• <b>Glas</b><br>Plakat für die Glashütte Bülach, gestaltet 1933 von  Carl Böckli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Flaschen und Einmachgläser für das Sterilisieren von Früchten und Gemüse gehörten zur Ausstattung vieler Haushalte, bis Ende der 1960er Jahre Tiefkühlprodukte das Eingemachte zu konkurrieren begannen. Die Glashütte Bülach schloss ihre Tore im Februar 2002.

Glas

G. ist ein spröder Werkstoff, der durch Schmelzen von organ. Stoffen (Quarzsand, Asche, Kalk) hergestellt wird. Aus G. werden u.a. Hohl- und Flachgläser, Ziergegenstände, Röhren, Glühbirnen, Lampen, Schmuck, Isolationen, Brillen, Spiegel sowie Spezialgläser für die Bereiche Chemie, Medizin, Optik, Elektronik, Haushalt und Bau gefertigt.

1 - Älteste Glasfunde in der Schweiz

Die Anfänge der Glasproduktion im Gebiet der heutigen Schweiz liegen im Dunkeln. Archäolog. Glasfunde belegen zwar die Verwendung von G., sagen aber nichts aus über dessen Herstellungsort. G. wurde in Form von Barren oder als fertiges Produkt importiert. Zahlreiche Funde (kelt. Glasarmringe aus dem 3. Jh. v.Chr.) in Bern und Basel lassen auf eine lokale Produktion schliessen. Erst in röm. Zeit, nach der Erfindung des Glasblasens, wurden transparente und einfarbige Glasgefässe sowie Glasschmuck und erstmals auch Fensterglas in beachtl. Mengen in der Schweiz produziert. Bei Ausgrabungen in röm. Siedlungen stiess man auf mehrere Glashütten. In Aventicum, einem Zentrum der röm. Glasproduktion im Gebiet der heutigen Schweiz, blieb mit vier Öfen und einem Kühlofen ein grosser Teil der Infrastruktur der röm. Glashütten erhalten. Aufgefundene Glasbarren, Fabrikationsabfälle und Glasgefässe von hoher Qualität zeugen von der Produktionsart und Formenvielfalt in der Glasherstellung Mitte des 1. Jh. Weitere röm. Glashütten mit Öfen und Produktionsabfällen wurden in Augst und Kaiseraugst entdeckt. Diese Betriebe stellten im 1.-3. Jh. Hohl-, aber auch Fenstergläser her. Die röm. Glashütten verwendeten für die Glasherstellung keine Rohmaterialien. Sie importierten Rohglas, schmolzen Altglas ein und verarbeiteten es zu Endprodukten.

2 - Verwendung und Produktion von Glas ab dem Mittelalter

Aus dem FrühMA gibt es kaum mehr Nachweise von Glaswerkstätten im Raum der Schweiz. An Produkten aus dieser Zeit fehlt es indes nicht. Gefässe und farbige Glasperlen wurden in frühma. Gräbern und Siedlungen entdeckt. Dabei handelt es sich z.T. um Erzeugnisse aus oberital. und fränk. Werkstätten, die sich nur die Oberschicht leisten konnte. Im 7. Jh. wurden deutlich weniger Glasprodukte importiert. Erst in Zusammenhang mit dem ma. Klosterhandwerk sind lokale Glasmacher in schriftl. Quellen fassbar, z.B. im 9. Jh. der Glaser Stracholfas im Kloster St. Gallen. In der Folgezeit blieb die Glasherstellung klösterl. Betrieben vorbehalten, die vorwiegend Flachglas für den Eigenbedarf produzierten. Hohlgläser hingegen wurden vermutlich importiert. Etwa ab dem 10. Jh. nahm die Produktion von farbigem Flachglas einen wichtigen Stellenwert ein (bis ins 13. Jh.). Frühe bemalte Glasfenster (Glasmalerei) und die im Jahr 1100 vom Priester und Goldschmied Theophilus Presbyter (bzw. Roger von Helmarshausen) verfasste Traktatsammlung "Schedula diversarum artium" sind bedeutende Quellen ma. Glashüttentechnik.

