• <b>Lebensstandard</b><br>Quelle: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996  © 2007 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Die Struktur der Haushaltsausgaben variiert stark nach Zugehörigkeit zu einer sozialer Schicht. Generell sank im 20. Jahrhundert der Anteil des Grundbedarfes massiv und nahmen umgekehrt Bereiche wie Verkehr, Bildung und Erholung zu.
  • <b>Lebensstandard</b><br>Quelle: Bundesamt für Statistik  © 2007 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Die Struktur der Haushaltsausgaben variiert stark nach Zugehörigkeit zu einer sozialer Schicht. Generell sank zwar im 20. Jahrhundert der Anteil des Grundbedarfes massiv und nahmen umgekehrt Bereiche wie Verkehr, Bildung und Erholung zu. Im Budget der untersten Einkommensklasse machen aber auch 2004 allein Nahrungsmittel- und Wohnkosten (ohne Wohnungseinrichtung) noch immer fast die Hälfte der Konsumausgaben aus, beim wohlhabendsten Fünftel der Haushalte dagegen rund 36%.

Lebensstandard

Unter L. werden die materiellen Dimensionen von Wohlfahrt, d.h. die Verfügung über Einkommen und Vermögen, sowie der Besitz und Konsum von Gütern und Dienstleistungen subsumiert. Im Unterschied dazu umfasst das Konzept der Lebensqualität materielle wie immaterielle, objektive wie subjektive Wohlfahrtskomponenten (und betont das "Besser" gegenüber dem "Mehr").

Der L. wird durch Menge und Qualität der Güter und Dienstleistungen bestimmt, über die Personen und private Haushalte verfügen. Zusätzlich zum privaten Konsumverhalten (zumeist Güter und Dienstleistungen, die über den Markt bereitgestellt und erworben werden) wird der L. auch durch die Versorgung mit öffentl. Gütern wie Bildungseinrichtungen, Verkehrswegen und kommunalen Betreuungsinstitutionen bestimmt. Ein wichtiger Aspekt des L.s ist der Wohnstandard (Wohngrösse pro Kopf, Wohnausstattung, Wohnen).

Der international am häufigsten benützte Indikator des L.s ist das Bruttoinlandprodukt pro Kopf (Bruttosozialprodukt). Die Aussagekraft dieses weltweit angewandten Indikators wird allerdings von versch. Seite kritisiert: Erstens berücksichtigt er nur einen Teil der wohlfahrtsrelevanten Leistungen; unbezahlte Haus-, Familien- und Freiwilligenarbeit bleibt unberücksichtigt. Zweitens steigern die in den Indikator einfliessenden Leistungen nicht in jedem Fall den L. (etwa wenn Umweltschäden oder Unfallfolgen rechnerisch das Bruttoinlandprodukt erhöhen). Drittens berücksichtigen globale Indikatoren des L.s soziale Ungleichheiten zu wenig, und das Bruttoinlandprodukt pro Kopf kann auch ansteigen, wenn der L. einer Mehrheit der Bevölkerung sinkt (Wirtschaftswachstum). Andere oft benützte Indikatoren des L.s sind die Ausgaben für den privaten Konsum pro Kopf der Bevölkerung bzw. pro Haushalt (Konsumausgaben) sowie die Ausstattung von Haushalten mit langlebigen Gebrauchsgütern.

Autorin/Autor: François Höpflinger

1 - Konzeptuelle Entwicklung

Bis in die 1. Hälfte des 20. Jh. war Wohlfahrt gleichbedeutend mit einer verbesserten materiellen Lebenssituation. Sozialer Fortschritt in frühen und sich entwickelnden Industriegesellschaften bestand in der Überwindung des Mangels (Industrialisierung). Adam Smith unterschied die drei Stufen Subsistenz (Subsistenzwirtschaft), Annehmlichkeit und Luxus des materiellen Wohlstands. In einer ersten Phase der wirtschaftl. Entwicklung gehe es primär darum, absolute Armut (d.h. das Unterschreiten des phys. Existenzminimums) zu reduzieren. Indikatoren für einen tiefen L. im Sinne eines Unterschreitens des Existenzniveaus sind Unterernährung, Obdachlosigkeit oder eine unhygien. Wohnsituation sowie eine allgemein geringe Lebenserwartung. Entsprechend ist die Verbesserung der Ernährung in der ersten Phase wirtschaftl. Entwicklung ein zentraler Massstab eines höheren L.s. Mit steigender wirtschaftl. Prosperität werden andere Aspekte (u.a. bessere Wohnverhältnisse, Zugang zu Bildung, sauberes Wasser) wichtige Faktoren.

