Randgruppen

Der Begriff R. umfasst Personen und Kollektive, welche die Normen und Lebensweisen der Gesellschaft, in der sie leben, nicht einhalten können oder wollen. Ihre gesellschaftl. Marginalisierung ergibt sich aber nicht nur aus ihrem Anderssein, sondern erklärt sich v.a. aus der Reaktion der Mehrheit, die sich aufgrund unterschiedlichster Kriterien von den Betroffenen abgrenzt und diese an den Rand der Gesellschaft drängt. Mit der Randständigkeit geht wirtschaftl. Benachteiligung, soziale und eventuell rechtl. Diskriminierung, der Verlust der Rechtsfähigkeit (Infamie) und/oder die Einschränkung polit. Rechte einher. Das Spektrum der R. erweist sich als sehr heterogen und unterliegt einem steten Wandel.

1 - Mittelalter und frühe Neuzeit

Als randständig bezeichnet wurden sowohl Behinderte und Kranke wie die Leprösen (Aussatz), als auch solche, die für die Gesellschaft unverzichtbare, aber mit einem Stigma behaftete Berufe ausübten (Unehrliche Berufe). Zur letzteren Kategorie zählten u.a. Prostituierte (Prostitution), Scharfrichter, Abdecker, Totengräber und Abortreiniger. Auch ethn. oder religiöse Unterschiede führten zur Ausgrenzung der betreffenden Minorität, etwa jene der Zigeuner, Juden (Judentum), Täufer und Ketzer. Geistl. und weltl. Autoritäten erliessen u.a. Kleidervorschriften, um die Angehörigen bestimmter R. äusserlich zu kennzeichnen, oder sie zwangen diese, stigmatisierende Farben oder Zeichen an ihren Kleidern zu tragen.

Die Einschätzung der Leprösen schwankte zwischen Marginalisierung im frühen, Verklärung im hohen und Dämonisierung im späten MA. Erst im SpätMA wurden sie in sog. Leprosorien ausserhalb der Siedlungen ausgegrenzt. Die angebl. Verschwörung der Aussätzigen von 1321 in Aquitanien führte zu einer flächendeckenden Verfolgung der Leprösen als Brunnenvergifter und Feinde der Christenheit, die auch im Bistum Lausanne ihre Opfer forderte.

Als die Zigeuner erstmals zu Beginn des 15. Jh. in West- und Mitteleuropa auftraten, wurden sie von den städt. Regierungen wie z.B. von derjenigen Basels freundlich empfangen und bewirtet. Ab dem späteren 15. Jh. brachte man sie hingegen mit Diebstahl, Wahrsagerei und anderen Delikten in Beziehung und bezichtigte sie sogar der Spionage für die Türken. 1498 beschloss der Reichstag von Freiburg i.Br. ihre ewige Verbannung aus dem Reich.

Der Grad der Marginalisierung konnte im Lauf der Zeit zu-, aber auch abnehmen. So intensivierte sich in der frühen Neuzeit die gesellschaftl. Ächtung der Scharfrichter und Abdecker. In ihrem Fall waren v.a. die Zünfte und Gesellen mit ihrem handwerksspezif. Ehrkonzept an der verschärften Stigmatisierung beteiligt. Mit der Kommunalisierung der Armenfürsorge im SpätMA traf ein weiterer Marginalisierungsschub die Armen und Bettelnden (Armut, Bettelwesen). Die Behörden legten nun die Kriterien fest, die zum Almosenempfang und erlaubten Bettel berechtigten. Müssiggang und Vagantentum standen dagegen in den folgenden Jahrhunderten für eine Lebensweise, die zunehmend kriminalisiert wurde. Mit Bettelverbot belegte man alle gesunden, arbeitsfähigen Männer, Frauen und Kinder, die vom Betteln lebten und umherzogen, sowie alle Fremden. In diese Kategorie fielen die fremden Bettler, aber auch Männer und Frauen, die kein Bürgerrecht im betreffenden Ort besassen. Widerrechtlich Bettelnde wurden ab dem späten MA aus den Gemeinden ausgewiesen. Wer sich über das Verbot hinwegsetzte und wieder aufgegriffen wurde, hatte mit Körperstrafen zu rechnen. Aus ökonom. und disziplinar. Gründen wurden obrigkeitlich angeordnete "Bettelfuhren" organisiert, die Ortsfremde ausschafften. Ein wichtiges Kriterium für die Marginalisierung war somit die Nichtsesshaftigkeit als Lebensweise, wovon auch Fahrende betroffen waren. Ab dem 16. Jh. waren die fremden Armen einer wachsenden behördl. Repression ausgesetzt. Polizeil. Massnahmen wie Razzien und Verbannungen sowie der Austausch von Steckbriefen und obrigkeitl. Warnungen an befreundete Städte trugen zu ihrer Kriminalisierung bei.

