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Ilanz

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Polit. Gem. GR, Kreis I., Bez. Surselva. Erste Stadt am Rhein, im Vorderrheintal am Ausgang des Lugnez gelegen, mit Strada (1978 eingemeindet). 765 Iliande, rätorom. Glion. 1835 574 Einw.; 1850 663 (mit Strada); 1900 981; 1950 1'640; 2000 2'488. Waffen- und Gerätefunde der Bronzezeit bei der Ruine Grüneck, beim Talasyl und in Strada. Unterhalb von Grüneck frühma. Schatzdepot (790-794) mit Gold- und Silbermünzen langobard., karoling. und arab. Herkunft sowie langobard. Goldschmuck (heute im Rät. Museum Chur). Der 765 erw. Herrenhof Tellos dürfte im Bereich der heutigen Altstadt gelegen haben. Der ökonom. und polit. Raum I. umfasste vom FrühMA an Strada, Luven, Flond und die heute auf Obersaxer Territorium liegenden Höfe Valata, Armsch und Cavrida; der Valater Bach bildete die westl. Grenze. Kirchl. Mittelpunkt war die 765 erw. Pfarrkirche St. Martin südwestlich von I. am Schnittpunkt der Verkehrswege ins Lugnez und nach Obersaxen. Sie war um 840 karoling. Reichsgut und mit dem Zehntrecht ausgestattet. Eine dortige Siedlung, in spätma. Urkunden Ober-I. genannt, ist abgegangen.

Wirtschaft und Verkehr konzentrierten sich im späteren MA auf Unter-I., die heutige Altstadt. Dieses entwickelte sich um den frühma. Hof und den Wehrturm von St. Margarethen (vermutlich Zentrum eines bewehrten Burgbez., Kirche 1288 erw.) zur ma. Stadt mit Ringmauer, Toren und Marktrecht. 1289 wird I. als Stadt (oppidum) bezeichnet. Die Verschiebung des Zentrums der Gruob von Sagogn nach I. im SpätMA hing mit der neuen Verkehrssituation zusammen: Die erste Rheinbrücke bei I. leitete den Verkehr direkt in die Stadt, die um 1380 Sust- und Zollort für den neu aufgekommenen Transitverkehr über den Lukmanier wurde. Zusammen mit der Gruob unterstand I. im MA zunächst der Vogtei der Frh. von Belmont und ab 1400 den von Sax; innerhalb der Stadtmauern bestand ein eigenes niederes Gericht. Das Stadtrecht von 1390 regelte v.a. Bauwesen, Brandschutz und Wirtschaftsordnung. In der Belmonter Fehde wurde I. 1352 teilweise verwüstet, 1483 brannte es vollständig ab. Im SpätMA bestanden mehrere Bruderschaften: die Liebfrauenbruderschaft zu St. Martin, die Bruderschaften St. Jakob der Ältere und des Hl. Kreuzes zu St. Margarethen. St. Martin in Ober-I. mit Pfarrhaus und Friedhof blieb Pfarrkirche bis zur Reformation; schon vor 1500 aber spielte St. Margarethen in der Stadt die grössere Rolle. Der ma. Pfarrsprengel reduzierte sich durch Ablösung von Luven (1526) und Flond (1731) auf den engeren Stadtbereich. Im SpätMA gewann die Vorstadt St. Nikolaus, benannt nach der gleichnamigen Kapelle (1408 geweiht), infolge des Baus der Rheinbrücke vorübergehend verkehrsmässig an Bedeutung.

