• <b>Maschinenindustrie</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Maschinenindustrie</b><br>Quellen: A. Bosshardt, A. Nydegger, Die schweizerische Aussenwirtschaft im Wandel der Zeiten, in: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik 100, 1964, 302–327; Statistisches Jahrbuch der Schweiz  © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Maschinenindustrie

Historisch umfasst die schweiz. M. im Wesentlichen diejenigen Sparten und Branchen, die in der "Allg. Systematik der Wirtschaftszweige" (Noga) von 2002 den Abteilungen Maschinenbau (Abt. 29), Herstellung von Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräten und -einrichtungen (Abt. 30), Herstellung von Geräten der Elektrizitätserzeugung, -verteilung und Ähnliches (Abt. 31), Herstellung von Geräten der Radio-, Fernseh- und Nachrichtentechnik (Abt. 32), Herstellung von medizin. Geräten, Präzisionsinstrumenten, optischen Geräten und Uhren (Abt. 33), Herstellung von Automobilen und Automobilteilen (Abt. 34) sowie Sonstiger Fahrzeugbau (Abt. 35) zugerechnet werden. Im Unterschied zu älteren Nomenklatursystemen ist die Uhrenindustriekein eigener Industriezweig mehr.

Übersicht über die verschiedenen Zweige der Maschinenindustrie 2002a
Maschinenbau
Produkte:Maschinen für die Erzeugung und Nutzung von mechanischer Energie (Verbrennungsmotoren und Turbinen; Pumpen und Kompressoren; Armaturen; Zahnräder und Antriebselemente)
 sonstige nicht wirtschaftszweigspezifische Maschinen (Öfen und Brenner; Hebezeuge und Fördermittel; kälte- und lufttechnische Erzeugnisse; weitere nicht näher umschriebene Maschinen)
 land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen
 Werkzeugmaschinen
 Maschinen für sonstige bestimmte Wirtschaftszweige (Maschinen für die Metallerzeugung, für Bergwerke und Bau, für Hersteller von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren, für Fabrikanten von Textilien, Bekleidung und Lederwaren, für das Papiergewerbe sowie für sonstige Wirtschaftszweige)
 Waffen und Munition
 Haushaltsgeräte
Herstellung von Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräten und -einrichtungen
Herstellung von Geräten der Elektrizitätserzeugung und -verteilung
Produkte:Elektromotoren, Generatoren und Transformatoren
 Elektrizitätsverteilungs- und -schalteinrichtungen
 isolierte Elektrokabel, -leitungen und -drähte
 Akkumulatoren und Batterien
 elektrische Lampen und Leuchten
 elektrische Ausrüstungen
Herstellung von Geräten der Radio-, Fernseh- und Nachrichtentechnik
Produkte:elektronische Bauelemente
 nachrichtentechnische Geräte und Einrichtungen
 Rundfunkgeräte sowie phono- und videotechnische Geräte
Herstellung von medizinischen Geräten, Präzisionsinstrumenten, optischen Geräten und Uhren
Produkte:medizinische Geräte und orthopädische Erzeugnisse
 Mess-, Kontroll-, Navigationsinstrumente und -vorrichtungen
 industrielle Prozesssteuerungseinrichtungen
 optische und fotografische Geräte
 Uhren
Herstellung von Automobilen und Automobilteilen
Produkte:Automobile und Automobilmotoren
 Karosserien und Anhänger
 Teile und Zubehör für Automobile und Automobilmotoren
Sonstiger Fahrzeugbau
Produkte:Schiffe und Boote
 Schienenfahrzeuge
 Luft- und Raumfahrzeuge
 Motorräder, Fahrräder und Behindertenfahrzeuge
 sonstige Fahrzeuge

a gemäss der Allgemeinen Systematik der Wirtschaftszweige Noga 2002 (= Nomenclature générale des activités économiques)

Quellen:BFS

Die Produktpalette war, wie die Zusammenstellung zeigt, überaus breit. Zu ergänzen sind aus hist. Sicht noch einige Erzeugnisse wie z.B. die Dampfmaschinen, die ebenfalls in der Schweiz hergestellt wurden. Mangels einer namhaften Automobil- und Unterhaltungselektronikindustrie ist die schweiz. M. weit stärker als die ausländ. Konkurrenz eine Investitionsgüterindustrie. Die Abgrenzung zur Metallindustrie fällt wegen der v.a. in der Eisen- und Stahlgiesserei engen Verflechtung schwer. In Statistiken werden oft beide zusammengefasst, und Arbeitnehmer- (Smuv, heute Unia) wie Arbeitgeberverbände (ASM, VSM, dann Swissmem) organisieren jeweils Mitglieder aus beiden Bereichen.

