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Aarau

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Polit. Gem. AG, Bez. A., Kantons- und Bezirkshauptort. Die Altstadt auf einem Felssporn rechts der Aare dominiert das breite Tal. Ihr Kern besteht aus vier um ein Achsenkreuz angeordneten Quartieren, Stöcke genannt. Vorstädte im Süden und Südosten haben ihren Ursprung im MA. Zu Beginn des 19. Jh. wurde der Gemeindebann auf Kosten der Gem. Suhr auf den heutigen Umfang erweitert. Älteste Erwähnungen: 1248 Arowe, um 1250 Arowa, 1256 erster Hinweis auf städt. Siedlung.

Die Stadt liegt an einem bereits zur Römerzeit benutzten Flussübergang, der Mittelland und Jura verbindet. Sie ist Station an der Linie Bern-Zürich und Ausgangspunkt der Wynental- und Suhrentalbahn. A. ist Sitz der kant. Behörden und erfüllt als bedeutendes Verwaltungs-, Handels- und Dienstleistungszentrum sowie als Kern einer wachsenden Agglomeration (1941 30'000, 1990 ca. 60'000 Einw.) zahlreiche weitere zentralörtl. Funktionen.

Bevölkerung
JahrEinwohner
1558ca. 1 200
17641  868
17982  458

Jahr 18501880a19101930195019701990
Einwohner 4 6575 9149 59311 66614 28016 88116 481
SpracheDeutsch 5 8658 69511 11613 39213 90813 459
 Französisch    43 207 200 317 266 165
 Italienisch    10 644 266 4511 888 873
 Andere    26   47   84 120 8191 984
KonfessionProtestantisch 4 8436 8788 48010 05310 1458 183
 Katholisch 1 0292 5482 9673 9896 3545 446
 Andere und konfessionslos   72 167 219 238 3832 852
 davon konfessionslos     1 391
NationalitätSchweizer4 2995 3817 98610 47213 37313 78213 146
 Ausländer 358 5331 6071 194 9073 0993 335

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:StAAG, BFS

1 - Älteste Siedlungsspuren

Aus neolith. Zeit sind nur Streufunde bekannt. Reste einer bronzezeitl. Siedlung (um 1000 v.Chr.) wurden an der Bahnhofstrasse ausgegraben, deren Verlauf mit dem der röm. Hauptstrasse von Salodurum (Solothurn) nach Vindonissa (Windisch) übereinstimmt. Röm. Siedlungsreste fanden sich in der Altstadt und auf dem Areal des Kantonsspitals. 1976 entdeckten Taucher im Altlauf der Aare eichene Brückenjoche, die wohl spätröm. sind und die Existenz eines ca. 7 m breiten Aareübergangs vor der Stadtgründung belegen. Die 1958-59 in der Telli ausgegrabene Friedhofskirche gehörte verm. zu einer der Dorfsiedlungen, die der Stadtgründung vorausgingen. Die beigabenlos Bestatteten waren fast ausschliessl. Angehörige der voralemann. Bevölkerung.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

2 - Vom Hochmittelalter bis zur Helvetik

2.1 - Stadtgründung und Herrschaft

Um 1200 entstand östl. der späteren Stadt der Wehrturm des "Schlössli". Im Gebiet der Vorstadt, wo sich Nord-Süd- und Ost-West-Route kreuzten, befand sich ein Dorf mit Mühle und Taverne. Auf dem zum Südufer der Aare vorspringenden Felskopf gründeten die Kyburger Gf. Hartmann IV. und Hartmann V. zwischen 1240 und 1250 die Stadt A., die sie aus dem Gebiet des Dorfgerichts Suhr herauslösten, wo sie die hohe und niedere Gerichtsbarkeit besassen. Die mauerumringte kyburg. Anlage wurde von der "Burg in der Stadt" (Turm Rore) beherrscht. Die erste Stadterweiterung (1. Hälfte des 14. Jh.) brachte eine Ausdehnung A.s nach Süden bis zum Obertor, nach Osten bis zum Laurenzentor und nach Norden bis zum Felsabsturz. Der Ausbau gegen Westen, unter Einbezug der Halde und des dortigen Klosters, folgte in der 2. Hälfte des 14. Jh. Dieser zweite Mauerring enthielt Türme und Doppeltore und wurde durch eine neben der Brücke errichtete Bastion verstärkt. Ein breiter Graben im Süden und Osten trennte die Stadt von der unbefestigten Vorstadt.

