Familia

F. bezeichnet die Gesamtheit der zu einer weltl. oder geistl. Grundherrschaft gehörenden, einen Rechtsverband bildenden Personen. Der v.a. im Früh- und HochMA fassbare Quellenbegriff hat röm.-antike Grundlagen: Einerseits stand er, dem modernen Wortsinn von Familie entsprechend, für die Kern- oder Gattenfamilie, andererseits für den von einem Herrn abhängigen und unter dessen Schutz stehenden Personenkreis. Im Laufe des FrühMA entwickelte sich die F. zu einem gesellschaftl. Beziehungsmuster. In ihr wurden unterschiedliche rechtliche, soziale und wirtschaftl. Gruppen unter einer Herrschaft zusammengefasst. Den grössten Anteil an einer F. stellten in der ausgebildeten Grundherrschaft die unfreien Mansusbauern (lat. mansuarii, servi casati), die vom Grundherrn mit einer Hufe ausgestattet wurden. Nur schwer fassbar sind die unfreien Mägde und Knechte (mancipia, servi, ancillae) und die Tagewerker (servi cottidiani), die auf dem Herrenhof beschäftigt waren. Schliesslich gehörten zur F. auch Freie und Halbfreie, die zunächst nur locker in die Grundherrschaft eingebunden waren. Im Verlaufe des 10. und 11. Jh. trat die rechtsständ. Unterscheidung von Freien, Halbfreien und Unfreien immer mehr in den Hintergrund. In der Reichsabtei St. Gallen z.B. formierten sich Träger von Hofämtern und Fronhofsverwalter zu einer neuen Oberschicht innerhalb der F. Im 11. Jh. löste sich aus deren Kreis der klösterl. Dienstadel - ein Vorgang, der sich bei Reformklöstern wie z.B. St. Blasien oder Allerheiligen (SH) nicht beobachten lässt. Mit der Umstrukturierung der Grundherrschaft im 12. und 13. Jh. und dem Aufstieg der Städte verlor die F. an Bedeutung.


Literatur
HRG 1, 1066 f.
– K. Bosl, «Die "F." als Grundstruktur der ma. Ges.», in Zeitschrift für bayer. Landesgesch. 38, 1978, 38, 403-424
LexMA 4, 254-256
– H.K. Schulze, Grundstrukturen der Verfassung im MA 2, 1990, 140-145
– W. Rösener, Grundherrschaft im Wandel 2, 1991, v.a. 41 f., 186, 438 f., 533-537

Autorin/Autor: Martin Leonhard