• <b>Vermögen</b><br>Verteilung der Pensionen für fremde Dienste. Illustration aus der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). Die eidgenössischen Gesandten erhalten das vom König von Frankreich bezahlte Geld und nehmen es in ihren Hüten mit.

Vermögen

Das mittelhochdt. Wort vermüge bezeichnete die Kraft, Fähigkeit oder Machtvollkommenheit einer Person; diese Bedeutungen hat das Wort z.T. noch heute. Die folgenden Ausführungen beschränken sich aber auf ein ökonom. Verständnis des Begriffs. Ein allgemein anerkannter Begriff des V.s im wirtschaftl. Sinn fehlt. Zur Definition gehören in der Regel die folgenden Elemente: Das Vermögen ist eine Bestandsgrösse. Sie umfasst die Güter und Rechte, über welche die Wirtschaftssubjekte verfügen. Diese Güter und Rechte sind ökonomisch bewertbar.

Vier Funktionen des V.s lassen sich unterscheiden: Nutzung (Ertrag), Verwertung (Umwandlung z.B. von Immobilien in Effekten), Macht und Übertragung (Vererbung, Schenkung). Es gibt Sach-, Geld- und immaterielle V. (sowohl menschl. Fähigkeiten als auch Verfügungsrechte). Letztere sind allerdings schwer zu erfassen und fliessen kaum in empir. Analysen ein.

1 - Mittelalter und frühe Neuzeit

Im MA wurde der Güterbesitz von Personen und Körperschaften lange Zeit weder in Geld geschätzt, noch hatte er überhaupt Geldform. Erst mit der Intensivierung und der allmähl. Durchsetzung der Geldwirtschaft im Laufe des HochMA wurden Vermögenswerte einer Person in zunehmendem Masse in Geld berechnet. Der Aufstieg des Städtewesens im Gebiet der heutigen Schweiz während des 12. und 13. Jh. wie auch der damit verbundene Aufschwung führten zur Bildung grösserer V. einzelner Wirtschaftssubjekte. Zu bedeutenderen Umverteilungen solcher V. kam es infolge der ab der Mitte des 14. Jh. wiederholt auftretenden Pest: Durch den massiven Bevölkerungseinbruch verteilten sich die von den Verstorbenen hinterlassenen V. auf deutlich weniger Köpfe, was sich in den Städten in gesteigertem Aufwand für Luxus (Feste, Kleider etc.) bemerkbar machte, dem die Magistrate mittels einer Luxusgesetzgebung Einhalt zu gebieten suchten. Gleichzeitig verschärfte sich die Situation in den Städten durch den Zustrom sozial entwurzelter, weitgehend vermögensloser Personen, die hier eine verbesserte Lebenssituation vorzufinden hofften. Diese Zuwanderer, die meist vom Lande stammten, wurden zu einem eigentl. Pauperismusproblem (Armut, Bettelwesen).

In der erwerbs- und geldwirtschaftlich orientierten städt. Gesellschaft des SpätMA und der frühen Neuzeit bildete das V. eines der wichtigsten sozialen Lagemerkmale: Nur wer über genügend V. verfügte, hatte Zugang zu materiellen und ideellen Ressourcen, zu Wohlstand, polit. Ämtern und anderen Würden, v.a. aber auch zu Ehre und sozialem Ansehen. Möglichkeiten der Kapital- und Vermögensakkumulation boten sich speziell in kaufmänn. Berufen bzw. im Fern- und Grosshandel, während die Gewinnspanne in den rein handwerklich ausgerichteten Berufen kaum zur Bildung grösserer Reichtümer verhalf. Unternehmungen im Verlagssystem und Beteiligungen an den im SpätMA aufkommenden Handelsgesellschaften waren besonders profitabel (Handel). Auch die Kreditgeschäfte gewannen für die Vermögensbildung im SpätMA und noch in der frühen Neuzeit trotz kirchl.-theol. Widerstände stetig an Bedeutung (Kredit). Die Ende des 15. Jh. einsetzenden Einkünfte aus dem Solddienst und den Pensionen ermöglichten im 16. und 17. Jh. die Bildung einzelner grosser Privatvermögen wie auch die Anhäufung von Staatsschätzen (Öffentlicher Haushalt) in der Eidgenossenschaft. Die Solddienste linderten zudem die Arbeitslosigkeit in den durch Überbevölkerung geprägten voralpinen und alpinen Gebieten; sie trugen damit zum Einkommen der unteren Vermögensschichten bei, auch wenn die wenigsten gewöhnl. Soldaten reich aus der Fremde zurückkehrten.

