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Gossau (SG)

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Polit. Gem. SG, Region St. Gallen. Die Gem. umfasst die Stadt G. mit den Quartieren Mettendorf, Niederdorf, Oberdorf und Watt, das Dorf Arnegg sowie die Weiler Albertschwil, Enggetschwil, Geretschwil, Hochschoren, Hueb, Matten, Neuchlen, Rain, Rüeggetschwil, Rüti, Wilen, Zinggenhueb, Erlen, Herzenwil und Stöcklen. 1806 kamen Arnegg (ohne Oberarnegg), Erlen, Fronackeren, Geretschwil, Herzenwil, Hölzli, Stöcklen, Wilen, Zinggenhueb von Andwil an G. Gegen Fronackeren, Hölzli, Landegg und Neuegg, die alle zu Andwil stiessen, wurde 1919 Matten eingetauscht. G. ist die grösste Gem. in der Ebene zwischen Glatt und Sitter und liegt am Schnittpunkt der Verkehrsachsen St. Gallen-Zürich und Thurgau-Appenzell. 824 Cozesaua. 1837 2'649 Einw.; 1850 2'853; 1900 6'055; 1910 8'455; 1941 7'512; 1950 8'316; 1970 12'793; 2000 16'805.

Über die Siedlungsverhältnisse in vorröm. und röm. Zeit auf dem Gemeindegebiet liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Im 7. Jh. besiedelten die Alemannen den Raum. Den Abschluss der Christianisierung kennzeichnete die Gründung des Klosters St. Gallen, das ab dem 8. Jh. seinen durch Schenkung, Tausch und Kauf erworbenen Besitz in G. mehrte, das Territorium abrundete und den örtl. Kehlhof zum Verwaltungszentrum einer umfangreichen Mark machte. Diese frühma. Mark umschloss Teile der heutigen umliegenden Gem. sowie Herisau und Hundwil und reichte weit in heute appenzell. Gebiet hinauf. Aus dem Kehlhof erwuchs das 957 erwähnte äbt. Gericht G. Die Schirmvogtei über das Gericht verkaufte Abt Werinher 1166 an Gf. Rudolf von Pfullendorf, von dem sie 1180 an Ks. Friedrich I. Barbarossa gelangte und Reichsvogtei wurde. 1331 veräusserte sie Kg. Ludwig der Bayer an Ulrich von Königsegg, 1373 fiel sie ans Kloster St. Gallen zurück. Bereits 1345 hatte die Fürstabtei die Vogtei Enggetschwil nördlich von G. von den Gf. von Werdenberg eingelöst.

Auf der 1244 erw. Burg Helfenberg an der Glatt, die 1407 den Appenzellern zum Opfer fiel, lebten im 13. und 14. Jh. die Gielen von Glattburg. Mit den Edeln von Niederdorf erscheint im 13. Jh. ein weiteres Dienstmannengeschlecht des Klosters St. Gallen. Oberdorf ist ab Beginn des 13. Jh. als eigenständiges, ebenfalls äbt. Gericht bezeugt, in dem die Herren von Oberberg auf dem gleichnamigen Schloss die richterl. Gewalt ausübten. Ihnen folgten 1380-1452 die Herren von Anwil, später bis 1798 die Obervögte des Oberbergeramts.

Bereits 744 dürfte in G. eine Kirche gestanden haben, die erstmals 910 namentlich als Eigenkirche des Klosters St. Gallen erwähnt wird. Das Gebiet der Pfarrei deckte sich ursprünglich mit demjenigen der frühma. Mark. 1486 inkorporierte sie Fürstabt Ulrich Rösch mit päpstl. Zustimmung in die Fürstabtei St. Gallen. Ab 1524 traten im Ort Wiedertäufer auf, die 1528-31 die zwischenzeitl. Teilnahme an der Reformation erwirkten (Bildersturm am 13.1.1529). Vom 17. bis 19. Jh. wurde die Pfarrei nach und nach auf den Umfang der heutigen Gem. verkleinert. Brände in den Jahren 1638 und 1731 veranlassten zweimal den Neubau der Pfarrkirche St. Andreas. Nach der Aufhebung des Klosters St. Gallen 1805 verwaltete die Ortsgemeinde die Pfarreigüter, bis 1851 die kath. Kirchgemeinde G. gegründet wurde. Die 1891 eingeweihte Schutzengelkirche für die Jugend wurde 1972 abgebrochen und an deren Stelle 1978 das Andreas-Zentrum eröffnet. Die Zunahme der Bevölkerung führte 1970 zur Errichtung der Pfarrei St. Paul in Mettendorf. Eine ref. Kirchgemeinde besteht seit 1896, die ref. Kirche Haldenbühl seit 1900.

