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Hintersassen

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Im SpätMA und bis zum 16. Jh. waren H. (auch Hintersässen genannt, bisweilen auch synonym zu Ansassen, Beisassen, Insassen; franz. habitants, résidents; ital. dimoranti, Divisi) die Leute, die "hinter" einem Herrn sassen, d.h. einem Vogt, Gerichts- oder Grundherrn unterworfen waren (Herrschaft). Später wurden - in den Städten und Ländern früher als in den ländl. Gemeinden - als H. vornehmlich jene bezeichnet, die in eine Stadt- oder Landgemeinde zogen oder sich unter einer Landesobrigkeit niederliessen und dabei im Unterschied zu den alteingesessenen Stadtbürgern, Landleuten bzw. Gemeinde- und Dorfgenossen als Einwohner minderen Rechts nicht das volle Bürgerrecht, Landrecht oder Dorfrecht besassen. Im Vergleich zu den sog. Aufenthaltern - Gesinde, Dienstboten und Gesellen - waren sie dauerhafter, oft mit eigenem Haushalt, in der Gem. ansässig und enger als jene in die lokale Gesellschaft und Wirtschaft eingebunden (Niederlassungsfreiheit). Der Status der Tauner wiederum ist v.a. ökonomisch zu definieren.

Während die Aufnahme von H. in den städt. Orten der Gem. bzw. dem Rat oblag, im 17. und 18. Jh. mitunter auch besonderen Hintersassenkommissionen, welche die Aufsicht über die H. innehatten, übten in den Landsgemeindeorten die Lands- oder Nachgemeinde, der Landrat oder Gr. Rat diese Funktion aus. In den Untertanengebieten hingegen durften die Gem. mitentscheiden, auch wenn sie dieses Recht, gerade bei strittigen Aufnahmegesuchen, nicht immer gegen die Landesobrigkeit durchsetzen konnten, die das Bestätigungsrecht bei Bürger- und Hintersassenannahmen zu ihrer Hoheitsgewalt zählte. Auch in den zugewandten Orten wie Genf, Neuenburg und dem Fürstbistum Basel hing die Aufnahme der H. von der Zustimmung der Gemeindebehörden ab.

Die Aufnahme als Hintersasse war von versch. Bedingungen abhängig: der Einhaltung einer gewissen Aufenthaltsdauer in der Gem., dem offiziellen Attest freier, ehrl. Herkunft (Mannrecht), dem Nachweis eines gewissen Vermögens, der Ausübung eines im Ort benötigten Handwerks oder Gewerbes und der Zugehörigkeit zur herrschenden Konfession. Unabdingbar waren ferner die Entrichtung eines einmaligen Einzugsgeldes und einer jährl. Gebühr - des sog. Einsitz- oder Hintersassengeldes - (franz. deniers de résidence, habitation) -, welche häufig zwischen Gem. und Herrschaft geteilt wurde, und die Hinterlegung einer Bürgschaft, der sog. Trostung, zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit etwa im Fall von Schulden. Der Hintersasse musste bei der Aufnahme den Treue- und Gehorsamseid gegenüber der Stadt, dem Land bzw. der Obrigkeit leisten.

Während die Gruppe der H. im SpätMA noch keine scharfen Konturen aufwies und die Distanz zwischen Bürgern und H. nicht zuletzt wegen der starken Fluktuation noch wenig ausgeprägt erscheint, akzentuierte sich der prekärere Rechtsstatus der H. vom 16. Jh. an als Folge des Bevölkerungswachstums, des steigenden Drucks auf die Nahrungs- und Einkommensmöglichkeiten in Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe, Regierung und Verwaltung sowie der drängenden Probleme der Armenpolitik (Fürsorge). Insbesondere ab dem späten 16. und 17. Jh. setzte eine Abschliessung der Bürger-, Land- und Dorfrechte ein, die in der Einführung und stetigen Erhöhung der Einzugsgelder, der Schaffung neuer Bürgerkategorien (Ewige Einwohner), bisweilen gar im Verzicht von Gem. auf die Aufnahme neuer Bürger und H. fassbar ist. In der Folge wuchs die Bevölkerungsgruppe der H. an und erhielt ihr für das Ancien Régime charakterist. Profil, wenn es auch die Unterschiedlichkeit der lokalen Verhältnisse zu berücksichtigen gilt. Es trifft aber für städt. und ländl. Verhältnisse gleichermassen zu, dass die H. zwar von den entscheidenden Rechten der Bürger, Landleute oder Dorfgenossen ausgeschlossen blieben, aber oft zur Erfüllung deren Pflichten wie Brandhilfe, Wehrpflicht, Steuer- und Frondienstpflicht herangezogen wurden. Heiratsschranken oder die Benachteiligung bei der Zuteilung der Kirchenstühle veranschaulichen, wie sich das Verhältnis von Bürgern und H. auch in sozialen und alltägl. Distinktionen realisierte.

