• <b>Zernez</b><br>Mobilmachung einer Kompanie im Frühling 1915 in Zernez zur Besetzung der Grenze zu Italien und Österreich. Anonyme Fotografie (Fundaziun Capauliana, Chur). Italien, das sich der Entente mit dem Versprechen, das Südtirol bis zum Brennerpass zu gewinnen, angeschlossen hatte, erklärte Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg. Bis zum Ende der Kampfhandlungen konzentrierte die Schweiz Truppen im Unterengadin und im Münstertal. In der Mitte des Bilds steht die 1609 von Rudolf von Planta gestiftete Pfarrkirche, rechts das ehemalige Schloss der Familie von Planta-Wildenberg, das seit 1956 als Gemeindehaus dient.

Zernez

Politische Gemeinde GR, Kreis Sur Tasna, Bezirk Inn. Dorf an der Verzweigung der Engadinerstrasse zum Ofenpass, zu dem die Fraktion Brail sowie seit 2015 auch Lavin und Susch gehört. 1131 Gumpo de Ernece, 1161-64 Zarnetz (beide Belege in einer Kopie von 1365). 1835 634 Einw.; 1850 603; 1900 596; 1910 1'075 (Bahnbau); 1950 739; 2000 959. Z. war schon in prähist. Zeit Siedlungsplatz, was eisenzeitl. Funde auf Muottas und Muottas da Clüs sowie bronzezeitl. Siedlungsreste in der Balm Ils cuvels bei Ova Spin zeigen. Auf dem Kirchhügel wurde 1968 und 1971 eine röm. Siedlung mit Pferdewechselstation ausgegraben. Im 12. und 13. Jh erfolgte ein intensiver Landesausbau (Rodungen). Besitzungen der Herren von Tarasp und der Herren von Frickingen sind im 12. Jh., zahlreiche Höfe der Herren von Wildenberg im 13. Jh. fassbar. Diese gingen an den Bf. von Chur und im 14. Jh. an die Planta von Zuoz. Der Turm des Schlosses Wildenberg, der Turm der Fam. von Mohr sowie mehrere in Bauernhäuser integrierte Wohntürme stammen aus dem MA. 1365 kam es in Z. zu einem ersten Treffen im Vorfeld der Gründung des Gotteshausbundes von 1367. 1499 und 1622 wurde das Dorf zerstört. Der Reformation trat Z. nach vorangegangenem Bildersturm 1553 bei. 1609 stiftete Rudolf von Planta die frühbarocke Pfarrkirche. Die Planta-Wildenberg dominierten bis ins 19. Jh. die Politik von Z. und des Unterengadins. 1652 kaufte sich Z. wie das übrige Tal von Österreich los und gehörte bis 1851 zur Gerichtsgemeinde Obtasna. Der Wiederaufbau nach dem Dorfbrand von 1872, der grosse Teile des Ortes zerstört hatte, erfolgte im ital. Stil mit Halbflachdächern. Im Gebiet Buffalora und Il Fuorn am Ofenpass wurde vom 14. bis ins 17. Jh. (mit Unterbrüchen) Eisenerz gewonnen und verhüttet. Vom 15. bis Ende des 19. Jh. wurden riesige Mengen Holz nach Hall im Tirol geflösst. Zu allen Zeiten war Z. ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt; seit 1913 führt die Linie Bever-Scuol der Rhät. Bahn durch Z. Nach wie vor ist Z. eine der waldreichsten Gemeinden der Schweiz. 68% der Fläche des 1914 gegr. Nationalparks liegen auf ihrem Gebiet. Das 1968 in Z. eingerichtete Nationalparkzentrum (Museum) zog 2008 in einen Neubau und seit 2007 beherbergt das barocke Schloss Wildenberg die Parkverwaltung. Z. ist ferner Sitz der Engadiner Kraftwerke AG: 1971 wurde das Pumpspeicherwerk mit Livignosee und Ausgleichsbecken Ova Spin eröffnet. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. wurden Baugewerbe und Tourismus zu den wichtigsten Arbeitgebern. Der rätorom. Sprachanteil lag 2000 bei ca. 60%.

<b>Zernez</b><br>Mobilmachung einer Kompanie im Frühling 1915 in Zernez zur Besetzung der Grenze zu Italien und Österreich. Anonyme Fotografie (Fundaziun Capauliana, Chur).<BR/>Italien, das sich der Entente mit dem Versprechen, das Südtirol bis zum Brennerpass zu gewinnen, angeschlossen hatte, erklärte Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg. Bis zum Ende der Kampfhandlungen konzentrierte die Schweiz Truppen im Unterengadin und im Münstertal. In der Mitte des Bilds steht die 1609 von Rudolf von Planta gestiftete Pfarrkirche, rechts das ehemalige Schloss der Familie von Planta-Wildenberg, das seit 1956 als Gemeindehaus dient.<BR/>
Mobilmachung einer Kompanie im Frühling 1915 in Zernez zur Besetzung der Grenze zu Italien und Österreich. Anonyme Fotografie (Fundaziun Capauliana, Chur).
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Literatur
– J. Rageth, «Röm. Siedlungsüberreste von Z.», in BM, 1983, 109-159
– G. Filli, Z., 1985
– J.D. Parolini, Vom Kahlschlag zum Naturreservat, 2012

Autorin/Autor: Paul Eugen Grimm