• <b>Louis Agassiz</b><br>Fotografie von  Paul Vionnet (Musée historique de Lausanne).

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Agassiz, Louis

geboren 28.5.1807 (Louis-Jean-Rodolphe) Môtier (heute Gemeinde Mont-Vully),gestorben 14.12.1873 Cambridge (Massachusetts, USA), ref., von Bavois. Sohn des Louis Benjamin Rodolphe, Pfarrers, und der Rose geb. Mayor. Bruder von Auguste ( -> 2), Neffe von Mathias Mayor. ∞ 1) 1833 Cécile Braun (gestorben 1848), wiss. Malerin, Schwester des dt. Botanikers Alexander Braun, 2) 1850 Elizabeth Cary, von Boston. Nach dem Stud. der Medizin und Naturwiss. in Zürich, Heidelberg und München promovierte A. 1829 (nach einer ersten Publikation über Amazonasfische) in Erlangen (D) zum Dr. phil., 1830 in München zum Dr. med. Im selben Jahr zog er nach Paris, wo ihm der Naturforscher Georges Baron de Cuvier sein umfangreiches Material über versteinerte Fische überliess. Nach Cuviers Tod hatte A. 1832-46 eine eigens für ihn geschaffene Professur für Naturgesch. am Gymnasium (ab 1838 auch an der Akad.) Neuenburg inne. Er forschte und publizierte insbes. über fossile Fische ("Recherches sur les poissons fossiles ...", 5 Bde. mit 400 Tafeln, 1833-43), über Stachelhäuter ("Monographies d'échinodermes vivan[t]s et fossiles", 4 Bde., 1838-42) und, angeregt von Jean de Charpentier, über die Alpengletscher und die eiszeitl. Vergletscherungen ("Etudes sur les glaciers", 1840, Glaziologie). Zugleich erweiterte er die Sammlung des Naturhist. Museums Neuenburg. Durch die aufwendigen Publikationen im Selbstverlag verschuldet, erhielt A. dank der Vermittlung Alexander von Humboldts vom preuss. Kg. den Auftrag, die Faunen Europas und der Neuen Welt zu vergleichen. 1846-47 unternahm er eine Vortragsreise in Amerika. Deren Erfolg führte zur Stiftung eines für A. eingerichteten Lehrstuhls für Zoologie und Geologie an der Harvard Univ. in Cambridge. Wegen seiner zweiten Frau liess sich A. in den USA nieder. Forschungsreisen zum Oberen See, nach Florida, Brasilien und um Südamerika herum brachten Ergebnisse über Gletscherspuren, Korallen und Tiefseebewohner. Die Sammlungen wurden zum Grundstock des späteren Museum of Comparative Zoology in Cambridge. Von seinem Hauptwerk "Contributions to the Natural History of the United States" erschienen 1857-62 vier von zehn geplanten Bänden, u.a. zur Entwicklung der Schildkröten und Morphologie der Quallen. Hauptverdienste von A. sind die Systematik der versteinerten Fische, die Verbreitung des Eiszeitgedankens im engl. Sprachgebiet und das Wirken als erster Zoologielehrer Amerikas. Zudem entwickelte A. eine Theorie über die Entstehung der Arten in versch. natürlichen "Provinzen" ("De l'espèce et de la classification en zoologie", 1869) und vertrat damit den Polygenismus, der davon ausging, dass sich die Entwicklung zum Menschen in versch. Teilen der Welt und unabhängig voneinander vollzog. Für seine Äusserungen über höher- und minderwertige Rassen und die generalisierende Zuschreibung bestimmter charakterl. Attribute für ganze Menschengruppen wurde A. Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jh. stark kritisiert: So wirkt etwa die Kampagne «Demonter Louis A.» seit 2007 u.a. darauf hin, das Agassizhorn in den Berner Alpen umzubenennen, und der Bundesrat distanzierte sich in der Beantwortung entsprechender Interpellationen (2007, 2015) explizit von A.' rassist. Gedankengut.

<b>Louis Agassiz</b><br>Fotografie von  Paul Vionnet (Musée historique de Lausanne).<BR/>
Fotografie von Paul Vionnet (Musée historique de Lausanne).
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Archive
– Nachlässe in: AEN, SLA
Literatur
DSB 1, 72-74
– H. Balmer, «Louis A., 1807-1873», in Gesnerus 31, 1974, 1-18
– E. Kuhn-Schnyder, Louis A. als Paläontologe, 1975
Histoire de l'Université de Neuchâtel 1, 1988, 169-197
– M.-A. Kaeser Un savant séducteur: Louis A. (1807-1873), 2007
– C. Irmscher Louis A.: Creator of American Science, 2013

Autorin/Autor: Heinz Balmer