Handelsgesellschaften

H. waren Zusammenschlüsse von in der Regel 4 bis 25 Kaufleuten oder Gesellschaftern auf der Basis einer Kapitaleinlage. Erste solche Gesellschaften waren vor 1000 in Italien entstanden; v.a. im 13. Jh. nahm ihre Zahl stark zu. Nördlich der Alpen fassten sie ab dem ausgehenden 14. Jh. Fuss. Gut entwickelte H. verfügten über ein überregionales Netzwerk von Agenturen, Kontoren sowie Warenlager und ermöglichten so den Kaufleuten, ihre Tätigkeit von einem festen Wohnsitz aus abzuwickeln. Der Kaufmann musste den Einkauf der Handelsware nicht mehr persönlich vor Ort organisieren und den Transport begleiten. Die spätma. H. besassen eine eher lockere Organisationsform. Die als Firmen konzipierten Handelshäuser wie z.B. die der Medici wurden von einer Zentrale aus geleitet und die Niederlassungen von Angestellten geführt, die nur ausnahmsweise am Gewinn beteiligt waren.

Im Gebiet der heutigen Schweiz lässt sich in Freiburg 1396-1438 die Perroman-Gesellschaft nachweisen, die über ein bis Südfrankreich reichendes Handelsnetz verfügte. In Basel entstand im 15. Jh. ebenfalls eine grössere Anzahl H. Die hauptsächlich im Safran- und Tuchhandel tätige Halbisen-Gesellschaft (ca. 1415-30) bestand aus den drei Hauptherren (Geschäftsführern) Heinrich Halbisen, Hans Waltenheim und Werner von Kilchen. Zusammen legten diese ein Kapital von 25'000 Gulden in die Gesellschaft ein. Sie handelten aber nicht immer im Namen der Gesellschaft, sondern übten auch noch als Einzelpersonen eine Geschäftstätigkeit aus. Weitere acht Persönlichkeiten legten bei der Halbisen-Gesellschaft Geld als Mitgemeiner in der Höhe des Grundkapitals an, daneben steuerten auch Angestellte der Gesellschaft Kapital bei. Die Anleger griffen jedoch nicht ins Geschäft der Gesellschaft ein und konnten auch nicht für deren Handlungen gerichtlich belangt werden. Während versch. Basler H. vorübergehenden Charakter hatten oder gar nur für ganz bestimmte Geschäfte als Zweckbündnisse geschlossen wurden, entwickelte sich in der 2. Hälfte des 15. Jh. mit der Grossen Gesellschaft ein zwar lockerer, aber doch effizienter Wirtschaftskomplex. Diese Kaufherrenvereinigung neigte zum Monopolismus, z.B. in Bezug auf das Eisen aus den Gonzenbergwerken, so dass 1464 der ums gemeine Wohl besorgte Rat einschritt. 1474 brach sogar ein Volksaufstand aus, weil die Grosse Gesellschaft oder zumindest Teile von ihr alle Wolle, Baumwolle, Häute und tier. Fette aufgekauft hatte und dadurch die Preise diktieren konnte. In der Reformationszeit setzte die Basler Handwerkerschaft ein zeitweiliges Verbot der H. durch. Grosses Gewicht erlangten die H. im Bodenseeraum. Allein in St. Gallen entstanden im 15. Jh. rund 15 H. Die bedeutendste unter diesen war die Diesbach-Watt-Gesellschaft mit Berner Wurzeln. An der noch grösseren Ravensburger Gesellschaft waren bis 1499 zahlreiche Kaufleute aus dem Ostschweizer Raum beteiligt gewesen. Die Fernbeziehungen der St. Galler H. reichten von Krakau und Warschau im Osten bis Valencia im Westen, das Netzwerk schloss u.a. die Frankfurter Messe und oberital. Städte mit ein.

In Zürich waren H. eine Randerscheinung, da die zünft. Reglementierung die Zusammenlegung von Kapitalien einschränkte. Zwar erlaubte der Rat 1520 einer Gruppe von Handeltreibenden, die Nüwe Gesellschaft zu gründen, doch wurde ihr die Konzession schon 1523 wieder entzogen. Bei den Zürcher H. des 17. und 18. Jh. handelte es sich zumeist um Familiengesellschaften. Die für den Handel notwendigen Kapitalien wurden in der frühen Neuzeit mehrheitlich als Kommanditen entlehnt.


Literatur
– H. Ammann, Freiburg und Bern und die Genfer Messen, 1921
– H.C. Peyer, Leinwandgewerbe und Fernhandel der Stadt St. Gallen von den Anfängen bis 1520, 2 Bde., 1959-60
– H.R. Hagemann, «Basler H. im SpätMA», in Fs. für Frank Vischer zum 60. Geburtstag, hg. von P. Böckli et al., 1983, 557-566
LexMA 4, 1901
– J. Schneider «Die Bedeutung von Kontoren, Faktoreien, Stützpunkten (von Kompagnien), Märkten, Messen und Börsen im MA und früher Neuzeit», in VSWG, Beih. 87, 1989, 36-63

Autorin/Autor: Martin Illi