• <b>Karikatur</b><br>Der heilige Georg streckt den Drachen nieder. Federzeichnung von  Urs Graf,   1519 (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett). Der Künstler bedient sich eines Motivs der religiösen Ikonografie, um seiner Ablehnung des Söldnerwesens Ausdruck zu geben. Die christliche Moral kämpft gegen einen Drachen, der einen Schweizer Dolch, ein Kennzeichen für Söldner, in der Hand hält.
  • <b>Karikatur</b><br>Eine Käsedruckete (1848). Aquarell von  Hieronymus Hess (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Fotografie Martin Bühler). Ein Bürger und ein Bauer drücken einen Mönch und einen Aristokraten von der Bank. Der Künstler spielt sowohl auf die internationale wie auf die schweizerische Situation an: Mit den europäischen Revolutionen von 1848 drängten bürgerliche Schichten an die Macht, während Klerus und Adel an Einfluss verloren.
  • <b>Karikatur</b><br>Karikatur von Gregor Rabinovitch,  erschienen im "Nebelspalter" am 18. November 1938 (Schweizerische Nationalbibliothek). Der Karikaturist (alias "Nebelspalter") im Narrenkleid, ein Bild für die politische Überwachung kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

Karikatur

Die K. im eingeschränkten Wortsinn ist eng mit der Geschichte der Druckgrafik verbunden. Wie überall in Europa kommt sie auch in der Schweiz von der ma. Tradition der Groteske her und nutzt die bekannten Embleme und Symbole. Sie entwickelte sich auf dem Gebiet des polit. und des religiösen Pamphlets, das durch die intellektuelle Erneuerung am Ende des 15. Jh. starken Auftrieb erhielt. So wurde das berühmte satir. Werk Sebastian Brants, "Das Narrenschiff" (1494), das in mehr als hundert Illustrationen die menschl. Eitelkeit und Torheit geisselt, in Basel, einem der Zentren des Humanismus, veröffentlicht. Der Narr nahm in der Bildsprache der Satire einen zentralen Platz ein, dies v.a. dank des berühmten Werks "Lob der Torheit" (Basel 1515) von Erasmus von Rotterdam. Zu dieser Zeit stellten die ersten beiden grossen Persönlichkeiten der schweiz. K., Urs Graf und Hans Holbein der Jüngere, die karnevalesken Züge der Ikonografie des Totentanzes und der verkehrten Welt dar.

<b>Karikatur</b><br>Der heilige Georg streckt den Drachen nieder. Federzeichnung von  Urs Graf,   1519 (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett).<BR/>Der Künstler bedient sich eines Motivs der religiösen Ikonografie, um seiner Ablehnung des Söldnerwesens Ausdruck zu geben. Die christliche Moral kämpft gegen einen Drachen, der einen Schweizer Dolch, ein Kennzeichen für Söldner, in der Hand hält.<BR/>
Der heilige Georg streckt den Drachen nieder. Federzeichnung von Urs Graf, 1519 (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett).
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Im 16. Jh. wurden in den konfessionellen Streitigkeiten Holzschnitte eingesetzt. Um das ungebildete Volk zu beeindrucken, verwendeten die Anhänger der Reformation in einer extremen Bildsprache die ganze Palette des Infernalischen, Obszönen, Sexuellen und Monströsen. Diese militante und meist anonyme Bildproduktion der ref. Seite, deren Zentren in Basel, Genf oder Zürich lagen, fand in der Person von Thomas Murner, einem in Luzern niedergelassenen Franziskaner, einen gefährlichen Gegenspieler. Doch da setzte die Zensur ein und unterband die Exzesse, um Religionskonflikte zwischen den Kantonen zu vermeiden. Dazu kamen die polit. Pressionen der mächtigen Nachbarn, insbesondere Frankreichs, die das 17. Jh. zur ärmsten Periode in der Geschichte der schweiz. K. machten.

Die Aufklärung, der Aufschwung der Buchillustration und der Radierungstechnik sowie v.a. die Franz. Revolution führten zur Entstehung der modernen K. In dieser Zeit wurde das Wort, das wie der franz. Begriff caricature vom ital. caricatura (Überladung, Übertreibung) stammt, geläufig. Das Genre blühte in den konservativen Kreisen der Städte genauso wie im privaten oder halbprivaten Raum der Künstlervereine, insbesondere in Zürich mit Paul und Johann Martin Usteri, Heinrich Meyer und David Hess. Letzterer zeichnete seine K.en gelegentlich mit "Gillray" (nach James Gillray) und wies damit auf die Bedeutung der engl. Vorbilder hin. Balthasar Anton Dunker in Bern, Abram-Louis Girardet in Neuenburg oder Wolfgang-Adam Töpffer, der "Hogarth von Genf" (nach William Hogarth), griffen hauptsächlich die Auswirkungen der revolutionären Ideologie und der franz. Herrschaft als Thema auf, wobei sie gerne mit den Mitteln der Allegorie oder der Fabel spielten.

