20/10/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Bürgerliche Gesellschaft

B. bezeichnete von Aristoteles bis Mitte des 18. Jh. das Ideal einer rechtlich geordneten Gemeinschaft von Bürgern, die im Unterschied zu Herr-Knecht-Beziehungen als Freie und Gleiche miteinander verbunden und einer, in der Regel von ihnen selber getragenen, polit. Herrschaftsform unterworfen waren. Eine Trennung zwischen Personenverband und Herrschaftsorganisation bestand nach diesem Verständnis nicht.

In der Aufklärung änderte sich dieses Verhältnis grundsätzlich. Staat und B. wurden nun einander entgegengesetzt. Nach dem theoret. Muster des frühbürgerl. Liberalismus bildete die B. jene staatsfreie und politikferne Sphäre bürgerl. Privatleute (Privatsphäre), in der anstelle polit. Herrschaft über Menschen nur noch ökonom. Herrschaft über Sachen zulässig ist. Das Ideal dieser neuen B. war, in Absetzung vom Absolutismus, von staatl. Regulierungen, geburtsständ. Privilegien und klerikaler Dominanz, eine sich selbst steuernde Gesellschaft freier, in rechtl. und polit. Hinsicht gleicher, öffentlich diskutierender und vernünftig entscheidender Staatsbürger (Bürger). Von der polit. Philosophie als eine Art neues Sozialmodell entwickelt, umfasste die B. sowohl eine neue polit. Ordnungsidee (Volkssouveränität, Selbstverwaltung) als auch eine neue Wirtschaftstheorie (Marktwirtschaft) und Strukturvorstellung für die Gesellschaft (freie Interessenformierung, Leistungsprinzip). Alle drei Faktoren stimmten mit den Interessen des aufkommenden Wirtschafts- und Bildungsbürgertums (Bürgertum) überein oder konnten zur Legitimierung derselben dienen und so die Vergesellschaftung von Besitz und Bildung begründen. Welche Sprengkraft in diesen Prinzipien steckte, zeigte sich in der Amerikan. und der Franz. Revolution.

In der Schweiz verhalfen neben der Helvetik v.a. auch die liberalen Revolutionen von 1830-31 und der Bundesstaat von 1848 dem bürgerl. Sozialmodell in fast idealtyp. Weise zum Durchbruch. In dieser Zeit wurde eine neue Ordnung errichtet, die den Grundsatz rechtlich geregelter individueller Freiheit realisierte, das Zusammenleben der Menschen nach Massgabe der Vernunft gewährleistete, die Ökonomie auf der Grundlage rechtlich geregelter Konkurrenz nach marktwirtschaftl. Prinzipien organisierte, die Lebenschancen aufgrund von Leistung und Verdienst verteilte, die staatl. Macht im Sinne des liberalen Rechts- und Verfassungsstaates einerseits begrenzte und andererseits über Öffentlichkeit, Wahlen und Repräsentativorgane sowie Abstimmungen an den Willen mündiger Bürger zurückband und Kunst, Wissenschaft und Religion zwar im Sinne der bürgerl. Kultur strukturierte, aber doch ein hohes Mass an Selbstbestimmung gewährte. Obwohl dieses Modell die Frauen weitgehend diskriminierte und die Juden zeitweise ausschloss, übte es in der Schweiz auf alle Bevölkerungsschichten eine hohe Attraktivität aus und genoss breite Unterstützung. Selbst grosse Teile der Arbeiterbewegung (Grütliverein) hielten am Ideal der B. als einer klassenlosen Gesellschaft fest, in der alle Männer, unabhängig von ihrem wirtschaftl. und sozialen Status, also auch die Arbeiter, freie und gleichberechtigte Bürger sind.

Die bürgerl. Freiheitsrechte und die Selbststeuerungsmechanismen der Gesellschaft führten jedoch mit fortschreitender Industrialisierung und Durchsetzung des Kapitalismus auch in der demokrat. Schweiz nicht zu einem gerechten Interessenausgleich, sondern zur Ausbildung einer Klassengesellschaft. Erst dem modernen Sozialstaat sollte es wenigstens teilweise gelingen, die Grenzen des bürgerl. Sozialmodells zu überwinden und die Arbeiterschaft stärker in Gesellschaft und Staat zu integrieren.


Literatur
– M. Riedel, «B.», in Gesch. Grundbegriffe 2, hg. von O. Brunner et al., 1975, 719-800
– U. Haltern, B., 1985
– J. Chevallier et al. La société civile, 1986, 9-32
– D. Grimm, Recht und Staat der B., 1987
– A. Tanner, Arbeitsame Patrioten -- wohlanständige Damen, 1995
– N. Bobbio et al. Il dizionario di politica, 2004, 893-897

Autorin/Autor: Albert Tanner