<b>Vermögen</b><br>Verteilung der Pensionen für fremde Dienste. Illustration aus der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).<BR/>Die eidgenössischen Gesandten erhalten das vom König von Frankreich bezahlte Geld und nehmen es in ihren Hüten mit.<BR/>
Verteilung der Pensionen für fremde Dienste. Illustration aus der "Luzerner Chronik" von Diebold Schilling, 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
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Vor allem reich gewordene Stadtbürger legten ihr häufig risikoreich erworbenes V. in finanziell weniger profitablem, dafür aber risikoärmerem ländl. Grundbesitz wie auch in Herrschaftsrechten an. Beliebt war auch die Anlage von V. in zinstragenden Kapitalrenten, die den Inhabern solcher Vermögenswerte ein regelmässiges arbeitsfreies Einkommen sicherte (Renten). Da im MA und in der frühen Neuzeit in erster Linie das V. - und nicht wie in der heutigen Zeit das Einkommen - als Grundlage für die Steuerbemessung diente, geben die spätma. und frühneuzeitl. Steuerbücher und -listen im Allgemeinen einen verlässl. Einblick in die Vermögensschichtung und die Sozialstruktur der Städte. Ein Grundzug der Städte war die ungleiche interne Vermögensverteilung: Rund 50-60% der Steuerzahler waren in der Regel besitzlos oder hatten nur minimale V., während eine sehr kleine Spitzengruppe über den grössten Anteil am städt. Gesamtvermögen verfügte. Laut dem Tellbuch von 1448 besassen in Bern die reichsten Stadtbewohner (6,2% aller Steuerzahler) rund 75% der in der Stadt versteuerten V. In St. Gallen verfügte 1411 beinahe die Hälfte der Steuersubjekte, die nur den Mindestansatz versteuerten, über gerade einmal 5% des städt. Gesamtvermögens. In der frühen Neuzeit änderten sich diese Verhältnisse nur in geringem Ausmass: In Schaffhausen hielt 1677 rund ein Fünftel aller Steuerzahler fast 85% des städt. Gesamtvermögens. In den kleineren Städten waren die sozialen Gegensätze in Bezug auf die Grösse der V. weniger scharf ausgeprägt, obwohl auch hier eine grosse besitzlose oder nur über geringste Vermögenswerte verfügende Bevölkerungsschicht einer kleinen Gruppe reicher Stadtbewohner gegenüberstand.

Noch wenig erforscht sind die Vermögensverhältnisse auf dem Land. Vereinzelte Untersuchungen ergaben, dass die Durchschnittsvermögen der Landbevölkerung deutlich unter denjenigen der Stadteinwohner lagen. Gemäss dem Zahlenmaterial aus Zürich, das in Zusammenhang mit der 1467 und 1471 in Stadt und Land erhobenen Vermögenssteuer überliefert ist, besass ein Landbewohner damals durchschnittlich nur einen Viertel des V.s eines Stadtbewohners. In Freiburg war das durchschnittl. V. eines Steuerpflichtigen aus der Stadt 1445 rund dreimal höher als dasjenige eines solchen auf dem Land. Auch innerhalb der einzelnen Dörfer waren die Vermögensunterschiede zwischen reichen und armen Einwohnern erheblich. Allerdings waren die Gegensätze hier weitaus weniger ausgeprägt als in den Städten.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

2 - 19. und 20. Jahrhundert

Den Stand und die Entwicklung des gesamtem V.s erfasst keine amtl. Statistik, und private Erhebungen sind mit beträchtl. Unsicherheiten behaftet. In den 1910er Jahren wurden im Rahmen einer Debatte über den Reichtum der Schweiz mehrere Schätzungen des Volksvermögens vorgenommen, die zwischen 30 und 40 Mrd. Fr. schwankten. Seit den 1930er Jahren diente allerdings zunehmend das Volkseinkommen als Wohlstandsindikator. Eine grobe private Schätzung unter Ausklammerung immaterieller Güter ergab 1880-1978 ein Wachstum des Volksvermögens von 22 Mrd. auf 2'312 Mrd. Fr. Der Anteil des Bodens sank v.a. wegen des Wertverlustes der land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen von 17% auf 6%, der von Immobilien und Ausrüstung, die sich leider erst ab 1938 trennen lassen, erhöhte sich von 23% auf 26% (Immobilien alleine 1938-78 konstant 17%). Das Finanzvermögen stieg anteilmässig von 42% auf 48%, v.a. wegen stark gestiegener Forderungen gegenüber Banken und Versicherungen (von 9% auf 23%), während sich umgekehrt der Anteil der Hypotheken mehr als halbierte (von 18% auf 7%). Schliesslich wuchs der Anteil der Auslandguthaben von 9% auf 15%. Nach einer Schätzung für die 1980er Jahre besassen die Unternehmungen vom Reinvermögen 32%, die Haushalte 24%, die Sozialversicherungen 31% und der Staat 13%.