Die hist. Entwicklung bestätigte die Beobachtung von Friedrich Engels, dass sich der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel mit zunehmendem L. reduziert. In Gesellschaften mit hohem Wohlstand steht weniger die absolute als die relative Armut im Vordergrund, die sich am durchschnittl. L. einer Gesellschaft bemisst und als relative Benachteiligung bezüglich der Teilhabe an wichtigen materiellen und immateriellen Gütern verstanden wird.

Autorin/Autor: François Höpflinger

2 - Die Entwicklung des Lebensstandards

Bis zum Durchbruch industrieller Produktionsweisen im späten 19. und frühen 20. Jh. lag der L. der grossen Mehrheit der Bevölkerung nur knapp über - und zeitweise unter - dem phys. Existenzminimum. Der L. namentlich der bäuerl. Schichten basierte auf Ackerbau und/oder Viehwirtschaft. Missernten führten in der vorindustriellen Schweiz häufig zu Versorgungskrisen, Unterernährung und im Extremfall zu Hungersnöten. Letztere traten in der Zeit der Klimaverschlechterung zwischen 1566 und 1600, die deutliche landwirtschaftl. Produktionseinbussen zur Folge hatte, vermehrt auf. Mangelernährung und unhygien. Wohnverhältnisse erleichterten den Ausbruch armutsbedingter Epidemien wie Typhus und Cholera. Seinen Ausdruck fand der geringe L. der alten Eidgenossenschaft in einer tiefen Lebenserwartung bzw. einer hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit (Mortalität). Gleichzeitig war ein grosser Teil junger Männer und Frauen gezwungen, der heimatl. Armut durch Auswanderung zu entgehen.

Im Laufe des 18. Jh. wuchs der L. der Bevölkerung allmählich an: Erstens setzten sich neue landwirtschaftl. Produktionsweisen durch (Abkehr von der Dreifelderwirtschaft und bessere Düngung, Einführung der Kartoffel und ertragreicher Kleesorten). Damit erhöhte sich die Produktivität der Landwirtschaft, was die Ernährungsgrundlage verbesserte. Eine gesteigerte Vorratshaltung und der Ausbau der Verkehrswege reduzierten das Risiko regionaler Hungersnöte weiter. Zweitens schuf das Aufkommen der Heimarbeit in manchen Regionen der Schweiz zusätzl. Verdienstmöglichkeiten. Gleichzeitig mit dem Aufschwung der Heimarbeiterindustrie stieg der Fleischverbrauch an, was als klares Zeichen für einen höheren L. gilt. Im 18. Jh. nahm der Konsum von überseeischen Produkten (Kolonialwaren) und Genussmitteln wie Kaffee und Tabak zu, namentlich in wohlhabenden Kreisen, teilweise auch in den neu entstehenden Mittelschichten. Manche Regionen der Schweiz profitierten ab dem 18. Jh. von der Ausbreitung des Luxuskonsums internat. Oberschichten.

Aber auch im späten 18. und während des 19. Jh. führten Wirtschaftskrisen immer wieder zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, wodurch etwa die Säuglingssterblichkeit noch im späten 19. Jh. regional zeitweise erneut anstieg. Während sich der L. des politisch und wirtschaftlich an Bedeutung gewinnenden Bürgertums, der Angestellten sowie vieler Facharbeiter schon gegen Ende des 19. Jh. deutlich verbesserte, blieb die materielle Existenzsicherung unqualifizierter Arbeiter und landwirtschaftl. Arbeitskräfte aufgrund tiefer Löhne bis in die 1. Hälfte des 20. Jh. prekär, und Zeiten hoher Arbeitslosigkeit waren Zeiten massenhafter Verarmung (Pauperismus).

Das späte 19. und frühe 20. Jh. waren einerseits durch einen insgesamt steigenden L. (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen) gekennzeichnet, was u.a. zur tourist. Entwicklung der Schweiz beitrug. Andererseits verschärften sich die regionalen und sozialen Unterschiede des L.s. 1906-25 lag der Anteil der Selbstversorgung an den Haushaltskosten bei Bauernhaushaltungen weiterhin bei rund 60%. Nur allmählich erhöhten sich die Wohlstands- und Konsumerwartungen auch in ländlich geprägten Regionen. Verbesserte Bildungsmöglichkeiten, veränderte Kommunikationsbedingungen und die Stimulation durch neue Ideen liessen auch bei der Landbevölkerung Konsumwünsche entstehen, was zu massiven Land-Stadt-Wanderungen beitrug. Der 1. Weltkrieg sowie die Zwischenkriegszeit waren zwar Zeiten erhöhter wirtschaftl. Produktivität, die jedoch kriegs- und krisenbedingt nicht zu einer allg. Wohlstandsvermehrung führte. Zwischen 1930 und 1939 erhöhte sich das reale Volkseinkommen jährlich nur um 0,6%.