Als Randständige galten mitunter Wanderhandwerker, sog. Stümper, Hausierer, beschäftigungslose Reisläufer mit ihren Begleiterinnen und Spielleute. Ob Kriminelle zu den R. gehören, ist in der Forschung umstritten. Nicht dazuzurechnen sind Männer und Frauen, die für eine bestimmte Zeit verbannt worden waren, nach Abbüssung ihrer Strafe jedoch zurückkehrten und ihr soziales und geschäftl. Leben wieder aufnahmen. Auch bei den Räubern handelt es sich nicht um eine Randgruppe. Die Banden, die v.a. bewaldete Regionen wie etwa im Jorat unsicher machten und von dort aus Reisende überfielen, sind ein Phänomen des 17. und 18. Jh. In ihrem Fall handelte es sich um verschiedenartig strukturierte Gruppen einer Gegengesellschaft.

Bereits in den 1480er Jahren wurden an den eidg. Tagsatzungen vereinzelt Klagen über Kriegsknechte, fremde Bettler, Zigeuner, Reisläufer, Landstreicher und fahrende Kessler laut. Besonders in Kriegszeiten gerieten sie leicht in den Verdacht, für eine feindl. Macht Spionage zu betreiben. Ab 1500 wurde der Umgang mit diesen mobilen Randständigen zu einem ständigen Traktandum der Tagsatzungen, was zu Absprachen innerhalb der Eidgenossenschaft führte. Mit dem Ausbau des staatl. Repressionsapparates in der frühen Neuzeit konnten die Aktionen gegen Randständige, die während des MA von einzelnen Orten vorgenommen worden waren, grossräumiger organisiert werden.

Wie die ehrbaren Handwerker schlossen sich auch Randständige zu Bruderschaften und zu grösseren überregionalen Verbänden zusammen, deren Wirkungskreise Teile der Eidgenossenschaft einbezogen (Königreiche). Diese Organisationen bildeten für ihre weitverstreuten Mitglieder ein soziales Netzwerk, das sie spirituell und notfalls materiell unterstützte. Die 1486 gegr. St. Jakobsbruderschaft, die im Basler Chorherrenstift St. Leonhard auf dem Kohlenberg domiziliert war, umfasste sowohl sesshafte Bürger, als auch sesshafte und nichtsesshafte Randständige.

Autorin/Autor: Katharina Simon-Muscheid

2 - 19. und 20. Jahrhundert

Handelt es sich beim Begriff R. für die früheren Zeiten um einen nachträglich zugeschriebenen Fachausdruck, so entspricht er seit der 2. Hälfte des 20. Jh. dem zeitgenöss. Sprachgebrauch. Er wird dabei nicht wertfrei verwendet, sondern ist für die so Bezeichneten abwertend konnotiert, ähnlich dem Begriff Unterschicht. Im letzten Drittel des 20. Jh. wuchs die Sensibilisierung für diese Problematik in dem Mass, wie menschenrechtlich geprägte Modelle multikultureller Gesellschaftsordnungen, die von einem vielfältigen Nebeneinander unterschiedl., aber gleichberechtigter sozialer Gruppen ausgehen, zu globalen Orientierungsmustern wurden. Auch in der Schweiz dauerte es lange, bis Arme, Behinderte, Angehörige diskriminierter ethn. Minderheiten und Homosexuelle (Homosexualität) als Menschen gleichen Rechts anerkannt wurden.

In der Helvetik erfolgte zwar die Proklamation des allg. und gleichen (Männer-)Bürgerrechts, doch in den ersten zwei Dritteln des 19. Jh. verweigerten Kantone und Gem. dieses vielen Gruppen, v.a. Andersgläubigen, Konvertiten, Zugezogenen, Armen, Papierlosen und Nichtsesshaften. Erst der 1848 gegr. Bundesstaat verschaffte den als Heimatlosen schweiz. Herkunft Eingestuften gegen den Widerstand der Kantone und Gem. ab 1851 das Bürgerrecht. Auf internat. Druck hin erhielten es 1867 auch die Schweizer Juden. 1926-73 versuchten Bund, Kantone und Pro Juventute die jen. Kultur und Lebensweise mittels Kindswegnahmen auszurotten (Jenische). Ausländ. Zigeunern blieb die Einreise in die Schweiz bis auf eine kurze Phase der Toleranz (1848-88) bis 1972 verwehrt. Im Kontext sozialdarwinist. Theorien stempelte man Psychisch Kranke, Alkoholiker (Alkoholismus), Drogensüchtige (Drogen), Homosexuelle, Kleinwüchsige, Behinderte und Fürsorgeabhängige (Fürsorge) ab Ende des 19. Jh. als "erblich minderwertig" ab (Eugenik). Zwangssterilisationen, im Waadtland 1929-85 gesetzlich geregelt, in anderen Kantonen in ärztl. Eigenkompetenz durchgeführt, trafen in den ersten zwei Dritteln des 20. Jh. Tausende von Angehörigen dieser R., meist Frauen. Diskriminierungen gegenüber homosexuellen Menschen blieben bis zu Beginn des 21. Jh. in Kraft.

