Heimatlose

Die eidg. Kantone und Gem. setzten sich vom 17. Jh. an mit der Existenz heimatloser Menschen auseinander; die Beschäftigung gipfelte im 19. Jh. im Diskurs der "Heimatlosenfrage". Das sich ab dem ausgehenden 16. Jh. durchsetzende Heimatprinzip in der Fürsorge für die Armen (Armut) hatte zur Ausformung unterschiedlichster kommunaler Bürgerrechte und zur Abschottung der Gem. gegen Fremde geführt. Neben der Gesetzgebung und der Rechtspraxis als direkten Ursachen von Heimatlosigkeit existierten zahlreiche Strafnormen, z.B. in der konfessionellen Gesetzgebung gegen Konvertiten, die bis zu Beginn des 19. Jh. die Aberkennung bestehender Heimatrechte zur Folge hatten. Zudem verweigerten viele Gem. ärmeren Angehörigen aufgrund einer fahrenden Lebens- und Wirtschaftsweise und der dadurch bedingten längeren Abwesenheit die Anerkennung (Fahrende).

Infolge dieser mannigfaltigen Praktiken entstand eine in ihrer Zusammensetzung heterogene Bevölkerungsgruppe, der das Fehlen eines Bürger- oder Heimatrechts einer Gem. oder Korporation gemeinsam war. Da sich das Staatsbürgerrecht in der Schweiz aus dem Bürgerrecht einer Gem. ableitet, fehlte den H.n über die kommunale Zugehörigkeit hinaus auch die rechtl. Zugehörigkeit zu einem staatl. Verband. Nichtbesitz eines Heimatrechts hatte weitreichende Konsequenzen, da die polit., sozialen und ökonom. Rechte eines Individuums an den Besitz eines Bürgerrechts gebunden waren. H. hatten keinen Anteil an den Nutzungsrechten der Gem., ihnen fehlten die Rechte auf Armenunterstützung, auf das Eingehen einer legalen ehel. Beziehung oder auf dauernde Niederlassung. Der Ausschluss aus dem auf dem Bürgerrecht basierenden gesellschaftl. System der Sesshaftigkeit stand oft am Anfang einer nichtsesshaften Existenz.

Der Umgang der staatl. Behörden und der sesshaften Gesellschaft mit den H.n und anderen Nicht-Sesshaften situierte sich im Spannungsfeld zwischen Unterdrückung und Fürsorge, zwischen Ausgrenzung, Zwangsintegration und Assimilation. Die im Ancien Régime vorherrschenden repressiven Massnahmen zur Bekämpfung des Bettels und zur polizeil. Kontrolle der Mobilität (Betteljagden, Abschiebungen, Körperstrafen) wurden bis ins 19. Jh. praktiziert (Bettelwesen). Zur Überwachung ihrer Territorien gründeten die Kantone neue Landjägerkorps und stockten bestehende Kontingente auf (Polizei). Opfer dieser Massnahmen, die zur Kriminalisierung aller nichtsesshaften Lebens- und Wirtschaftsweisen führten, waren unterschiedslos H. sowie andere temporär oder permanent mobile Bevölkerungsgruppen (Jenische). Ab der Helvetik bemühten sich die Bundesbehörden und eine Mehrheit der Kantone um die Bekämpfung der Heimatlosigkeit. In Konkordaten zum Eherecht, zur rechtl. Stellung von Konvertiten und zum Niederlassungs- und Schriftenwesen (Pass) versuchten sie, die Ursachen der Heimatlosigkeit zu beseitigen. Daneben strebten sie auch die rechtl. Wiedereingliederung der H.n an (Konkordate von 1812, 1819, 1828, 1844/47), was in mehreren Kantonen zum Erlass von spezif. Einbürgerungsgesetzen führte (Luzern 1813 und 1834, Solothurn 1817, Graubünden 1815/19 und 1839, Schwyz 1822 und 1838, St. Gallen 1835, Aargau 1838, Neuenburg 1844). Erst der Bundesstaat verhalf in der "Heimatlosenfrage" einer der zentralen Kontrolle unterworfenen Politik zum Durchbruch. Das Heimatlosengesetz von 1850 legte die Grundlage für die formalrechtl. Integration der H.n; in dem folgenden Verfahren, das die Bundesanwaltschaft leitete, wurden rund 30'000 Personen - z.T. gegen den Widerstand der betroffenen Gem. - zwangsweise eingebürgert. Das Gesetz enthielt jedoch auch eine Reihe von Massnahmen, die fahrende Lebensweisen zum Verschwinden bringen sollten.


Literatur
– P. Witschi, «Minderheiten: Nichtsesshafte unter Sesshaften», in Hb. der schweiz. Volkskultur 2, hg. von P. Hugger, 1992, 837-846
"Welch ein Leben!", hg. von B. Baur et al., 1998
Wider das Leugnen und Verstellen, hg. von M. Gasser et al., 1998
– T.D. Meier, R. Wolfensberger, "Eine Heimat und doch keine", 1998

Autorin/Autor: Rolf Wolfensberger