Innerschweiz

Der hist. Raum I. oder Zentralschweiz umfasst im Kern die sich zum Luzerner- (heute Vierwaldstätter-) und zum Zugersee hin öffnenden Städte und Länder mit ihren bereits im SpätMA gewonnenen Territorien. Sie haben sich zu den heutigen fünf Kt. Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden (Ob- und Nidwalden) und Zug entwickelt. Zusammen bedecken sie zwischen Mittelland und Alpenkamm eine Fläche von 4'484 km2, zählten 1798 168'762, 1900 275'027 und 2000 683'699 Einwohner bei einer Bevölkerungsdichte je km2 zwischen 419 im Kt. Zug und 32 in Uri. Die Orte um den Luzernersee hiessen Waldstätte (ab dem 15. Jh. inklusiv Luzern).

Der junge Begriff I. setzt das Bewusstsein der Existenz der ganzen Schweiz voraus. Die ältere, hist. Bezeichnung lautete Fünf Orte, ein Name, der 1798 verschwand und fast nur noch im 1843 gegr. Hist. Verein der Fünf Orte (ab 2006 Hist. Verein Zentralschweiz) weiterlebte. Uri, Schwyz und Unterwalden bilden die drei Urkantone, welche die Bezeichnung I. gelegentlich für sich allein in Anspruch nehmen. Die Urschweiz wird in der Regel ebenfalls mit den Urkantonen in Verbindung gebracht, die Bezeichnung wurde indessen im 19. Jh. auch für alle Fünf Orte verwendet. In der Zeit der Aufklärung, deren Exponenten für die Alpen schwärmten, finden wir die Bezeichnung "innere Cantons" (1766 Johann Konrad Füssli), dann "La Suisse intérieure" oder "das Innere der Schweiz" (1793/97 Philippe-Sirice Bridel). Erst nach 1848 kam neben "innere Kantone" (1853 Philipp Anton von Segesser) auch "innere Schweiz" (1858 Kasimir Pfyffer) in Gebrauch, ein Begriff, der im Französischen zu "Suisse centrale" wurde, als "Centralschweiz" (19. Jh.) bzw. "Zentralschweiz" (20. Jh.) zurückkehrte und sich nach 1860 rasch in Namen von Organisationen und Presseorganen sowie in der Reiseliteratur usw. durchsetzte. Der Begriff I. trat später in Erscheinung (1882 Sempacher Festrede) und setzte sich in der öffentl. Anwendung erst im 20. Jh. langsam durch. Der 1894 gegr. "Centralschweiz. Demokrat", eine Arbeiterzeitung, war laut Untertitel für die ganze I. zuständig; er erschien 1934-69 als "Freie Innerschweiz". Im interkant. Bereich begann die Verwendung 1951 mit der Schaffung der Innerschweizer Kulturstiftung. Die dauernde Einrichtung von Konferenzen der Vorsteher kant. Departemente setzte 1965 mit der Innerschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (umbenannt 2000: Bildungskonferenz Zentralschweiz) ein. 1966 schliesslich entstand die Innerschweizer (ab 2000: Zentralschweizer ) Regierungskonferenz. In jüngster Zeit lässt sich eine Rückkehr zum neutraleren, historisch weniger befrachteten Begriff "Zentralschweiz" beobachten.

Die I. trat mit der Öffnung des Gotthardpasses aus der alten Randlage in Europa etwas heraus. Die erste gemeinsame Verbindung war das im 13. Jh. entstandene und zum Bistum Konstanz gehörende Dekanat Luzern, das ganz Unterwalden, Uri ohne Ursern (Bistum Chur), das Tal Schwyz mit dem Hof Arth und die Klosterherrschaft Murbach/Luzern am unteren Seeende umfasste. Das war auch im Wesentlichen der Kernraum, der durch die Bünde der drei, dann vier Orte (samt Gersau und Weggis) 1291-1332 erfasst wurde (Eidgenossenschaft). Mit dem Beitritt Zugs 1352 und der Erwerbung der Untertanengebiete wiesen die fünf Städte und Länder als Ganzes bereits 1415 praktisch die heutige territoriale Geschlossenheit auf.

