• <b>Explosivstoffe</b><br>Herstellung von Schwarzpulver. Stich von  Johann Melchior Füssli  für das "Neujahrsblatt der Gesellschaft der Constafleren und Feürwerkeren im Zeüghaus zu Zürich", 1725 (Schweizerisches Nationalmuseum). Die feuchte Mischung aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle wird in der Pulvermühle erst zerstampft (Bild in der Mitte und Ausschnitt oben links), dann gesiebt und gekörnt (unten links) und schliesslich in der Sonne getrocknet (oben rechts). Vor der Auslieferung wird das Pulver noch getestet (unten rechts).

Explosivstoffe

Unter dem Begriff E. werden Sprengstoffe, Treibmittel und Pyrotechnika (Feuerwerkskörper) zusammengefasst. Erstmals lässt sich der Gebrauch eines E.s im Burgdorferkrieg von 1383 nachweisen. Als die kyburg. Stadt Burgdorf von Bern und dessen Verbündeten belagert wurde, setzten die Berner neuartige Geschütze ein. Das benötigte Schwarzpulver, ein Gemisch aus Schwefel, Kohlenstoff und Kaliumnitrat, stammte aus dem Burgund, aus Süddeutschland und der Lombardei, da es zu dieser Zeit in der Eidgenossenschaft nur in geringen Mengen hergestellt wurde. Die Abhängigkeit vom Ausland und die risikoreichen Transporte machten es nötig, Schwarzpulver in Eigenfabrikation herzustellen. Deshalb warben Städte wie Bern, Zürich und Luzern Büchsenmacher aus dem Elsass und der Lombardei zur Herstellung von Sprengstoff an. Im 16. Jh. begannen sog. Salpetergräber mit der Zubereitung von eigenem Salpeter, einem für die Herstellung von Schiesspulver unentbehrl. Stoff. Sie gruben die Erde unter den Stallböden der Bauern ab und wuschen diese aus. Schwefel wurde aus Sizilien importiert. Während der Kontinentalsperre versuchte man, lokale Minen auszubeuten. Die Kohle, hergestellt v.a. aus dem Haselnussstrauch und dem Faulbaum, war einheimisch. Anlässlich einer 1619 von der Stadt Bern durchgeführten Erhebung wurden auf ihrem Territorium 14 Pulvermacher gezählt, deren wichtigste Standorte Worblaufen, Thun und Langnau waren. 1652 verstaatlichte die Stadt Bern die Pulvermühlen Sulgenbach, Worblaufen, Steffisburg und Langnau. Das Schwarzpulver von Bern (jährlich ca. 50 t) war wegen seiner guten Qualität in ganz Europa berühmt und gefragt. Auch andernorts, z.B. auf der Luzerner Landschaft, wurde Spengstoff in Kleinbetrieben ausserhalb der Stadt hergestellt.

<b>Explosivstoffe</b><br>Herstellung von Schwarzpulver. Stich von  Johann Melchior Füssli  für das "Neujahrsblatt der Gesellschaft der Constafleren und Feürwerkeren im Zeüghaus zu Zürich", 1725 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Die feuchte Mischung aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle wird in der Pulvermühle erst zerstampft (Bild in der Mitte und Ausschnitt oben links), dann gesiebt und gekörnt (unten links) und schliesslich in der Sonne getrocknet (oben rechts). Vor der Auslieferung wird das Pulver noch getestet (unten rechts).<BR/>
Herstellung von Schwarzpulver. Stich von Johann Melchior Füssli für das "Neujahrsblatt der Gesellschaft der Constafleren und Feürwerkeren im Zeüghaus zu Zürich", 1725 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Im 17. Jh. ging die Anzahl der Kleinbetriebe zurück, was mit der Umstellung zum mechan. Pulverstampfen und den vielen Unfällen zusammenhing. In dieser Zeit begann man, zwischen Flinten-, Kanonen-, Spreng- und Zündpulver zu unterscheiden. Im Gegensatz zum Sprengpulver, das wie Mehl beschaffen war, waren die anderen Pulver gekörnt. 1696 wurde anlässlich des Baus der Albulastrasse Sprengpulver erstmals für eine zivile Anwendung eingesetzt. 1707 erfolgte die Sprengung des Urner Loches am Gotthardpass, 1738 wurde die Viamala am Splügenpass ausgesprengt.