Schlecht erschlossen ist die personelle Vermögensverteilung, für die einzig die Eidg. Steuerverwaltung Zahlen liefert, erstmals aufgrund der ausserordentl. Kriegssteuer für 1921. Damals deklarierten die reichsten 3% der Steuerpflichtigen über die Hälfte des V.s, die untersten zwei Drittel nur ein Vierzigstel. Nach der Erhebung für 1997 versteuerten die reichsten 3% noch immer rund die Hälfte, die untersten zwei Drittel weniger als ein Zwanzigstel. Die Aussagekraft der Steuerstatistik ist allerdings insofern zu relativieren, als sie gewisse Aktiven nicht oder nur teilweise erfasst (z.B. Ansprüche an Sozialversicherungen, Hausrat, Anteil am öffentl. V., Lebensversicherungen) und andere stark unterschätzt (der Steuerwert der Immobilien liegt unter deren Verkehrswert). Eine Untersuchung für 1981 ergab, dass 70% der Haushalte keine Immobilien, 20% kein liquides V. besassen. Die mit Abstand höchsten Reinvermögen versteuerten Unternehmer, gefolgt von Freiberuflern, Gewerbetreibenden sowie höheren Angestellten und Beamten. Ebenfalls recht hohe Beträge deklarierten trotz niedrigem Einkommen Landwirte, während die Masse der Arbeitnehmer deutlich zurücklag. Der Kt. Zürich verfügt seit 1991 über eine regelmässige Erhebung der Vermögensverhältnisse. Gemäss dieser stieg bis 2003 die Vermögenskonzentration v.a. in den Händen der Reichsten: 1/10 Promille besass 2003 gleich viel wie 74 Prozent der Steuerpflichtigen (1991 66 Prozent), ein Promille gleich viel wie 86 Prozent (1991 82 Prozent) und ein Prozent gleichviel wie 95% (1991 94%). Im internat. Vergleich zeigen andere wirtschaftlich fortgeschrittene Staaten eine ausgeglichenere Vermögensverteilung, was auf den verbreiteteren Immobilienbesitz zurückgeführt wird.

Die Vermögenspolitik kennt die unterschiedlichsten Mittel, z.B. Erbschaftssteuern, Privatisierung von Staatsbesitz, Sparförderung, Staatsschuld, Gewinnbeteiligung, Vermögenssteuern oder Vermögensabgabe. Eine solche wurde in mehreren Ländern nach dem 1. Weltkrieg zum Abbau der Kriegsschuld propagiert. In der Schweiz wurde eine entsprechende sozialdemokrat. Initiative, die de facto eine einmalige hohe Steuer auf sehr grosse V. verlangte, 1922 nach einem äusserst aggressiven Abstimmungskampf abgelehnt.

Schliesslich beansprucht der Finanzplatz Schweiz eine führende Rolle in der Vermögensverwaltung. Eine Schätzung für 1996 kam allein für die Banken auf V. von 2'330 Mrd. Fr., die zu rund 40% aus dem Ausland kamen.

Autorin/Autor: Bernard Degen

Quellen und Literatur

Quellen
Gesamtschweiz. Vermögensstatistik der natürl. Personen (erhoben in unregelmässigen Abständen seit 1969)
Eidg. Wehrsteuer, Statistik [...], 1945-1981/82
Literatur
  • Mittelalter und frühe Neuzeit

    – H. Ammann, Schaffhauser Wirtschaft im MA, 1949
    – U. Schlüer, Untersuchungen über die soziale Struktur von Stadt und Landschaft Zürich im fünfzehnten Jh., 1978
    – W. Schnyder, «Soziale Schichtung und Grundlagen der Vermögensbildung in den spätma. Städten der Eidgenossenschaft», in Altständ. Bürgertum 2, hg. von H. Stoob, 1978, 425-444
    – K. Schmuki, Steuern und Staatsfinanzen, 1988
    LexMA 8, 1557-1559
    – W. Schoch, Die Bevölkerung der Stadt St. Gallen im Jahre 1411, 1997
  • 19. und 20. Jahrhundert

    – R.W. Goldsmith, «A tentative secular national balance sheet for Switzerland», in SZVwS 117, 1981, 175-187
    – B.I. Buhmann, Wohlstand und Armut in der Schweiz, 1988
    – H. Kissling, Reichtum ohne Leistung, 2008