27/11/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Haldenstein

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Polit. Gem. GR, Kreis Fünf Dörfer, Bez. Landquart sowie ehem. Herrschaft (bis 1803) und Schloss. Das nördlich von Chur, links des Rheins gelegene Haufendorf verfügt über ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. Am Calandahang auf 1400 m liegt der bis 1868 bewohnte Weiler Batänja (ehem. Sewils), der früher über ein eigenes Schulhaus verfügte und heute eine Korporation bildet. 1149 Lanze, 1370 Lentz inferior; ab Ende des 14. Jh. bürgerte sich der dt. Name H. ein. 1803 349 Einw.; 1850 492; 1900 464; 1950 521; 1990 677; 2000 808. Funde aus der Jungsteinzeit, der mittleren Bronze- und der späten Eisenzeit auf dem sog. Hexabödeli nördlich der Burg Lichtenstein und beim Schloss H. sowie ein frühma. Gräberfeld auf dem Stein zeugen von früher Besiedlung. Auf dem Schlossareal wurden auch röm. Siedlungsspuren aus dem späten 1. bis 4. Jh. n.Chr. gefunden.

1 - Herrschaft

Das Gebiet der Herrschaft H. gehörte im HochMA zum Königshof Chur. Ks. Otto I. schenkte 960 die Herrschaft H. sowie den Oldiswald bei H. Bf. Hartpert von Chur, 1050 übertrug Heinrich III. auch das gesamte Forstgebiet von H., das damit zum bischöfl. Immunitätsbereich gehörte. 1180-1282 besassen die Frh. von Lichtenstein H. wohl als bischöfl. Lehen. Nach deren Aussterben ging H. an die 1260 erstmals genannten Ritter von H. Anfänglich bischöfl., später vaz. Ministeriale, gerieten sie Ende des 13. Jh. in den bischöfl.-vaz. Machtkampf. Ende des 14. Jh. starb die männl. Linie aus und nach dem Tod der kinderlosen Anna von H. um 1400 ging die Herrschaft nach Erbstreitigkeiten an ihre Cousine Ursula von Hohenems und deren Ehemann Peter von Grifensee über, der 1424 alle Rechte und Ansprüche über H. erwarb und den Weiler Sewils den Brüdern Batänjer verlieh. Nach 1460 gelangte H. an dessen Schwiegersohn Heinrich Ammann von Grüningen, nach dessen Tod an die Herren von Marmels. Durch Heirat mit Hilaria von Marmels kam der franz. Gesandte bei den Drei Bünden, Jean Jacques de Castion, in den Besitz der Herrschaft. 1567 erwarb Gregor Carl von Hohenbalken H., später Heinrich von Tägerstein und 1608, gegen den Widerstand der Untertanen, Thomas von Schauenstein. 1611 in den Freiherrenstand erhoben, erlangte dieser 1612 vom Kaiser das Münz-, Markt- und Asylrecht sowie das Recht zur Wappenvermehrung. Vom Münzrecht machten die Frh. von H. bis ins 18. Jh. regen Gebrauch, wobei die Prägungen zeitweise einen schlechten Ruf hatten. Durch Erbschaft ging H. 1701 an die Salis-Maienfeld über, welche die Herrschaft bis 1803 innehatten. Ebenfalls 1701 hob Johann Luzius von Salis die Leibeigenschaft auf. Die Freiherrschaft H. gehörte nie zum Bündnissystem der Drei Bünde, schloss aber 1558 mit diesen einen Schutzvertrag ab, der erst nach langen Streitigkeiten mit den Sargans regierenden eidg. Orten zustande kam.

