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Sexualität [Sexualverhalten]

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Der Begriff S. wird seit dem Anfang des 19. Jh. zunächst zur Bezeichnung des Geschlechts von Pflanzen und schliesslich für die "Gesamtheit der geschlechtl. Lebensäusserungen" verwendet. In der 2. Hälfte des 20. Jh. wurde er in die Umgangssprache übernommen. Die Geschichte der S., historiografisch ein neueres Feld, ist von der Forschung ebenso als Diskursgeschichte wie als Geschichte von Praktiken und Mustern der Geschlechterverhältnisse und -beziehungen untersucht worden (Geschlechtergeschichte). Wurde die Geschichte des Begehrens v.a. im Bereich der literar. und visuellen Imaginationen thematisiert, so arbeitet die Geschichte der Grenzziehung zwischen Erlaubtem und Verbotenem hauptsächlich mit theol., jurist. und medizin., aber auch mit (auto)biogr. Quellen. Während zunächst die Frage nach Repression und Befreiung im Vordergrund stand, hat sich die Forschung im Anschluss an Michel Foucault zunehmend mit der Konstruktion von S., ihrer Regulierung und Diskursivierung beschäftigt.

Autorin/Autor: Susanna Burghartz

1 - Diskurse: zwischen Regulierung und Sexualisierung

Schon im SpätMA lassen sich im Gebiet der Eidgenossenschaft allg. Entwicklungen der Geschichte der S. in spezif. Form konstatieren: Literar. Texte wie Schwänke, Fastnachtsspiele oder auch satir. Lehrgedichte brandmarkten die bäuerl. S. als derb und zotig. Die polit. Gegner diffamierten die Eidgenossen bereits im 15. Jh. als Sodomiten - so wurden sie im Schwabenkrieg als "Kuhschweizer" beschimpft -, und damit als Gefahr für die rechte Ordnung (Zoophilie). In der Reformationszeit wurden Unzucht und Homosexualität zu wichtigen rhetor. Figuren im Kampf für eine Neuordnung der Gesellschaft. Nichtehel. S. wurde zunehmend kriminalisiert, Reinheit und legitime S. neu im theol. Ehediskurs und vor den ref. Ehe- und Sittengerichten verhandelt. Im 18. Jh. folgte mit der Veröffentlichung von "L'Onanisme" (1760) des Lausanner Arztes Auguste Tissot und seinem Kampf gegen Onanie eine deutl. Verschiebung des Diskurses vom theol. in den medizin. Bereich. In der Folge blieben moral. und medizin. Diskussionen prägend und wurden im 20. Jh. noch ergänzt durch die psycholog. Thematisierung der S.: Der auch von Johann Heinrich Pestalozzi aufgegriffenen Kindsmorddebatte (Kindesmord) der Aufklärung folgten ab 1875 die Sittlichkeitsbewegung und ihr Kampf gegen Prostitution und Geschlechtskrankheiten. Ab der Wende zum 20. Jh. dominierten die im Kontext von Hygienebewegung (Hygiene) und Sozialdarwinismus bevölkerungspolitisch argumentierende Eugenikdiskussion (Eugenik) und die Debatte über Abtreibung den öffentl. Diskurs. Die Aufhebungen der Konkubinatsverbote (Konkubinat) auch in der Deutschschweiz und im Wallis ab den 1970er Jahren zeugten von einer neuen Einstellung. Die gleiche Stossrichtung hatten die Entkriminalisierung der Homosexualität - seit 1942 strafrechtlich legal und ab den 1970er Jahren zunehmend entstigmatisiert - und schliesslich die weitgehende rechtl. Gleichstellung von homosexuellen mit heterosexuellen Lebensformen seit 2005.

Neben den stark auf die Errichtung bzw. Aufhebung von Verboten gerichteten Diskussionen gab es Bestrebungen zur positiven Bestimmung von S., etwa ab der Mitte des 19. Jh. die Lebensreformbewegung mit der Freikörperkultur oder ab 1900 die damit verbundenen Reformprojekte auf dem Monte Verità, ferner die neue Sexualwissenschaft mit Auguste Forel ("Die sexuelle Frage" 1905), ab dem beginnenden 20. Jh. die Psychoanalyse sowie Befreiungsbewegungen wie die Frauenbewegung, die Schwulen- und Lesbenbewegung und die Aufklärungswelle ab den 1960er Jahren. Mit der Einführung der Pille ab 1960 und der damit verbundenen Diskussion um die päpstl. Enzyklika "Humanae Vitae" (1968) wurde die S. von der Reproduktion entkoppelt. Die Aidskampagnen (Aids) seit den 1990er Jahren, die allgemein zunehmende Sexualisierung in Werbung und Medien und die durch die neuen Medien massiv gesteigerte Pornografiewelle am Ende des 20. Jh. führten zu einem weiteren diskursiven Schub (Pornografie).

