Drei Tellen

Die D. waren Symbolgestalten der Aufständischen im Bauernkrieg von 1653. Das von ihnen verübte Attentat auf den Luzerner Schultheissen Ulrich Dulliker läutete die letzte Phase dieser Rebellion ein. Ein erstes Mal traten drei Männer, Hans Zemp und Kaspar Unternährer aus Schüpfheim sowie Ueli Dahinden aus Hasle, im Febr. 1653 in Schüpfheim auf: In hist. Kostümen, gestiftet vom Landespannermeister Hans Emmenegger, personifizierten sie die drei "ersten Eidgenossen" (Drei Eidgenossen) Walter Fürst, Arnold von Melchtal und Werner Stauffacher, die mit der Figur Wilhelm Tells in populären Darstellungen ab dem 16. Jh. zu den D. verschmolzen (Befreiungstradition). Als Integrationsfiguren traten die D. an mehreren wichtigen Bauerntreffen auf. Wie die übrigen Symbole der Aufständischen, z.B. der Knüttel, verkörperten sie zu Beginn des Bauernkriegs den Wandel von Untertanen zu emanzipierten Gegenspielern der Obrigkeit, die nicht mehr als Bittsteller auftraten, sondern forderten (Ländliche Unruhen).

Unternährer und Dahinden, die Anfang 1653 beide als Anführer bei der Misshandlung eines obrigkeitl. Boten eine führende Rolle gespielt hatten, flüchteten vor der Ankunft der Truppen General Sebastian Peregrin Zwyers von Evibach in die Entlebucher Alpen, Zemp ins Elsass, wo er bis 1654 verblieb. Nach der Niederschlagung der Rebellion zeigte die Luzerner Obrigkeit eine äusserst harte Haltung und war nicht bereit, die geflohenen Bauernführer zu begnadigen. Sie inszenierte einen regulären Schwörtag in Schüpfheim, der Kontinuität und Normalität demonstrieren sollte. Diese Haltung, die den Bauernführern die sehnlichst erhoffte Rückkehr in ein normales Leben verunmöglichte, sowie die Frustration über die eigene Niederlage führten zur Radikalisierung einer Gruppe Unzufriedener. Entgegen warnender Stimmen wurde der Tyrannenmord am Luzerner Schultheissen beschlossen. In einem Hinterhalt erschossen Dahinden und Unternährer sowie Hans Stadelmann, der für den geflohenen Zemp die Rolle Tells übernahm, den Luzerner Zeugherrn Caspar Studer und verletzten Dulliker. Bei dieser Gelegenheit scheinen die D. zum letzten Mal ihre Kostüme getragen zu haben. Die symbol. Handlung der Attentäter wurde sofort verstanden und fand breite Zustimmung; diese ging jedoch nicht so weit, dass eine erneute Revolte ausreichend Unterstützung gefunden hätte. Dem kollektiven Widerstand wurde keine Aussicht auf Erfolg mehr beigemessen. Das Attentat - eine Ausnahmeerscheinung auf dem Territorium der alten Eidgenossenschaft - war zwar politisch nutzlos, aber nicht sinnlos: Die herrschaftl. Tyrannei wurde nicht aus der Welt geschafft, aber vor aller Augen entlarvt. So sahen es wenigstens die D. und weite Teile der Bevölkerung. Die drei Männer besuchten nach der Tat demonstrativ, unbehelligt und in voller Montur die Sonntagsmesse. Die Rebellen verloren jedoch mit dem Einmarsch von Luzerner Truppen unter Oberst Alphons von Sonnenberg die letzte Unterstützung. Anfang Okt. 1653 wurden Dahinden und Unternährer nach kurzem Kampf erschossen. Im Juni 1654 verriet Zemp seinen Tellen-Nachfolger Stadelmann an die Obrigkeit und erkaufte sich so seine Begnadigung, während der Attentäter am 15.7.1654 hingerichtet wurde.

Die überregionale Verbreitung des sog. Tellenliedes und der dazugehörenden Symbolik zeigt die enge Verbindung der lokalen Aufstandsbewegungen untereinander. Personifizierungen der D. traten auch in den Freien Ämtern und im Emmental auf. Die D. verkörperten den Glauben der Untertanen an die Möglichkeit, die Erfolgsgeschichte des Vorbilds wiederholen zu können. Die jüngere Erzählung, belegt ab 1796 analog dem Kyffhäuser- oder Barbarossa-Motiv, wonach die D. in einer Felshöhle am Fuss der Rigi schlummerten, beruht auf der zeitgenöss. Vorstellung vom schlafenden Tell, dessen Wiederkehr bereits im Tellenlied von 1653 besungen und symbolisch von den D. erfüllt worden war.


Literatur
– O. Marchi Schweizer Gesch. für Ketzer oder Die wundersame Entstehung der Eidgenossenschaft, 1971
– A. Suter Der schweiz. Bauernkrieg von 1653, 1997

Autorin/Autor: Gregor Egloff