Autorin/Autor: Bernard Degen

1 - Textilmaschinen

Maschinenbau gab es in der Schweiz bereits vor 1800. Handwerker konstruierten für die Heimindustrie Spinnräder und Webstühle und für versch. Gewerbe Wasserräder samt zugehörigen Transmissionen und Arbeitsmaschinen wie Mühlen, Sägen und Stampfen. In der Westschweiz entstanden im Umfeld der Uhrenindustrie verwandte Apparate. Auch zur Herstellung anderer Maschinen und Geräte, z.B. Feuerspritzen, fanden sich Fachleute. Die Mechanisierung der Baumwollindustrie überforderte aber den kleingewerbl. Maschinenbau (Baumwolle). Zur Einrichtung der ersten mechan. Spinnereien in St. Gallen und Hard in Wülflingen (heute Gem. Winterthur) mussten 1800-01 engl. Mechaniker beigezogen und wesentl. Bestandteile importiert werden (Textilindustrie). Weil die Einfuhr ganzer Anlagen mit damaligen Verkehrsmitteln äusserst aufwendig, das Finden qualifizierter ausländ. Fachleute schwierig und die Maschinen zudem wartungs-, reparatur- und verbesserungsbedürftig waren, gliederten sich Spinnereien mechan. Werkstätten an. Diese widmeten sich nicht nur dem Unterhalt, sondern bauten selbst Maschinen oder zumindest Teile, indem sie ausländ. Modelle kopierten. Werkstätten dieser Art, die gelegentlich für Dritte produzierten, bestanden bis in die 1860er Jahre. War der Eigenbedarf an Spinnereimaschinen gedeckt, musste die Belegschaft verkleinert werden. In einer solchen Lage übernahm die Spinnerei Escher Wyss in Zürich 1810 vorübergehend und ab 1828 dauerhaft Aufträge von aussen (Escher, Wyss & Cie.). Damit begann die Entwicklung zur Maschinenfabrik; der Umsatz der Maschinenbauabteilung stieg, während die Spinnereiabteilung an Bedeutung verlor. Ähnlich verlief die Entwicklung bei J.J. Rieter & Co. in Niedertöss (Rieter). Neben eigentl. Spinnereimaschinen begannen beide, die zugehörigen Wasserräder und Transmissionen zu bauen, und bereits in den frühen 1830er lieferten sie komplette Anlagen nach Vorarlberg.

Auch die Mechanisierung der Weberei basierte zunächst auf engl. Webstühlen. Escher Wyss und Rieter befassten sich von den ausgehenden 1830er Jahren an ohne Eifer mit Eigenkonstruktionen. Daneben arbeiteten auch kleine Werkstätten, darunter solche von Webereien, an eigenen Entwicklungen. Einem dieser Unternehmen, der Weberei der Gebr. Honegger in Siebnen, gelang 1842 die entscheidende Verbesserung (Honegger-Schlag). Nach Ausstattung der eigenen Firma erfolgte 1846 die erste Bestellung durch Dritte, und die Maschinenfabrik Rüti - dorthin war die Werkstätte bei Ausbruch des Sonderbundskriegs 1847 verlegt worden - stieg zum wichtigsten Produzenten auf, der ab 1861 auch Seidenwebstühle anbot und einen beachtl. Exporterfolg erzielte.

Die Stickmaschine wurde zwar bereits 1828 erfunden; aber erst in den 1850er Jahren entstanden überzeugende Modelle (Stickerei). Nachdem zunächst v.a. die Maschinenfabrik St. Georgen als Lieferantin aufgetreten war, rief der in den späten 1860er Jahren einsetzende Durchbruch weitere Produzenten auf den Plan. Von diesen entwickelte sich gegen Ende des 19. Jh. die Firma Saurer in Arbon zur bedeutendsten. Der Inlandabsatz beanspruchte in der 1. Hälfte des 19. Jh. fast die gesamten Kapazitäten der M., weil die engl. Konkurrenz bis 1842 einem Exportverbot unterstand und Lieferung und Service vor dem Eisenbahnbau mit erhebl. Schwierigkeiten verbunden waren.

