Kapitalismus

Der Begriff K. bezeichnet einerseits als hist. und sozialwissenschaftl. Fachausdruck ein theoret. Konzept, das der Analyse zentraler Strukturmerkmale moderner, marktwirtschaftlich verfasster Industriegesellschaften dient. Andererseits wird der Ausdruck seit dem 19. Jh. von der Arbeiterbewegung in den sozialen und polit. Auseinandersetzungen mit dem Bürgertum als Schlagwort und Kampfbegriff benutzt.

K. wurde vom Fremdwort "Kapital" abgeleitet, das seit dem 16. Jh. belegt ist. Dieser spätlat. Ausdruck stand ursprünglich für den nach Köpfen gezählten Viehbestand. In der frühen Neuzeit kamen ihm die Bedeutungen "Reichtum" oder auch "Geld" zu; und ab dem 17. Jh. wurden mitunter Unternehmer oder Handelsherren als Kapitalisten bezeichnet. Aber erst im Zuge der Industrialisierung, welche die Kapitalbildung beschleunigte, aber auch von dieser vorangetrieben wurde, entstand das wirtschaftl. und polit. Stereotyp des "Kapitalisten". Louis Blanc, Johann Karl Rodbertus und andere frühe Staatssozialisten (Etatismus) sowie dann insbesondere die Vertreter des "wissenschaftl. Sozialismus", Karl Marx und Friedrich Engels, thematisierten um die Mitte des 19. Jh. das Kapital und die Kapitalisten in krit. Absicht. Louis Blanc verwendete 1850 vermutlich als Erster das Wort K. im Sinne eines Epochenbegriffs; viele Deutungsmuster, die sich mit der Kritik am K. verbanden, lassen sich aber zumindest ansatzweise schon früher nachweisen. So setzte Engels bereits 1844 nach seinem Aufenthalt in der engl. Industriemetropole Manchester der "Herrschaft des Eigentums" die "arbeitende Demokratie" entgegen und gab damit einen bis heute relevanten Bewertungsraster vor. Im 1848 publizierten "Kommunist. Manifest" von Marx und Engels werden Ausdrücke wie "Epoche der Bourgeoisie", "bürgerl. Gesellschaft" und "moderne grosse Industrie" zur Beschreibung der Klassenkämpfe verwendet. Auch der Begriff Sozialismus taucht schon 1848 zur Bezeichnung der Gesellschaft auf, die auf die kapitalistische folgen soll.

Interessierte sich Marx noch primär für die innere Funktionslogik des Kapitals, insbesondere für die Trennung von Lohnarbeit und Kapital sowie deren gesellschaftl. Folgen (Marxismus), so rückte beim späten Engels und noch stärker bei historisch orientierten Ökonomen wie Karl Bücher und Werner Sombart die Abfolge der Gesellschaftsformationen (Feudalismus, K., Sozialismus, Kommunismus) ins Zentrum der Theoriebildung. Rudolf Hilferding wiederum schlug eine Periodisierung der kapitalist. Produktionsweise vor. Einflussreich waren seine Unterscheidung zwischen Hoch- und Spätkapitalismus und die Gegenüberstellung von Industrie- und Finanzkapital. Die diesen Theorien zugrundeliegende These, der K. sei eine notwendige Etappe auf dem Weg zum wissenschaftl. Sozialismus, bekräftigte - wenn auch in anderer Absicht - der dt. Soziologe Max Weber, der davon ausging, mit dem Sieg des K. habe der okzidentale Rationalismus über ältere religiöse Deutungsmuster triumphiert und damit den Weg zu einer weiteren Verwissenschaftlichung der Gesellschaft geebnet.

Die gesellschaftskrit. Semantik des Begriffs K. wirkt sich auf dessen wissenschaftl. Verwendung aus. Hatten sich in den ausgehenden 1960er und in den 70er Jahren Analysen über die Durchsetzung und Entfaltung der kapitalist. Produktionsweise in der bürgerl. Gesellschaft und über die Zukunftsperspektiven des "Spätkapitalismus" gehäuft, so verlagerte sich die intellektuelle Aufmerksamkeit seit Ende der 80er Jahre auf die Globalisierung der Märkte, einen Prozess, der immer noch an Dynamik gewinnt. Im ausgehenden 20. Jh. konzentrierte sich die Kritik auf das exorbitante Wachstum der Finanz- und Devisenmärkte und die rigorosen shareholder-value-Strategien, für die der Begriff "Casinokapitalismus" steht.