Um eine Glashütte zu errichten, brauchte es einen ausreichenden Bestand an Holz, Wasser und Sand. Die Hütten lagen deshalb an einem Fluss, einem Bach oder mitten im Wald. War ein Waldteil gerodet, mussten sie verlegt werden. Im Schwarzwald sind ab der Mitte des 13. Jh. Glashütten nachweisbar. Diese dürften auch die Städte in der Nordwestschweiz mit G. beliefert haben. Feinere und kostbarere Gläser wurden aus den ital. Hütten auf Murano bei Venedig importiert. Spätestens im 14. Jh. war die Glasproduktion ein lokales Handwerk. Im 15. Jh. entstanden überall in Europa sog. Waldglashütten, die erschwingliches G. für den tägl. Gebrauch in grossen Mengen produzierten und in die Städte exportierten. Bis ins 18. Jh. waren sie Hauptlieferanten für Gebrauchsgläser. Ihre Abgeschiedenheit verlangte nach einem organisierten Verteilsystem, zu dem auch die Glasträger und Glashändler gehörten. Nur wenige dieser Hütten sind aktenkundig. Flurnamen und Ortsbezeichnungen wie Vordere oder Hintere Glashütte (z.B. im Boowald nahe St. Urban) oder Glasbach und La Heutte weisen auf einstige Glasmachersiedlungen hin. Im MA standen viele Hütten im Berner und Solothurner Jura sowie in der Innerschweiz, so z.B. 1423-1581 in Klus (Gem. Balsthal), Röthenbach im Emmental (um 1400) oder 1433 zwischen Schüpfheim und Flühli.

3 - Von der Glashütte zur Glasindustrie

Im 16.-18. Jh. wurden im waldreichen Jura und im Entlebuch zahlreiche Hütten gegründet. Während der Blütezeit des venezian. G.es im 16. und 17. Jh. versuchte man in heimischen Glashütten die teuren Gläser à la façon de Venise zu produzieren. Eingewanderte Glasbläser führten die Techniken der Glashütten von Murano ein. Nebst Glasbläsern aus Italien gründeten auch zugewanderte Glashandwerker aus dem Schwarzwald und aus Frankreich Hütten in der Schweiz. Die Gebrüder Siegwart, Glasmacher aus St. Blasien (Schwarzwald), errichteten 1723 die Glashüttensiedlung Südel zwischen Flühli und Sörenberg. Damit legten sie den Grundstein für einen über mehrere Generationen bestehenden und für die Schweiz bedeutenden Betrieb im Entlebuch (1874 stillgelegt). Von dieser Glasmacherfam. wanderten einige Mitglieder in die Südschweiz ab. Meinrad Siegwart übernahm 1775 die 1736 erstmals erw. Glashütte in Personico. Ab Mitte des 18. Jh. führte ein neuer Aufschwung zu zahlreichen weiteren Gründungen, etwa in Schangnau, Muotathal, Balsthal, Lodrino, wo Siegwart sich 1782 niederliess, und Semsales.