Autorin/Autor: Bernard Degen

2 - Übergang zum allgemeinen Maschinenbau

War die frühe M. nicht nur eine Metall, sondern auch eine Holz verarbeitende Industrie - viele Teile der Textilmaschinen, Wasserräder und Transmissionen bestanden aus Holz -, so begannen Eisen und Stahl gegen Mitte des 19. Jh. zunehmend zu dominieren. Weil Wasserräder mit ihrem geringen Wirkungsgrad vielerorts nicht mehr genügten, nahmen nach früheren Versuchen Escher Wyss und andere Betriebe in den 1840er und 50er Jahren den Bau von Turbinen auf. Um sich aus der Abhängigkeit von der konjunkturanfälligen Textilindustrie zu lösen, stellte die Zürcher Maschinenfabrik ab 1835 Dampfschiffe für Flüsse und Seen her (Schiffbau). Dampfmaschinen gab es in der Schweiz lange nur wenige, weil Kohle als Brennstoff vor dem Eisenbahnzeitalter zu teuer war. Escher Wyss begann 1836 mit der Montage engl. Fabrikate und 1839 mit dem Eigenbau, zunächst für Schiffe. In den 1850er Jahren übernahm die nicht mehr der Textilindustrie, sondern der Giesserei entwachsene Firma der Gebr. Sulzer in Winterthur die Führung in diesem Bereich. Sie hatte Ende der 1840er Jahre eine grosse Kesselschmiede errichtet, in der sie auch Dampfmaschinen herstellte. Der entscheidende Durchbruch gelang ihr mit der ersten horizontalen Ventildampfmaschine, die 1867 auf der Pariser Weltausstellung Aufsehen erregte. Danach gehörte die schweiz. M. international zu den wichtigsten Produzenten.

Weil das schweiz. Bahnnetz erst ab den 1850er Jahren entstand, lag die M. in diesem Bereich zurück (Eisenbahnen). In Neuhausen am Rheinfall nahm 1853 die Schweiz. Waggon-Fabrik (seit 1863 Schweizerische Industrie-Gesellschaft) den Betrieb auf, welche die ersten Bestellungen mangels Schienennetz noch mit Fuhrwerken auslieferte. Lokomotiven stellten zwar die Werkstätten einiger Bahnen und 1856-66 Escher Wyss her; sie erwiesen sich aber nicht als konkurrenzfähig. Fast alle kamen daher anfänglich aus ausländ. Fabriken. Die 1871 gegr. Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) in Winterthur entwickelte sich zunächst langsam, konnte aber in den 1890er Jahren die Inlandnachfrage decken.

Die Maschinenfabrik Gebr. Bühler in Uzwil begann Mitte der 1870er Jahre mit der Produktion von Hartgusswalzenstühlen und weiteren Müllereimaschinen. Zusammen mit einigen weiteren Firmen exportierte sie schon 1885 fast so viel wie die Textilmaschinenhersteller.

<b>Maschinenindustrie</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Beschäftigtenzahlen in der Maschinenindustrie 1870-2000

Autorin/Autor: Bernard Degen

3 - Ausweitung der Produktpalette

Gegen Ende 19. Jh. entstanden weitere Schwerpunkte. Zu den Dampfmaschinen kamen die Dampfturbinen, die nach 1900 zuerst von Brown Boveri & Cie. (Asea Brown Boveri) und von Escher Wyss v.a. für Kraftwerke, aber auch für Schiffe exportiert wurden. Versch. Firmen widmeten sich der Verbesserung von Verbrennungsmotoren und erzielten nach Überwindung der Startschwierigkeiten v.a. bei grossen Dieselmotoren beachtl. Erfolge. So konnte sich Sulzer ab der Zwischenkriegszeit als einer der wichtigsten Lieferanten für die Hochseeschifffahrt etablieren. Auch im Motorfahrzeugbau stellten sich Anfangserfolge ein (Automobil). Im ersten Jahrzehnt des 20. Jh. entstand neben mehreren kleinen Autoherstellern die sich bald auf Lastwagen spezialisierende Abteilung bei Saurer. Bis Ende des 1. Weltkriegs blühte der Export der neuen Branche.

