Finanzierungsgesellschaften

Als Finanzierungs- oder Finanzgesellschaften gelten Aktiengesellschaften, die als Aktiva hauptsächlich verbuchte Effekten anderer Unternehmen erwerben und sich das Kapital dazu durch die Ausgabe eigener Aktien und Obligationen beschaffen (Effektensubstitution). Wenn eine solche Gesellschaft sich auf Kapitalanlagen beschränkt, wird sie als Investmenttrust oder als Investment- oder Kapitalanlagegesellschaft bezeichnet. Nimmt sie zudem Einfluss auf die Finanzen und die Geschäftsführung der Unternehmen, von denen sie Wertpapiere besitzt, so wird sie zu einer Finanzierungs- und Beteiligungsgesellschaft. Investmenttrusts spielen in der Schweiz eine geringe Rolle, obwohl es früher einige gab, wie z.B. die 1849 in Genf gegründete bürgerlich-rechtl. Fondsverwaltungsgesellschaft Omnium, der mehrere Banken angeschlossen waren. 1930 bestanden nur gerade elf solche Gesellschaften mit einem Gesamtkapital von 215 Mio. Fr. - deutlich weniger als die 128 Beteiligungsgesellschaften, deren Kapital sich zur selben Zeit auf insgesamt 2,14 Mrd. Fr. belief.

Viele solche Gesellschaften, die zunächst v.a. im Elektrizitätssektor tätig waren, hatten ihren Ursprung im Kapitalüberschuss Ende des 19. Jh. 1910-14 kamen weitere Unternehmen hinzu, die zur internat. Expansion der Schweizer Wirtschaft beitrugen. Die wirtschaftl. und polit. Wirren des 1. Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit (polit. Unsicherheit, Inflation, hohe Besteuerung in anderen Ländern) förderte nicht nur die Gründung neuer Beteiligungsgesellschaften, sondern liess auch eine dritte Kategorie von F. entstehen: die Holdinggesellschaften. Diese wurden v.a. in den 1920er Jahren ohne genau bestimmten Zweck geschaffen, um das Vertrauen in den Schweizer Franken wirtschaftlich zu nutzen. 1930 bestanden bereits 1'287 solche Gesellschaften, die jedoch mit nicht ganz 600 Mio. Fr. über verhältnismässig wenig Kapital verfügten. 1931, auf dem Höchststand, hielten diese Gesellschaften ein Gesamtkapital von 3 Mrd. Fr.; danach setzte mit den Sanierungsmassnahmen, die infolge der Krise der 1930er Jahre durchgeführt wurden, ein langer Abschwung ein. 1953 war der Tiefpunkt erreicht; das Gesamtkapital der Holdinggesellschaften war jetzt auf 1,5 Mrd. Fr. gesunken. Der anschliessende Aufschwung erhielt ab den 1960er Jahren, u.a. durch die Inflation, einen starken Schub. Einige Kantone wie z.B. Zug entwickelten sich dank ihrer Gesetzgebung zu wahren Finanzplätzen. 1987 betrug das kumulierte Kapital der 13'369 Holdinggesellschaften rund 28 Mrd. Fr. und machte 28,2% des gesamten Nominalkapitals aller Aktiengesellschaften aus. 2007 hatten über 13'000 Holdinggesellschaften ihren Sitz in der Schweiz. Sie brachten dem Bund und den Kantonen jährlich 3 Mrd. Fr. Steuereinnahmen.


Literatur
– J. Toggweiler, Die Holding Company in der Schweiz, 1926
Schweiz. Aktiengesellschaften 1921 bis 1933, 1934
HistStat
– S. Paquier, Histoire de l'électricité en Suisse, 1998, 947-1080
– S. Paquier, «Swiss holding companies from the mid-nineteenth century to the early 1930s», in Financial History Review 8, Tl. 2, 2001, 163-182
– M. König, «Der Finanzplatz Zug», in Zug erkunden, 2002, 160-183

Autorin/Autor: Serge Paquier / EM