Die verfassungsrechtl. Verhältnisse und die ökonom. Interessen der Bürger führten zu erhebl. Unterschieden im Anteil der H. an den städt. Haushaltungen. In Zürich betrug er 1756 5,4%, in Basel 1779 25,7%, in Genf 1781 46% (inklusive der Natifs), in Bern 1764 52,3%. Der Status der H. wurde zum einen geprägt vom Ausschluss von den Zünften, dem Verbot, Haus- und Grundeigentum zu erwerben, und der Absage an jede polit. Mitwirkung: Die H. besassen keinen Zutritt zur Gemeindeversammlung, keine Ratsfähigkeit und damit keinen Zugang zu höheren Ämtern in Regierung und Verwaltung (Politische Rechte). Zum anderen wurden sie gesellschaftlich diskriminiert. Von einer gemeinsamen Lebenslage kann aber insbesondere in den Städten mit hohem Anteil der H. und angesichts deren sozialer und berufl. Differenzierung nicht die Rede sein.

Die Lage der H. auf dem Land war gekennzeichnet durch den allgemein fehlenden oder rechtlich nicht abgesicherten, beschränkten Zugang zur Nutzung der Gemeindegüter Allmend, Wald und Weide (Nutzungsrechte), den Ausschluss von den polit. Entscheidungen, von Restriktionen beim Erwerb oder der Pacht von Gütern und bei der Ausübung von handwerkl.-gewerbl. Tätigkeiten (Handels- und Gewerbefreiheit) sowie der bisweilen eingeschränkten Freizügigkeit. Auch auf dem Land mussten die H. neben der Entrichtung eines einmaligen Einzugsgeldes jährlich eine kostenpflichtige Verlängerung ihres Aufenthalts einholen. Stets hatten sie zu gewärtigen, dass die Gem. aus Angst vor fremder Konkurrenz auf dem lokalen Güter- und Heiratsmarkt ihre Ausweisung verfügte.

Wie in den Städten bildeten die H. auch in den Landgemeinden keine homogene Randgruppe, auch wenn sie mehr Angehörige der Ärmsten aufwiesen als die Ortsbürger. Der Anteil der H. an der jeweiligen Ortsbevölkerung bewegte sich in einer mit städt. Verhältnissen vergleichbaren Bandbreite. Im 18. Jh. betrug er häufig zwischen 5% und 15%, aber selten mehr als 20%. Das aussergewöhnl. Beispiel des Emmentals, wo die H. in gewissen Gem. bis zu 30% ausmachten und am polit. Leben beteiligt waren, zeigt auf, wie sehr die lokalen Verhältnisse die Position der H. bestimmten. Nach der Aufgabe der Zelgwirtschaft und der Verteilung der Allmende auf die Höfe im 16. Jh. blieben die meisten Emmentaler Gem. ohne Gemeindegüter, was den Erwerb ihres Bürgerrechts unattraktiv machte. So sind in dieser Gegend gleichermassen arme und reiche Burger- und Hintersassenhaushalte festzustellen.

War auch die polit. Gleichstellung der H. mit dem Bürger in der Helvet. Republik nur von kurzer Dauer (Gleichheit), so wurde damals doch die Grundlage für das bis heute prägende Prinzip des Dualismus von Einwohner- und Bürgergemeinde in den meisten Kantonen gelegt. Nachdem einige Kantone 1831 vorangegangen waren, wurde die Einführung der Einwohnergemeinde und die polit. Gleichstellung in eidg. und kant. Angelegenheiten in der BV von 1848 festgehalten (Stimm- und Wahlrecht). Die Gleichstellung des niedergelassenen Schweizer Bürgers mit dem heimatberechtigten Gemeindebürger in allen Gemeindeangelegenheiten erfolgte erst mit der BV 1874.


Literatur
– J.J. Blumer Staats- und Rechtsgesch. der schweiz. Demokratien oder der Kt. Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug und Appenzell 2/I, 1858, 312-328
Idiotikon 7, 1347-1360
– W.A. Liebeskind, «Die Hintersässen im Glarner Landrecht des 16. Jh.», in Beitr. zur Gesch. des Landes Glarus, 1952, 79-99
– P. Caroni, Le origini del dualismo comunale svizzero, 1964
– A. Perrenoud La population de Genève du seizième au début du dix-neuvième siècle, 1979
– K. Bächtold, «Die H. in der Stadt Schaffhausen», in SchBeitr. 59, 1982, 18-43
– Braun, Ancien Régime, 115-121, 148-163
Livre des habitants de Genève, hg. von A. Perrenoud, 1985
– M.-J. Ducommun, D. Quadroni, Le Refuge protestant dans le Pays de Vaud (fin XVIIe-début XVIIIe siècle), 1991, 238-243
– A.-M. Dubler, «Der "Hintersässe" - ein armer Fremder, ein Gemeindeglied ohne polit. Rechte?», in SAVk 89, 1993, 143-164
– H. Berner, Gem. und Obrigkeit im fürstbischöfl. Birseck, 1994, 257-309
– M. Galgano, Die Beisassen des Alten Landes Schwyz zwischen 1798 und 1803, Liz. Freiburg, 2003

Autorin/Autor: André Holenstein