• <b>Auguste Tissot</b><br>Porträt des Arztes, kurz nachdem er ehrenhalber zum Professor der Medizin an der Akademie Lausanne ernannt worden war. Öl auf Leinwand von  Emanuel Handmann,  um 1770 (Collection de l'université de Lausanne; Fotografie Claude Bornand).

No 1

Tissot, Auguste

geboren 20.3.1728 (Samuel-Auguste-André-David) Grancy, gestorben 13.6.1797 Lausanne, ref., von Morges und Grancy. Sohn des Pierre, Vermessungskommissars, und der Jeanne-Charlotte Grenus. ∞ Charlotte Dapples, Tochter des Jean-François, Pfarrers und späteren Prof. der Akad. Lausanne. Nach einer humanist. Ausbildung in Genf erwarb T. 1749 in Montpellier bei François Boissier de Sauvages den Doktortitel in Medizin. Danach kehrte er in die Waadt zurück, wo er aufgrund seines selbstlosen Einsatzes während der Pockenepidemie von 1752 als Armenarzt von Lausanne bezeichnet wurde. Mit der Veröffentlichung seines ersten Buchs "L'inoculation justifiée" (1754) reihte er sich unter die Aufklärer ein. Er begann einen Briefwechsel mit Albrecht von Haller, dessen Werke T. ins Französische übersetzte. Seinen ersten grossen Erfolg feierte er mit der medizin. Schrift "Von der Onanie" (1785, lat. 1758, franz. 1760), einem umstrittenen Versuch, das Thema aus medinzin. Sicht zu betrachten. Die Schrift erfuhr im Französischen bis Ende des 19. Jh. 67 Auflagen und wurde in fünf Sprachen übersetzt. Dank seinem Werk "Anleitung für das Landvolk in Absicht auf seine Gesundheit" (1762, franz. 1761) erlangte er in Europa Berühmtheit. Die populärwissenschaftl. Darstellung, die ursprünglich für die Waadtländer Oberschicht gedacht war, erfreute sich einer ungewöhnl. Beliebtheit. Bis 1830 wurde sie 47-mal neu aufgelegt und in 15 Sprachen übertragen. Das Buch handelt von der Hygiene, akuten Krankheiten und der Ersten Hilfe sowie vom Kampf gegen die Entvölkerung und den Aberglauben. Die Bürger von Lausanne nahmen den berühmten Arzt 1763 in den Rat der Zweihundert auf. Als der Kg. von Polen T. an seinen Hof einlud, beriefen ihn die Gnädigen Herren von Bern 1766 ehrenhalber zum Prof. der Medizin an die Akad. Lausanne, um ihn halten zu können. Zu diesem Anlass hielt T. einen Vortrag, in dem er seine soziale Auffassung der Gesundheit bekräftigte und der unter dem Titel "Von der Gesundheit der Gelehrten" (1769, franz. 1768) erschien. Unter seinen 25 Büchern ragen ferner die "Abhandlungen über die Nerven und deren Krankheiten" (3 Bde., 1790-1807, franz. 4 Bde., 1778-80) und "Herrn Tissot's Entwürfe einer Verbesserung der Lehrart in der Arzneywissenschaft" (1785, franz. 1785) hervor.

Trotz schmeichelhafter Angebote u.a. des Kurfürsten von Hannover, des Prinzen von Württemberg, des Hzg. von Modena, des Markgf. von Hessen-Kassel oder der Univ. Padua blieb T. Lausanne treu. Er verliess die Stadt nur für wenige Reisen und 1781-83 für vier Semester als Dozent in Pavia. Diesem Ruf Leopolds, Grosshzg. der Toskana, folgte er, um seinen Neffen Marc Dapples bei dessen medizin. Studien zu begleiten.

In dem vom Berner Sanitätsrat eingesetzten Collège de médecine in Lausanne wurde T. 1787 zum Vizepräsidenten ernannt. Er war in der Folge für das öffentl. Gesundheitswesen der Waadt zuständig, bevor er an Tuberkulose starb. T., eine grosse, schlanke, elegante und redegewandte Persönlichkeit, begründete den medizin. Ruf der Stadt Lausanne, indem er Patienten aus ganz Europa anzog. Er pflegte mit zahlreichen Vertretern der Aufklärung Kontakt, darunter Jean-Jacques Rousseau und Voltaire. Er teilte deren Glauben an die Macht der Bildung im Kampf gegen Gleichgültigkeit und Unwissenheit und wurde zu einem der Vorreiter beim Aufbau des öffentl. Gesundheitswesens. In der 2. Hälfte des 18. Jh. vermittelte T. sowohl in der Praxis, der Vorsorge, der Hygiene, der Lehre als auch im Spitalwesen zwischen Säftelehre und Impfung, zwischen der Gesundheit des Einzelnen und dem öffentl. Gesundheitswesen, zwischen Arm und Reich sowie zwischen Ancien Régime und neuer Zeit.

<b>Auguste Tissot</b><br>Porträt des Arztes, kurz nachdem er ehrenhalber zum Professor der Medizin an der Akademie Lausanne ernannt worden war. Öl auf Leinwand von  Emanuel Handmann,  um 1770 (Collection de l'université de Lausanne; Fotografie Claude Bornand).<BR/>
Porträt des Arztes, kurz nachdem er ehrenhalber zum Professor der Medizin an der Akademie Lausanne ernannt worden war. Öl auf Leinwand von Emanuel Handmann, um 1770 (Collection de l'université de Lausanne; Fotografie Claude Bornand).
(...)


Archive
– Teilnachlässe in: BBB, BCUL, BGE
Literatur
– E. Olivier, Médecine et santé dans le Pays de Vaud au XVIIIe siècle, 1939, 1060-1062
– L. Benaroyo, "L'Avis au peuple sur sa santé" de Samuel-Auguste T. (1728-1797), 1988
– A. Emch-Deriaz, T., Physician of the Enlightenment, 1992

Autorin/Autor: Guy Saudan / AL