Vicosoprano

Ehemalige politische Gemeinde GR, Kreis Bergell, Bezirk Maloja, bildet seit 2010 mit Bondo, Castasegna, Soglio und Stampa die neue Gemeinde Bregaglia. V. umfasste das gleichnamige Dorf (1067 m), die Fraktionen Roticcio und Pongello sowie seit 1971 auch Casaccia. 1096 Vicus Supranus, dt. früher Vespran, rätorom. früher Visavraun. 1850 383 Einw.; 1900 417; 1950 415; 1960 568; 1970 387; 2000 429. Oberhalb Bosca fand man einen Schalenstein und bei Caslac oberhalb der Kirche S. Cassian ein röm. Merkuraltärchen aus der 2. Hälfte des 4. Jh. Bis 960 waren die Bewohner von V. Gotteshausleute von Como, dann des Bf. von Chur. Als Hauptort der ma. Talgemeinde Bergell bildete V. ein Zentrum des Transportwesens und war Sitz der Bergeller Port und der Ministerialenfamilien von Castelmur und Prevost. Der Bf. von Chur besass in V. einen Galgen. Sein Vogt hielt im sog. Senwelenturm Gericht, dem einzigen erhaltenen ma. Rundturm Graubündens, der 1314 erstmals erwähnt wird, aus dem 13. Jh. stammt und zugleich als bischöfl. Strassenzollstätte diente. 1591-92 wurde er ins neue Rathaus integriert und mit Kerker, Folterkammer und Pranger ausgerüstet. Die unteren Räume des Rathauses wurden als Lager für Zollwaren genutzt - zu Beginn des 21. Jh. beherbergte es ein Museum. Der quadrat., 1537 erbaute Salisturm ist das Wahrzeichen von V. Bis zur Reformation 1529 bzw. 1553 gehörte V. kirchlich als Teil der Erzpfarrei Bergell zu S. Maria auf der Porta. Die Kirche S. Cassian, nördlich von V. gelegen, erreicht man über eine Bogenbrücke aus dem 16. Jh. Sie wird 1355 erstmals erwähnt, ist aber älter. Die neue ref. Kirche Santa Trinità wurde 1761 von der Gesamtgemeinde Obporta errichtet. 1901 erfolgte der Bau der kath. Kirche. Während die Landwirtschaft eine untergeordnete Rolle spielt, dominieren in V. Gewerbe und Tourismus (Luftseilbahn Pranzaira-Albigna, Skilift in Casaccia). Die Gemeinde profitierte von hohen Wasserzinsen und Steuern der Bergeller Kraftwerke (Albignastaudamm, fertiggestellt 1959, mit Zentrale und Ausgleichsbecken in Löbbia). 1960 wurde eine Umfahrungsstrasse gebaut. Seit 1972 befindet sich die Talsekundarschule in V.


Literatur
Kdm GR 5, 1943, 456-473
– R. Stampa, Storia della Bregaglia, 1974
Gem. GR

Autorin/Autor: Adolf Collenberg