Im SpätMA wuchs das Autonomiestreben der Bevölkerung. G. verbündete sich 1401 mit der Stadt St. Gallen, den Appenzellern und weiteren fürstenländ. Gemeinden gegen das Kloster St. Gallen, wurde aber während der letzten Gefechte der Appenzellerkriege 1428 gebrandschatzt. Bedeutsam für die Gemeindeentwicklung war die Politik des Fürstabts Ulrich Rösch (1463-91), der in der 2. Hälfte des 15. Jh. den Besitz des Klosters St. Gallen in G. abrundete, 1487 mittels kaiserl. Privilegs das Hochgericht an sich brachte und die Gerichtsverhältnisse regelte (Alte Landschaft). Das Niedergericht G. (äbt. Offnung 1469, 1510 erneuert) umfasste nebst dem fürstäbt. Kehlhof in G. die Fraktionen Niederdorf, Mettendorf, Arnegg, Helfenberg sowie andere kleinere Höfe und bildete ab 1491 einen Teil des Oberbergeramts. Örtl. Korporationen sind ab dem 15. und 16. Jh. für G., Nieder-, Metten- und Oberdorf, Arnegg und Geretschwil, fürstäbt. Ammänner für G. ab den 1370er Jahren belegt.

Die Gossauer widersetzten sich wiederholt der fürstäbt. Herrschaft, wenn auch ohne bleibenden Erfolg. 1489-90 beteiligten sie sich u.a. an der Waldkircher Allianz, wehrten sich längere Zeit gegen die durch Fürstabt Rösch 1486 vollzogene Inkorporation der Pfarrei G. ins Kloster St. Gallen sowie die Erhebung des Zehnten und schlossen sich 1528-31 der Reformation an. Weiterer Widerstand erfolgte in der 1. Hälfte des 18. Jh. (Streit um Kriegsentschädigung nach dem Zwölferkrieg, 1746 sog. Bossart-Handel um eine Glockensteuer). Den Kulminationspunkt bildete in den Jahren 1793-98 die für die sankt-gall. Geschichte bedeutsame, von Johannes Künzle angeführte revolutionäre Bewegung im Fürstenland, die in G. ihr Zentrum hatte. Zwar erfüllte Fürstabt Beda Angehrn durch den auf der Landsgemeinde in G. am 23.11.1795 ausgehandelten Gütlichen Vertrag die demokrat. Forderungen des Volkes weitgehend, aber schon im Jahr darauf brachen unter seinem Nachfolger Pankraz Vorster neue Unruhen aus, die im Zug der revolutionären Ereignisse am 4.2.1798 zur Proklamation der Republik Fürstenland mit Hauptort G. führten. Bereits drei Monate später zog freilich der Vertreter der neuen Helvet. Republik in G. ein. Der Freistaat wurde in den Kt. Säntis eingegliedert und die Munizipalgem. G. gebildet. Nach dem Ende der Helvetik belebte man für einige Monate die Republik Fürstenland und beschloss am 30.9.1802 den Anschluss an die demokrat. Kantone der Innerschweiz. Wenig später, am 19.2.1803, schuf jedoch Napoleons Mediationsakte mit der Gründung des Kt. St. Gallen dauerhaft neue Verhältnisse.

Ökonomisch dominierte bis nach 1800 der Ackerbau (1225 Haslenmühle, 1278 Henessenmühle). Im 15. Jh. gewann der Flachsanbau dank den Wirtschaftsbeziehungen zur Stadt St. Gallen, in welcher der Leinwandhandel florierte, an Bedeutung. Bis Ende des 18. Jh. wurde nun auch in G. Leinwand gewoben, wobei die günstige Verkehrslage den Handel förderte. Allerdings scheiterte zu Beginn des 17. Jh. die Einführung eines Wochenmarktes. Das Handwerk war anfänglich stark mit dem Zunftwesen der Stadt St. Gallen verbunden, ab dem 17. Jh. sind jedoch in G. eigene Zünfte belegt, aus denen sich 1873 der Meister- und 1906 der Gewerbeverein entwickelten. Um die Mitte des 19. Jh. verdrängten unter dem Druck billiger Getreideimporte die von Berner Bauern eingeführte Vieh- und Milchwirtschaft den Getreideanbau. So entstand 1850 auf Schloss Oberberg die erste Käserei in der Gemeinde, 1864 waren es bereits zehn Käsereien. Die gute Verkehrserschliessung durch die Strassen Rorschach-St. Gallen-Wil (1774-78; Zollhaus 1790), G.-Herisau (1785) und G.-Bischofszell (1810) sowie die Eisenbahnlinien Rorschach-Zürich (1856), St. Gallen-Sulgen (1874) und G.-Herisau (1913; Bahnhofverlegung 1912) beschleunigten die wirtschaftl. und baul. Entwicklung des Ortes. Um 1830 setzte die Industrialisierung zunächst mit Textilveredelung, später auch mit Metall- und Maschinenbau ein. In der 2. Hälfte des 19. Jh. erlangte die Stickereiindustrie grosse Bedeutung (1893 365 Stickmaschinen). Die Stickereikrise nach dem 1. Weltkrieg zwang jedoch die Firmen zur Umstellung auf andere Bereiche der Textilbranche. Über diese Zeit verfasste die Gossauer Schriftstellerin Elisabeth Gerter 1938 den Roman "Die Sticker". Mit der Ansiedlung von Betrieben der Lebensmittelverteilung bzw. -produktion entwickelte sich G. im Lauf des 20. Jh. zur wichtigsten Lebensmitteldrehscheibe der Ostschweiz (u.a. Migros-Betriebszentrale, Coop-Regionallager, CC Angehrn AG, Säntis-Milchverband, Schlachtbetrieb, Nafag, Suttero AG). Wichtigster tourist. Anziehungspunkt wurde der 1961 in Neuchlen von Walter Pischl eingerichtete Walter-Zoo. Der ab den 1950er Jahren rasante Wandel wurde von einer überdurchschnittl. Zunahme der Bevölkerung begleitet. G. stieg zum regionalen Subzentrum im westl. Einzugsgebiet von St. Gallen auf.