1267 werden Bürger von A. erw., 1270 mit der Nennung von Schultheiss, Rat und Gem. erstmals Konturen einer städt. Rechtsordnung sichtbar. 1273 erwarb der spätere Kg. Rudolf I. von Habsburg die Stadt und verlieh ihr am 4.3.1283 das Stadtrecht nach dem Vorbild Winterthurs. Darin erneuerte er das Marktrecht und umschrieb die Grenzen des Marktrechtsbez., des sog. Friedkreises. Die Bürger erhielten das Privileg, Lehen anzunehmen, blieben aber habsburg. Eigenleute. Im 14. Jh. erwarben die Bürger, die sich 1301 autonome Satzungen gegeben hatten, das Recht der freien Schultheissenwahl und erreichten 1337 die Abschaffung der Steuervorrechte der Adligen; einzig der Turm Rore blieb steuerfrei. Die Bürgerschaft setzte sich aus ländl. Adligen, Grundbesitzern und gehobenen Handwerkern zusammen, die früh zu einem ständisch durchlässigen Patriziat verschmolzen. Zur unteren Schicht gehörten Handwerker, Krämer, Pächter und Taglöhner. Die Einsassen hatten dieselben Pflichten wie die Bürger, waren aber nicht regimentsfähig.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

2.2 - Aarau als bernische Munizipalstadt

Als Bern mit Hilfe Solothurns 1415 den unteren Aargau eroberte, kapitulierte A. nach kurzem Widerstand. 1418 hatte die Stadt dem Reich als Reichsstadt und danach Bern und Solothurn zu schwören. Ab 1461 war Bern alleiniger Landesherr. A. behielt frühere Privilegien wie die freie Schultheissenwahl und den Blutbann, doch fehlten Kraft und Wille, ein eigenes Territorium zu bilden: 1453 verkaufte A. die 1417 erworbene Herrschaft Königstein an die Johanniterkommende Biberstein, 1576 den seit 1411 aarauischen Twing Unterentfelden an Bern. A. verblieb nur der Steckhof Roggenhausen, der im Stadtbann aufging.

Das Bürgerrecht haftete zunächst am Grundbesitz. Gemäss der Satzung von 1510 leisteten Zuzüger Einzugsgeld, ab 1569 zusätzl. eine Militärsteuer. Im 16. Jh. gelang es der Oberschicht, die polit. Rechte der Bürgerschaft zugunsten des Magistrats abzuschaffen. Dieser setzte sich im 18. Jh. aus dem Amtsschultheissen und 45 Bürgern zusammen; sie bildeten "Rät und Burger", aus denen 18 Männer für den Mittleren und von diesen 9 für den Kl. Rat ausgewählt wurden.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

2.3 - Kirche, soziale Einrichtungen und Schule

Die 1275 erw. Marienkirche am Altstadtrand, die schon im 13. Jh. Tauf- und Begräbnisrecht besass und 1471-79 von Sebastian Gisel aus Laufen neu erbaut wurde, war Filialkirche von Suhr. Im 14. Jh. errang die Stadt von Hzg. Leopold I. von Österreich das Recht, den Geistlichen zu wählen. 1400 inkorporierte der röm. Papst Bonifaz IX. die Pfarrkirche Suhr samt der Filiale A. dem Stift Beromünster. An der Berner Disputation von 1528 setzte sich Pfarrer Schilling aus A. für Zwinglis Lehre ein; am 1.3.1528 entschieden sich die Bürger mit 146 gegen 125 Stimmen für die Annahme des neuen Glaubens. Vom 2. Kappelerkrieg (1531) an fanden in A. häufig Tagsatzungen der ref. Stände statt. 1568 löste sich A. kirchl. von Suhr und wurde selbstständige Pfarrei.