<b>Karikatur</b><br>Eine Käsedruckete (1848). Aquarell von  Hieronymus Hess (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Fotografie Martin Bühler).<BR/>Ein Bürger und ein Bauer drücken einen Mönch und einen Aristokraten von der Bank. Der Künstler spielt sowohl auf die internationale wie auf die schweizerische Situation an: Mit den europäischen Revolutionen von 1848 drängten bürgerliche Schichten an die Macht, während Klerus und Adel an Einfluss verloren.<BR/>
Eine Käsedruckete (1848). Aquarell von Hieronymus Hess (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Fotografie Martin Bühler).
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Im 19. Jh. prägten die Fortschritte der Druckgrafik (Lithografie und Zinkografie), die Mode der Physiognomik, das Aufblühen der Naturwissenschaften und besonders der Einfluss der franz. Zeichner (Grandville, Honoré Daumier) das Werk der wichtigsten Karikaturisten, Martin Disteli, Johann Jakob Ulrich, Hieronymus Hess oder Heinrich von Arx. Durch die Nachsicht der Zensur ab der Regeneration stieg die Zahl der Alben (in der Nachfolge der Bildergeschichten von Rodolphe Töpffer) und der meist progressiven illustrierten Zeitschriften stark an. Die K.en zeigten oft typ. Figuren der Gesellschaft wie den Bauern, den Künstler oder den Bürger. Sie illustrierten die eidg. Konflikte (u.a. die Spaltung Basels, die Jesuitenfrage und den Kulturkampf) und gaben den polit. Auseinandersetzungen in den Regionen breitere Resonanz. Und schliesslich reagierten sie besonders sensibel auf die Politik der mächtigen Nachbarn, Frankreich unter Napoleon III. und Deutschland unter Otto von Bismarck. Diese übten zur Eindämmung der illustrierten Pamphlete diplomat. Druck aus. Jedoch hat die Schweiz seit der Bundesverfassung von 1848 nie mehr eine präventive Zensur eingeführt. Sogar während der beiden Weltkriege wurde darauf verzichtet, obschon sie doch zu harten Gegenmassnahmen Veranlassung gaben. Die Intensität des polit. Tagesgeschehens hatte immer direkte Auswirkungen auf die schweiz. K., die keine spezifisch nationale Identität hat, sondern versch. Identitäten in Szene setzte. So waren Krisenzeiten wie die sozialen Spannungen der 1930er Jahre oder die Debatte um die europ. Integration für die satir. Bildproduktion immer die fruchtbarsten Phasen.

Ab dem Ende des 19. Jh. tendierte die K. zum Spezialistentum. Hatten früher viele Künstler nur gelegentlich K.en erstellt, so wurde die satir. Zeichnung nun für viele entweder ein zusätzl. oder zeitweiliger Broterwerb oder gar zu einem richtigen Beruf. Einige von ihnen wie Félix Vallotton und Théophile Alexandre Steinlen arbeiteten bei ausländ. Periodika mit, andere bei schweiz. Zeitungen wie dem 1875 gegr. "Nebelspalter". Dessen Bildredaktor, Carl Böckli alias Bö, wurde zu einem der grossen Berufskarikaturisten der Zwischenkriegszeit, zusammen mit seinen Kollegen Fritz Boscovits, Heinrich Danioth oder Albert Lindegger (Lindi). Hauptsächlich durch die Wahl Genfs als Sitz des Völkerbunds rückte die K., die sich oft internat. Konferenzen zum Thema nahm, näher an den Journalismus heran. Von diesem Zeitpunkt an arbeiteten die Schweizer Karikaturisten, ob sie sich nun als Pressezeichner, Cartoonisten oder Illustratoren bezeichneten, meistens für die Tagespresse. Immer öfter präsentieren sie ihre Originalwerke an Festivals und Kollektivausstellungen, die seit einigen Jahren stark zugenommen haben. Das kann als Zeichen des neu auflebenden Interesses für das zwischen Kunst und Journalismus stehende Genre der K. gewertet werden.

<b>Karikatur</b><br>Karikatur von Gregor Rabinovitch,  erschienen im "Nebelspalter" am 18. November 1938 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Der Karikaturist (alias "Nebelspalter") im Narrenkleid, ein Bild für die politische Überwachung kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.<BR/>
Karikatur von Gregor Rabinovitch, erschienen im "Nebelspalter" am 18. November 1938 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Literatur
– J. Grand-Carteret, Les mœurs et la caricature en Allemagne, en Autriche, en Suisse, 1885
– E. Fuchs, Die K. der europ. Völker vom Altertum bis zur Neuzeit, 1901-1903, 409-417
– D. Burckhardt-Werthemann, Die polit. K. des alten Basel, 1903
1291 und eine Nacht...: Märchen und Wahrheiten über unsere Eidgenossenschaft, Ausstellungskat. Bern, 1991
– P. Kaenel, «Pour une histoire de la caricature en Suisse», in UKdm 42, 1991, 403-442
1848: Drehscheibe Schweiz. Die Macht der Bilder, hg. von P. Kaenel, 1998

Autorin/Autor: Philippe Kaenel / AHB