Elgg

Politische Gemeinde ZH, Bezirk Winterthur. Städtchen am Oberlauf der Eulach; im MA und bis 1798 Gerichtsherrschaft. 760/763 Ailaghoga, 1166 Elgoue, 1370 Elggaw. 1467 ca. 440 Einw. (damalige Kirchgemeinde); 1634 1'018; 1792 2'103; 1836 1'038 Einw. (politische Gemeinde); 1850 1'182; 1900 1'420; 1950 2'184; 2000 3'593. Einzelne Gräberfunde aus der späteren Bronze- und Eisenzeit deuten auf eine Besiedlung der Talfläche im 1. Jt. v.Chr. Im nordöstl. Teil des Städtchens bestand eine röm. Siedlung. Im Ettenbühl wurde eine frühma. Nekropole mit rund 330 Gräbern entdeckt, die eine Siedlungskontinuität von der Spätantike bis ins FrühMA nahe legt. Das Gräberfeld umfasst romanisch und fränkisch geprägte Bestattungen der gewöhnl. Bevölkerung (ca. 530-700) sowie Gräber der merowing. Oberschicht (ca. 550-600).

Durch Schenkungen und Käufe kam das Kloster St. Gallen von 760 bis ins 10. Jh. zu einem umfangreichen Güterkomplex, zu dem neben dem Siedlungsmittelpunkt E. auch die Höfe in Guwil, Hofstetten (ZH), Dickbuch, Schottikon und Schneit gehörten. Als sankt-gall. Dienstleute sind 1166-1287 die Herren von E. belegt, deren Burg über dem Steilhang südlich des Städtchens stand. 1289 gab Abt Konrad von Gundelfingen die Herrschaft E. den Habsburgern zu Lehen. 1370 verliehen die Hzg. Albrecht und Leopold dem Ort das Markt-, 1371 das Stadtrecht. 1379 erhielt E. von Kg. Wenzel einen Freiheitsbrief. Die Stadt musste ihre Rechte gegen die Besitzer des Niedergerichts auf der Burg wiederholt verteidigen, bis die Gerichtsordnung in der Offnung von 1532 und im Herrschaftsrecht von 1535 festgeschrieben wurde. E. erhielt eine städt. Verwaltung mit Gr. und Kl. Rat; die Privilegien auf Markt, Zoll, Handwerk und Gewerbe wurden bestätigt.

Nach der Stadtrechtsverleihung 1371 entstand eine durch Graben und Palisaden gesicherte quadrat. Anlage mit geschlossenen Häuserzeilen und Stadttoren. Einschränkende Bestimmungen verhinderten eine Ausdehnung; 1382 zählte das Städtchen 130, 1532 119 und 1804 133 Hofstätten. Das Hochgericht gelangte mit der Grafschaft Kyburg 1424 vorläufig und 1452 definitiv an Zürich, das E. bis 1798 dem Enneramt der Landvogtei Kyburg anschloss. Burg und Niedergericht kamen 1442 von den Habsburgern an die Herren von Hinwil; 1576 kaufte sie der Zürcher Hans Heinrich Lochmann, der die Burg zum Schloss ausbauen liess. 1712 erwarb Hans Felix Werdmüller die Herrschaft. 1798 verzichtete die Familie Werdmüller auf die Ausübung des Niedergerichts; das Schloss und das darin aufbewahrte Familienerbe blieben dank des 1715 gegründeten Fideikommisses erhalten. 1798 entstanden im Pfarreigebiet die politischen Gemeinden E. und Hofstetten. Teile des alten Pfarrsprengels wurden damals auch den Gemeinden Hagenbuch und Bertschikon (heute Gemeinde Wiesendangen) zugewiesen. In der Helvetik wurde E. Distriktshauptort, seit 1803 gehört es zum Bezirk und Oberamt Winterthur. 1829 und 1832 bildeten sich die Zivilgemeinden E. und Heurüti; Letztere wurde 1886 aufgelöst.