1270 schenkte A. einer Schwesternschaft in der Halde eine Hofstatt zum Bau eines Klosters, das 1315 eine Kapelle erhielt. Die ersten Schwestern stammten aus der Gegend von Schänis, die späteren aus Aarauer Bürgerfam. Der Konstanzer Bf. Nikolaus von Frauenfeld (1334-44) erlaubte den Schwestern, die Augustinerregel anzunehmen und sich der Leitung der Dominikaner in Zürich zu unterstellen. Deshalb wurden sie zuweilen als "Dominikanerinnen" bezeichnet. Im frühen 15. Jh. sind sie auch als Schwestern der hl. Ursula belegt. Über weitere drei Schwesternhäuser und einige Bruderschaften, die um 1530 abgingen, ist wenig bekannt. 1283 besass A. ein Sondersiechenhaus, 1344 ein Spital in der Vorstadt. Um 1270 bestand eine Lateinschule, seit 1528 zudem eine deutsche Schule, die bis zur Eröffnung eigener Schulen im 17. Jh. auch aus Nachbardörfern besucht wurde. 1622 wurden Knaben- und Mädchenunterricht getrennt. 1784-87 vollzog A. in aufklärer. Geist eine tiefgreifende Schulreform.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

2.4 - Wirtschaft und Gesellschaft

A. gehörte zu den grösseren der aarg. Kleinstädte. Das im späten 16. Jh. einsetzende Bevölkerungswachstum führte zu einer allmähl. Aufstockung der Häuser und zu einer dichteren Bebauung des inneren Mauerrings. A.s Wirtschaftsraum blieb über Jahrhunderte eng begrenzt. Die benachbarten Juradörfer waren von 1426 an durch Brückenzolltarife begünstigt. Einzig die Metallverarbeitung erlangte überregionale Bedeutung. Für das 14. Jh. ist der heute noch praktizierte Glockenguss bezeugt; im 16.-18. Jh. florierte die Waffenproduktion. Das Gewerbe der Messerschmiede zählte im 17./18. Jh. etwa 80 Meister. Wohl gab es Handwerksordnungen und Bruderschaften, zur Entstehung von Zünften kam es jedoch nie.

Im 18. Jh. etablierte sich auch in A. eine Textilindustrie. 1703 wurde eine Wolltuchfabrik errichtet; wenig später nahm die Bedeutung von Baumwollhandel und -weberei zu. Nach 1755 fassten Indienne-Druckereien und die Seidenfabrikation Fuss. Einheim. Handelsherren und eingeheiratete Zuwanderer wie die Frey aus Lindau (D) und die Herosé aus Speyer (D) trugen zum wachsenden Wohlstand bei.

Zahlreiche Aarauer besetzten Pfarrstellen im bern. Gebiet. Zusammen mit den Handelsherren und Angehörigen anderer akadem. Berufe bildeten sie eine Schicht von reichen Bürgern, die Kapital ausliehen und von den Ideen der Aufklärung fasziniert waren.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

