• <b>Hausarbeit</b><br>Quelle: Schweizerische Arbeitskräfteerhebung 2000  © 2004 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Hausarbeit

Unter H. wird seit dem 19. Jh. die von der Erwerbstätigkeit abgetrennte Arbeit im Privathaushalt (Haushalt) verstanden, die im 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jh. ausschliesslich und Ende des 20. Jh. weitgehend den Frauen zugeordnet wurde (Geschlechterrollen). Sie umfasst je nach Schichtzugehörigkeit der Frau variierende Tätigkeiten in den Bereichen Produktion von Nahrungsmitteln (Ernährung) und Kleidung (Handarbeitsunterricht), Vorratshaltung und Konsum, Putzen und Waschen. H. gilt, da vorab von Hausfrauen verrichtet, als unentgeltl. Tätigkeit, ist aber Lohnarbeit, wenn sie von Dienstboten, Putz- und Waschfrauen geleistet wird (Gesinde).

1 - Hausarbeit als weiblicher Tätigkeitsbereich

H. basiert auf der traditionellen Arbeitsteilung. Sie umfasste in der Neuzeit weibliche, in die Familienwirtschaft (Hauswirtschaft) integrierte Tätigkeitsbereiche, welche auch den Unterhalt und Einsatz von Gesellen und Gesinde sowie Erwerbsarbeiten (z.B. Heimarbeit) miteinschliessen konnten (Frauenerwerbsarbeit). Ihren spezif. Charakter erhielt die H. erst durch die zunehmende räuml. Trennung von Wohnen und Erwerbsarbeit infolge der Industrialisierung. Obwohl Arbeiterinnen in den Prozess der Industrialisierung stark einbezogen waren, entwickelte sich die ausserhäusl. Arbeit nur für Männer zur Norm, für Frauen galt sie als Ausnahme. Die männl. Gesellschaft wies ihnen die H. als "natürlichen" Tätigkeitsbereich zu. Zugleich wurde der produktive Charakter der H. weitgehend negiert, während der Mann zum Ernährer der Fam. avancierte. Diese geschlechtsspezif. Zuordnung schrieb das 1912-87 gültige Zivilgesetzbuch fest.

Autorin/Autor: Elisabeth Joris

2 - Schichtspezifische Differenzierung

Der Übergang von der unentgeltl. H. zur Erwerbsarbeit ist fliessend, bei den geschäftsbedingten Repräsentationsaufgaben der Hausfrau im Unternehmermilieu ebenso wie bei der als H. taxierten entlöhnten Kostgängerei, Zimmervermietung oder Betreuung fremder Kinder aus den Unterschichten. Auch wurden Dienstbotinnen im Privathaushalt bis ins 20. Jh. hinein statistisch nicht als Lohnarbeiterinnen ausgewiesen. In den Oberschichten umfasste die H. bis in die 1950er Jahre insbesondere die Anweisung des Dienstpersonals, die Planung der Repräsentationsaufgaben, der grossen und der kleinen Wäsche, des Putzens und der Gartenarbeiten. Dazu gehörten aber auch das Nähen und Sticken, die Herstellung der Aussteuer und von Geschenken. In den unteren Mittelschichten und den Unterschichten bestimmte das enge Budget Wohnen, Kleider und Ernährung. Die Erträge des Gartens ("Pflanzblätz") waren unentbehrlich für die Nahrungszubereitung und das Anlegen von Vorräten. Wegen fehlender Aussteuer dominierte die kleine Wäsche, Flicken war wichtiger als Stricken und Nähen. Verheiratete Frauen erledigten als Putzfrauen, Näherinnen und Wäscherinnen H. im Haushalt der Oberschicht, ledige als Dienstbotinnen. Als die Erwerbsmöglichkeiten im Gastgewerbe, Büro und Verkauf zunahmen, arbeiteten vermehrt Dienstbotinnen aus den ländl., oft kath. Regionen der Schweiz oder des benachbarten Auslands im städt. Haushalt. Seit den 1960er Jahren gibt es kaum mehr im Haushalt wohnende Dienstbotinnen. Mehrheitlich verheiratete Migrantinnen entlasten als Putzfrauen die Frauen aus bildungsbürgerl. Kreisen oder aus der Oberschicht. Die Doppelbelastung der erwerbstätigen Frauen mit Familienpflichten aus den Mittel- und Unterschichten ist jedoch zu Beginn des 21. Jh. weiterhin gross.

<b>Hausarbeit</b><br>Quelle: Schweizerische Arbeitskräfteerhebung 2000  © 2004 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Aufwand für Haus- und Familienarbeiten 2000

Autorin/Autor: Elisabeth Joris

3 - Versuche der Professionalisierung

In der 2. Hälfte des 19. Jh. stiegen die Auflagezahlen der für Frauen aus bürgerl. Schichten publizierten Ratgeberliteratur für die Themenbereiche Kochen, Putzen und Anleitung des Dienstpersonals. Das Erlernen der H. von der Mutter oder im Haushalt von Bekannten wurde abgelöst durch eine Ausbildung im Pensionat (Mädchenerziehung, Küche) in der Westschweiz, während Töchter aus der unteren Mittelschicht der Deutschschweiz als billige Dienstbotinnen bei Privaten Französisch und Haushalten lernten. Zentrales Anliegen des 1888 in Aarau gegr. Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF) war die hauswirtschaftl. Unterweisung. Entsprechend der Professionalisierung der männl. Erwerbsarbeit sollte mit der Gründung von Schulen für Dienstboten und von Haushaltungsschulen für bürgerl. Töchter die H. professionalisiert werden. Der SGF reproduzierte damit die schichtspezif. Unterschiede, was sich in der Veröffentlichung eigener Ratgeber für den "einfachen" Haushalt spiegelte. Das angestrebte Obligatorium der hauswirtschaftl. Unterweisung für die gesamte Schweiz wurde nicht erreicht, aber in vielen Kantonen durchgesetzt. Freiburg war 1908-54 Sitz des unter der Ägide des Politikers Georges Python neu gegr. Internat. Amts für Hauswirtschaft, dessen Ziel die Professionalisierung der H. war.