Bei der Gründung des Kt. St. Gallen 1803 wurde das fürstäbt. Oberbergeramt (auch Gossauer Amt genannt) zusammen mit dem Amt Wil zum Bez. G. vereinigt. 1831 umfasste der neu errichtete Bezirk die um den Tannenberg gruppierten Gem. G., Andwil und Waldkirch sowie Gaiserwald und Straubenzell. 1918 kam Straubenzell zur Stadtgem. St. Gallen und damit zum Bez. St. Gallen. Ebenfalls im Zug der Kantonsgründung entstand 1803 aus dem ehem. Gericht die polit. Gemeinde G. Der einstige fürstäbt. Besitz, darunter das Schloss Oberberg, der Ochsen, das Zollhaus und der Kehlhof, fiel an den Kanton, der ihn an Private veräusserte. Die örtl. Korporationen verloren bis Mitte des 20. Jh. zugunsten der polit. Gemeinde an Einfluss. Eine Sonderstellung in G. nimmt Arnegg ein, das bis heute zur Kirch- und Schulgem. Andwil gehört. 1834 wurde in G. die erste Volksversammlung des sog. Oberegger Vereins, der als Vorläufer der sankt-gall. Konservativen Partei gilt, abgehalten. Mit dem "Fürstenländer" bestand in G. ab 1876 bis zur Übernahme durch die "Ostschweiz" 1969 eine eigene Zeitung kath.-konservativer Richtung.

Im Sozialbereich sind die Eröffnung des Bürgerheims (heute Altersheim) Espel 1838 und des Waisenhauses 1894 anzuführen. Letzteres wurde 1965 aufgehoben und die Gebäude dem auf demselben Grundstück stehenden Bürgerheim übergeben. Seit 1955 versucht die Gem. mit einer systemat. Ortsplanung die baul. Entwicklung in den Griff zu bekommen. Der Bau der A1 (1963-68) gab den Anstoss zu einer grossen Güterzusammenlegung im Bereich der Autobahn. 1963 bezog die Verwaltung ein neues Rathaus an der Bahnhofstrasse. Die Dorfkorporation wurde 1977 mit der polit. Gemeinde verschmolzen und eine neue Gemeindeordnung in Kraft gesetzt. 1997 nahm das Eidg. Militärdepartement den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen im Nordosten der Gem. in Betrieb, der mit der 1993 vom Schweizer Volk verworfenen Waffenplatzinitiative bekämpft worden war. 2000 beschlossen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die Einführung eines Stadtparlaments.

Die auf den Beginn des 17. Jh. zurückgehende Volksschule (1629 erw.) wurde seit dem 19. Jh. mit der Erstellung mehrerer Schulhäuser kontinuierlich ausgebaut. Die kath. und die 1864 gegründete ref. Schulgemeinde verschmolzen 1977 zur Primarschulgem. G. Auf privater Ebene wurde 1857 eine Realschule ins Leben gerufen. Diese spaltete sich 1873 in eine neutrale und eine kath. Anstalt auf, wurde jedoch 1891 unter dem Dach der polit. Gemeinde wiedervereinigt. 1912 öffnete eine private kath. Mädchenrealschule (heute Mädchensekundarschule) ihre Tore. Eine gewerbl. Berufsschule bestand 1886-1955. Das 1926 eröffnete private Gymnasium Friedberg der Pallottiner erhielt 1970 die eidg. Maturitätsanerkennung. Ab 1981 war G. Standort des kant. Arbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen-Seminars. 2004 wurde dessen Gebäude im Zug der Lehrerinnen- und Lehrerbildungsreform von der Pädagog. Hochschule St. Gallen als zweiter Standort übernommen.


Literatur
– P. Staerkle, Gesch. von G., 1961
– K. Eschenmoser et al., G. im 20. Jh., 2003

Autorin/Autor: Cornel Dora