3 - Hauptstadt der Helvetischen Republik

In A. fand am 27.12.1797 die letzte Tagsatzung und am 25.1.1798 der letzte Bundesschwur der alten Eidgenossenschaft statt. Am 9.1.1798 liess sich der franz. Gesandte Joseph Mengaud in A. nieder, der mit einer ansehnl. Zahl einheim. "Patrioten" für den Umsturz agitierte. Die Diskrepanz zwischen erreichtem Wohlstand (Textilindustrie) sowie hohem Bildungsniveau (Schulreform 1787) einerseits und dem Status einer Untertanenstadt andererseits wurde zunehmend augenfälliger. A. wurde zu einem der frühesten revolutionären Herde der Eidgenossenschaft und weigerte sich u.a., Soldaten zum Schutz der bern. Grenzen auszuheben. Mitte März 1798 besetzten die Truppen General Guillaume Brunes die Stadt, die am 26.3.1798 zur Hauptstadt der Helvetischen Republik ernannt wurde. Die gesetzgebende Versammlung tagte im städt. Rathaus, das Direktorium im Haus zum Schlossgarten. Obwohl A. durch Johann Daniel Osterrieth ein grosszügiges Regierungsviertel konzipieren liess, zogen die helvet. Behörden im Sept. 1798 nach Luzern um. Bis 1803 blieb A. Hauptort des neugeschaffenen helvet. Kt. Aargau (Unteraargau östl. der Wigger) sowie des Distrikts A.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

4 - Aarau seit 1803

4.1 - Politisch-administrative Entwicklung

Die Mediationsakte bestimmte A. zur Hauptstadt des neuen Kt. Aargau und damit zum Sitz der kant. Behörden. Die dadurch hervorgerufene Raumnot wurde durch eine rege Bautätigkeit gemeistert (v.a. in der Laurenzenvorstadt im Osten). Nach der Revolutionsbegeisterung zeigten sich auch in A. restaurative Tendenzen. Acht der zwölf Gemeinderäte mussten Ortsbürger sein, deren Zahl 1819-31 von 354 auf 607 zunahm. Der Stadtammann war nur Vollzugsorgan der kant. Regierung. Die schlechte Finanzlage besserte sich erst Ende der 1820er Jahre; nun stieg auch der Einfluss der Einwohnerschaft auf die Ratsgeschäfte. Die wichtigste kommunale Änderung bestand in der bereits während der Helvetik kurzzeitig realisierten Trennung von Ortsbürger- und Einwohnergem. Durch die verstärkte Migration verloren die Ortsbürger allmähl. ihr zahlenmässiges und polit. Übergewicht (1850: 394 Ortsbürger, 354 Einsassen). 1908 bereits verlangt und 1963 durch ein kant. Gesetz ermöglicht, wurde die Einwohnergemeindeversammlung 1970 durch einen 50-köpfigen Einwohnerrat abgelöst, in dem FDP und SP dominieren. Die Ortsbürgergem., die seit 1949 der Einwohnergem. grosse Land- und Geldschenkungen zukommen liess, zog ihre Erträge aus einer Kiesgrube in der Gem. Staufen, aus 537 ha Wald sowie 100 ha offenem Land. In ihrem Besitz befinden sich zahlreiche Liegenschaften, so die Waldwirtschaft Roggenhausen mit Wildgehege.

Die zentralörtl. Funktionen A.s nahmen stufenweise zu. Nach 1848 wurde A. zur Garnisonsstadt, indem der Bund den Waffenplatz im Schachen übernahm. 1849 wurde eine Infanteriekaserne errichtet, 1850-1973 zusätzl. die Kavallerie ausgebildet. Da die Kantonsverfassung von 1885 dem Staat v.a. im sozialen und wirtschaftl. Bereich neue Aufgaben zuwies, wurde A. Sitz weiterer Institutionen. So liessen sich die Kant. Krankenanstalt (Kantonsspital, 1887 eröffnet), das Versicherungsamt (1905), die Kantonalbank (1913 durch Verstaatlichung der 1854 gegr. Aarg. Bank entstanden) sowie das Aarg. Elektrizitätswerk (1916) in A. nieder. Auch eidg. Verwaltungsstellen wie Fabrikinspektion, Zollamt und Kreispostdirektion erhielten ihren Sitz in A. Seit dem 2. Weltkrieg werden in der Agglomeration A. viele Aufgaben durch Gemeindeverbände gelöst. 1948 wurde die 14 Gem. umfassende, kantonsübergreifende Regionalplanungsgruppe A. (Repla) gegründet. A. ist seit 1966 Standort einer Abwasserreinigungsanlage. Es besitzt grosszügige Sportanlagen, so eine Pferderennbahn, ein Frei- und ein Hallenbad sowie eine Kunsteisbahn. 1985 entstand eine private "Klinik im Schachen".