Den hohen analyt. Wert des Konzepts K. verdeutlichen auch neuere Arbeiten zur Schweizer Geschichte. Mit Gewinn lässt sich z.B. die wirtschaftl. und gesellschaftl. Entwicklung der städt. Zentren und der protoindustriellen Regionen (Basel, Zürich, Zürcher Oberland, Glarus, Appenzell und Genf) als "Dynamik des K." (Fernand Braudel) interpretieren. Untersuchungen zeigen, wie der aufstrebende Handelskapitalismus in der frühen Neuzeit die Strukturen urbaner Gesellschaften veränderte und in ein widersprüchl. Verhältnis zum ländl. Verlagswesen geriet. Georg C.L. Schmidt beschrieb "die kapitalist. Entwicklung des schweiz. Bauerntums" im 18. Jh. Die Industrielle Revolution im frühen 19. Jh. und die Konsolidierung des schweiz. Finanzplatzes ab dem Fin de siècle knüpften an handels- und industriekapitalist. Traditionen an, die im institutionellen Rahmen des Bundesstaates von 1848 optimale Entfaltungsbedingungen vorfanden. Die Schweiz hatte teil am "weltweiten Triumph des K." (Eric J. Hobsbawm). Dieser Vorgang bestätigt auch die These Braudels, dass die kapitalist. Produktionsweise historisch aus Synergieeffekten, ja aus einer "Komplizenschaft" zwischen Markt und Staat hervorging.

Dieser Beitrag verzichtet auf eine Darstellung dieser strukturbildenden Prozesse und beschränkt sich im Folgenden auf das Verständnis, den polit. Gebrauch und den wissenschaftl. Stellenwert des Begriffs K. im schweiz. Kontext. Grundsätzlich lassen sich drei versch. Begriffsbestimmungen auseinanderhalten. Die erste definiert K. als Wirtschaftsform, die auf zwei Merkmalen beruht: dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der Steuerung ökonom. Prozesse durch den Markt (Klassengesellschaft). Ein erweitertes Konzept begreift K. als System- und Epochenbegriff. In dieser Auslegung charakterisiert der Ausdruck eine kommerzialisierte Gesellschaftsordnung, die dem Imperativ der Profitmaximierung unterworfen ist und in der die Kapitalmacht in einem Spannungsverhältnis zur demokrat. Partizipation steht. In einigen jüngeren Ansätzen wird schliesslich vermehrt Gewicht auf kulturwissenschaftl. Aspekte gelegt. Die Vertreter dieser dritten Begriffsauslegung untersuchen beispielsweise, wie sich der K. auf die Zeit- und Raumwahrnehmung auswirkt, ob er als eine säkularisierte Religion zu betrachten sei und inwieweit die anthropolog. Grundlagen des Marktes mit den Kategorien Kredit, Vertrauen, Tausch und Gabe interpretiert werden können.

In der schweiz. Rezeptionsgeschichte des Begriffs K. dominierte die zweite Version. Eine erste Konjunktur erlebte der Begriff während der Demokrat. Bewegung der 1860er Jahre. Die damals geprägten Deutungsmuster waren auch in den folgenden Jahrzehnten wirksam. Die "kapitalist. Ordnung" sei -- so der demokrat. Politiker Karl Bürkli 1881 -- "der Umsturz der nationalen Ordnung, ein wahres Schreckgespenst". Insbesondere in den 1880er Jahren wurde von der "Vampyrnatur" und dem "Börsenschwindel" des Kapitals gesprochen. Kath. Sozialtheoretiker sprachen -- unüberhörbar ist der antisemit. Grundton -- vom "christusfeindl. Börsenjudenthume" (Karl Eberle; ähnl. Franz Rothenflue, Stephan Bättig oder Caspar Decurtins). Mit dem Aufstieg der organisierten Arbeiterbewegung zu einer nationalen Kraft sah sich das kapitalist. System mit einer ernsthaften Herausforderung konfrontiert. Das Programm der Sozialdemokrat. Partei der Schweiz (SP) von 1904 forderte den "Ersatz der kapitalist. Wirtschaftsordnung durch eine Gemeinwirtschaft auf demokrat. Grundlage". Ebenfalls aus einem sozialist. Blickwinkel kritisierte Leonhard Ragaz 1907 die kapitalist. Industriegesellschaft, die zwar "Grosses" erreicht habe, jedoch "unter das eiserne Zepter des Gottes, den das Evangelium Mammon nennt", geraten sei. Aus "Wucher und Gewalt", so beanstandete Ragaz weiter, sei das kapitalist. "System hervorgegangen", seine Begleiterscheinungen seien "Ausbeutung, Sklaverei, Greuel und Elend".