Trotz gemeinsamer Bündnisse verfolgten die Innerschweizer Orte immer wieder gegensätzl. Interessen. Zwar banden die Verträge von 1315 und 1332 die vier Waldstätte enger aneinander als spätere Bünde. Als Besonderheit war es ihnen versagt, ohne Einwilligung der übrigen Orte neue Bündnisse einzugehen. Die Verbindungen waren sonst lose. Als einzige Einrichtung bildete sich die Tagsatzung heraus. Schon vor der Mitte des 14. Jh. begann man, von aussen den Namen Schwyz als Gesamtbezeichnung der Eidgenossen anzuwenden (Schweiz). Denn hauptsächlich Schwyz fiel auf, weil es durch sein Vorprellen etwa in den Streitigkeiten zwischen Stadt und Amt Zug (1404) und zwischen dem Kloster St. Gallen und Appenzell (1401-29), aber auch als Urheber des Alten Zürichkriegs (1436-50) wiederholt Unruhe stiftete. In der achtörtigen Eidgenossenschaft neigte Luzern wegen der Einmischung Obwaldens im Amstaldenhandel 1478 immer mehr den Städteorten zu, die darauf tendierten, zu einem neuen, gestrafften Bund mit Mehrheitsbeschlüssen vorzustossen. Dagegen wehrten sich die drei Länderorte, die um ihre starke Stellung bangten und Luzern unter Berufung auf den Vierwaldstätterbund zur Ordnung riefen. Die enorme Spannung wurde durch die Vermittlung des Eremiten im Ranft, Bruder Niklaus von Flüe, gelöst. Der minimale polit. Konsens wurde im Stanser Verkommnis von 1481 festgeschrieben.

In der Reformation blieben die Fünf Orte mit ihrer starken Autonomie in kirchl. Dingen beim kath. Glauben. Diese Haltung verlieh der I. den Charakter eines geschlossenen kath. Blocks (Konfessionalismus). Luzern wurde kath. Vorort. Durch den Ausgang des 2. Kappelerkriegs 1531 und des 1. Villmergerkriegs 1656 sicherten sich die Fünf Orte ein prekäres polit. Übergewicht. Die trotzdem ständig empfundene Bedrohung versuchten sie durch Bündnisse mit Savoyen (1560), dem Papst (1565) und Spanien (1587) und - zusammen mit Freiburg und Solothurn - durch den Abschluss des Goldenen Bundes (1586) auszugleichen. Im 2. Villmergerkrieg 1712 öffnete die unterschiedl. Kriegsentschlossenheit den folgenreichen Graben zwischen den aufgeklärten Führungsschichten in Luzern und Uri, die verhandeln wollten, einerseits, und der vom Klerus beeinflussten fünförtigen Landbevölkerung, die den Kampf erzwang, andererseits. Die Niederlage des kath. Lagers besiegelte dessen Unterlegenheit.

In der Helvetik regte sich bei den Schwyzern, den Urnern und v.a. bei den Nidwaldnern, die glaubten, die Religion sei gefährdet, Widerstand gegen die von franz. Truppen gestützte Helvet. Republik. Die I. wurde in zwei Kantone gegliedert, nämlich den Kt. Luzern und den Kt. Waldstätte (mit Sitz in Zug). Diese Aufteilung bestand bis 1803. Die Errichtung eines aufgeklärten Priesterseminars in Luzern führte zum Streit mit den Urkantonen. 1814 lösten sie sich vom Bistum Konstanz und kamen provisorisch zum Bistum Chur. Nur Luzern und Zug schlossen sich 1828 dem neuen Bistum Basel an. Auch der alte Traum eines Waldstätterbistums hatte keine Chance. Die Freischarenzüge der Radikalen 1844-45 gegen das konservative Luzern scheiterten und die Schutzvereinigung (Sonderbund) der Fünf Orte mit Freiburg und dem Wallis endete 1847 in einer Niederlage. Die traumat. Nachwirkungen der eidg. Besetzung zeitigten polit., wirtschaftl. und gesellschaftl. Benachteiligungen, die erst endgültig verschwanden, als das kath. Milieu nach dem 2. Weltkrieg sich aufzulösen begann (Katholizismus).

