Ehelosigkeit

Verglichen mit anderen Kulturen, in denen die Ehe verbreitet ist, zeichnet sich die lat. Christenheit durch einen hohen Anteil von ehelos bleibenden Menschen aus (unverheiratet im Alter von 50 und mehr Jahren). Zum Teil lässt sich dieser Umstand mit der ambivalenten Rolle der Kirche erklären: Die Kirche machte die Ehe zum Sakrament, verbot sie aber den Geistlichen (Zölibat) und wertete so die E. auf. Zudem schränkte sie die Ehe durch strenge Auflagen bezüglich des Verwandtschaftsgrades der Ehepartner ein. Unverheiratete kamen der Kirche zur Rekrutierung von Geistlichen zustatten.

In der Agrargesellschaft indessen richtete sich das wirtschaftl. und soziale Leben auf das Ehepaar aus. Unverheirateten kam mithin eine Aussenseiterrolle zu, die sich u.a. in für sie wenig schmeichelhaften Sprichwörtern manifestiert. Abgesehen vom Zölibat wurde die E. meist nicht freiwillig gewählt. Davon zeugt die Vielzahl von Riten und Gebeten, mit Hilfe derer ein Ehepartner gefunden werden sollte. Die gesellschaftl. Notwendigkeit der Ehe erklärt die verhältnismässig geringe Zahl der definitiv Unverheirateten. Vor dem 18. Jh. waren schätzungsweise 6-10% der Frauen ledig; bei den Männern lag der Anteil der Ehelosen tiefer. Obwohl die Quellenbasis schmal ist, kann für die Schweiz aufgrund institutioneller und struktureller Besonderheiten davon augegangen werden, dass der Anteil der ledigen Frauen noch höher war: Er betrug vermutlich 10-15%, ab dem 18. Jh. sogar mehr als ein Drittel einer Frauengeneration. Beispielsweise waren im Engadin und in Olten 1650-90 14% der 45-54-jährigen Frauen ledig, 1781-1820 bereits 36%. Im 19. Jh. gehörte die Schweiz zu den Gebieten Europas mit den höchsten Ehelosenanteilen. Von den 1806-35 geborenen Frauen blieb fast eine von fünf ledig. Bei den 1806-25 geborenen Männern lag der Ehelosenanteil mit 19% nur wenig tiefer; er nahm dann jedoch beständig ab und machte bei den um 1900 geborenen Männern noch 13% aus. Bei der weibl. Bevölkerung setzte dieser Rückgang erst bei den kurz nach 1900 geborenen Frauen ein, schritt dann aber rasch voran. Innerhalb von 30 Jahren sank der Anteil der Ledigen bei den 50-jährigen Frauen um die Hälfte, nämlich von 19,2 auf 9,8%.

Der hohe Anteil eheloser Personen lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen. Mit der Bevölkerungszunahme wurde es für junge Menschen schwierig, wirtschaftlich selbstständig zu werden. Die kant. Gesetzgebungen untersagten bestimmten Bevölkerungsgruppen (Mittellosen oder Nichtbürgern des Kantons oder der Gemeinde) die Heirat. Vorschriften der Dorfgemeinschaften über die Nutzung der Gemeindegüter konnten ein weiteres Hindernis zur Eheschliessung darstellen, ebenso bestimmte Erbmodalitäten und Familienstrukturen. So war es in Teilen der deutschsprachigen Schweiz üblich, dass der Erbe mit Frau und Kindern das Elternhaus übernahm, während seine Brüder und Schwestern ledig blieben oder bei einer allfälligen Heirat ausziehen mussten. Ein wichtiger Faktor war schliesslich auch die Auswanderung, ein strukturelles Merkmal im Gebiet der heutigen Schweiz. Sie bewirkte ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und störte so den Heiratsmarkt. 1870 standen im Tessiner Maggiatal 100 Männer im Alter von 20-30 Jahren 288 Frauen im Alter von 20-24 Jahren gegenüber. Von diesen waren denn auch 90% ledig, von den 45-49-jährigen immer noch 44%. Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern erklärt auch, weshalb in den Städten mehr ledige Frauen als auf dem Land lebten: 1880 waren 18,7% der 45-49jährigen Frauen auf dem Land ledig, in den Städten 21,4%. Bei den Männern war das Verhältnis gerade umgekehrt: 18,7% betrug der Anteil der unverheirateten Männer in ländl., 14,1% in städt. Gebieten. Auch in den privilegierten Schichten widerspiegelte die E. Störungen des Heiratsmarktes. So z.B. im Genfer Patriziat des 18. Jh. oder in der Glarner Führungsschicht, deren männl. Angehörige durch den Solddienst dezimiert worden waren.

Seit Beginn der 1970er Jahre hat sich das Heiratsverhalten in allen europ. Ländern stark verändert (Nuptialität). Der Konjunktur-Indikator der Erstheiraten lag in den Jahren 1950-60 noch bei 95%, 1975-80 hingegen nur noch bei 60%. Danach stieg er wieder an und betrug 1990 bei den Männern 70%, bei den Frauen 75%. Das bedeutet, dass in der Schweiz bei gleichbleibendem Heiratsverhalten 30% der Männer und 25% der Frauen mit 50 Jahren unverheiratet sind bzw. sein werden.


Literatur
– L. Henry, Anciennes familles genevoises, 1956
– F. Van de Walle, «Migration and Fertility in Ticino», in Population Studies 29, 1975, 447-462
Sterben die Schweizer aus?, 1985
– J. Mathieu, Bauern und Bären, 1987
– A.-L. Head-König, «Contrastes ruraux et urbains en Suisse de 1600 au début du XIXe siècle», in Mélanges d'histoire économique offerts au professeur Anne-Marie Piuz, hg. von L. Mottu-Weber, D. Zumkeller, 1989, 125-141
– A.-L. Head-König, «Démographie et histoire des populations de la Suisse de l'an mil au XIXe siècle», in Geschichtsforschung in der Schweiz, 1992, 114-136
– L. Lorenzetti, «Comportamenti demografici in Ticino», in AST 116, 1994, 191-214

Autorin/Autor: Alfred Perrenoud / MF