plagues and Peoples, 1976
– K.E. Rothschuh, Konzepte der Medizin in Vergangenheit und Gegenwart, 1978
– S. Sontag, K. als Metapher, 1978 (engl. 1978)
Le sens du mal, hg. von M. Augé, C. Herzlich, 1983
– B. Duden, Gesch. unter der Haut, 1987
– S. Brändli, Die Retter der leidenden Menschheit, 1990
– C. Scharfstetter, «Modelle psych. K.en», in Vjschr. der Naturforschenden Ges. in Zürich 144, 1999, H. 3, 101-112
– M. Louis-Courvoisier, Soigner et consoler, 2000
– S. Pilloud, M. Louis-Courvoisier, «The intimate experience of the body in the eighteenth century», in Medical History 47, 2003, 451-472
– U. Freisens, "Pain in Europe", 2005

Autorin/Autor: Sebastian Brändli