• <b>Vormundschaft</b><br>Reportage in der "Schweizer Illustrierten Zeitung" vom 9. Januar 1946 mit Fotografien von   Paul Senn (Zentralbibliothek Zürich). Amtsvormunde sind von den Gemeindebehörden eingesetzte Personen, die hauptberuflich eine grössere Anzahl von Mündeln betreuen. Mit seinen Aufnahmen gelang es dem Fotografen, die bis ins 20. Jahrhundert verbreitete paternalistische Haltung im vormundschaftlichen Erziehungswesen zu dokumentieren.

Vormundschaft

Unter V. wird die gesetzlich geregelte rechtl. Fürsorge für eine minderjährige Person verstanden, aber auch eine staatl. Massnahme, durch die einer Person zu deren Schutz die rechtl. Handlungsfähigkeit entzogen und einem Vormund übertragen wird. Dieser leistet persönl. Fürsorge, übernimmt als Vertrauensperson die rechtl. Vertretung und besorgt die Vermögensverwaltung.

In den ma. Urkunden erscheint der Vormund vornehmlich als advocatus, was im Deutschen mit Vogt, zuweilen mit Tutor oder Curator übersetzt wird, während das Mündel einheitlich als pupillus bezeichnet wird. In deutschsprachigen Urkunden ist Vormund einheitlich als Vogt, die V. als Vogtei umschrieben, ab dem 16. Jh. erscheint auch der Begriff Bystand in den Urkunden. Dies ist auf die röm.-rechtl. Unterscheidung zwischen tutela und cura zurückzuführen. Die tutela war die V. über Unmündige bis zu deren Mündigkeit (mit 14, später 18 Jahren für Männer, mit 12, später 14 Jahren für Frauen). Danach erhielten der Mann bis zum 25. Altersjahr und die Frau bis zu ihrem Tod einen Beistand, oder sie trat mit der Heirat in die lebenslängl. cura ihres Ehemanns. Starb dieser vor ihr, so trat an ihre Stelle die sog. Geschlechtsvormundschaft. Der Begriff Vormund steht in Verbindung mit munt (Schutz): Der Schutzbefohlene, daher Mündel, bedarf wegen des Status der Handlungsunfähigkeit der väterl. Schutzgewalt. Als schutzbedürftig galten in erster Linie unmündige Waisen, Frauen, Invalide, Kranke und Gebrechliche, Urteilsunfähige und Verschwender.

Das germ. Recht betrachtete die V. als ein Recht und ausschliessl. Angelegenheit der Fam., weshalb ein Vormund nur ein "geborener Vormund" aus dem Familienverband sein konnte. Dieser hatte das Nutzungsrecht am Vermögen des Mündels, doch galt das Rechtssprichwort, wonach das Mündelgut weder wachsen noch schwinden sollte. Dennoch hatte das Mündel, wenn es volljährig wurde, das Vindikations- oder Revokationsrecht, und Verfügungen über Liegenschaften blieben bis zu dessen Volljährigkeit suspendiert. Mit Aufkommen des Handels erwiesen sich die daraus entstehende Rechtsunsicherheit und Blockierung immer mehr als untragbar, und der Vormund wurde deshalb zum Stellvertreter des Mündels mit entsprechender Ermächtigung. Diese neue Rechtslage barg jedoch die Gefahr der Veruntreuung des Mündelvermögens. Deshalb wurde der Vormund zur Rechnungsstellung verpflichtet, und mit der Ausbildung des neuzeitl. Staats wurden Behörden zum Einschreiten gegen Missbräuche und zur Reglementierung der V. erforderlich. Zur Schaffung von Vormundschaftsbehörden gaben v.a. die Reichspolizeiordnungen von 1548 und 1577 den Anstoss. Der Rat ernannte den Vormund, wobei eine Ablehnung dieser Pflicht nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig war.

<b>Vormundschaft</b><br>Reportage in der "Schweizer Illustrierten Zeitung" vom 9. Januar 1946 mit Fotografien von   Paul Senn (Zentralbibliothek Zürich).<BR/>Amtsvormunde sind von den Gemeindebehörden eingesetzte Personen, die hauptberuflich eine grössere Anzahl von Mündeln betreuen. Mit seinen Aufnahmen gelang es dem Fotografen, die bis ins 20. Jahrhundert verbreitete paternalistische Haltung im vormundschaftlichen Erziehungswesen zu dokumentieren.<BR/><BR/>
Reportage in der "Schweizer Illustrierten Zeitung" vom 9. Januar 1946 mit Fotografien von Paul Senn (Zentralbibliothek Zürich).
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Die Reglementierung der V. bewirkte eine Richtungsänderung von der rein familienrechtl. zur staatlich kontrollierten V. Mit dieser Entwicklung stellte sich die Frage, ob das Vormundschaftsrecht nunmehr in den Bereich des öffentl. Rechts fiel. Diese Frage beantworteten alle Kodifikationen der Kantone im 19. Jh. sowie das 1912 in Kraft getretene Schweiz. Zivilgesetzbuch (ZGB) privatrechtlich, indem sie das Vormundschaftsrecht als Bestandteil des Familienrechts abschliessend regelten. Die Bestimmungen des ZGB wiesen neben dem Schutzgedanken einen paternalist.-disziplinierenden Charakter auf, v.a. gegenüber den Frauen und Randgruppen. Bis weit ins 19. Jh. sind nur mündige Personen männl. Geschlechts Vormünder, anfänglich ausschliesslich, später prioritär aus der Blutsverwandtschaft des Mündels. Die Mutter blieb von der V. ihrer Kinder ausgeschlossen. Ausnahmen hierzu bildeten Genf, Waadt und Neuenburg, wo die Witwe die V. über ihre Kinder ausüben konnte, was erstmals in einem Testament von 1256 ersichtlich ist. Bei Kleinkindern übte die Mutter die elterl. Gewalt aus, stand aber selbst unter Kuratel. Am Ende des 20. Jh. wurde das Vormundschaftsrecht revidiert. Es trat unter dem neuen Namen Erwachsenenschutzrecht, der das Bemühen um Verhältnismässigkeit, besseren Schutz der Individualrechte und Professionalisierung versinnbildlicht, 2013 in Kraft (Art. 360-456 ZGB).


Literatur
– E. Huber, System und Gesch. des Schweiz. Privatrechts 4, 1893
– J.-F. Poudret, Coutumes et coutumiers 2, 1998
– H. Hausheer et al., Das neue Erwachsenenschutzrecht, 2010
– P. Meier, S. Lukic, Introduction au nouveau droit de la protection de l'adulte, 2011

Autorin/Autor: Theodor Bühler