• <b>Hygiene</b><br>Plakat von  Alex Billeter,  1953 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Die Schweizerische Lungenliga, vormals Schweizerische Vereinigung gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten, lancierte wiederholt Kampagnen, um die Bevölkerung zu mehr Hygiene aufzurufen: Mit Sauberkeit, reiner Luft und Sonnenbestrahlung sollten Infektionskrankheiten überwunden werden.

Hygiene

Zur H. gehören alle Verrichtungen, die dem Erhalt der Gesundheit dienen. Die H. oder Gesundheitspflege beschäftigt die Menschheit schon seit jeher. Der Name kommt von Hygieia, der griech.-röm. Göttin der Gesundheit und Tochter von Asklepios (dt. Äskulap), dem Gott der Heilkunst. Zu Beginn des 19. Jh. wurde der Begriff allmählich gebräuchlich, als die H., die zunächst auf das Privatleben des Individuums beschränkt war, in den öffentl. und kollektiven Bereichen, für welche die Gesundheitspolizei zuständig war, eine immer bedeutendere Rolle zu spielen begann (Gesundheitswesen, Medizin). Am Ende des 20. Jh. wurde der Begriff H., der immer ausschliesslicher der körperl. Sauberkeit vorbehalten blieb, vermehrt durch die Ausdrücke Gesundheit, Prävention oder Gesundheitsförderung ersetzt, welche verschiedene, ein Jahrhundert zuvor zur H. zählende Aspekte umfassten (Körpererziehung, Kosmetik). 1993 gab das Bundesamt für Gesundheit das Buch "Gesundheit in der Schweiz" heraus, 1999 wurde die Nationale Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz gegründet.

1 - Bis 1800

Eine gemässigte Lebensführung galt als Voraussetzung für Gesundheit. Daneben wurde aber seit der Antike auch die Bedeutung der natürl. Elemente (Wasser, Luft, Sonne) anerkannt. Der reinigenden und heilenden Kraft des Wassers wurde eine wichtige Rolle zugeschrieben. Davon zeugen die Systeme zur Wasserversorgung mit Trinkwasser, die Anlagen zur Beseitigung der Abwässer, die Thermen sowie die zahlreichen Überreste von Toilettenanlagen, die auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gefunden wurden. Das Heiligtum Grienmatt in Augusta Raurica, in welchem man Aesculapius Augustus verehrte, enthielt zahlreiche Bäder.

Im MA wurde mit diesen Hygienevorstellungen nicht gebrochen. Die Klöster (siehe St. Galler Klosterplan) und Burgen wiesen sanitäre Installationen auf, und auch das Baden erfreute sich am Ende des MA grosser Beliebheit. Antikes Wissen wurde durch Gesundheitsratgeber ("Regimen sanitas") und Regierungshandbücher ("Fürstenspiegel") tradiert. In Ratsquellen von Schweizer Städten (u.a. Luzern, Basel, Bern, Zürich) finden sich Quellen, welche die Rezeption der antiken Hygienelehre belegen, u.a. Lebensmittelpolizei, Kadaverentsorgung, Reinhaltung von Gassen, Schutz von Brunnen. Daneben gab es aber auch eigenständige Lösungsansätze. Die schon im MA praktizierte Absonderung von Leprakranken (Aussatz) wurde in der frühen Neuzeit auf die Syphilis und die Pest ausgedehnt, wobei die Quarantäne eingeführt wurde (auch im Warenverkehr). Im 16. Jh. kam es zu einem Bruch mit antiken Hygienevorstellungen. Von da an betrachteten die Mediziner u.a. das Vollbad als schädlich, weil sie befürchteten, dass durch die erweiterten Poren Giftstoffe in den Körper eindringen würden. Trotzdem gewannen die Thermen an Bedeutung. Die öffentl. H. wurde in der frühen Neuzeit verstärkt, was sich zunächst an der Pestprophylaxe zeigte.

Unter dem Einfluss der Aufklärung bemühten sich auch Obrigkeiten in der Schweiz im 18. Jh. zunehmend um das Wohlergehen der Untertanen. Es kam zur Einführung der sog. medizin. Polizei, der öffentl. H. im modernen Sinne, welche u.a. vom Mediziner Johann Peter Frank wissenschaftlich begründet wurde. Der Einfluss des Milieus auf die Gesundheit fand Eingang in die Statistiken und medizin. Topografien. Der Arzt Auguste Tissot betonte 1761 in seinem Werk "L'Avis au peuple sur sa santé" die Wichtigkeit der H. (ohne das Wort zu gebrauchen) zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit (Atmung, sportl. Übungen, Ernährung).