Im Zug des wirtschaftl. und gesellschaftl. Wandels entstand im ehem. Auswanderungsland Schweiz in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. die neue Randgruppe der Arbeitsimmigranten (Ausländer). Fanden dt. Zuwanderer oft schnell Zugang zu wissenschaftl. und wirtschaftl. Schlüsselpositionen, waren ital. Fremdarbeiter und jüd. Zuwanderer aus Osteuropa unterschiedl. Formen von Ablehnung und Ausgrenzung ausgesetzt (Fremdenfeindlichkeit); Antisemitismus prägte auch die Asylpolitik vor und während des 2. Weltkriegs. Nach 1945 rekrutierte die Schweizer Industrie weitere Fremdarbeiter aus süd- und osteurop. Ländern. Niederlassungs- und Anstellungsgesetze (Saisonnierstatut) verboten vielen von ihnen den Stellenwechsel und den Nachzug ihrer Familien. Der Integration mittels binationaler Ehen und der Einverleibung fremder Kulturelemente in den Schweizer Alltag stand die Überfremdungsangst gegenüber, die sich immer wieder politisch in den Programmen versch. Parteien oder in Abstimmungen manifestierte. Flüchtlinge aus Ungarn (1956), dem Tibet (1959), der Tschechoslowakei (1968), Vietnam (ab 1975) und Kambodscha (ab 1978) erfuhren auf Grund der Logik des Kalten Kriegs weniger Anfeindungen. Starken fremdenfeindl. Reflexen sind seit den 1990er Jahren Zuwanderer dunkler Hautfarbe und Angehörige des Islams ausgesetzt.

Einstmals polizeilich bekämpfte Angehörige der Jugendkulturen im Umfeld der Proteste von 1968 und 1980 wie die Halbstarken, Rocker und Hippies wandelten sich von R. zu umworbenen Marktsegmenten und ihre Treffen zu Volksfesten (Open-Airs, Streetparade). Hingegen bleiben Punks, teilweise vom Strassenbettel lebend, und politisch extreme Jugendgruppen wie Neonazis, Skinheads, Autonome und Hausbesetzer ausgegrenzt. Drogenabhängige, die sich ihren Stoff mittels Beschaffungskriminalität und Strassenbettel besorgen, sind seit den 1970er Jahren v.a. in den Städten eine sichtbare und wachsende Randgruppe.

Autorin/Autor: Thomas Huonker

Quellen und Literatur

Literatur
  • Mittelalter und frühe Neuzeit

    – P. Borradori, Mourir au monde: les lépreux dans le Pays de Vaud, 1988
    – K. Simon-Muscheid, «R., Bürgerschaft und Obrigkeit: Der Basler Kohlenberg (14.-16. Jh.)», in Spannungen und Widersprüche, hg. von S. Burghartz et al., 1992, 203-225
    – W. von Hippel, Armut, Unterschichten, R. in der frühen Neuzeit, 1995
    R. der spätma. Ges., hg. von B.-U. Hergemöller, 2001
    – D. Rippmann, «Randständige», in Nah dran, weit weg: Gesch. des Kt. Basel-Landschaft 2, 2001, 183-196
  • 19. und 20. Jahrhundert

    – D. Gros, Dissidents du quotidien, 1987
    – L. Lorenzetti, Pauvrété, marginalité et assistance publique au Tessin, 1993
    – W. Leimgruber et al., Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse, 1998
    – V. Fournier, Les nouvelles tribus urbaines, 1999
    – C. Kupfer, R. Weingarten, Zwischen Ausgrenzung und Integration: Gesch. und Gegenwart der Jüdinnen und Juden in der Schweiz, 1999
    – W. Wottreng, Tino, König des Untergrunds, 2002
    Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz, hg. von H. Kanyar Becker, 2003
    – T. Huonker, Diagnose "moralisch defekt", 2003