1395 fand in I. der erste Akt der Gründung des Grauen Bundes statt; der Hauptinitiant, Johannes von I., stammte aus I. Vom 15. Jh. weg beherbergte I., einzige Stadt im Grauen Bund, im Turnus mit Chur und Davos den Bundstag, die oberste Versammlung der drei Bünde. Zu Beginn des 16. Jh. erlangte I. als Ort wichtiger Beschlüsse der Bundstage zentrale Bedeutung innerhalb des Freistaates: 1524 erste gemeinsame Verfassung, 1524 und 1526 Ilanzer Artikel, 1526 und 1557 Edikte für die Anerkennung des kath. und des prot. Glaubens (Gewissensfreiheit) in den drei Bünden und in deren Untertanengebieten. Bedeutendes Ereignis war die Disputation zu I. 1526, die den Weg zur Ausbreitung der Reformation in Graubünden ebnete. Den Geist des Aufbruchs verkörperten Mitglieder der Fam. Capol und Janigg. Bald nach Annahme der Reformation (1526) verschwand die Muttergottes aus dem Ilanzer Stadtwappen.

Die Politik der Stadt bestimmten in der Folge weitgehend die Fam. Schmid von Grüneck und Castelberg. Erstere errichtete ansehnl. Bürgerhäuser, v.a. die Casa Gronda (1677), und förderte mit Unterstützung von Zürich und Bern 1715 die Erneuerung der Stadtbefestigung. Der Widerstand der Aristokraten gegen den Gregorian. Kalender und die Entfernung der Kirchenstühle der Patrizier aus der St. Margarethenkirche lösten 1799 einen Aufstand der Bürger aus. Zur Zeit der Helvetik und Mediation büsste I. seinen Rang als Tagungsort ein. Nur noch einmal, 1809, tagte der Gr. Rat daselbst. Im 19. Jh. verlor I. an Bedeutung als Handelsstadt, behauptete sich aber als Marktort, insbesondere für den Viehhandel der Surselva. Das Handwerk erlebte einen Aufschwung (1853 Gründung eines Handwerkervereins). Der Zuzug kath. Arbeitnehmer aus Nachbarschaft und Ausland führte 1859 zur Gründung einer kath. Kirchgemeinde mit eigener Kirche (1879). Der dt. Sprachanteil nahm zu (2000 30% rätorom.). Die Überbauung des niedriger gelegenen Vorstadtareals mit Gewerbe-, Industrie- und Wohnbauten, Wirtshäusern und Hotels wurde erst im 19. Jh. möglich nach der Korrektion des Rheins. 1881 wurde das alte Rathaus südlich der ursprüngl. Rheinbrücke abgebrochen, an dessen Stelle 1893 das erste Stadt- und Sekundarschulhaus errichtet.

I. ist heute ein bedeutendes regionales Schul- und Verkehrszentrum. Eine Schule ist schon 1536 nachgewiesen. Bis 1969 bestanden konfessionell getrennte Primarschulen. Johannes Fidelis Depuoz gründete 1865 bei S. Clau eine Real- und Industrieschule für Mädchen, das spätere Institut St. Joseph, und 1868 ein kleines Spital. Eine Kongregation der Dominikanerinnen betreibt, seit 1969 im neuen Klostergebäude, eine Krankenpflegerinnen- und Bäuerinnenschule. I. beherbergt ferner ein Alters- und Pflegeheim, ein Regionalmuseum, eine Bezirkssekundar-, Real- und Hilfsschule, eine Gewerbe- und Handelsschule sowie die Musikschule Surselva. Die Stadt erhielt 1987 moderne Einrichtungen für den Viehmarkt und 1988 ein neues Regionalspital. Zum nach Chur und St. Moritz wichtigsten Verkehrsknotenpunkt des Kantons entwickelte sich I. seit Eröffnung der Rhät. Bahn 1903 und in den letzten Jahrzehnten mit dem Ausbau der Postautokurse zu den vielen Dörfern der Umgebung. Die kunstvolle Holzbrücke über den Rhein wurde 1961 abgebrochen und durch eine Betonbrücke ersetzt. Heute dominiert der Dienstleistungssektor (2000 drei Viertel der in I. Erwerbstätigen). Wasserzinsen der Kraftwerke Ilanz I und II verbessern seit 1990 die Lage des Gemeindehaushalts.


Literatur
– A. Maissen, L. Schmid, Glion / La Foppa, 1977
– D. Cadruvi et al., 700 Jahre Stadt I., 1989

Autorin/Autor: Martin Bundi