• <b>Grafisches Gewerbe</b><br>"Papier: eine neue Sprache der Kunst". Plakat des Grafikers Werner Jeker für eine Ausstellung im "Musée des arts décoratifs" Lausanne, 1983 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Die Kunstgewerbeschulen von Basel, Bern, Zürich und Lausanne, besonders deren grafische Abteilungen, sowie die Museen trugen im 20. Jahrhundert zum internationalen Ruf der schweizerischen grafischen Kunst bei.

Grafisches Gewerbe

Als Vorläufer des G.s finden sich im MA v.a. in Klöstern Personen, die sich mit der serienmässigen Herstellung von Handschriften (Schreiber), deren Ausschmückung (Illuminierer, Rubrizierer) und Bindung zum Buch (Buchbinder) befassten. In der 2. Hälfte des 14. Jh. wurden, im Gefolge des Block-(Model-)Drucks auf Textilien, auf den in Europa noch jungen Trägerstoff Papier Figuren und Ornamente gedruckt (Blockbuch, Druckgrafik). Rasch entstanden in den Städten neue Berufsstände, deren Bezeichnungen "Kartenmacher", "Karten-, Brief- oder Helgenmaler" die Hauptprodukte nennen: Kartenspiele und Heiligenbilder. Dazu kamen die Hersteller der Druckstöcke, die "Formenschneider". Im entfernteren Sinn können auch die Papiermacher zum G. gezählt werden. Die Zünftigkeit zeigt die Gemeinsamkeit: Alle diese Berufe wandten sich, wohl wegen der gemeinsamen Wurzel im Import-Detailhandel, den Krämerzünften zu. Die gesamtwirtschaftl. Bedeutung des G.s war damals noch gering. Mit der raschen Einführung des Buchdrucks in der 2. Hälfte des 15. Jh. erweiterte sich die Reihe der zum G. gehörenden Berufe um Verleger (Verlage), Buchdrucker, Stempelschneider, Schriftgiesser und Buchführer (Buchhändler). Dazu kamen die Spezialisten des Kupferstichs, die "Reisser" (Kupferstecher) und Kupferdrucker (Tiefdrucker). Eine im europ. Vergleich bedeutende Konzentration dieser sehr kapitalintensiven Unternehmen entstand in der Schweiz nur in Basel, wo deren grosse wirtschaftl. Rolle durch Rechnungsbücher der Unternehmen, aber auch durch Handels-, Gerichts- und Steuerakten belegt ist. Ausser in Genf und Zürich, wo ebenfalls wichtige internat. Verbindungen des G.s nachgewiesen sind, belieferte es lokale oder regionale Kunden. Wichtig war aber, ungeachtet der Grösse und Ausstrahlung der Betriebe, die kulturelle Leistung, die Vermittlung von Wissen und die Verbreitung von Information. Die in den Verlagen von Basel und Zürich besonders hochstehende Typografie, die eine von Künstlern wie Ambrosius Holbein, Albrecht Dürer oder Urs Graf gestaltete Buchillustration einschloss, hat schon damals den Ruf des Schweizer G.s begründet.

Das unter der mehr oder weniger strengen Aufsicht der Obrigkeiten stehende G. der frühen Neuzeit litt unter der Zensur und der durch die Zünfte kontrollierten strikten Arbeitsteilung der einzelnen Berufe. Die Revolutionszeit brachte die Befreiung und zugleich neue Techniken: Neben den mechanisierten Buchdruck trat als eigene Berufsgattung die Lithografie, der sich im 19. Jh. Schweizer Künstler wie Franz Niklaus König, Martin Disteli, François Diday und Alexandre Calame bedienten. Die gleichzeitige Industrialisierung der Papiermacherei schuf die Voraussetzungen für eine Massenproduktion von immer häufiger illustrierten Zeitungen und Zeitschriften (Presse) sowie populärer Unterhaltungs- und Bildungsliteratur. Auch die Buchbinderei schaffte den Schritt vom Handwerk zur Industrie und entwickelte neue Einbandformen (Broschüre, Pappband, Kalikoband mit Goldprägungen). Diese Entwicklung beeinflusste auch den typograf. Stil in bedeutendem Masse, der allerdings mit der allg. künstler. Entwicklung vom verspielten Rokoko über Klassik und Biedermeier bis zu Historismus und Jugendstil parallel lief. Das Spiel mit versch. Schriftarten und -grössen wich in der deutschsprachigen Schweiz der Vorherrschaft der Fraktur (Schrift). Ab 1883 erschien in Zürich, später in St. Gallen die weit über die Landesgrenzen hinaus beachtete Fachzeitschrift "Schweizer Graph. Mitteilungen" (später "Typograph. Monatsblätter" bzw. "Revue suisse de l'imprimerie"). Gleichzeitig wurde die Bedeutung der Werbung immer deutlicher fassbar, die sich vorerst fast ausschliesslich in der Plakat- und Schriftenmalerei, in Drucksachen aller Grössen und Arten und in der Gestaltung von Verpackungen manifestierte. Die Schweiz hat speziell im Plakatwesen Leistungen von Weltrang hervorgebracht (Plakat).

