Toilette

Sitz- und Stehklosetts waren in antiken Hochkulturen des Mittelmeerraums verbreitet. Die Römer brachten die Sanitärtechnik ins Gebiet der heutigen Schweiz. Mehrsitzige Latrinen nach röm. Vorbildern sind auf dem St. Galler Klosterplan (um 820) eingetragen. Ausser in Klostergebäuden finden sich solche auch in den Burgen, wo zu einem Festsaal Abtritterker mit mehreren Sitzen gehörten. Solche sind u.a. am Schloss Chillon, an der Burgruine Neu-Süns im Domleschg oder am Turm von Hospental erhalten. Aufwendigere Einrichtungen kommen als Ausdruck höf. Kultur in den Städten vor, teils als rückwärtige Erker, teils wie am Zürcher Münsterhof als Plumpsklo mit gemauerter Grube im Hof (Abwasser, Wohnen). Im SpätMA und in der frühen Neuzeit hinderte das Schamempfinden die Menschen nicht daran, die Notdurft mehrsitzig zu verrichten. Sinnigerweise wurde die Latrine als sog. Sprachhaus bezeichnet, während die frühneuzeitlich geprägten Namen Privet oder Secret für den Ort der Harnentleerung und des Kotausscheidens den Rückzug ins Private andeuten. Trennwände zwischen den einzelnen Toilettensitzen finden sich erstmals in der Schweiz 1765 auf den Plänen des Zürcher Waisenhauses von Gaetano Matteo Pisoni.

Grosse Veränderungen der sanitären Einrichtungen brachte die sog. hygienische Revolution im 19. und 20. Jh. (Hygiene). Die Sanitärtechnik kam von England. Die ersten water closets (WC, Klosetts) waren wegen der Verwendung von Klappen und Ventilen aus Metall korrosionsanfällig. 1842 wurde das neue Kantonsspital Zürich, wohl als erstes Gebäude der Schweiz, mit solchen Spülklosetts ausgestattet. Um 1880 gelang engl. und amerikan. Sanitärkeramikern die industrielle Herstellung von Klosettschüsseln mit integriertem Siphon, der als Geruchsverschluss diente. Dank dieser Neuerung wurde seither die T. in die Wohnung einbezogen. Sie bildete mit Küche, Waschküche und Badezimmer die sog. Nasszelle (Waschen). Wichtige Firmen der Sanitärbranche sind in der Schweiz die 1874 von der Fam. Gebert gegr. Geberit und die Keramik Laufen.

Die ersten aus England in die Schweiz eingeführten Klosettschüsseln waren Luxusobjekte. Die wenig leistungsfähige Wasserversorgung und die Nutzung der menschl. Fäkalien als Dünger hemmten vorerst die Einführung von Spülklosetts. Die Plumpsklos liessen sich weder spülen noch mit fliessendem Wasser reinigen. Erst nach dem Ausbau der Wasserversorgung und dem Erlass entsprechender Bauvorschriften setzte sich das WC durch. Dabei bestanden in der Schweiz grosse soziale, zeitl. und örtl. Unterschiede: Um 1896 waren in Zürich 68% aller T.n mit Spülung versehen, in Lausanne 41% und in St. Gallen nur 7%. Nach einer Schätzung 1866 in Zürich und der St. Galler Wohnungsenquete 1897 hatte in beiden Städten eine einzige T. durchschnittlich acht Personen zu genügen. 1889 verfügten in Basel rund zwei Drittel aller Haushalte über ein eigenes Klosett und 1894 in Lausanne gar 70%. Aber v.a. in der Arbeiterbevölkerung mussten weiterhin bis zu acht Fam. ein WC teilen.

Im Diskurs über die Einführung der T. in der 2. Hälfte des 19. Jh. wurden als Alternativen auch Vakuumtoiletten und Trennklosetts vorgeschlagen. Die Trockentoiletten der 1886 in Chur gegründeten Schweiz. Erdklosettfabrik von Alexander Kuoni erreichten Marktreife. Die Städte förderten öffentl. Bedürfnisanstalten mit dem Bau der Schwemmkanalisation. Die vor 1910 erstellten, wasserlosen Pissoire für Männer galten als Vorzeigeeinrichtungen der Stadterneuerer. Sie wurden nach dem Vorbild der Pariser Schneckenpissoire oder im historisierenden antiken Stil gebaut. Mit dem Verkauf von ölimprägnierten Pissoirplatten erzielte der Zürcher Ingenieur Fritz Ernst einen enormen Geschäftserfolg. Das System Ernst kam nach 1895 in der ganzen Schweiz in fast allen öffentl. T.n, Bahnhöfen und Schulhäusern zur Anwendung.


Literatur
– M. Illi, Von der Schissgruob zur modernen Stadtentwässerung, 1987
Fundgruben, Ausstellungskat. Basel, 1996
– L. Foletti «Ville propre, ville sale», in Tracés 129, 2003, 12-15
– D. Furrer, Wasserthron und Donnerbalken, 2004

Autorin/Autor: Martin Illi