Die St. Georgskirche, die heutige ref. Pfarrkirche, steht über spätröm. Mauerresten. Die archäolog. Untersuchungen ergaben mindestens drei Vorgängerbauten, die in das 8. Jh., in die Zeit um 1000 und nach 1370 zu datieren sind. Die 1508-16 neu erstellte Anlage war der bedeutendste spätgot. Sakralbau der Zürcher Landschaft; die Wandmalereien im Chor wurden mit Ausnahme derjenigen an der Nordwand, die auf die Bauphase nach 1370 zurückgehen, 1512-14 geschaffen. Den Kirchensatz besass das Kloster St. Gallen, das ihn 1346 an die Frh. von Bonstetten verkaufte. 1409 ging er an die Stadt Rapperswil, 1537 an Zürich. Der umfangreiche Pfarrsprengel umfasste ursprünglich ausser E. auch Hofstetten und Schottikon, Teile von Bertschikon und Hagenbuch sowie die thurg. Dörfer Ettenhausen, Guntershausen, Iltishausen und Tänikon. 1257 löste sich die Filialkapelle Tänikon von E. Nach der 1524 von Zürich gegen erhebl. Widerstände durchgesetzten Reformation trennten sich gegen Ende des 16. Jh. die rekatholisierten Thurgauer Dörfer von E. 1889 und 1974 wechselten die bisher zur ref. Kirchgemeinde Aadorf-Aawangen gehörenden Teile von Hagenbuch zur Kirchgemeinde E., während Schottikon 1922 Elsau zugeteilt wurde. 1982 wurde die neue kath. Kirche St. Georg errichtet.

Im SpätMA und in der frühen Neuzeit entwickelte sich E. zu einem kleinen Markt- und Gewerbezentrum mit städt. Handwerk, auch wenn eine Zunftordnung nur ansatzweise feststellbar ist. Von Wochen- und Jahrmarkt sowie der günstigen Verkehrslage an der Landstrasse Winterthur-Wil profitierten seit dem MA drei Tavernen. Im 15. und 16. Jh. blühten Leinenfabrikation und -handel. Neben Bauhandwerkern, Goldschmieden und Uhrmachern traten im 17. und 18. Jh. die Hafner (v.a. die Dynastie Spiller), im 18. Jh. die Kammmacher und Zinngiesser hervor. Bis 1798 sank der Anteil der reinen Bauernhaushalte im Städtchen auf unter 30%. Von ca. 1763 bis 1837 wurde am Schneitberg Braunkohle abgebaut, die der Stahl- und Steingutfabrikation sowie dem Betrieb einer Glashütte diente. In der 1. Hälfte des 19. Jh. siedelten sich zögerlich einige industrielle Unternehmen an, so 1826 eine mechan. Werkstätte und 1840 eine Kartonfabrik. 1872 wurde eine Grossstickerei eröffnet, die später in eine Schuhfabrik umgewandelt wurde; 1899 und 1919 folgten zwei kleinere Stickereien. Drei Brandkatastrophen, eine 1870 und zwei 1876, zerstörten nahezu die Hälfte des Städtchens. Der Wiederaufbau respektierte die ringartige Bebauungsstruktur, brach jedoch mit der geschlossenen Bauweise. Nach dem Anschluss an die Bahnstrecke Winterthur-Wil (1855), der Kanalisation der Eulach (1877-1914) und der neuen Führung der Hauptstrasse (1912) verlagerte sich die Siedlungsentwicklung in die flache Talsohle. 1907 erfolgte der Bau einer Grossweberei in der neuen Industriezone beim Bahnhof. Aufgrund des kontinuierl. Bevölkerungswachstums nach dem 2. Weltkrieg entstanden nördlich der Bahn und südwestlich des Stadtkerns neue Einfamilienhaus-Quartiere. Ab den 1960er Jahren baute Paul Weier, Champion im Springreiten, in E. ein Reitsportzentrum auf. Die Schliessungen der Ofenbaufabrik Mantel und der Metallbaufirma Geilinger führten in den 1990er Jahren zu bedeutenden Arbeitsplatzverlusten. 2000 bestanden in E. 1'249 Arbeitsplätze, davon ein Drittel im 2. und die Hälfte im 3. Sektor. 2002 verlagerte die Schuhfabrik E. ihre Produktion ins Ausland.


Literatur
– K. Hauser, Gesch. der Stadt, Herrschaft und Gem. E., 1895
– K. Mietlich, Gesch. der Herrschaft, Stadt und Gem. E., 1946
Kdm ZH 7, 1986, 282-416
– R. Windler, Das Gräberfeld von E. und die Besiedlung der Nordostschweiz im 5.-7. Jh., 1994

Autorin/Autor: Ueli Müller