• <b>Luxus</b><br>Titelseite aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek).
  • <b>Luxus</b><br>Ausschnitt aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek). Auch wenn Abschnitt 6 des Sittenmandats Kutschen verbietet, die mit Wappen, Zierleisten und Ornamenten aus Feingold, unechtem Blattgold oder Silber geschmückt sind, wurde der Kampf gegen den Luxus in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr so heftig geführt. Die Genfer Gesellschaft hatte sich von den Idealvorstellungen Johannes Calvins abgewandt und die Reichsten verschrieben sich ebenso dem Luxus wie die Oberschichten anderer europäischer Länder.

Luxus

Lehnwort aus dem Lateinischen, das im positiven Sinn für Prunk und Pracht steht, im negativen Sinn aber auch Masslosigkeit, Verschwendung und Ausschweifung bedeutet. Dieses Bedeutungsspektrum hat sich zu einem guten Teil in den Vorstellungen vom MA bis in die Neuzeit gehalten. Im umgangssprachl. Gebrauch nimmt der Begriff oft eine moral. Färbung an und bezeichnet Güter, die, gemessen an einem gewöhnl. Lebensstandard, überflüssige, reine Genussmittel sind.

1 - Mittelalter und frühe Neuzeit

Im christl. Gedankengut des MA galt L. als etwas Negatives. Die Kirchenväter, die sich dabei auf das Neue Testament, aber auch auf die klass. Tradition beriefen, verurteilten den L. Er wurde mit Unzucht gleichgestellt und unter die Hauptlaster und später die sieben Todsünden eingereiht. Auch in der frühen Neuzeit klangen in der Polemik gegen den L. oft sexualmoral. Aspekte an. Bis zur Renaissance galten L. und Unkeuschheit v.a. als weibl. Eigenschaften. Bisweilen wurde L. mit Figuren wie Eva oder Personifikationen der Versuchung und Unzucht in Verbindung gebracht. Am Ende des MA geriet auch der Klerus im Kampf gegen den L. unter Beschuss. Ihm wurde vorgeworfen, den weltl. Versuchungen zu erliegen. Spätestens ab dem 13. Jh. entdeckten mehrere kirchl. Reformbewegungen die Ideale der Armut und Einfachheit als grundlegende Werte der Urkirche wieder (Bettelorden, insbesondere die Franziskaner). Die Reformation liess das Thema L. erneut aktuell werden. Für Martin Luther und viele andere Reformatoren war der ostentative L. der Päpste ein untrügl. Zeichen für deren Dekadenz. In Genf verkündete Johannes Calvin nach 1541 strenge Vorschriften gegen den L. Für Huldrych Zwingli waren auch Kunstwerke und Schmuckelemente in den Kirchen überflüssiges Blendwerk. In diesem Sinn kann der Bildersturm in den ref. Kirchen auch als Kampf gegen den L. betrachtet werden.

In der frühen Neuzeit versuchten mehrere europ. Staaten, die Demonstration des Reichtums einzuschränken. Auch in der Eidgenossenschaft führten die Obrigkeiten, v.a. in den ref. Orten, lange Zeit einen energ. Kampf gegen den L., insbesondere durch Sittenmandate, die u.a. die Zurschaustellung des Reichtums regelten. Diese Bestimmungen disziplinierten nicht nur die Sitten und Gewohnheiten der Bevölkerung, sondern verstärkten und legitimierten in neuen Bereichen und Territorien auch die Macht der Obrigkeit in Fragen der Moral und festigten zudem die bestehende Gesellschaftsordnung. In der Polemik gegen die Prunksucht wurde als wirtschaftl. Hauptargument angeführt, dass Prachtentfaltung zur Verarmung der Fam. führe und damit gesellschaftl. Probleme schaffe. Es wurde aber auch mit merkantilist. Ideen argumentiert, laut denen der Abfluss von Geld und Produktivkräften aus dem Land begrenzt werden müsse.

In Wirklichkeit blieb der L. Teil des wirtschaftl. Lebens und der sozialen Repräsentation. Im 17. Jh. waren der Hof Ludwigs XIV. und des Königs prunkvolle Residenz in Versailles das Vorbild für ganz Europa. Die alte Eidgenossenschaft kannte zwar keine entsprechende Prachtentfaltung, doch in der Zeit des Barocks mangelte es nicht an Gelegenheiten, L. und Reichtum zur Schau zu stellen, wie die Kleider der damaligen Oberschicht bezeugen. Neben der Kleidung waren in Bern und anderen Patrizierstädten auch Kunstwerke und Goldschmiedearbeiten immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen. Der L. erfüllte eine wichtige symbol. Funktion: In einer Gesellschaft, in der die Kommunikationsmittel rudimentär waren, dienten Prachtentfaltung und Prunk dazu, Macht und Prestige zu demonstrieren, sich in den eigenen Reihen Respekt zu verschaffen und den Untertanen Angst einzuflössen.

Mit der Aufklärung begann eine neue Ära in der Debatte um den L. Grosse Bedeutung hatte dabei die "Bienenfabel" (1714, erweiterte Auflage 1729) von Bernard Mandeville, für den der L. zwar ein privates Laster war, gleichzeitig aber einen Nutzen für die Gesellschaft erbrachte, da er den Geldumlauf, die Industrie und die Wirtschaft förderte. Diese Betrachtungsweise machten sich die Physiokraten zu eigen, u.a. Robert Turgot, und ein Teil der Aufklärer, wie Voltaire in seinem Gedicht "Le Mondain" und in der "Défense du Mondain ou l'Apologie du Luxe" (1737). Die neue Interpretation des L. entsprach dem Lebensgefühl und den Ansprüchen einer wachsenden Schicht von Bürgern, die sich dem Handel widmeten oder Manufakturen betrieben. Vom 18. Jh. an entfachte eine andere Sichtweise den Streit um den L. von neuem: Während Pracht und Reichtum als Symptome der Dekadenz der aristokrat. Gesellschaft galten, wurden unter dem Einfluss von Jean-Jacques Rousseau Ideale wie Natürlichkeit, Einfachheit und republikan. Arbeitsamkeit wieder aufgewertet.