Autorin/Autor: Martin Illi

2 - 19. und 20. Jahrhundert

2.1 - Private Initiativen und staatl. Interventionen

Die Industrialisierung und die damit verbundenen stärkeren Bevölkerungsballungen, das Auftreten neuer Epidemien (Cholera, Typhus) sowie das energ. Verweisen auf die Gefahren ungesunder Lebensverhältnisse brachten die polit. Behörden dazu, vermehrt zu intervenieren. Im letzten Drittel des 19. Jh. wurden bezüglich Infektion und Ansteckung bedeutende Entdeckungen gemacht, welche dieses Vorgehen begünstigten. Die herausragenden Persönlichkeiten waren in Deutschland Max Josef von Pettenkofer (Studie über die Cholera, 1865 erster Lehrstuhl für H.) und Robert Koch (1882 Entdeckung des Tuberkelbazillus, 1884 des Choleraerregers), in Frankreich Louis Pasteur ("La théorie des germes" 1878). Der Erreger des Typhusfiebers wurde 1879 von Carl Joseph Eberth in Zürich entdeckt, jener der Pest 1894 vom Schweizer Alexandre Yersin in Hongkong.

Zu Beginn des 20. Jh. wurde die H. zu einem allgegenwärtigen Thema, das alle Gebiete, die mit der Gesundheit der Menschen zu tun haben, durchdrang. Als komplexes und in sich geschlossenes Denksystem brachte sie Bereiche zusammen, die bisher getrennt und empirisch betrachtet wurden. Man spricht für diese Zeit von der Hygienebewegung - ein Begriff, der gleichzeitig den dynam., voluntarist. und umfassenden Charakter der Propagandakampagne zu Gunsten der H. ausdrückt. Die Hygienebewegung wurde von Wissenschaftlern, Medizinern und Politikern angeführt. Mitglieder naturwissenschaftl. und gemeinnütziger Vereine sowie eine Vielzahl von Ligen und spezialisierten Gruppierungen, die sich in der Zwischenkriegszeit teilweise in Dachorganisationen zusammenschlossen, trugen sie weiter.

Auf Bundesebene war der St. Galler Arzt Jakob Laurenz Sonderegger eine der einflussreichsten Persönlichkeiten auf dem Gebiet der H. Sein 1873 veröffentlichtes Werk "Vorposten der Gesundheitspflege" hatte grossen Erfolg. Er griff darin die klass. Themen der H. auf: Luft, Wasser, Wohnen, Ernährung, Wein und Tabak, Kindersterblichkeit, Schule, Arbeit und Spital. Auf Ersuchen des Bundes publizierte er 1883 auch das Werk "Zum Schutze gegen die Cholera". Der Neuenburger Louis Guillaume, der 1864 die "Hygiène scolaire" veröffentlichte und ab 1874 die Zeitschrift "Feuilles d'hygiène" herausgab, und der Berner Adolf Vogt, der einer Wohnungsinspektionskommission angehörte und 1876 den ersten Lehrstuhl für H. an der medizin. Fakultät der Univ. Bern bekleidete, zählen zu den Pionieren in der Schweiz. Die H. war nun ein Zweig der Medizin und gehörte zum Stoff der 1877 eingeführten eidg. Prüfungen. Nach dem Lehrstuhl in Bern wurde 1886 einer in Zürich, 1892 einer in Basel und 1897 einer in Lausanne errichtet.

Für die Gesundheit waren nun zunehmend der Staat und das Individuum verantwortlich. Zur öffentl. und häusl. H. gehörten zwei Aspekte: Es galt alles zu vermeiden, was der Gesundheit schaden konnte, und das aufzuwerten, was sie stärkte, nämlich die Qualität der Luft, des Wassers und des Bodens, die Mikrobenbekämpfung und die Desinfektion, die H. in der Stadt und die Wohnhygiene sowie den Kampf gegen ansteckende Krankheiten und soziale Übel (Alkoholismus). Versch. Spezialgebiete bildeten sich heraus (H. im Zusammenhang mit der Ernährung, in der Schule, der Industrie, den Gefängnissen, den Spitälern, im Militär) und existierten in der 2. Hälfte des 19. Jh. nebeneinander. Dagegen begann der Aufschwung der sozialen und moral. H. (Cartel romand d'hygiène sociale et morale 1918) sowie der mentalen H. (Schweiz. Nationalkomitee für geistige Hygiene 1928, "Revue d'hygiène mentale" 1936) erst zu Beginn des 20. Jh. Erstere umfasste die Tätigkeit verschiedener, Ende des 19. Jh. unabhängig voneinander gegr. Gesellschaften (Sittlichkeitsbewegung), die sich alle in irgendeiner Weise mit den Verflechtungen von Individuen und Gesellschaft befassten (Schutz junger Mädchen, Unterstützung von Strafentlassenen, Kampf gegen Prostitution, Geschlechtskrankheiten oder unmoral. Literatur). Die Bewegung der mentalen H. betraf die Entwicklung der psych. Gesundheit und die Verhütung mentaler Störungen (Psychisch Kranke). Die ab 1921 von der Schweiz. Gesellschaft für Gesundheitspflege herausgegebene "Zeitschrift der Schweiz. Gesellschaft für Gesundheitspflege" gibt ein gutes Bild von der Vielfalt der behandelten Fragen.