Wirtschaftlich war nur das Militärunternehmertum in fremden Diensten im ganzen Raum verankert. In den Voralpen und Alpen herrschte auf den Höhen die Viehhaltung vor, daneben baute man Eisen ab, während unten in den Tälern Ackerbau betrieben wurde, der indessen im 13. und 14. Jh. von Viehhaltung und Viehexport v.a. nach Oberitalien weitgehend verdrängt wurde. Die Folge war eine frühe und starke Marktabhängigkeit. Vom 18. bis 20. Jh. verbreiteten sich in den Tälern die Schappe- und andere Industrien. Im luzern. und zuger. Unterland dagegen herrschte bis ins 19. Jh. die Landwirtschaft in Einzelhof- und Dorfsiedlungen mit Ackerbau in Zelgen vor, die sich seit 1600 innovativen Methoden wie der Wiesenwässerung zuwandte. Die Lage am Ausfluss der Reuss aus dem See wies Luzern die Rolle des zentralen Marktes zu, wo Alpentäler und Ackerbaugebiete ihre Güter austauschten.

Im frühen 19. Jh. entwickelte sich in der I. wie in Graubünden und im Berner Oberland nach der Landwirtschaft der Fremdenverkehr zum markanten Wirtschaftszweig, der den Ausbau von Hotellerie, Dampfschifffahrt und Bergbahnen nach sich zog. Dagegen gelang wegen der starken agrar. Strukturen der Anschluss an die Industrialisierung erst spät und nur mässig. Einerseits mangelte es an Fachkräften, andererseits legten die Innerschweizer Führungsschichten ihr Geld lieber in der Landwirtschaft (in Form von Gülten) an, statt in Gewerbe und Industrie zu investieren. Die überschüssigen Arbeitskräfte wanderten aus der I. in die prot. Industriezentren des Mittellandes ab. Das ausgehende 20. Jh. gliederte bei abnehmender Landwirtschaft die Wirtschaft der I. neu. Hauptsächlich Dienstleistungsunternehmen und Hochtechnologiefirmen dehnten sich aus. Zug, Schwyz und Nidwalden entwickelten sich im Schatten Zürichs zu finanzstarken und steuergünstigen Kantonen, während Luzern, Obwalden und Uri finanzschwächere Kantone mit hoher Steuerbelastung blieben. Anfang des 21. Jh. versuchte Obwalden, mit drast. Steuersenkungen (Steuergesetzrevision 2006) zur Gruppe der privilegierten Innerschweizer Kantone aufzurücken.

Die I. als Verkehrsraum basierte lange auf der See- und Reussschifffahrt und gewann mit der Zunahme des Verkehrs über den Gotthardpass seit dem 12. und 13. Jh. an Bedeutung, wodurch die Achse Luzern-Bellinzona zur Hauptroute der I. wurde. Nebenrouten waren die alte Salzstrasse Horgen-Zug-Küssnacht-Luzern/Uri und die Linie Luzern-Brünig-Grimsel-Griespass. Am Gotthard wurde der alte Saumweg im 17. und 18. Jh. ausgebaut und erst 1820-30 durch eine Fahrstrasse ersetzt. Mit dem Bau eines Tunnels wurde 1882 die Gotthardbahn, 1980 die Gotthardautobahn eröffnet. Den internat. Transitverkehr, der in der Folge rasch zunahm, empfinden v.a. die Anwohner im Tal Uri als unerträgl. Last. Auch die Linienführung der zur Entlastung geplanten Neat mit dem Basistunnel Erstfeld-Biasca schürte emotionalen Widerstand.