Entscheidend war jedoch der Aufstieg der Elektroindustrie. In der Schwachstromtechnik wurden seit Einführung des Telegrafen in den 1850er Jahren die nötigen Einrichtungen und Apparate gebaut, zuerst in der Eidgenössischen Telegraphenwerkstätte, dann ab 1865 in der durch deren Privatisierung entstandenen Nachfolgefirma Hasler (Ascom). Den weit wichtigeren Zweig bildete jedoch bald die Starkstromtechnik. Versch. Firmen produzierten bereits in den 1880er Jahren, so de Meuron & Cuénod in Genf, die in die Ateliers de Sécheron umgewandelt wurde (Sécheron), R. Alioth & Cie. in Basel und die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO). Letztere realisierte zusammen mit der Allg. Elektricitäts-Gesellschaft 1891 die erste Fernübertragung von Elektrizität (Lauffen am Neckar-Frankfurt). Zwei MFO-Ingenieure gründeten im gleichen Jahr die Brown Boveri & Cie. in Baden. Noch vor der Jahrhundertwende konnte die schweiz. M. die gesamte elektr. Ausrüstung liefern, von der Turbine über die Generatoren und Transformatoren bis zur Steckdose. Parallel dazu entstand eine elektr. Apparateindustrie mit Firmen wie Sprecher + Schuh, Therma, Landis & Gyr, Appareillage Gardy usw., die den durchschlagenden Erfolg der neuen Energie ermöglichte.

Lange hatten schweiz. Maschinenbauer ausländ. Modelle bedenkenlos kopiert und die Patentgesetzgebung bekämpft. Mit der ab den 1870er Jahren einsetzenden Spezialisierung verfügten sie selbst zunehmend über schützenswerte Erfindungen, weshalb die innovativen unter ihnen 1887/88 das Patentgesetz befürworteten.

Der mächtige Aufschwung der M. um die Jahrhundertwende schlug sich sowohl in der Erwerbs- als auch in der Aussenhandelsstatistik nieder. 1900 lag die M. allerdings mit gut 35'000 Beschäftigten weit hinter der Textil- und der Bekleidungsindustrie und dem Baugewerbe, sogar noch hinter der Uhren- und der Nahrungsmittelindustrie sowie dem Holzgewerbe. Geografisch konzentrierte sie sich in der Ostschweiz; weitere Schwerpunkte fanden sich um Basel, um Bern sowie um Solothurn und Luzern, die beiden letzteren z.T. wegen Giessereien. In der Westschweiz erreichten Genf und das Val-de-Travers, in dem die Firma der Fam. Dubied Strickereimaschinen produzierte, Bedeutung.

Rund ein Drittel der Produktion ging ins Ausland (Exportwirtschaft); aber verglichen mit der Textilindustrie blieb der Exporterlös bescheiden, und auch die Uhren- und die Nahrungsmittelindustrie führten mehr aus. Gemessen am Export rangierten die Textilmaschinen mit 24% zuoberst, gefolgt von den dynamoelektr. Maschinen mit 22%, Dampfmaschinen und -turbinen mit 13%, Müllereimaschinen mit 10%, Wasserkraftmaschinen mit 9%, Last- und Personenwagen mit 7% und Verbrennungsmotoren mit 6%.