Bis ins 19. Jh. blieb Schwarzpulver der einzige bekannte Explosivstoff. Dann eroberte die zivile Feuerwerkerei aus Frankreich die Schweiz. Johann Rudolf Hamberger, Lehrer an der Realschule Bern und Kunstfeuerwerker, gelang es 1855, die Giessbachfälle im Berner Oberland mittels bengalischem Feuer pyrotechnisch in verschiedenen Farben erstrahlen zu lassen. Ab 1885 wurden die Feuerwerke der Kurorte - insbesondere jene von Interlaken - Tradition. 1875 gründete Hamberger eine Kunstfeuerwerkfabrik in Oberried am Brienzersee. In der Schweiz wurden zu Beginn des 21. Jh. jährlich - v.a. am 1. August und an Silvester - für rund 25 Mio. Fr. pyrotechn. Artikel abgefeuert.

1846 stiess Christian Friedrich Schönbein, Chemieprofessor in Basel, auf die explosiven Eigenschaften von Nitrocellulose (NC). Der neue Explosivstoff wies eine zweieinhalbfach grössere Leistung als das bisher verwendete Schwarzpulver auf und brannte praktisch rauchlos ab. 1849 trat das Eidg. Pulverregal in Kraft (1998 aufgehoben). Damit wurden die Herstellung und der Handel mit E.n (bisher kantonal geregelt) unter Bundesaufsicht gestellt.

Aufgrund des geplanten Baus des Eisenbahntunnels durch den Gotthard gründete der Schwede Alfred Nobel 1873 eine Gesellschaft zur Herstellung von Sprengstoff mit Sitz in Isleten (Gem. Bauen). Dort wurde das von Nobel erfundene Dynamit (Nitroglycerin und Kieselgur) produziert. 1895 nahm in Gamsen (Gem. Brig-Glis) die Société Suisse des Explosifs SA die Produktion von Sprengstoff für den Bau des Simplon- und Lötschbergeisenbahntunnels auf. 1890 begann die Schwarzpulvermühle Worblaufen mit der Herstellung von Nitrocellulosepulver (NC-Pulver) für militär. Anwendungen. Die Herstellung von Schwarzpulver übernahmen die Mühlen Aubonne und Chur. Die Schwarzpulvermühle Chur stellte in den 1970er Jahren den Betrieb ein, diejenige von Aubonne wurde 1997 privatisiert. Eine geplante Erweiterung der Eidg. Schiesspulverfabrik Worblaufen während des 1. Weltkrieges war wegen der Nähe zur Wohnzohne der Stadt Bern nicht mehr möglich. An ihre Stelle trat 1919 die Fabrik für rauchlose Schiesspulver in Wimmis. Dort wird heute noch der flüssige Explosivstoff Nitroglyzerin hergestellt und in zweibasigen Treibladungspulvern verwendet. Die für die Schweizer Armee benötigten E. wie Trotyl (TNT), Hexogen (RDX), Octogen (HMX) und Nitropenta werden seit dem 2. Weltkrieg grösstenteils im Ausland beschafft. Ab 1997 reduzierte die Sprengstofffabrik Isleten die Produktion von gelatinösen Sprengstoffen; sie stellt heute v.a. Spezialprodukte auf Kundenwunsch her.


Literatur
– K.L. Schmalz, «Bern-Pulver», in BZGH 18, 1956, 91-128
– L. Hubler, «La soufrière de Sublin 1803-1845», in RHV, 1970, 131-185
– B. Campiotti, Vom privaten und kant. Pulver zum eidg. Pulver, 1973
– J. Meier, 400 Jahre Zürcher Pulver, 1975
Poudrerie fédérale d'Aubonne, 1980
– A. Brunisholz et al., Pulver, Bomben und Granaten, 1983

Autorin/Autor: Beat Berger