19/08/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Einkommen

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Infografiken illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Unter E. werden die einer natürl. oder jurist. Person innerhalb einer bestimmten Zeit zufliessenden Geldbeträge und Naturalleistungen verstanden, welche dieser aufgrund ihrer Beteiligung am Wirtschaftsprozess zustehen. Es lassen sich versch. Arten von E. unterscheiden, nämlich aus Erwerbstätigkeit (Arbeit), aus dem Vermögen (Zinsen) oder sog. laufende Übertragungen wie Renten, Taggelder, Unterstützungszahlungen oder Fürsorgeleistungen.

1 - Mittelalter und frühe Neuzeit

Während über die Höhe der Vermögen von Stadtbewohnern wie auch vereinzelt von Landbewohnern in den aus dem städt. Bereich stammenden Steuerbüchern bereits im SpätMA zahlreiche Angaben überliefert sind, ist über die Höhe der E. nur wenig bekannt. Mit dem Aufschwung der Städte ab dem 12. und 13. Jh. und der weiteren Ausbreitung der Geldwirtschaft wurde die Zahl derjenigen, deren ökonom. Existenz auf Lohneinkommen (Löhne) basierte, immer grösser. Infolge des durch die Pestzüge ab Mitte des 14. Jh. verursachten demograf. Einbruchs führte der Mangel an gelernten Arbeitskräften in den spezialisierten Handwerks- und Gewerbebetrieben der Städte zu Lohnsteigerungen, welchen die städt. Räte durch die Festsetzung von Maximallöhnen zu begegnen suchten. Überliefert sind v.a. Löhne von Personen in unselbstständiger Lohnarbeit (u.a. Dienstboten, Bauarbeiter, Taglöhner), wobei sich für die Ermittlung des E.s versch. Probleme stellen: Zumeist setzten sich die Löhne aus versch. Bestandteilen wie Geld, Nahrungsmitteln, Kleidung, Unterkunft usw. zusammen, so dass sich kaum eine Aussage über das Gesamteinkommen machen lässt. Die meisten dieser Löhne wurden tageweise ausbezahlt. Eine Hochrechnung auf ein Jahreseinkommen wäre problematisch, da gerade im Baugewerbe wie auch im landwirtschaftl. Bereich saisonal unterschiedl. Beschäftigungslagen vorherrschten. Frauen wie auch Kinder und Jugendliche erzielten im Vergleich zu erwachsenen Männern deutlich tiefere E. Ausserdem lassen sich gerade bei Taglöhnern teilweise gravierende regionale Unterschiede in der Höhe der E. feststellen, insbesondere zwischen Stadt und Land.

Jene E., die selbstständige Gewerbetreibende und Handwerker aufgrund von mögl. Gewinnspannen (Wirte, Schankwirte), Umsätzen (Bäcker, Metzger), Stücklöhnen (Schmiede, Weber) oder Tarifen im Kundenhaushalt (Schneider) erzielten, lassen sich kaum mehr ermitteln, zumal sie grossen Schwankungen unterworfen waren. Zumindest die Wirte scheinen aus dem Herbergs- und Tavernenbetrieb ein ausreichendes E. erzielt zu haben. Auch die im Fern- und Grosshandel tätigen Kaufleute konnten häufig Gewinne erzielen, welche zur Vermögensbildung beitrugen. Hingegen ist jenes E. schwierig einzuschätzen, welches Personen in beamtenähnl. Stellung zufloss, obwohl v.a. aus Städten zahlreiche Angaben zu Gehältern hoher und niedriger Bediensteter überliefert sind: Zumeist erhielten diese nur ein Grundgehalt, welches durch einen Anteil an Amtsgebühren oder sonstige Zulagen vermehrt wurde. V.a. bei niedrigen Bediensteten, z.B. Wächtern oder Zolleinnehmern, war das aus öffentl. Diensten zufliessende E. von Anfang an nur als Nebenverdienst konzipiert; zusätzl. E. stammte zumeist aus privatwirtschaftl. Verdienstmöglichkeiten. Insbesondere ab dem 16. Jh. wurde die höhere Beamtenlaufbahn auch für obere Bevölkerungsschichten interessant. Diese Verdienstmöglichkeit bildete neben Einkünften aus Kapital- und Rentengeschäften, Grundbesitz (Grundzinsen) sowie anderen lukrativen Beteiligungen (z.B. Handelsgesellschaften) eine wichtige Einkommensquelle für Magistratenfamilien, allerdings lässt sich dieses aus versch. Quellen fliessende E. kaum gesamthaft eruieren. Nur wenige Oberschichtsangehörige genossen ein ganz arbeitsfreies Dasein und lebten von ihren Einkünften aus Gerichtsherrlichkeiten, Grundbesitz, Renten und Kapitalanlagen usw. Ende des 15. Jh. wurde das E. aus Pensionsgeldzahlungen (Pensionen) und Solddiensten nicht nur für die Oberschicht, sondern zunehmend auch für Angehörige unterer Schichten lukrativ. So verdiente ein Söldner ohne Beuteanteil und sonstige Zulagen ungefähr den doppelten Lohn eines städt. Bauhandwerkers.

