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Poschiavo (Gemeinde)

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Polit. Gem. GR, Kreis P., Bez. Bernina. Die Gem. mit ihren zahlreichen Weilern (z.B. Le Prese und San Carlo) liegt in einem weiten Becken im oberen Puschlav und ist dessen Hauptort. 824 in Postclave (Kopie), 1140 de Pusclauio, dt. früher Puschlav. 1850 2'888 Einw.; 1900 3'102; 1950 4'034; 2000 3'225. P. verfügte bereits im 12. Jh. über eigene Organisationsstrukturen und stand wie das ganze Tal vom 12. bis 13. Jh. unter der Herrschaft der Matsch-Venosta, 1350-1406 unter jener der Visconti und gehörte ab 1408 dem Gotteshausbund an. Die ersten Gemeindesatzungen stammen von 1388. 1524 wählten die Talbewohner erstmals selbstständig einen Podestà. Mit der Auflösung der Gerichtsgemeinden 1851 trennte sich die Gem. Brusio von P.

Die Taufkirche von P. ist 824 erstmals bezeugt; als Mutterkirche S. Vittore wird sie 1286 erwähnt. 1497-1503 wurde sie in got. Stil umgebaut, später barockisiert und 1690 in den Rang einer Stiftskirche erhoben. Brusio gehörte ab ca. 1400 zur Pieve P., löste sich aber 1501 von der Mutterkirche. Die ref. Gemeinschaft von P., die um 1550 entstand, musste 1623 vor den Verfolgungen fliehen und konnte erst nach dem Schiedsentscheid der Drei Bünde über das Zusammenleben der beiden Konfessionen 1642 zurückkehren und eine Kirche bauen. 1629-38 wurde ein Ursulinenkloster aufgebaut, das 1684 vom Augustinerorden übernommen wurde. 1824-25 entstand die ref. öffentliche Schule, 1830 folgte das kath. Institut Menghini. Die Gemeindeschulen blieben bis 1967 nach Konfessionen getrennt. Die kath. Pfarrei ging 1870 vom Bistum Como zum Bistum Chur über.

Als die Bündner 1512 das Veltlin eroberten, stieg die strateg. und wirtschaftl. Bedeutung von P. durch Handel und Transport. Der Verlust des ital. Tals im Jahre 1797 schwächte die jahrhundertelang auf Landwirtschaft und Viehzucht beruhende lokale Wirtschaft beträchtlich. Im 19. Jh. eröffnete die Auswanderung neue Einnahmequellen, in der 2. Jahrhunderthälfte entstand dank den Überweisungen der Auswanderer ein Villenviertel der nach Spanien und Portugal emigrierten Zuckerbäcker und Cafetiers, das sog. Spaniolenviertel. Um die Mitte des 19. Jh., noch vor der tourist. Blüte, erlebte P., dank einer Bierbrauerei (1850/52-1929) und einer Tabakfabrik (vor 1840 bis 1866) einen bescheidenen industriellen Aufschwung. Ein 1913 eröffnetes Krankenhaus wurde 1927 in der Gegend von San Sisto neu errichtet und 2005 vollständig umgebaut. 1547 entstand mit der Officina Landolfi die erste Druckerei in Graubünden. Im Kultur- und Bildungsbereich bot 1995-2001 das Projekt P., fortgeführt im Polo P., Weiterbildungsmöglichkeiten an. Zu grossen Überschwemmungen kam es in den Jahren 1566, 1572, 1834 und 1987. Gesamtmelioration 1962-2007.


Literatur
– L. Boschini, Valposchiavo, 2005
Il Borgo di P., hg. von D. Papacella, 2009

Autorin/Autor: Arno Lanfranchi / PTO