Im Zuge der Industrialisierung und mit der Verwendung von Kohle als Brennstoff wurden die Glashütten entlang des Schienennetzes oder der Wasserwege angesiedelt. Die Eisenbahn lieferte die Kohle und beförderte die Glasprodukte. Die Hütten in abgelegenen Wäldern rentierten nun nicht mehr. 1817 eröffneten die Gebrüder Siegwart einen Betrieb in Hergiswil (NW). An Eisenbahnlinien entstanden sodann die auf Hohlglas spezialisierten Glasfabriken Monthey (1822), Küssnacht (SZ; 1851), Wauwil (1879), Bülach (1890), Saint-Prex (1911) und Altstetten (1914). 1840 öffneten die Glaswerke in Moutier ihre Tore, die als einzige Fensterglas herstellten. Die Entlebucher Glasindustrie stellte bis ins 19. Jh. 95% der Grün- und Waldglasprodukte der Schweiz her, ausserdem Flaschen und Fensterscheiben. 1859 nahm die erste halbautomat. Flaschenblasmaschine den Betrieb auf. Die Gasfeuerung mit Wannenofensystem löste 1870 das Hafenofensystem ab. Maschinenarbeiter ersetzten die einst schöpfer. Handwerker und produzierten mit doppelter Leistungsfähigkeit. Hergiswil und Küssnacht schlossen sich 1900 zur Schweiz. Glasindustrie Siegwart & Co. AG zusammen. Mit der sog. 2. Industrialisierung wurde nun auch vermehrt Glaszubehör für die chem. Industrie produziert. Gesamthaft verringerte sich die Zahl der Glasfabriken wegen Holzmangels, ungenügender Sandqualität und internat. Konkurrenz zwischen dem 18. und dem Ende des 19. Jh. von 18 auf 5.

1935 wurde in Romont (FR) der erste elektr. Schmelzofen eingesetzt. Dieses System hatte international Erfolg. Mitte des 20. Jh. beschäftigten die fünf Hohlglasfabriken Saint-Prex, Wauwil und Bülach sowie Küssnacht und Hergiswil rund 1'500 Angestellte. Die jährl. Produktion belief sich auf ca. 25'000 t. Gleichzeitig importierte die Schweiz jährlich 6'000 t Hohlglas. Mit den Fensterglasfabriken Moutier und Romont gehörten die obgenannten Betriebe der 1931 ins Leben gerufenen Vereinigung der Schweiz. Glasindustrie an. 1960 gründeten die Fabriken Saint-Prex, Wauwil und Bülach die Firma Vetropack. Diese nimmt heute als einzige Herstellerin von Verpackungsglas in der Schweiz mit Zweigstellen in Ost- und Westeuropa am internat. Glashandel teil und zählt mit einem Umsatz von 589,4 Mio. Fr. (2011) zu den grössten Verpackungsglasherstellerinnen in Europa. 2011 konnten in der Schweiz 94% des zu Verpackungszwecken verwendeten G.es wiederverwertet werden. Das Glasmuseum der Glasi Hergiswil, die 1976 von Roberto Niederer übernommen worden war, widmet sich seit 1992 der Geschichte des G.es.

<b>Glas</b><br>Plakat für die Glashütte Bülach, gestaltet 1933 von  Carl Böckli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Flaschen und Einmachgläser für das Sterilisieren von Früchten und Gemüse gehörten zur Ausstattung vieler Haushalte, bis Ende der 1960er Jahre Tiefkühlprodukte das Eingemachte zu konkurrieren begannen. Die Glashütte Bülach schloss ihre Tore im Februar 2002.<BR/>
Plakat für die Glashütte Bülach, gestaltet 1933 von Carl Böckli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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Quellen und Literatur

Literatur
– E. Zaugg, Die schweiz. Glasindustrie, 1922
– C.-A. Michel, Les Verreries du Doubs, 1935
– M.H. Cornaz L'histoire du verre et la verrerie en Suisse, 1945
HSVw 1, 592 f.
75 Jahre Glashütte Bülach AG, 1965
– H. Horat, Flühli-G., 1986
– R. Glatz, Hohlglasfunde der Region Biel: zur Glasproduktion im Jura, 1991
– B. Rütti, Die röm. Gläser aus Augst und Kaiseraugst, 1991
– W. Müller, «Glasherstellung und Bleiverglasung», in Europ. Technik im MA, hg. von U. Lindgren, 1996, 289-292
Intervalles, 1999, Nr. 53 (Themenh.)
– H. Amrein, L'atelier de verriers d'Avenches, 2001
– K. Lüönd Zeitgeist im Glas, 2011

Autorin/Autor: Christine Keller