<b>Lebensstandard</b><br>Quelle: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996  © 2007 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Die Struktur der Haushaltsausgaben variiert stark nach Zugehörigkeit zu einer sozialer Schicht. Generell sank im 20. Jahrhundert der Anteil des Grundbedarfes massiv und nahmen umgekehrt Bereiche wie Verkehr, Bildung und Erholung zu. <BR/>
Haushaltsrechnungen von Unselbstständigerwerbenden als Indikator des materiellen Lebensstandards 1921 und 1951
<b>Lebensstandard</b><br>Quelle: Bundesamt für Statistik  © 2007 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Die Struktur der Haushaltsausgaben variiert stark nach Zugehörigkeit zu einer sozialer Schicht. Generell sank zwar im 20. Jahrhundert der Anteil des Grundbedarfes massiv und nahmen umgekehrt Bereiche wie Verkehr, Bildung und Erholung zu. Im Budget der untersten Einkommensklasse machen aber auch 2004 allein Nahrungsmittel- und Wohnkosten (ohne Wohnungseinrichtung) noch immer fast die Hälfte der Konsumausgaben aus, beim wohlhabendsten Fünftel der Haushalte dagegen rund 36%.<BR/><BR/>
Konsumausgaben der Haushalte als Indikator des materiellen Lebensstandards 2004

Die Periode nach 1945 führte zu einer historisch einmaligen Erhöhung des L.s, was sich in der Lohnentwicklung zeigte: In den 1950er Jahren nahm die Kaufkraft der Löhne um durchschnittlich ein Fünftel zu, in den 1960er Jahren sogar um zwei Fünftel (Lohn). Aufgrund des steigenden L.s stellten die 1950er Jahre den - wenn auch verhaltenen - Beginn des Massenkonsums dar, und früher kostspielige langlebige Konsumgüter, wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Automobile, erfuhren eine rasche Verbreitung. Die Entwicklung einer ausgedehnten Konsumkultur begünstigte ab den späten 1950er Jahren die Angleichung des L.s versch. sozialer Schichten und Regionen, etwa beim Besitz dauerhafter Konsumgüter. Dank dem Aufbau wohlfahrtsstaatl. Einrichtungen (Sozialversicherungen) konnten mit Zeitverzögerung auch früher benachteiligte Gruppen wie die Rentner vom Wohlstandsgewinn profitieren.

Im Zuge eines steigenden L.s veränderte sich die Struktur der Haushaltsausgaben deutlich. Der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel, die früher das Familienbudget dominiert hatten, ging massiv zurück (1921 38,8%, 1950 29,7%, 1989 12,2%, 2008 7,2%). Umgekehrt wuchsen die Ausgaben für Freizeit und Ferien wie auch für die Freizeitmobilität. Der im internat. Vergleich hohe L. der schweiz. Bevölkerung im 20. Jh. begründet sich weitgehend darin, dass früher ausschliesslich für die Oberschicht produzierte Luxusgüter (u.a. Seidenbänder, Luxustextilien, Uhren, später Schokolade, Tourismus, Finanz- und Bankgeschäfte) sich im Laufe der Zeit zu Massenkonsumgütern entwickelten.

Ab den 1970er Jahren wurden vermehrt wohlstandskrit. Aspekte thematisiert (ökolog. Raubbau, zunehmender Stress, Wohlstandsverwahrlosung). Aktuelle Diskussionen bewegen sich um die zentrale Frage, in welchem Masse ein steigender L. zu erhöhter Lebensqualität beiträgt. Die Antwort ist umstritten. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Schweizer Bevölkerung infolge ihres überdurchschnittl. L.s von einer hohen Lebenserwartung profitiert (2010: Männer 80,2 Jahre, Frauen 84,6 Jahre). Auch bezüglich der allg. Lebenszufriedenheit zeigen sich in der Schweiz hohe Zufriedenheitswerte. Eine weitere zentrale Folge des hohen L.s ist ein erweiterter individueller Spielraum für grosse Teile der Bevölkerung, was zur Ausdifferenzierung von Lebensstilgruppen führt, die ihre persönl. Präferenzen ausleben.

Autorin/Autor: François Höpflinger

Quellen und Literatur

Literatur
– J.-F. Bergier, Wirtschaftsgesch. der Schweiz, 21990 (franz. 1984)
Die schweiz. Wirtschaft, 1291-1991, hg. von R. Cicurel, L. Mancassola, 1991
– H.-J. Gilomen «Sozial- und Wirtschaftsgesch. der Schweiz im SpätMA», in Geschichtsforschung in der Schweiz, 1991, 41-66
– M. Ravallion Poverty Comparisons, 1994
Europ. Konsumgesch., hg. von H. Siegrist et al., 1997
Gesch. der Konsumgesellschaft, hg. von J. Tanner et al., 1998
– J. Tanner «L., Konsumkultur und American Way of Life seit 1945», in "Goldene Jahre", hg. von W. Leimgruber, W. Fischer, 1999, 101-131

Autorin/Autor: François Höpflinger