Der dramat. Duktus der Sprache verlor sich in der Zwischenkriegszeit nach und nach. Nun wurde der K. primär wegen seiner Krisenanfälligkeit angegriffen. Seine Gegner geisselten die irrationalen und chaot. Auf- und Abschwünge der Konjunktur als systemimmanente Schwäche und stellten dem K. sozialist. Planungskonzepte als rationale Alternativen gegenüber. Die bürgerl. Autoren würdigten ihrerseits die wirtschaftlichen und industriellen Aufbauleistungen, die aus der Verbindung von "Kapital und Ethos" (Gerold Ermatinger, 1935) hervorgegangen seien. Infolge der Annäherung der bürgerl. und der sozialdemokrat. Positionen vor dem Hintergrund der nationalsozialist. Bedrohung verlor der Begriff des K. in den späten 1930er Jahren rasch die Bedeutung, die er vorher für die polit. Diskussion gehabt hatte. Kritik an der Einreihung der schweiz. Arbeiterbewegung in das bürgerl. System und an deren Beteiligung am "imperialist. Stadium des K." (Fritz Heeb, 1954) signalisierte in der Nachkriegsprosperität dezidiert linke Gesinnung. Die grundsätzl. Akzeptanz der auf Wachstum getrimmten, wenn auch sozialstaatl. domestizierten Marktwirtschaft bereitete in dieser Phase weder der SP noch dem Schweiz. Gewerkschaftsbund grosse Probleme.

Erst mit der 68er Bewegung wurde wieder Kritik am Spät- bzw. Monopolkapitalismus laut. Die enorme Dynamik der wissenschaftl. und techn. Entwicklung unterminierte jedoch in den 1980er Jahren die theoret. Grundlagen der Arbeitswerttheorie. Demgegenüber machten Transaktionskostentheorie und Informationsökonomie den Markt theoretisch attraktiv. Mit dem Zusammenbruch der zentralverwalteten Planungssysteme in den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. hat der alte, in Absetzung vom etatist. Sozialismus entwickelte K.-Begriff sein analyt. Potential und seine polit. Plausibilität eingebüsst. Heute stellt sich die Frage, inwieweit die privatwirtschaftl. Profitmaximierungsstrategien, für die eine globalisierte Wirtschaft neue Entfaltungsmöglichkeiten schafft, und deren Begleiterscheinungen (z.B. Massenarbeitslosigkeit, Verarmung der Staatshaushalte, andauernde Wirtschaftskrisen) mit einem überarbeiteten Konzept des K. theoretisch erfasst und erklärt werden können.


Literatur
– J.A. Schumpeter, K., Sozialismus und Demokratie, 1946
– F. Braudel, La dinamica del capitalismo, 1977 (dt. 1991)
– E.J. Hobsbawm, Die Blütezeit des Kapitals, 1979
– J. Kromphardt, Konzeptionen und Analysen des K., 1980
– M.-E. Hilger, L. Hölscher, « Kapital, Kapitalist, K.», in Gesch. Grundbegriffe 3, hg. von O. Brunner et al., 1982, 399-454
– R.L. Heilbroner, Twenty first Century Capitalism, 1993 (dt. 1994)

Autorin/Autor: Jakob Tanner