Autorin/Autor: Elisabeth Joris

4 - Modernisierung durch Rationalisierung

An der betriebl. Arbeit orientierte sich auch die Rationalisierungsbewegung der Zwischenkriegszeit. Mit einer optimierten Arbeitsplanung, dem Einsatz von Haushaltsmaschinen und neuen Wohnungsgrundrissen sollten "Zeit, Kraft und Geld" gespart und unter Berücksichtigung der wissenschaftl. Erkenntnisse in den Bereichen Chemie bzw. Ernährung und Hygiene sollte im einzelnen Haushalt die Volksgesundheit erhöht werden. Obwohl die Geräte von den in den Städten gegr. Hausfrauenvereinen propagiert wurden, fanden sie erst in der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit dank fallenden Preisen bei gleichzeitig steigenden Löhnen breiteren Absatz. Die in Vereinen organisierten Frauen konnten aber ab 1918 als Konsumentinnen erste Erfolge verbuchen, denn mit der Auslagerung eines Teils der häusl. Produktion wurde der private Einkauf volkswirtschaftlich bedeutsam. Den spektakulärsten Erfolg erkämpfte der Hausfrauenverein Biel mit der vom bern. Milchhändlerverband erzwungenen Hauslieferung (1931). Die 1935 im schweiz. Verband zusammengeschlossenen Hausfrauenvereine konzentrierten sich dann auf die 1948 erfolgte Gründung des Schweizerischen Instituts für Hauswirtschaft an der ETH Zürich, das neue Haushaltsmaschinen testete. Mit der Schaffung dieser Institution bestätigte sich die öffentl. Anerkennung des gesamtgesellschaftl. Nutzens der H., der bereits mit dem Einbezug von Frauenvereinen in die Sicherung der Kriegsernährung im Rahmen der Landesverteidigung bezeugt worden war.

Autorin/Autor: Elisabeth Joris

5 - Gesellschaftliche Wertschätzung

Bis in die 1960er Jahre wurde die Funktion der Hausfrau im Zusammenhang mit den innenpolit. Debatten immer wieder ideologisiert und instrumentalisiert, nämlich im 19. Jh. als Mittel zur Bekämpfung von Armut und Alkoholismus von der Schweiz. Gemeinnützigen Gesellschaft, in den 1930er Jahren von der Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für den Hausdienst zur Kontrolle von Randständigen und 1928 und 1958 in den Schweiz. Ausstellungen für Frauenarbeit (Saffa) zur Festschreibung der Fam. als Hauptbetätigungsfeld der Frauen. Der emotionale Charakter der H. als Liebesdienst zum Wohl der Fam. wurde stets hervorgehoben. Erst infolge der Kritik an der traditionellen Fam. in den 1970er Jahren entwickelte sich der Begriff "Nur-Hausfrau" in Bildungs- und Oberschichten zur Negativ-Bewertung. Andererseits erfuhr die H. im Zuge der Forderung der Neuen Frauenbewegung, den Wert und Umfang der H. sichtbar zu machen, eine Aufwertung und wurde im Rahmen der Gleichstellungsdebatte diskutiert. Seit der 10. AHV-Revision ist die H. rentenwirksam (Erziehungs- und Betreuungsgutschriften). Auch wird sie im neuen Ehegesetz von 1988 nicht mehr einseitig Frauen zugeschrieben. Trotzdem beweisen versch. Studien, dass Frauen auch zu Beginn des 21. Jh. unabhängig von Alter, Zivilstand und berufl. Belastung markant mehr H. leisten als Männer, deren Beitrag durchschnittlich in zeitlich beschränkter Mithilfe besteht. H. behält damit den Charakter einer den Frauen zugewiesenen unentgeltl. Arbeit.

Autorin/Autor: Elisabeth Joris

Quellen und Literatur

Literatur
– G. Heller "Propre en ordre", 1980
– E. Joris, «Die Schweizer Hausfrau», in Schweiz im Wandel, hg. von S. Brändli et al., 1990, 99-116
– E. Joris, H. Witzig, Brave Frauen, aufmüpfige Weiber, 1992
– H.P. Treichler, Die stillen Revolutionen, 1992
– B. Koller, "Gesundes Wohnen", 1995
– A. Bähler «Die Veränderung des Arbeitsplatzes Haushalt durch das Eindringen der Haushalttechnik», in Arbeit im Wandel, hg. von U. Pfister et al., 1996, 171-194
– W. Bellwald, Wohnen und Wohnkultur, 1996
Die Verwissenschaftlichung des Alltags, hg. von B. Mesmer, 1997
– B. Ziegler, «Der Bieler "Milchkrieg" 1930/31», in Gesch. der Konsumgesellschaft, hg. von J. Tanner et al., 1998, 117-132

Autorin/Autor: Elisabeth Joris