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

4.2 - Stadtentwicklung und Verkehr

Die bis dahin kaum veränderte ma. Stadtanlage erfuhr erste grössere Erweiterungen nach der Ernennung A.s zur Hauptstadt der Helvet. Republik. Der Traum einer klassizist. Idealstadt zwischen Laurenzenvorstadt, Kasino- und heutiger Bahnhofstrasse war durch den Wegzug der helvet. Behörden nach Luzern zwar bald ausgeträumt, doch waren die ersten sog. Neuen Häuser bereits erstellt. 1812-13 wurde das Laurenzentor abgebrochen, ab 1820 die Stadtmauern geschleift und der Graben zugeschüttet. Die Entwicklung zu einem polit., wirtschaftl. und militär. Zentrum spiegelt sich in der Errichtung versch. Grossbauten: Regierungs- und Grossratsgebäude 1826 bzw. 1828, Kaserne 1849, Kettenbrücke 1851, Rathausumbau 1858. Ein neuer Siedlungsschwerpunkt mit einer Konzentration von Geschäfts- und Verwaltungsgebäuden entstand um den 1858 erbauten Bahnhof, dem 1867 die Hauptpost gegenübergestellt wurde.

Ein Stadtplan von 1879 zeigt den Versuch, rund um die Altstadt grosszügige Wohnquartiere zu schaffen. 1916-53 erwarb die Einwohnergem. ca. 10% des Gemeindebanns und gab Parzellen zu günstigen Preisen ab. Nach Überbauungen im Gönhard und im Zelgli erfolgte die planmässige Besiedlung der Telli, und 1971 beschloss die Einwohnergem., die untere Telli zur Satellitenkleinstadt umzugestalten.

Vom MA an versorgten Sodbrunnen sowie der Stadtbach, der zudem zahlreiche Wasserräder antrieb, die Stadt mit Wasser. 1860 erstellte A. eine leitungsgebundene Wasserversorgung und baute ab 1900 ein Hochdrucksystem, das die Einführung von Hydranten ermöglichte. 1917 wurde erstmals Grundwasser eingespeist. 1990 bezogen sieben Gem. Aarauer Wasser. Private erbauten 1858 am Flösserplatz eine Gasanstalt, die 1947 von der Stadt übernommen wurde; 1968 schloss sich A. dem Gasverbund Mittelland an. 1852 erfolgte die Einführung des Telegrafen, 1886 des Telefons. Elektr. Licht erstrahlte erstmals 1882. Ein Elektrizitätswerk nahm 1892 in der oberen Mühle den Betrieb auf. 1893 und 1912 wurden die Kraftwerke an den Aarekanälen erbaut.