Autorin/Autor: Bernard Degen

4 - Aufstieg zur führenden Industrie

Der 1. Weltkrieg verlieh zusätzl. Schub. Der Wert der Maschinenimporte fiel im Mittel real um mehr als die Hälfte, derjenige der Exporte stieg sogar leicht. Besondere Erfolge erzielten die Automobil- und die Werkzeugmaschinenindustrie. Letztere war vor dem Krieg der dt. und amerikan. Konkurrenz klar unterlegen und trug nur ca. 2% zum Maschinenexport bei. Bis 1916 konnte sie ihren Ausfuhrwert real um fast 1500% steigern, fiel dann allerdings wieder etwas zurück. Gefragt waren v.a. Maschinen zur Metallbearbeitung für Rüstungsbetriebe. Die eigentl. Kriegsmaterialausfuhr erreichte 1916 mit 10% der Gesamtausfuhr ihren Höhepunkt; beträchtl. Teile davon entfielen aber nicht auf die M., sondern auf die Metall- und die Uhrenindustrie. Auch wenn sich das hohe Niveau in der Zwischenkriegszeit nicht halten liess, etablierten sich die Exporteure von Werkzeugmaschinen hinter denen von Textil- und Dynamomaschinen sowie von Verbrennungsmotoren an vierter Stelle. Stickereimaschinen verloren wegen des Niedergangs der Stickerei ihre Bedeutung. Saurer als wichtigster Produzent wandte sich stärker dem Lastwagenbau zu. Zusammen mit Berna in Olten und Franz Brozincevic Cie. in Wetzikon (FBW) dominierte sie diesen während Jahrzehnten, nicht zuletzt dank Armeeaufträgen. Die Personenwagenindustrie brach in den 1920er Jahren unter dem Druck der Importe zusammen. Die Produktionsverlagerung der Firma Dornier aus Friedrichshafen in den Kt. St. Gallen (Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein, FFA) 1921 stand am Anfang der Enwicklung des neuen Zweigs der Flugzeugindustrie. Eine Waffenproduktion hatte es neben den bundeseigenen Rüstungsbetrieben lange kaum gegeben (Waffenproduktion und -handel). Gelegentlich erledigten Maschinenfabriken vorübergehend entsprechende Aufträge. In den 1920er Jahren entstanden durch den Transfer dt. Rüstungstechnologie exportorientierte Betriebe (Oerlikon-Bührle). Die Elektroindustrie, die auch Lampen, Heiz- und Kühlgeräte, Zähler usw. herstellte, fand dank der raschen Verbreitung der Elektrizität in Haushalten, Industrie und Bahnen einen wachsenden Markt. Angesichts der immer komplexeren Anforderungen begannen die grossen Maschinenfabriken jetzt, selbstständige Forschungsabteilungen einzurichten, vorerst allerdings noch in bescheidenem Rahmen.

Die Weltwirtschaftskrise traf die M. zwar hart, jedoch weniger als andere Ausfuhrindustrien. Deshalb stieg sie noch vor dem 2. Weltkrieg zur stärksten Exportindustrie auf. Gut zwei Drittel der Gesamtproduktion gingen nun ins Ausland. Auch beschäftigungsmässig überholte sie in den 1930er Jahren die Textil- und die Bekleidungsindustrie; im 2. Sektor lag nur noch das Baugewerbe vor ihr.

Autorin/Autor: Bernard Degen

5 - Boom und Rückschläge

Im 2. Weltkrieg lag die Ausfuhr der M. im Mittel real zwar 15% unter jener während der guten Konjunktur von 1928-30, aber ein Viertel höher als in den Krisenjahren 1931-38. Wichtigster Zweig war erneut der Werkzeugmaschinenbau, dessen Zuwachsraten allerdings weit hinter denjenigen während des 1. Weltkriegs zurückblieben. Der Export von eigentl. Kriegsmaterial - Waffen, Munition, Zünder, Militäroptik - erreichte 1940-44 über 14% der Gesamtausfuhr, wiederum unter massgebl. Beteiligung der Metall- und der Uhrenindustrie. Spätestens Anfang 1943 begann sich die M. auf die Friedenswirtschaft vorzubereiten. Nicht zuletzt die schweiz. Kreditpolitik ermöglichte es ihr, für den Wiederaufbau Europas in grossem Masse zu liefern. In den 1950er Jahren überholte die M. beschäftigungsmässig das Baugewerbe und blieb bis in die 1980er Jahre wichtigster Arbeitgeber des 2. Sektors. Das quantitative Wachstum stiess allerdings in den 1960er Jahren wegen Arbeitskräftemangels an Grenzen. Neben dem Ausländer- wurde der bis zum 2. Weltkrieg bescheidene Frauenanteil aufgestockt. Dennoch galt die M. noch lange als Domäne des qualifizierten schweiz. Arbeiters, wie ihn der Smuv politisch repräsentierte. Im Lohnbereich war allerdings im 20. Jh. keine starke Abweichung vom Mittel des gesamten 2. Sektors festzustellen. Ab der Krise der 1970er Jahre verloren die Arbeiter der M. zunehmend ihre Sonderstellung.