V.a. die aus unselbstständiger Lohnarbeit erwirtschafteten kleinen E. städt. und ländl. Unterschichten (z.B. Taglöhner) reichten angesichts der sprunghaften, auf Ernteausfälle oder Seuchen empfindlich reagierenden vorindustriellen Wirtschaftsentwicklung kaum aus, um den Lebensunterhalt zu sichern. Im Gegensatz zu den temporär stark schwankenden Preisen für Grundnahrungsmittel blieben die Löhne nominal relativ stabil, was sich auf das Realeinkommen auswirkte. Die Getreidebauern im Mittelland wie auch deren Grundherren mussten ab Mitte des 14. Jh. aufgrund der demograf. Depression massive Einbrüche ihrer E. hinnehmen. Dies führte zu Verschuldung und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Ab dem 16. Jh. stiegen die Preise für Agrar- und Gewerbeprodukte, während gleichzeitig ein Absinken des aus unselbstständiger Lohnarbeit gewonnenen Realeinkommens festzustellen ist. Verschärft wurde die Einkommenssituation im gewerbl. Sektor in der frühen Neuzeit durch die in Konkurrenz zu verschiedenen handwerkl. Bereichen tretende Verlagsindustrie, wie sich insbesondere im Textilgewerbe zeigen lässt. Die in Zünften organisierten städt. Handwerker suchten ihr E. durch obrigkeitlich erlassene Berufszugangsbeschränkungen zu sichern. Die sich mit grossen regionalen Unterschieden entwickelnde Protoindustrie sicherte aber weiten Kreisen der Bevölkerung ein zusätzliches E. Im städt. Handwerk wie auch in der Landwirtschaft trug der Einbezug von Kindern und Jugendlichen in den Arbeitsprozess wesentlich zum familiären E. bei (Kinderarbeit).

Autorin/Autor: Oliver Landolt

2 - 19. und 20. Jahrhundert

In Folge der Industrialisierung nahm die Bedeutung des E.s in Geldform zu. Ein durchschnittl. Haushalt verwendete 2007 sein E. zu 61% für den Konsum (Erwerb von Waren und Dienstleistungen), zu 32% für Transferausgaben (Steuern, Versicherung, Beiträge) und zu 7% für Ersparnisse. Massgebend für den Lebensstandard ist nicht die nominale Höhe, sondern die Menge der Güter und Dienstleistungen, die damit erworben werden können, also das sog. Realeinkommen.

Über das Gewicht versch. Komponenten des E.s der Haushalte orientiert die Nationale Buchhaltung, die allerdings erst im letzten halben Jahrhundert auf eine solide Basis gestellt wurde. Ihre Zahlen weisen trotz Ungenauigkeiten darauf hin, dass die durchschnittl. E. in der Schweiz während des 20. Jh. zu den höchsten der Welt gehörten. Den grössten Anteil am Volkseinkommen hatten immer die Löhne. Bis zum 2. Weltkrieg machten sie etwas weniger als die Hälfte aus, danach stieg ihr Anteil auf über zwei Drittel. Das relative Gewicht der Geschäftseinkommen der Selbstständigen fiel von einem Viertel 1910 auf unter ein Zehntel, v.a. wegen des Rückgangs der Landwirtschaft. Der Anteil der Vermögenseinkommen der Haushalte lag in der 2. Hälfte des 20. Jh. unter einem Zehntel. Einige Einkommensarten wurden von der Statistik üblicherweise nicht erfasst, so Lohn-Nebenleistungen (überhöhte Spesen, firmeninterne Verpflegung, Firmenparkplätze usw.), kalkulatorische Einkommensäquivalente (Produktion für Eigenverbrauch in Landwirtschaft und Haushalt), nichtdeklarierte E. (Schattenwirtschaft, Steuerhinterziehung) oder der Wertzuwachs des Vermögens. Der Wertzuwachs der an der Schweizer Börse kotierten Aktien überstieg dank der ausserordentl. Hausse 1997 die Summe aller Erwerbseinkommen.