<b>Luxus</b><br>Titelseite aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Titelseite aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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<b>Luxus</b><br>Ausschnitt aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Auch wenn Abschnitt 6 des Sittenmandats Kutschen verbietet, die mit Wappen, Zierleisten und Ornamenten aus Feingold, unechtem Blattgold oder Silber geschmückt sind, wurde der Kampf gegen den Luxus in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr so heftig geführt. Die Genfer Gesellschaft hatte sich von den Idealvorstellungen Johannes Calvins abgewandt und die Reichsten verschrieben sich ebenso dem Luxus wie die Oberschichten anderer europäischer Länder.<BR/>
Ausschnitt aus dem Genfer Sittenmandat vom 27. November 1785 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Auch in der Schweiz nahm die L.-Diskussion in der 2. Hälfte des 18. Jh. einen wichtigen Platz im Gelehrtendiskurs ein. Viele bedeutende Intellektuelle der Zeit wie Isaak Iselin, Leonhard Meister, Beat Ludwig von Muralt und Johann Heinrich Pestalozzi äusserten sich zum Thema, das durch neue, oft importierte teure Produkte, die sich in den begüterten Klassen verbreiteten, und die veränderten Konsumgewohnheiten der Heimarbeiter im Textil- und Uhrensektor Auftrieb erhielt.

Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / PTO

2 - 19. und 20. Jahrhundert

Für die liberalen Ökonomen des 19. Jh. gehörten das Streben nach Reichtum und L. zur berechtigten Suche nach dem Glück. Die L.-Debatte verlor einen Teil ihrer moral. Bedeutung, doch beeinflusste die republikan. Ethik mit ihrer Betonung der Arbeitsamkeit und Einfachheit sowie der Ablehnung einer unnützen Prachtentfaltung weiterhin das bürgerl. Selbstverständnis.

Ab dem 18. und 19. Jh. führten versch. Länder Luxussteuern ein, so 1917 Frankreich, 1918 Deutschland und 1922 Österreich. Auch in der Schweiz wurde über die Erhebung einer eidg. Luxussteuer diskutiert, das Projekt wurde jedoch 1923 aufgegeben. Während des 2. Weltkriegs kam das Anliegen erneut zur Sprache. 1942 führte die Schweiz eine eidg. Luxussteuer ein (z.B. auf Fotoapparaten, Armbanduhren und Plattenspielern), schaffte sie 1958 aber wieder ab. Mehrere europ. Länder behielten ihre hohen Steuern auf dem Umsatz mit Luxusprodukten bei. Sie wurden erst 1993 mit der Vereinheitlichung des europ. Marktes aufgehoben (Steuern). Trotz dieser Massnahmen entwickelte sich ein Angebot von Luxusgütern für ein exklusives Publikum. So wurden Ende des 19. Jh. in allen tourist. Gebieten der Schweiz, von St. Moritz über die Rigi und Interlaken bis zum Genfersee (Gastgewerbe), repräsentative Grand Hôtels gebaut.

Die Industrialisierung ermöglichte die serienmässige Herstellung von Gütern, zu denen früher nur die oberen Klassen Zugang gehabt hatten. Die Banalisierung dieser Luxusgüter wurde als ästhet. Dekadenz empfunden. Dieser Tendenz widersetzten sich an der Schwelle vom 19. zum 20. Jh. die Vertreter des Jugendstils. Die mechanisierte Produktion ihrer Erzeugnisse wurde durch eine sorgfältige stilist. Auswahl und die hohe Qualität der Materialien kompensiert und brachte oft erhebl. Kosten mit sich. In der 2. Hälfte des 20. Jh. wurde der Begriff L. durch den techn. Fortschritt und die industrielle Massenproduktion noch stärker relativiert (Konsumverhalten, Lebensstandard). Produkte, die einst nur für eine Elite erschwinglich waren, wie z.B. das Automobil und Haushaltsmaschinen, waren nun allen zugänglich. Der wachsende Wohlstand und die Verkürzung der Arbeitszeit förderten die weite Verbreitung von Freizeitaktivitäten wie Sport und Ferien, die zuvor den gehobenen Klassen vorbehalten gewesen waren. Deshalb hat die Werbeindustrie begonnen, neue Formen exklusiven Konsums zu propagieren und sie als Mittel sozialer Unterscheidung zu präsentieren. Dabei werden aber anstelle des Begriffs L. Schlagwörter wie Exklusivität oder Qualität verwendet.

Quellen und Literatur

Literatur
– W. Sombart, L. und Kapitalismus, 1913
– F. Marbach, L. und Luxussteuer, 1948
– C. Walker, «Images du luxe à Genève: douze années de répression par la Chambre de la Réformation (1646-1658)», in Revue du Vieux Genève 17, 1987, 21-26
– D. Grugel-Pannier, L., 1996
– I. Spillmann-Weber, Die Zürcher Sittenmandate 1301-1797, 1997
– D. Tröhler, «La pédagogie entre puissance du commerce et vertu républicaine: la question du luxe dans la Suisse du XVIIIe siècle», in Annales Pestalozzi, 2003, Nr. 2, 32-53

Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / PTO