Erdöl

Die Erdölnutzung beginnt mit dem Verkauf von Erdölprodukten in Apotheken und im Kolonialwarenhandel. Seit der Entdeckung grosser Erdölvorkommen in den Vereinigten Staaten Mitte des 19. Jh. gelangten wachsende Mengen an Petroleum als Lampenöl und als Rohstoff für die chem.-pharmazeut. Industrie in die Schweiz. Mit dem Bau von Explosionsmotoren und den ersten Autos wurden Erdölprodukte um die Jahrhundertwende auch als Treibstoff eingesetzt. Aber erst um 1930 wuchs mit der zunehmenden Motorisierung auch die Bedeutung des E.s als industrieller Energieträger (Energie). Der Erdölanteil am Primärenergieverbrauch stieg von 1% 1910 auf 11% 1939, in absoluten Zahlen eine Steigerung von 740 auf 16'730 Terajoule (TJ). Erdölprodukte wurden etwa zu gleichen Teilen für mechan. Energie (Explosionsmotoren) und für die Wärmeerzeugung eingesetzt.

Im 2. Weltkrieg erlebte die in ihrer Energieversorgung weitgehend von Rohstoffimporten abhängige Schweiz eine drast. Treibstoffknappheit. Während der Kriegsjahre schrumpfte der Einsatz des E.s als Primärenergielieferant auf ein Fünftel der Menge von 1939. Benzin war für den privaten Gebrauch kaum mehr verfügbar, weshalb einige Autos mit Holzgasanlagen ausgerüstet wurden. Nach Kriegsende erreichte der Primärenergieverbrauch von E. jedoch sofort wieder das Niveau der Vorkriegsjahre, um anschliessend zu einem sprunghaften Wachstum anzusetzen. 1946-56, in nur zehn Jahren, verdrängte das E. die im Vergleich teurere Kohle vom ersten Platz in der Primärenergiebilanz. 1956 deckte die Schweiz bereits 37% (1946 11%) ihres Primärenergieverbrauchs mit Erdölprodukten, während auf Kohle bloss noch 24% (1946 37%) entfielen. Eine Ursache für die rasche Verbreitung des E.s in der Schweiz war die Motorisierungswelle der 1950er und 60er Jahre. 1950-60 verdreifachte sich der Motorfahrzeugbestand ungefähr. Wegen seiner grösseren Energieintensität pro Masse war E. der Kohle als Treibstoff ohnehin überlegen. Noch einschneidender war die Verdrängung von Holz und Kohle aus dem Hausbrand. Auch für die Heizung liess sich E. mit den modernen Komfortansprüchen gut vereinbaren. Es war einfacher in der Handhabung und in der Lagerung als Kohle, die Staub und Schmutz entwickelte. So stieg die Zahl der erdölbefeuerten Zentralheizungen in den 1950er und 60er Jahren rasch an. Noch 1960 heizte die Mehrheit der Schweizer Haushalte mit dem Einzelofen. Zehn Jahre später gehörte die Zentralheizung zur üblichen Ausstattung (ca. 70% aller Haushalte). 1950-70 verdreifachte sich der Endenergieverbrauch der Gruppe Haushalte, Gewerbe, Landwirtschaft und Dienstleistungen (von 94'550 auf 297'080 TJ im Jahr), während der Endverbrauch von Erdölbrennstoffen in dieser Gruppe (von 18'710 auf 210'120 TJ) um das Zehnfache anstieg.

Wie bei der Kohle erfolgte der Wandel zur erdölbasierten Wirtschaft ohne staatl. Steuerungsversuche. Eine Ausnahme bildeten das Rohrleitungsgesetz von 1963 und die Verordnung über die Pflichtlagerhaltung von festen mineral. Brennstoffen von 1983. In den Anfängen gelangte das E. ausschliesslich auf dem Wasserweg (Rheinschifffahrt) und mit der Eisenbahn in die Schweiz. Später folgte der Bau von Rohrleitungen (Pipelines). In den 1960er Jahren nahmen die einheim. Raffinerien Collombey (1963) und Cressier (NE, 1966) ihren Betrieb auf. Seither werden auch Rohölprodukte eingeführt, allerdings machen Fertigprodukte den Hauptteil der Importe aus. Die Herkunft des E.s hängt vom Angebot auf dem Weltmarkt und vom steigenden Bedarf nach schwefelarmen Rohölen ab. Eine ungebrochene Kontinuität ist bei der Herkunft der Fertigprodukte feststellbar. In diesem Segment waren die heutigen EU-Staaten wie Deutschland, die Niederlande sowie Belgien oder Luxemburg stets wichtige Lieferanten. Auch die Grundstruktur des Erdölhandels ist seit 1945 grösstenteils konstant geblieben. Die Einfuhr wird durch einige Grossisten dominiert, vielfach Niederlassungen der internat. Erdölkonzerne. Der Gross- und der Detailhandel unterlagen indessen Ende des 20. Jh. einem allg. Konzentrationsprozess. Die Erdölkrise, welche 1974-75 aufgrund von Kartellabsprachen der ölfördernden Länder zu einem schockartigen Anstieg der Preise für Erdölprodukte führte, setzte dem sprunghaften Wachstum des Erdölverbrauchs ein vorläufiges Ende. V.a. in der Wärmeerzeugung wurde nach Sparmöglichkeiten und nach Alternativen gesucht. Motive waren indes nicht nur die Versorgungssicherheit, sondern auch ein neues Bewusstsein für die Umweltfolgen des übermässigen Ölverbrauchs (Luftschadstoffe, Umwelt). 1990-2008 ist der Anteil der Erdölprodukte am Endenergieverbrauch von 64% auf 55% gesunken.


Literatur
Schweiz. Gesamtenergiestatistik, 1976-
– B. Gehr, E., 1981
Energiestatistik der Schweiz 1910-1985, 1987
Das 1950er Syndrom, hg. von C. Pfister, 1995 (21996)

Autorin/Autor: Daniel Marek