Die Verteilung des Erwerbseinkommens erfolgt nach versch. Kriterien. Allg. ist das der Männer im Mittel höher als dasjenige der Frauen, 2009 um ca. ein Viertel. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied bei selbstständig Erwerbstätigen (inkl. mitarbeitende Familienmitglieder) und beim oberen Management. Ein weiteres Kriterium ist die berufl. Stellung, wobei leitende Angestellte deutlich mehr als Selbstständige und gewöhnl. Arbeitnehmer einnahmen. Das mittlere E. von Universitätsabsolventen lag doppelt so hoch wie das von Erwerbstätigen mit Grundschulbildung. Schliesslich spielt der Wirtschaftszweig eine Rolle. Die niedrigsten Durchschnitte werden laut Statistik in der Landwirtschaft erzielt; im 2. Sektor liegt das Mittel deutlich höher. Der Dienstleistungssektor kennt eine tiefe Kluft zwischen einkommensschwachen Branchen wie dem Gastgewerbe und dem Detailhandel einerseits sowie Banken, Versicherungen und dem öffentl. Dienst anderseits. Der Anteil der obersten 20% der Steuerzahler am gesamten reinen E. fiel zwischen 1955-56 und 1973-74 von 52% auf 46%, während umgekehrt jener der untersten 20% von 2% auf 3% stieg. Diese Entwicklung hielt, wenn man den Wertzuwachs von Vermögen vernachlässigt, in den folgenden Jahrzehnten an. Trotzdem blieb das Verhältnis zwischen höchsten und niedrigsten E. in der Schweiz weit ungünstiger als in der Europ. Union (EU). Anfang des 21. Jh., insbesondere nach der Finanzkrise 2007, lösten an Manager grosser Firmen ausbezahlte Boni und Abgangsentschädigungen eine intensive öffentl. Debatte aus, da diese Zahlungen teilweise als unverhältnismässig angesehen wurden. In diesem Zusammenhang wurde 2008 eine Volksinitiative gegen die Abzockerei eingereicht.

Wirtschaftspolit. Massnahmen wirkten sich auf unterschiedl. Ebenen auf das E. aus. Masshalteappelle, Wettbewerbspolitik (Kartellgesetze 1962, 1985, 1995), staatl. Beteiligung an Tarifverhandlungen (v.a. in den frühen 1920er Jahren durch Bundesrat Edmund Schulthess), Lohn- und Preiskontrollen (Preisbildungskomm. 1926, Preiskontrolle im 2. Weltkrieg, Preisüberwachung seit den 1970er Jahren) oder Preisstopps (z.B. nach Abwertung 1936) sollten das Realeinkommen günstig beeinflussen. Weil die primäre Einkommensverteilung auf versch. Gruppen (Arbeitnehmer, Unternehmer, Erwerbslose usw.) durch den Markt nicht befriedigte, wurden Strategien zur Umverteilung entwickelt. Solche stehen seit dem späten 19. Jh. zur Debatte (Etatismus); die Umsetzung erfolgte jedoch erst im 20. Jh. Regelmässige allg. und progressive Einkommenssteuern führten die meisten Kantone erst nach 1900 ein, der Bund Mitte der 1930er Jahre.

Ebenfalls auf die Einkommensverteilung wirkte sich der Aufbau der Sozialversicherungen aus, noch in bescheidenem Masse in den Anfängen der Kranken- und Unfallversicherung, in grösseren Dimensionen mit dem Ausbau der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Nach dem 2. Weltkrieg gewann die Umverteilung im Rahmen des Sozialstaates an Bedeutung, wozu neben den genannten Mitteln weitere wie öffentl. Güter - z.B. das Bildungswesen - oder Preisgarantien und Subventionen, v.a. für die Landwirtschaft, beitrugen. Bis Anfang des 21. Jh. stieg der über Steuern und Sozialabgaben sekundär verteilte Anteil am Volkseinkommen auf rund ein Drittel, was unter dem Niveau der EU liegt. Entgegen verbreiteter Ansichten begünstigt die Umverteilung nicht immer die unteren Einkommensschichten zulasten der oberen, wie es sich bei den Subventionen für Kulturinstitutionen und Hochschulen zeigen lässt. Eine zentrale Rolle in der Verteilungspolitik spielen die Verbände, z.B. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Berufsverbände der Ärzte, Advokaten oder Architekten. Sie erzeugen nicht nur polit. Druck, sondern beeinflussen die primäre und sekundäre Verteilung indirekt oder direkt durch Bereitstellung von Entscheidungsgrundlagen, durch Absprachen, etwa Gesamtarbeitsverträge oder Ärztetarife, sowie durch Verbands-Ausgleichskassen.

Autorin/Autor: Bernard Degen

Quellen und Literatur

Literatur