Auch die Verkehrserschliessung verdankt viel dem jungen Kt. Aargau. Mit der Staffelegg- und der Suhrentalstrasse schuf dieser in seinen ersten Jahrzehnten gute Verbindungen ins Fricktal und Richtung Luzern. Der Verkehr nach Norden wickelte sich ausschliessl. über die "lange Brücke" ab, den einzigen Aareübergang in A. Er wurde u.a. 1813, 1831 und 1843 bei Überschwemmungen zerstört und schliessl. 1851 durch die Kettenbrücke ersetzt. Dieses Wahrzeichen der Stadt wich 1949 einer Eisenbetonbrücke. Die 1856 in Betrieb genommene Bahnlinie A.-Olten-Emmenbrücke (ab 1859 bis Luzern), eine Zweiglinie der Schweiz. Centralbahn, integrierte A. ins Eisenbahnnetz (Stationsgebäude im Schachen). Nach Fertigstellung der Strecke nach Brugg wurde 1858 der durchgehende Bahnverkehr Olten-A.-Zürich aufgenommen und der heutige Bahnhof eröffnet. In der Folge entwickelte sich A. zum regionalen Bahnknotenpunkt: 1877 Verbindung mit der Nationalbahn über Suhr, 1882 Eröffnung der Südbahn nach Rotkreuz und damit Anschluss an die Gotthardlinie, 1901 und 1904 Inbetriebnahme der elektr. Schmalspurbahnen nach Schöftland (Suhrentalbahn) und Reinach (AG)/Menziken (Wynentalbahn, 1958 Fusion zur Wynental- und Suhrentalbahn). Ab 1952 erfolgte der Ausbau des innerstädt. öffentl. Verkehrs. Die 1956 gegr. Busbetriebe A. (BBA) verbanden nebst den Stadtquartieren die Gem. Buchs (AG), Rohr (AG) und Suhr mit dem Zentrum. 1976 übernahmen sie von der PTT die Linien nach Küttigen, Erlinsbach und Biberstein sowie die private Linie nach der Heilstätte Barmelweid (Gem. Erlinsbach) und eröffneten eine Verbindung nach Schönenwerd und Gretzenbach.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

4.3 - Wirtschaft und Gesellschaft

Trotz früher Industrie war A. um 1800 noch vom Handwerk geprägt, auch wenn die Handwerksges. von geringer Bedeutung waren. Im 19. Jh. dominierte vorerst weiter die Textilindustrie, nun teilweise mechanisiert. Johann Herosé führte nach 1800 als Erster den Walzendruck ein, Regierungsrat Johannes Herzog eröffnete 1810 am Stadtbach die erste mechan. Spinnerei im Kt. Die bedeutende Seidenfabrik des Johann Rudolf Meyer ging Ende der 1820er Jahre an Friedrich Feer über, der sie zu neuer Blüte führte. Manche Firmen, so das Baumwollunternehmen der Hunziker, beschäftigten in weitem Umkreis Hunderte in Heimarbeit. Die protektionist. Zollpolitik der Nachbarstaaten, insbes. Deutschlands, bewirkte den Zusammenbruch der Textilindustrie in der Mitte des 19. Jh., den nur das Feersche Unternehmen bis 1898 überstand.

Inzwischen waren andere Branchen entstanden. Karl Herosé nahm 1832 als Erster im Kt. die Zementfabrikation auf. Das Unternehmen ging 1856 an Albert Fleiner über, der es zu einem der grössten Betriebe der schweiz. Zementindustrie ausbaute. 1882 eröffnete Rudolf Zurlinden im Rüchlig eine weitere Zementfabrik mit Kraftwerk (1929 stillgelegt). 1803 brachte der Strassburger Mechanicus Louis Esser die Reisszeugfabrikation nach A. 1819 eröffnete sein Nachfolger Jakob Kern einen Betrieb und bezog 1857 die Fabrik am Ziegelrain (Kern). 1880 richtete die Schuhfirma Bally in A. einen Produktionsbetrieb ein; 1894 wurden die Eisen- und Stahlwerke Oehler & Co. gegründet.