Autorin/Autor: Susanna Burghartz

2 - Praktiken: Kontrolle - Befreiung - Integrität

Das vom SpätMA an auch in der Schweiz verbreitete sogenannte europ. Heiratsmuster mit relativ später Verheiratung von Männern wie Frauen (Ehe, Ehehindernisse) und die grosse ökonom. Bedeutung von Eheschliessung und Haushaltsgründung für die (Herkunfts-)Fam. führten spätestens ab der frühen Neuzeit zu verschiedenen brauchtüml. Formen der Sozialkontrolle im sexuellen Bereich, etwa dem Kiltgang oder den Knabenschaften, die sexuelle Kontakte durch die Burschen des Dorfs überwachten. Den gleichen Zweck erfüllten Rügebräuche zur öffentl. Markierung unerwünschter sexueller Beziehungen wie das Charivari. Vom 17. Jh. an lassen sich in städt. Oberschichten Praktiken der Geburtenregelung nachweisen, hauptsächlich in Genf und Zürich. Nach 1870 nahmen Abtreibungen und die Verbreitung von Verhütungsmitteln deutlich zu, nach 1900 kamen diese nicht zuletzt durch Sexualaufklärungskampagnen auch in Arbeiterquartieren vermehrt zur Anwendung. Im Kontext der Familienplanung etablierte sich ab den 1950er Jahren eine Beraterkultur, später wurden sexuelle Fragen vermehrt im Rahmen von Paarberatungen diskutiert. Weitere in ihren Auswirkungen auf sexuelle Praktiken noch wenig untersuchte wichtige Entwicklungen waren die Entkriminalisierung der Prostitution und die Gründungen von Clubs, Kontaktbörsen und ähnl. Foren am Ende des 20. Jh. In dessen Verlauf führten Sexualreformbewegungen und Strafrechtsreformen zu einer allmähl. Verschiebung der Diskussion in Richtung sexueller Selbstbestimmung und Integrität und damit zu einer wachsenden Bindung von Subjektivität bzw. Identität an das Sexuelle. Typisch hierfür war etwa die neue Frauenbewegung (Frauenbefreiungsbewegung), die ab 1968 die männerdominierte S. in Frage stellte. Schwulen- und Lesbenbewegung veränderten ab den 1970er Jahren die Wahrnehmung wie den Alltag nichtheterosexueller Praktiken, und Ende des 20. Jh. wurde schliesslich die Trans- und Intersexualität zum Thema. Der sexuelle Missbrauch von Kindern, der während Jahrhunderten toleriert war, wurde Ende des 20. Jh. vermehrt strafrechtlich verfolgt.

Autorin/Autor: Susanna Burghartz

Quellen und Literatur

Literatur
– D. Puenzieux, B. Ruckstuhl, Medizin, Moral und S., 1994
– C. Ostorero, «Les rapports sociaux de sexes», in Weiblich - männlich, hg. von R. Jaun, B. Studer, 1995, 205-217
– E. Sutter, "Ein Act des Leichtsinns und der Sünde", 1995
– R. Wecker, «"Das Dogma". Zur Konstruktion von Geschlecht durch eugen. Massnahmen», in Geschlecht hat Methode, hg. von V. Aegerter et al., 1999, 269-278
– N. Gerodetti, Modernising Sexualities: Towards a Socio-Historical Understanding of Sexualities in the Swiss Nation, 2005
– R. Staub et al., Ohne Dings kein Bums: 20 Jahre Aids-Arbeit in der Schweiz, 2005
– J. de Dardel, Révolution sexuelle et mouvement de libération des femmes à Genève, 2007
– E. Ostertag, R. Rapp, Es geht um Liebe: Schwule in der Schweiz und ihre Gesch., 2009
Fragen Sie Dr. Sex!, hg. von P.-P. Bänziger et al., 2010
– S. Burghartz, «Competing Orders?», in Marriage in Western Europe, 1400-1800, hg. von S. Seidel-Menchi (in Vorb.)

Autorin/Autor: Susanna Burghartz