• <b>Schmuck</b><br>Ohrring aus dem römischen Goldschatzfund von Lunnern, um 250 n.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum). Das 1741 geborgene Fundstück besteht aus einer Rosette mit Ohrhaken (fehlt), einem mit drei Blattranken verzierten Mittelstück sowie zwei Anhängern (Pendilen). Der dritte Anhänger ging nach der Auffindung des Schatzes verloren, genauso wie die Perlen am Ende der Pendilen.

Schmuck

Schon in ur- und frühgeschichtl. Zeit war es den Menschen ein Bedürfnis, Körper und Kleidung zu schmücken. Das Tragen von S. hatte ferner die Funktion, die gesellschaftl. Stellung von Mann und Frau und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu manifestieren. Zu Beginn des 21. Jh. schmückt sich der Mensch vermehrt, um sein ästhet. Empfinden und seine Individualität zu betonen.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Die Kenntnisse über Schmuckstücke und ihre Tragweise gehen auf Grabfunde (Bestattung) zurück. Qualität, Quantität und die Auswahl der Objekte geben u.a. Aufschluss über Standeszugehörigkeit, Geschlecht und Alter der Bestatteten, aber auch über die Tradition, der sich die Gemeinschaft des Toten verpflichtet fühlte. Schon im Jungpaläolithikum wurden einzelne Individuen mit gelochten Muscheln geschmückt. Ein aus Eberzahnlamellen zusammengesetztes Gehänge und zahlreiche Kalkstein- und Lignitperlen in den neolith. Gräbern von Corseaux-En-Seyton werden unterschiedlich gedeutet. Sicher ist jedoch, dass S. aus vielen Perlen zu jener Zeit zur Ausstattung von Frauen, Kindern und Männern gehörte. Die einzige Bildquelle aus dem Neolithikum mit Informationsgehalt zu S. und Kleidung sind die stark stilisierten Menschendarstellungen der spätneolith. Steinstelen von Sitten-Le Petit Chasseur.

In der Bronzezeit setzten sich geschlechtsspezif. S. und entsprechendes Zubehör zur Kleidung durch. Wohl wurden Ringe, Nadeln und Gürtelhaken von Männern wie Frauen getragen, doch in einer nach Geschlecht variierenden Formgebung und Verzierung. Auch die Tragweise von Armringen oder Gewandnadeln - paarig oder einzeln - unterschied sich oft. Bronze dominierte, Gold blieb selten. Getragen wurden ferner Perlen aus Gagat, Glas und Bernstein, die nur über den Fernhandel zu beschaffen waren. In der Hallstatt- und Latènezeit wurde das Zubehör der weibl. Kleidung in der Regel mit weit mehr Aufwand hergestellt und verziert als dasjenige der Männer. Eine mit zahlreichem Zubehör und S. ausgestattete Kleidung verwies ebenso auf die Zugehörigkeit zu einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht wie die Verwendung von Fernhandelsware, Koralle und Bernstein. Sonderfälle sind goldene, in Treibtechnik verzierte Hals- und Armreifen aus hallstattzeitl. Wagengräbern, die auch als Herrschaftszeichen gedeutet werden (Gold- und Silberschmiedekunst). Der bekannteste prähist. Goldschmuck aus der Schweiz - der sog. Goldschatz von Erstfeld - war möglicherweise eine Votivgabe.

<b>Schmuck</b><br>Ohrring aus dem römischen Goldschatzfund von Lunnern, um 250 n.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Das 1741 geborgene Fundstück besteht aus einer Rosette mit Ohrhaken (fehlt), einem mit drei Blattranken verzierten Mittelstück sowie zwei Anhängern (Pendilen). Der dritte Anhänger ging nach der Auffindung des Schatzes verloren, genauso wie die Perlen am Ende der Pendilen.<BR/>
Ohrring aus dem römischen Goldschatzfund von Lunnern, um 250 n.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Autorin/Autor: Biljana Schmid-Sikimić

2 - Von der Römerzeit bis in die Gegenwart

Bei den Schmuckstücken aus kelt.-röm. Zeit, die auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gefunden wurden, handelt es sich um Grabbeigaben und Hortfunde. Die Fibeln, Ringe, Armspangen und Colliers aus Bronze, Silber und Gold lassen auf eine wohlhabende Oberschicht schliessen. Im FrühMA wurde das Goldschmiedehandwerk in den klösterl. Werkstätten ausgeübt. Aus den Aufzeichnungen der Klöster geht hervor, dass nur Vertreter des Klerus und des Adels S. aus Edelmetallen anfertigen liessen. Die von Mönchen ausgebildeten Gold- und Silberschmiede machten sich in den Städten selbstständig und organisierten sich in Zünften. Vom 14. Jh. an geben Schenkungsurkunden und Erbschaftsverzeichnisse Auskunft über profanen S. Selbst in den einfachsten Nachlässen fehlen Männer- und Frauenringe nur selten. Der an die Nachkommen vererbte S. wurde als Andenken, Amulett und Glücksbringer in Ehren gehalten.

