• <b>Soziale Frage</b><br>Plakat zur Abstimmung über das Arbeitszeitgesetz im Kanton Basel-Stadt vom 4. Juli 1920, gestaltet von  Paul Wyss (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Die Senkung der Arbeitszeit war eine der wichtigsten Forderungen der Arbeiterschaft. Nach dem Generalstreik von 1918 wurde durch Gesetze eine Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag festgelegt. Dagegen wurde verschiedentlich das Referendum ergriffen, worauf es im Juli zuerst im Kanton Basel-Stadt, im Oktober dann auf eidgenössischer Ebene zu Volksabstimmungen kam. Die Gesetze wurden schliesslich angenommen.

Soziale Frage

Mit dem Begriff der S. thematisierte ein Teil der bürgerl. Öffentlichkeit - selten die Betroffenen selbst - v.a. ab den 1840er Jahren die infolge der Industrialisierung entstandenen sozialen Probleme. Nachdem die Armutsproblematik in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. vorwiegend unter dem Gesichtspunkt des Pauperismus diskutiert worden war, setzte sich gegen die Jahrhundertmitte eine neue Betrachtungsweise durch. Zentrale Bedeutung erlangte dabei der Begriff der S., der in Frankreich als "question sociale" bereits vom frühen 19. Jh. an gebräuchlich war. Mit dem Perspektivenwechsel stand nicht mehr die vorindustrielle Armut im Vordergrund, wie sie in ländl. Gebieten bis in die 2. Hälfte des 19. Jh. verbreitet war, sondern die Not der rasch wachsenden Schicht der Arbeiter. Deshalb sprach man gelegentlich auch von der Arbeiterfrage. Ausgangspunkt der Debatte bildete bei Politikern und Publizisten die Erkenntnis, dass die Arbeiterschaft unter menschenunwürdigen wirtschaftl. und sozialen Bedingungen am Rande des Existenzminimums lebte, dass sie gesellschaftlich diskriminiert wurde und politisch ohnmächtig war, dass die Bedingungen am Arbeitsplatz die Gesundheit und die Familienverhältnisse gefährdeten und dass jegl. Schutz gegen Risiken wie Krankheit, Unfall, Tod und Arbeitslosigkeit fehlte.

Die Kluft zwischen dem polit. Ideal der bürgerl. Gleichheit und der sozialen Wirklichkeit setzte die Debatte in Gang. Soziale Not erschien nicht mehr als göttl. Geschick oder individuelles Schicksal, das es hinzunehmen galt. Vielmehr wurde sie als eine Folge der wirtschaftl. und polit. Ordnung betrachtet, was eine gesellschaftl. Verantwortung für die Bewältigung oder zumindest die Linderung der Not nahelegte. Die revolutionäre Systemkritik (Sozialismus) gewann ihre Überzeugungskraft aus der dauernden Präsenz der S. Deren Exponenten propagierten als vorläufiges Mittel zur Verbesserung der Lage die Organisation der Arbeiter (Gewerkschaften). Sozialreformer setzten z.T. auf private Wohltätigkeit, v.a. aber wiesen sie mit der Konsolidierung der industriellen Gesellschaft auf die Möglichkeiten der Sozialpolitik hin. Eine solche Sichtweise setzte die Aufsplitterung der S. in Teilfragen voraus, von denen zwei im Vordergrund standen: die Fabrikarbeit (Fabrikgesetze) und die Wohnungsnot (Wohnungsbau). Dazu kamen weitere Bereiche wie die Gesundheit (Gesundheitswesen) und Bildung (Schulwesen). Das Hintergrundwissen lieferten auf kant. und nationaler Ebene zahlreiche Sozialenqueten. Die frühesten sozialreformer. Vorstösse betrafen die verbreitete Kinderarbeit. Es folgten Massnahmen gegen die überlange Arbeitszeit, zum Schutz der Mutterschaft bei Arbeiterinnen und gegen die Gefährdung der Gesundheit (Arbeiterschutz). Im letzteren Bereich kamen zu den traditionellen Gefahrenquellen neue wie explodierende Kessel, schlecht geschützte Getriebe und die immer wichtigeren Chemikalien hinzu. Eine Synthese der Probleme legte 1873 Victor Böhmert vor, der im Auftrag des Bundesrats den Bericht "Arbeiterverhältnisse und Fabrikeinrichtungen in der Schweiz" verfasste. Aufgrund des Fabrikgesetzes von 1877 wurden Fabrikinspektoren ernannt, die regelmässig über die Lage der Arbeiter Auskunft gaben. Weit weniger Beachtung fand hingegen die Entwicklung in kleingewerbl. Betrieben und der Heimarbeit, obwohl diese noch lange wichtig waren.

<b>Soziale Frage</b><br>Plakat zur Abstimmung über das Arbeitszeitgesetz im Kanton Basel-Stadt vom 4. Juli 1920, gestaltet von  Paul Wyss (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Die Senkung der Arbeitszeit war eine der wichtigsten Forderungen der Arbeiterschaft. Nach dem Generalstreik von 1918 wurde durch Gesetze eine Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag festgelegt. Dagegen wurde verschiedentlich das Referendum ergriffen, worauf es im Juli zuerst im Kanton Basel-Stadt, im Oktober dann auf eidgenössischer Ebene zu Volksabstimmungen kam. Die Gesetze wurden schliesslich angenommen.<BR/>
Plakat zur Abstimmung über das Arbeitszeitgesetz im Kanton Basel-Stadt vom 4. Juli 1920, gestaltet von Paul Wyss (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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Gegen Ende des 19. Jh. stieg das Interesse an der S. in den rasch wachsenden Städten mit ihren z.T. katastrophalen Wohnverhältnissen. Nicht zuletzt Epidemien verlangten nach einer Ursachenforschung, die sich ab den späten 1880er Jahren in mehreren Wohnungsenqueten niederschlug. Schliesslich trat die Frage des Lohnausfalls infolge von Unfall, Krankheit, Alter, Tod des Ernährers oder Arbeitslosigkeit in den Vordergrund (Sozialversicherungen). Nachdem die Sozialpolitik für versch. Notlagen Auswege gefunden hatte, löste sich die Debatte über die S. bis zum 1. Weltkrieg auf. Zur Diskussion standen nicht mehr pauschal die S., sondern die einzelnen Aspekte der Sozialpolitik, so die Altersvorsorge nach der Annahme des Kranken- und Unfallversicherungsgesetzes 1911 (Soziale Sicherheit).


Literatur
– Gruner, Arbeiter, 15-49
– F.-X. Kaufmann, Sozialpolit. Denken, 2003

Autorin/Autor: Bernard Degen