Die Elektrifizierung förderte die Branchendurchmischung. 1900 eröffneten Carl Sprecher und Hans Fretz eine Fabrik für elektr. Apparate, die 1908 in die Firma Sprecher + Schuh umgewandelt wurde. Die 1889 gegr. Firma Kummler & Matter (seit 1941 Elcalor AG) stellte elektrotherm. Apparate her, die 1913 gegr. Firma Maxim elektr. Kleingeräte. Im graf. Gewerbe wie in der Metall- und Schuhindustrie kam es gegen Ende des 19. Jh. zu Streiks gegen das patriarchal. Unternehmertum. 1906 wurde erstmals ein Sozialdemokrat in den Stadtrat gewählt. Zwischen den Weltkriegen expandierte die lokale Wirtschaft unter wechselhaften Bedingungen. Die Krisen dieser Zeit führten zu Konkursen und Arbeitslosigkeit. Handel und Gewerbe erlebten mit der Einführung des "Marktes Aarauer Gewerbetreibender" (MAG) 1937 einen Neubeginn. Die Ausweitung des Dienstleistungssektors, der seit den 1960er Jahren den industriellen Sektor an Bedeutung übertrifft, repräsentierte sich in den stattl. Bauten an der Bahnhofstrasse.

Nach Jahrzehnten allg. wirtschaftl. Aufschwungs begann in den 1980er Jahren ein starker Strukturwandel die Aarauer Industrie zu erfassen. So wurde das Grossunternehmen Sprecher & Schuh in versch. Teile zerlegt und die renommierte Reissfabrik Kern 1991 geschlossen. Neue Firmen etablierten sich, so 1992 in den ehem. Kern-Gebäuden ein Kunststoff-Technologiezentrum. Auch die ehem. Textilfabriken im Hammer wurden zwischen 1970 und 1995 restauriert und umgenutzt. 1970 bot A. 18'407 Arbeitsplätze; 1990 waren es 21'122. Die Zahl der Wegpendler stieg zwischen 1970 und 1990 von 1'754 (20,2%) auf 3'528 (40,1%), die der Zupendler von 11'499 (61,9%) auf 15'990 (75,7%).

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

4.4 - Kultur und Bildung, Kirche und religiöses Leben

In einem kultur- und bildungspolit. günstigen Klima gründeten Private 1802 trotz wirtschaftl. Ungunst die spätere Kantonsschule, das erste Gymnasium der Schweiz, dessen Lehrer nicht mehr dem geistl. Stand angehörten. Durch Kauf der umfangreichen Handschriftensammlung des Generals Beat Fidel Zurlauben legte der Kt. 1803 den Grundstein zur Kantonsbibliothek. 1811 gründeten Heinrich Zschokke, Heinrich Remigius Sauerländer, Johann Nepomuk von Schmiel und andere die "Ges. für vaterländ. Kultur", die sich v.a. der innerkant. Solidarität im neuen Staatsgebilde widmete. Der ab 1804 von Zschokke herausgegebene Schweizerbote, die 1814-21 von Paul Usteri redigierte "Aarauer Zeitung" sowie andere Presseerzeugnisse aus dem Verlag Sauerländer sorgten dafür, dass A. den Ruf einer aufklärer.-liberalen Hochburg erhielt und in den 1820er Jahren Zufluchtsort für polit. Flüchtlinge wurde. In der Regeneration war A. ein Zentrum der Radikalen, die auf eine Bundesreform hinarbeiteten. Nicht zufällig war die Stadt Schauplatz identitätsstiftender Veranstaltungen: 1824 erstes Eidg. Schützenfest, 1832 erstes Eidg. Turnfest, 1842 Gründung des Eidg. Sängervereins.

Die Tradition als Druckereistandort blieb bestehen; 1856 wurden in A. fünf Tageszeitungen gedruckt. 1847 hatte Samuel Landolt das "Aarauer Tagblatt" gegr., das die Nachfolger 1880 zum Aargauer Tagblatt (AT) ausbauten. Seit den 1960er Jahren hat das AT mehrere Regionalblätter übernommen und Regionalausgaben geschaffen. 1996 fusionierte es mit dem "Badener Tagblatt" zur Aargauer Zeitung. Von den anderen Blättern konnten sich die jungliberale "Neue Aargauer Zeitung" bis 1956 und der 1906 gegr., seit 1912 tägl. erscheinende sozialdemokrat. "Freie Aargauer" bis 1987 halten.