In franz. Kriegsdiensten stehende Schweizer Söldnerführer, die zu Reichtum gelangt waren, brachten im SpätMA die Pariser Bekleidungs- und Schmucksitten ins Land. Der im 17. Jh. grassierende Luxus hatte zur Folge, dass die Obrigkeiten Kleidermandate und Luxusverbote erliessen, die das Tragen von S. streng reglementierten (Sittenmandate). Da das Tragen von auffälligem S. beim Kirchgang vielerorts verboten war, kreierten die Goldschmiede Goldfiligranketten, den sog. Mandatschmuck. Die Magistraten hingegen traten mit kostbarem Geschmeide in der Öffentlichkeit auf; der Standesunterschied musste sichtbar sein. In Genf und Neuenburg, wo die Uhrmacherei (Uhrenindustrie) und die Juwelierkunst (Bijouterie) vom 16. Jh. an dank des Exporthandels zu Weltruf gelangt waren, trugen die Damen - allen Verboten zum Trotz - wertvollen S. Mit dem Ende des Ancien Régime wurden die meisten Luxusmandate ausser Kraft gesetzt. Als neues Schmuckstück für den Herrn entstanden im 17. Jh. die ersten kostbaren Taschenuhren. Mit der Industrialisierung wurden sie in grossen Mengen kostengünstig produziert. Armbanduhren für Damen wurden vereinzelt im 19. Jh. angefertigt, ihre allg. Verbreitung erfolgte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh.

Im 18. Jh. wollte auch die ländl. Oberschicht ihr neu erwachtes Standesbewusstsein zum Ausdruck bringen. Sie entwickelte in Anlehnung an die städt. Mode Kostüme und passte diese dem regionalen Geschmack und den lokalen Bräuchen an. Von der Mitte des 18. Jh. bis zum 1. Weltkrieg wurden die Trachten auf dem Land an Sonn- und Feiertagen, zu Hochzeiten, Taufen und kirchl. Prozessionen getragen. S. hatte als Bestandteil der Frauentracht eine symbol. Bedeutung und wurde jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Generell war die kath. Schweiz bedeutend schmuckfreudiger als die reformierte.

Mit dem Anwachsen des Mittelstands während der Industrialisierung stieg im 19. Jh. die Nachfrage nach preisgünstigem S. Um diesem Bedürfnis zu genügen, produzierte die Industrie grosse Mengen von gepressten Schmuckstücken in gestalterisch schlechter Qualität. Zu Beginn des 20. Jh. kreierten Genfer Juweliere im Stil des Pariser Jugendstils S. für eine gehobene Gesellschaft. In den 1930er Jahren begannen sich die Reformideen des Schweiz. Werkbunds in der Deutschschweiz und des Œuvre in der Westschweiz durchzusetzen. Diese plädierten für schlichte, klare Formen und materialgerechte Verarbeitung. Bis Ende der 1960er Jahre hielt sich die Schmuckavantgarde an diese Grundsätze. In den 1970er Jahren revoltierte eine Gruppe junger Schmuckkünstler gegen das Tragen von S. als Statussymbol. S. sollte ein Träger zeitkrit. Botschaften sein, wobei Form und Material der Idee untergeordnet werden sollten. Trotz internat. Anerkennung blieb dieser S. ein Nischenprodukt. Ende des 20. Jh. beherrschte die in Billigländern produzierte Massenware (Silber-, Fantasie- und Modeschmuck) den Markt. Im 21. Jh. wird hochwertiger S. in der Öffentlichkeit eher selten getragen. Armbanduhren hingegen werden in allen Preislagen produziert. Dank der grossen Nachfrage nach technisch raffinierten, im Hochpreissegment liegenden Uhrwerken floriert die Branche.

Autorin/Autor: Antoinette Riklin-Schelbert

Quellen und Literatur

Literatur
  • Ur- und Frühgeschichte

    SPM 2, 188-193; 3, 337-346; 4, 229-246, 249-258
  • Von der Römerzeit bis in die Gegenwart

    AH 8; 9
    – A. Riklin-Schelbert, Schmuckzeichen Schweiz 20. Jh., 1999
    – W. Koch-Mertens, Der Mensch und seine Kleider, 2 Bde., 2003
    – S.P. Martin-Kilcher, Der röm. Goldschmuck aus Lunnern (ZH), Ausstellungskat. Zürich, 2008