Die Präsenz in den neuen Medien setzte die 1946 gegr. Innerschweiz. Radio- und Fernsehgesellschaft (ab 2001 SRG idée suisse Zentralschweiz) durch, die in Luzern seit 1964 ein eigenes Studio betreibt, während die frühere Zeitungsvielfalt auf wenige Blätter geschrumpft ist.

Unter den Gemeinsamkeiten der Innerschweizer Kantone ist der kath. Glauben hervorzuheben, ferner eine tiefsitzende konservative Grundhaltung, was auch neuen Gruppierungen von Rechts- und Ökokonservativen Auftrieb verliehen hat. Dazu gesellte sich der Ruf rückständiger Ländlichkeit. Der Raum I. weckte als sagenumwobener, mythisch überhöhter Ursprung der Eidgenossenschaft im Gefolge des etwa von Aegidius Tschudi und Johannes von Müller vermittelten Geschichtsbildes (Befreiungstradition) und der dramat. Verarbeitung der Tellsage durch Friedrich Schiller und Gioacchino Rossini weltweit Gefühle, die ihm eine eigene Anziehungskraft verliehen. Im 19. Jh. wurde die I. denn auch etwa als "klass. Boden der Schweiz" (1830 Friedrich Wilhelm Delkeskamp) mit immer wieder aufgesuchten Gedenkstätten wie dem Rütli, der Tellsplatte, dem Ranft in Flüeli, dem Löwendenkmal in Luzern etc. verehrt. Der Gotthardraum als zentrales Festungsgebiet genoss im 20. Jh. in den landesweiten Vorstellungen zur Verteidigung der Neutralität (Réduit) geradezu myth. Charakter (Museum auf der Passhöhe).

Die I. hob sich von ihrer Nachbarschaft als vielgestaltige Kultur- und Kunstlandschaft ab, in der sich kirchl. und weltl. Formen mischten. Zu nennen sind Klöster wie Einsiedeln, das zugleich Wallfahrtszentrum ist, Engelberg, St. Urban oder Stifte wie Beromünster. Das stark kleinräumige Autonomiebewusstsein förderte im städt. und ländl. Umkreis, besonders in den Talschaftshauptorten, die Pflege von Musik, Theater und Museen. Die Religiosität und damit die religiös beeinflusste Volkskultur verloren im allg. Säkularisierungsprozess an Konturen. Das Schulwesen war bis in das 20. Jh. von der Primar- bis zur Hochschule vorwiegend von Ordens- und Weltgeistlichen betreut, die zu Beginn des 21. Jh. - mit Ausnahme derjenigen an den verbliebenen Klosterschulen - von Laien abgelöst wurden. In den Bereichen Musik, bildende Kunst, Wirtschaft, Sozialarbeit, Technik und Architektur entstanden höhere Schulen, die 1997 zur Fachhochschule Zentralschweiz in Luzern zusammengeschlossen wurden. Die Univ. Luzern wurde nach mehreren Anläufen erst 2000 errichtet.


Quellen
QW
HistStat
Literatur
– W. Oechsli «Die Benennungen der alten Eidgenossenschaft und ihrer Glieder», in JSG 41, 1916, 51-230; 42, 1917, 87-258
– H. Dommann, «Das Gemeinschaftsbewusstsein der V Orte in der Alten Eidgenossenschaft», in Gfr. 96, 1943, 115-229
– L. Birchler, Vielfalt der Urschweiz, 1969
I. und frühe Eidgenossenschaft, 2 Bde., 1990
– P. Felder, Die Kunstlandschaft I., 1995
Die I. im frühen Bundesstaat (1848-1874), hg. von A. Binnenkade, A. Mattioli, 1999

Autorin/Autor: Fritz Glauser