In der Herrschaft H. befinden sich drei Burgen: Die auf einem Felskopf oberhalb des Dorfes gelegene, Mitte des 12. Jh. errichtete Burg H. war Stammburg der Ritter von H. und Zentrum des herrschaftl. Güterkomplexes. 1299 kam es zu Streitigkeiten zwischen dem Bistum und Johann von Vaz wegen unerlaubten Ausbaus der Burg. 1695 sicher noch bewohnt, wurde sie 1769 sowie 1787 durch Erdbeben teilweise zerstört. Die Burg Lichtenstein, erbaut im 12. Jh. auf einem Felsrücken nördlich des Dorfes, war Sitz der Herren von Lichtenstein und ging nach deren Aussterben Ende des 13. Jh. an die Herren von H. Um 1400 noch bewohnt, wurde sie wohl im 15. Jh. aufgegeben. Die Höhlenburg Grottenstein, deren Entstehungszeit unbekannt ist, befindet sich am Fuss einer Felswand des Calanda.

2 - Gemeinde

Kirchlich gehörte H. ab 1436 zum Kloster St. Luzi in Chur. Die Mitte des 12. Jh. erw. Kirche wurde 1732 durch einen Neubau ersetzt; sie ist die einzige St. Gereonskirche der Diözese Chur. Um 1616 führte Thomas von Schauenstein die Reformation ein. Die Germanisierung der ursprünglich rätorom. Siedlung erfolgte im 14. Jh. Mit der Mediationsverfassung 1803 wurde H. als selbstständige polit. Gem. dem Hochgericht Vier Dörfer zugeteilt. 1825 brannte das Dorf H. fast vollständig ab, 1943 wäre es beinahe von einem verheerenden Waldbrand am Calanda erneut zerstört worden. Nach der Überschwemmung von 1868 erfolgte die Rheinkorrektion, wodurch Kulturland gewonnen wurde. 1971 ging eine Rüfe bis ins Dorf nieder. 1896 wurde die Station H. der Rhät. Bahn auf Churer Gemeindegebiet erbaut. Eine Betonbrücke ersetzt seit 1972 die gedeckte Holzbrücke über den Rhein. Ein in den 1980er Jahren geplanter Ölkavernenspeicher konnte aus geolog. und polit. Gründen nicht realisiert werden. 2000 verfügte die Gem. über sieben landwirtschaftl. Betriebe und mehrere Gewerbebetriebe sowie ein Kieswerk. Trotz der Nähe zu Chur (2000 mehr als zwei Drittel Wegpendler) erfuhr H. eine massvolle baul. Entwicklung.

Am Südrand des Dorfes H. wurde zu Beginn des 16. Jh. an der Stelle, wo sich vorher ein Steinhaus befunden hatte, eine grosse Schlossanlage errichtet. 1544-48 wurde diese durch Jean Jacques de Castion erweitert sowie prunkvoll ausgestattet, u.a. mit reichem Täfer, das sich heute im Schloss Köpenick in Berlin befindet. 1731 von Gubert von Salis um ein Stockwerk erhöht, wurde sie 1732 durch einen Grossbrand weitgehend zerstört, aber sogleich wieder instand gestellt. 1763-71 war im Nordtrakt des Schlosses das Philanthropinum untergebracht, das später ins Schloss Marschlins (Gem. Igis) verlegt wurde. 1832 ging Schloss H. an die Salis-Soglio über und wurde um 1900 erneut umgebaut. 1922 im Besitz der Fam. Batänjer, gehört es seit 1966 einer Stiftung. 1986 bis 2005 wurde es zum grössten Teil restauriert. Heute beherbergt das Schloss die Gemeindeverwaltung H. sowie den Archäolog. Dienst Graubünden.

Quellen und Literatur

Literatur
Kdm GR 7, 1948, 362-373
– M. Berger, Rechtsgesch. der Herrschaft H., 1952
– O.P. Clavadetscher, W. Meyer, Das Burgenbuch von Graubünden, 1984, 297-302
– U. Clavadetscher, A. Gredig, Schloss H., 1992
– G. Lütscher, Gesch. der Freiherrschaft und Gem. H., bearb. und ergänzt von S. Margadant, 21995 (1964)
– M. Janosa, «Ein frühma. Gräberfeld in H.», in Jber. des Archäolog. Dienstes Graubünden und der Kant. Denkmalpflege Graubünden, 2000, 28-42

Autorin/Autor: Silvio Margadant