Das Problem der H. hatte auch wesentl. Einfluss auf die Gesetzgebung. Auf Bundesebene zu erwähnen sind das Fabrikgesetz von 1877 (Art. 2 und 3 über die Gesundheit der Arbeiter), das Gesetz von 1886 über die zu ergreifenden Massnahmen bei allgemeingefährl. Epidemien (Meldung, Desinfektion, Isolierung) oder jenes von 1928 über den Kampf gegen die Tuberkulose. Die anderen Bereiche (baul. Massnahmen, Organisation der gesundheitspolizeil. Belange usw.) wurden von kant. Gesetzen geregelt, aufgelistet von Johann Friedrich Schmid in seiner "Systemat. Uebersicht der auf Ende 1890 in Kraft bestehenden Gesetze [...] betreffend das öffentl. Gesundheitswesen des Bundes [...]" (1891).

1882 fand in Genf der vierte internat. Hygienekongress statt, in dessen Folge in mehreren Kantonen Hygienevereine (1883 Genf, 1887 Zürich) oder Kommissionen innerhalb eines Ärzteverbands (1883 Waadt) entstanden. Ihre Aufgabe bestand darin, durch vorbildl. Handeln und mit Hilfe leicht verständlicher Schriften die Prinzipien der H. zu verbreiten. Das Eidg. Büro für Gesundheitspflege (1893), das 1915 zum Eidg. Gesundheitsdienst wurde, erhielt den Auftrag, Mortalitätsstatistiken zu erstellen und epidemiologierelevante Daten zu erfassen.

<b>Hygiene</b><br>Plakat von  Alex Billeter,  1953 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Die Schweizerische Lungenliga, vormals Schweizerische Vereinigung gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten, lancierte wiederholt Kampagnen, um die Bevölkerung zu mehr Hygiene aufzurufen: Mit Sauberkeit, reiner Luft und Sonnenbestrahlung sollten Infektionskrankheiten überwunden werden.<BR/>
Plakat von Alex Billeter, 1953 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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2.2 - Die Umsetzung im Alltag

Wohn- und Körperhygiene waren zwei Hauptthemen der Hygienebewegung. Ein halbes Jahrhundert nachdem Frankreich, Preussen oder England nach der Cholera-Epidemie von 1832 Untersuchungen durchgeführt hatten, taten es ihnen mehrere Schweizer Städte gleich (1889 Basel, 1894 Lausanne, 1896 Bern und Winterthur, 1897 St. Gallen). Alle gesundheitsschädigenden Faktoren wurden aufgezeigt: Lichtmangel, schlecht durchlüftete Zimmer und Küchen, Latrinen ohne Abfluss, Spülbecken ohne Wasserzuleitung, mangelhafte Kanalisationen und mit Abwasser durchtränkte Böden. Solche Wohnungen waren Brutstätten krankheitserregender Keime und bedrohten die Gesundheit von Individuum und Gemeinschaft. Zu Beginn des 20. Jh. wurden in den Gem. Gesundheitsdienste auf die Beine gestellt, welche die verdächtigen Wohnungen zu inspizieren hatten. Ihre Mitarbeiter waren auch mit der Gesundheitserziehung der Bevölkerung beauftragt (Abfall). Quartiere mit ungesunden Wohnverhältnissen wurden v.a. in der Zwischenkriegszeit abgerissen und in der 2. Hälfte des 19. Jh. zum Teil durch Sozialwohnungen ersetzt. Die Normen für die sanitären Einrichtungen dieser Wohnhäuser wurden ständig verschärft: Vor Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde fliessendes Wasser in der Küche und eine gemeinschaftl. Toilette auf dem Treppenabsatz Standard, in der Zwischenkriegszeit kamen Badewanne oder Dusche mit warmem Wasser dazu.