Ende des 19. Jh. wurde das städt. Bildungs- und Kulturangebot durch zahlreiche neue Institutionen erweitert. 1873 gründete der Kt. ein Lehrerinnenseminar (heute Neue Kantonsschule), 1895 erfolgte nach Plänen von Karl Coelestin Moser ein Neubau für Kantonsschule und Gewerbemuseum, 1922 richtete die Naturforschende Ges. das Aarg. Naturmuseum ein. A. beherbergt neben zwei Kantonsschulen die Kant. Schule für Berufsbildung, eine Gewerbeschule und eine kaufmänn. Berufsschule. 1986 wurde in einer ehem. Fabrik im Hammer die Kaderschule für die Krankenpflege des Schweiz. Roten Kreuzes eröffnet. Das 1989 eingerichtete Didaktikum und private Inst. dienen der Weiterbildung. Die vom Aarg. Kunstverein zusammengetragene Sammlung hat nationale Ausstrahlung. Seit 1776 existiert eine Stadtbibliothek, seit 1930 eine hist. Sammlung im Schlössli. In der ehem. Tuchlaube ist seit 1974 ein Kleintheater eingerichtet, in einer Fabrik die alternative Institution KIFF (Kultur in der Futterfabrik). In den 1990er Jahren wurde der 1883 errichtete Saalbau für Theater und Konzerte um- und ausgebaut.

Die kath. Pfarrei A. (seit 1970 Kreiskirchgem.) wurde 1803 als erste Diasporapfarrei im Kt. gegründet. Sie erstreckt sich vom Jurafuss bis zur luzern. Grenze und ist in fünf Ortskirchgem. gegliedert. Zur Zeit des Kulturkampfs (1876) bekannte sich die Mehrheit der kath. Kirchgem. A. zum Altkatholizismus, dessen Anhängern der Chor der Stadtkirche zur Verfügung gestellt wurde. 1882 konnten die röm.-kath. Aarauer ein eigenes Gotteshaus (Peter und Paul) beziehen, das 1940 durch einen Neubau ersetzt wurde. Bislang hatten sie die got. Pfarrkirche gemeinsam mit den Reformierten benutzt. Diese Kirche ging 1971 von der Stadt in das Eigentum der ref. Kirchgem. über. Von dieser hatten sich 1854 die evang.-ref. Minoritätsgem. abgespalten und 1874 eine eigene Kapelle errichtet. Versch. weitere Glaubensgemeinschaften besitzen in A. Gotteshäuser.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

5 - Der Bezirk Aarau

Der 1798 geschaffene helvet. Distrikt A. umfasste 12 von 13 heute noch zum Bez. A. gehörenden Gem., ausserdem die Gem. Thalheim, Oberflachs, Veltheim und Auenstein. Bei der Schaffung des Bez. A. 1803 gelangten diese fünf Gem. an den Bez. Brugg, während Hirschthal zum Bez. A. stiess. 1990 zählte der Bez. 62'384 Einw., davon 10'583 Ausländer (17%), 56% der Einw. gehörten der ref. Konfession an.

Autorin/Autor: Alfred Lüthi

Quellen und Literatur

Archive
– StadtA A.
– StAAG (u.a. Nachlässe zahlreicher Aarauer)
Quellen
SSRQ AG I/1
Die Jahrzeitbücher der Stadt. A., hg. von Walther Merz, 2 Bde., 1924-26
Urk. der Stadt A., 1942
Literatur
Aarauer Njbl. 1, 1910; NF 1-, 1927-
Kdm AG 1, 1948, 17-134
– A. Lüthi et al., Gesch. der Stadt A., 1978, (mit Bibl.)
INSA 1, 79-169
– T. Elsasser, Aarauer Stadtbilder aus fünf Jahrhunderten, 1983 (21994)
– M. Pestalozzi, 100 Jahre EWA 1893-1993, 1993