1965 beschäftigten 213 meist grössere Maschinenfabriken über 6'100 Wissenschaftler und Techniker ausschliesslich für Forschung und Entwicklung. Über 3'900 meist kleinere Unternehmen konnten sich solche Aufwände allerdings nicht leisten. Maschinenbau war nach der - weit vorausliegenden - Chemie die forschungsintensivste Branche. Trotzdem offenbarten sich ab den 1960er Jahren strukturelle Probleme. Nachdem der Export den Import während Jahrzehnten klar übertroffen hatte, begann sich dies nun zu ändern, zuerst wegen der Automobile. Der Abbau der Zollschranken öffnete überdies der ausländ. Konkurrenz den Inlandmarkt. Die Nutzfahrzeugindustrie war von diesem Wandel besonders betroffen. Saurer/Berna und FBW hielten sich zuletzt nur mehr mit Armeeaufträgen über Wasser und wurden 1982 teilweise und 1990 ganz von Daimler-Benz übernommen, womit die einheim. Automobilindustrie verschwand. Versch. Firmen versuchten, sich durch Fusionen zu verstärken. So übernahm z.B. Sulzer 1961 die SLM, 1966 und 1969 in zwei Etappen die Escher Wyss sowie 1969 die Maschinenfabrik Burckhardt und Brown Boveri 1967 die MFO sowie 1969 die Sécheron.

Seit den 1970er Jahren gilt die M. als strukturell gefährdet. In den Krisen 1974-75, 1982-83 und 1991-93 litt sie jeweils erheblich, und die massive Aufwertung des Frankens machte ihr zu schaffen. Erschwerend wirkte sich der zögernde Einstieg in die Mikroelektronik aus. Die Stärke der M. lag in Gütergruppen mit unterdurchschnittl. Wachstum, die Schwäche in dynamischen wie EDV- und Büromaschinen. Von den 1969 grössten Firmen - Brown Boveri, Sulzer und Oerlikon Bührle - blieb nur ein mit massiven Problemen kämpfender Restbestand. Die M. besteht aber nicht nur aus Grossbetrieben. Je rund ein Drittel der Beschäftigten arbeitet heute in Klein- (20-100), Mittel- (100-500) und Grossbetrieben (über 500).

<b>Maschinenindustrie</b><br>Quellen: A. Bosshardt, A. Nydegger, Die schweizerische Aussenwirtschaft im Wandel der Zeiten, in: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik 100, 1964, 302–327; Statistisches Jahrbuch der Schweiz  © 2006 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Exporte in der Maschinenindustrie 1840-2000

Die M. war im 20. Jh. stark exportorientiert. In den 1980er Jahren gingen fast drei Viertel der Produktion ins Ausland, ein wesentlich grösserer Anteil als bei den Konkurrenten aus den USA, Deutschland, Frankreich und Italien. Wichtigste Abnehmer waren vom späten 19. Jh. an fast immer Deutschland und Frankreich und in etwas geringerem Ausmass Italien; in der 2. Hälfte des 20. Jh. kamen als neuer Grossabnehmer die USA dazu. Der Weltmarktanteil sank seit dem Höhepunkt in der Hochkonjunktur der 1950er und 60er Jahre erheblich und lag in den 1990er Jahren in der Grössenordnung von 2-3%, was etwa dem 7. bis 10. Rang entsprach. Die relativ stärkste Stellung auf dem Weltmarkt hielt die M. 2000 noch immer in ihren traditionellen Bereichen Papierverarbeitungs-, Textil- und Werkzeugmaschinen.

Autorin/Autor: Bernard Degen

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Casanova, Die Entwicklung der schweiz. M. während des Weltkrieges und in der Nachkriegszeit, 1914-1931, 1936
– H. Hofmann, Die Anfänge der M. in der dt. Schweiz, 1800-1875, 1962
– G. Billeter, Le pouvoir patronal: les patrons des grandes entreprises suisses des métaux et des machines (1919-1939), 1985
– B. Beck, T. Hess, Die schweiz. M., 1987
– J. Ruby, Maschinen für die Massenfertigung, 1995, 82-91
– S. Paquier, Histoire de l'électricité en Suisse, 1998

Autorin/Autor: Bernard Degen