Das G. spielte -- ausgehend von den Gesellenladen des Ancien Régime -- in der Geschichte der gewerkschaftl. Organisation und der Arbeitskonflikte eine Vorreiterrolle. 1832 wurde die Typografia St. Gallen gegründet, 1858 der Schweiz. Typographenbund. Als Gegengewicht erschien 1869 der Verein Schweiz. Buchdruckereibesitzer, später umbenannt in Schweiz. Buchdruckerverein, heute Verband der Schweizer Druckindustrie. Die Arbeitnehmer sind seit 1998 in der Comedia (zuvor in der Gewerkschaft Druck und Papier (GDP)) zusammengeschlossen. Als ausgesprochene Spezialisten haben die Angehörigen des G.s seit jeher höhere Löhne erhalten als der Durchschnitt ihrer Kollegen in anderen Industrien. Der Unterschied in der Bewertung von Männer- und Frauenarbeit tritt jedoch auch hier klar zutage.

Lohnentwicklung im grafischen Gewerbe im Vergleich mit anderen Industrien 1922-2002
JahrGrafisches Gewerbe (Stundenlohn in Fr.)Uhrenindustrie (Stundenlohn in Fr.)Chem. Industrie (Stundenlohn in Fr.)Genereller Lohnindex (1939=100)
 ArbeiterAngestellterArbeiterinAngestellteArbeiterArbeiter 
19222,12   1,371,49 
19302,00   1,481,46 
19391,86   1,421,44100
1950      185
19604,879,172,288,234,554,39259
1970      515
198015,8018,5410,0313,5011,6516,031 012
199234,7136,7727,8827,7929,5633,311 788
199636,8139,0029,5729,4731,3535,331 897
200237,6239,8630,2230,1230,7135,741 938

Quellen:StJ; Autor

1983 umfasste das G. folgende Berufsgattungen: Schriftsetzer, Buchdrucker, Offsetdrucker, Kleinoffsetdrucker, Serigraf, Tiefdrucker, Kartograf, Fotolithograf, Offsetfotograf, Tiefdruckfotograf, Retuscheur, Tiefdruckretuscheur, Fotolaborant, Buchbinder (Hand-/Industriebuchbinder), Offsetkopist,-andrucker, Schriftenmaler, Grafiker, Dekorationsgestalter und Fotograf. Im Zuge des allg. Konzentrationsprozesses hat die Anzahl der Betriebe und der Beschäftigten in jüngerer Vergangenheit abgenommen. Der in den 1970er und 80er Jahren erfolgte Durchbruch des Mengensatzes (Foto- und Computersatz) hat den Bleisatz verdrängt und völlig neue Berufsbilder entstehen lassen. Die noch in den 1940er und 50er Jahren blühenden Spezialberufe des Chemigrafen, des Stereotypeurs und Galvanoplastikers sind verschwunden. Die Möglichkeit der privaten Gestaltung von Drucksachen am Computer (Desktop-Publishing) hat das G. vor neue Herausforderungen gestellt. Die ständige Erneuerung der elektron. Ausrüstungen hat den Kapitalbedarf der Unternehmen des G.s rasch ansteigen lassen und Übernahmen und Zusammenschlüsse gefördert. Gleichzeitig haben Radio und Fernsehen, neuestens auch das Internet, die Rolle der Printmedien hinsichtlich Information und Werbung zurückgedrängt. Mit dem steigenden Einfluss der Werbung ist aber die Gesamtbedeutung des G.s stark gestiegen. Die "Schweizer Werbeagenda" verzeichnet 2005 mehr als 60 Organisationen und Verbände der Kommunikationswirtschaft.

Beschäftigtenzahlen und Import-/Exportvolumen des grafischen Gewerbes
JahrBetriebeBeschäftigteImporte (in Mio. Fr.)Exporte (in Mio. Fr.)
18802257 3568,64,5
1892  9,34,9
1900  11,36,1
19052 27216 772  
1913  24,16,5
1920  30,88,2
19293 01424 58719,112,6
1935  16,37,1
19393 93431 19312,27,8
19554 89247 51046,655,9
1963  114,965,8
19753 49953 187  
1980  748,0301,8
19853 93563 500946,8290,9
19953 73563001 559,0672,0
1997 60 0004 235,02 828,0
20013 86772 000  
2002  4 3853 141
2003 66 000  

Quellen:StJ; Autor

<b>Grafisches Gewerbe</b><br>"Papier: eine neue Sprache der Kunst". Plakat des Grafikers Werner Jeker für eine Ausstellung im "Musée des arts décoratifs" Lausanne, 1983 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Die Kunstgewerbeschulen von Basel, Bern, Zürich und Lausanne, besonders deren grafische Abteilungen, sowie die Museen trugen im 20. Jahrhundert zum internationalen Ruf der schweizerischen grafischen Kunst bei.<BR/>
"Papier: eine neue Sprache der Kunst". Plakat des Grafikers Werner Jeker für eine Ausstellung im "Musée des arts décoratifs" Lausanne, 1983 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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Literatur
Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik, H. 11/12, 1929, (Sonderh. Schweiz)
– K.J. Lüthi, Wandlungen der Typographie des 19. Jh. in der Schweiz, 1942
– H. Strehler, Das G. in der Schweiz, 1944
– W. Bangerter, Arts graphiques officiels en Suisse, 1964
– H. Müller, Von den alten Mönchen zu den neuen Medien, 1983
Le livre à Lausanne, 1993, v.a. 264-294

Autorin/Autor: Peter Tschudin