Das häusl. Leben (Unterhalt der Wohnung, Körperpflege, Lebens- und Verhaltensgewohnheiten) wurde grundlegend verändert, und immer präzisere Regeln wurden auf versch. Wegen konkret und leicht verständlich vermittelt. Dies geschah mit Lehrbüchern für Hauswirtschaft, mit Broschüren der Liga der Rotkreuzgesellschaften ("Principes d'hygiène" 1924), mit Publikumszeitschriften ("Die Familie", "Der Hausfreund"), aber auch mit dem Haushaltungsunterricht an den Schulen (1908 erster internat. Kongress in Freiburg). Die Frau als Hauptverantwortliche für Haus und Kindererziehung war für die Reform der H. von zentraler Bedeutung. Staub zu wischen hiess, gegen Mikroben zu kämpfen, das Fenster zu öffnen bedeutete, frische Luft hereinzulassen, und nicht mehr zu spucken trug dazu bei, gegen die Tuberkulose vorzugehen. Nun musste der ganze Körper gewaschen werden. Die zu Beginn des 20. Jh. eingeführte Schuldusche veränderte die Gewohnheiten erneut.

Die natürlichen, nicht verunreinigten Elemente wie Wasser, Luft, Licht und Sonne (Lebensreformbewegung) wurden ihres stärkenden und antisept. Werts wegen empfohlen: Mitte des 19. Jh. kam die Hydrotherapie in Mode (Schwimmen). Weiter trugen die Luftkuren, die 1860-70 in Davos und Leysin zur Behandlung der Tuberkulose eingeführt wurden, und die vom Arzt Auguste Rollier in Leysin angewandten Sonnenkuren dazu bei, dass die Bevölkerung Wasser, Luft und Sonne viel bewusster zu nutzen begann. Tuberkulose-Ligen und Schulbehörden organisierten sog. Freiluftschulen.

Die Hygienenormen des 19. Jh. blieben im 20. Jh. mehr oder weniger bestehen. Es brauchte Zeit, um die Mentalitäten zu verändern, doch schliesslich waren die neuen Verhaltensweisen weitgehend verinnerlicht, und zwar so stark, dass die Schweiz die Sauberkeit zu einem nationalen Wert erhob. Von der 1968er-Bewegung wurde sie jedoch als Teil der bürgerl. Ideologie, als Mittel zur Sozialdisziplinierung betrachtet und heftig angefochten. Ausserdem haben in jüngster Zeit Umweltverschmutzung, Allergien und Krebsrisiken den absoluten Wert der Sauberkeit und der Sonne relativiert.

Autorin/Autor: Geneviève Heller / AHB

Quellen und Literatur

Literatur
  • Bis 1800

    – A. Corbin, Pesthauch und Blütenduft, 1984 (franz. 1982)
    – E. Riha et al., Röm. Toilettgerät und medizin. Instrumente aus Augst und Kaiseraugst, 1986
    – M. Illi, Von der Schissgruob zur modernen Stadtentwässerung, 1987
    – G. Vigarello, Wasser und Seife, Puder und Parfum, 1988 (franz. 1985)
    – H. Sobel, Hygieia, 1990
    – R. Tölle-Kastenbein, Antike Wasserkultur, 1990
    LexMa 5, 242-244
    – F. Hatje, Leben und Sterben im Zeitalter der Pest, 1992
    – K. Simon-Muscheid, «Pesthauch und Brunnenwasser», in Fundgruben: stille Örtchen ausgeschöpft, Ausstellungskat. Basel, 1996, 34-42
  • 19. und 20. Jahrhundert

    – H.-H. Eulner, Die Entwicklung der medizin. Spezialfächer an den Univ. des dt. Sprachgebietes, 1970, 139-158
    – G. Heller, "Propre en ordre", 1979
    – B. Mesmer, «Reinheit und Reinlichkeit», in Gesellschaft und Gesellschaften, 1982, 470-494
    – R. Talarico, Il Cantone malato, 1988
    – L. Trevisan, Das Wohnungselend der Basler Arbeiterbevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jh., 1989
    – B. Koller, "Gesundes Wohnen", 1995
    Die Verwissenschaftlichung des Alltags, hg. von B. Mesmer, 1997
    – P. Sarasin, Reizbare Maschinen, 2001