Musikdosen

1796 erfand der Genfer Uhrmacher Antoine Favre die Musikdose mit Tonkamm. Er ersetzte das komplizierte Glockenspiel mit Hämmern für Taschenuhren und Schnupftabakdosen durch fünf Stahllamellen (sog. Tonzungen), die von Stiften auf einer Walze in Schwingung versetzt wurden. Das Ergebnis war musikalisch wenig befriedigend, weshalb einige Handwerker den Klang durch zusätzl. Lamellen verbesserten. Die Spielwerke nahmen immer grössere Ausmasse an, so dass sich die Musikdosenindustrie um 1815 von der Uhrenindustrie trennte.

Die Herstellung von M. entwickelte sich von da an in starkem Mass in Genf und erreichte um 1860 ihren Höhepunkt. Zu diesem Zeitpunkt wurden in Genf schätzungsweise 13'000 Stück angefertigt und mehr als 1'000 Personen beschäftigt. Danach ging die Produktion bis Ende des 19. Jh. zurück und verlagerte sich über das Vallée de Joux nach Sainte-Croix und Umgebung. Die dortigen Uhrmacher wandten sich nach der Uhrenkrise von 1860 entschlossen der Herstellung von M. zu, die sie zu hoher Perfektion brachten. In der 2. Hälfte des 19. Jh. wuchs die Musikdosenindustrie in Sainte-Croix enorm, während die Uhrmacherei um 1900 verschwand. 1894 beherrschten die rund vierzig Hersteller in Sainte-Croix die Branche mit einer Produktion, die damals schätzungsweise 4 Mio. Fr. eintrug und weltweit Absatz fand.

Von der Uhrmacherei übernahm die neue Industrie in Sainte-Croix das Verlagssystem. Die Arbeiter waren auf bestimmte Verfahrensschritte spezialisiert. Die einen übertrugen die Musik auf die Walzen, indem sie die Position der Stifte durch Vorlochen markierten. Die goupilleuses durchbohrten die Walzen und bestückten sie von Hand mit kleinen Stahlstiften. Danach folgte das Stimmen der Tonkämme, wofür ein sehr geübtes Ohr erforderlich war. Anschliessend wurden die Kämme von den poseurs auf den Platinen eingepasst und von den justifieurs nachgestimmt. Der remonteur fügte die Feder ins Federgehäuse und machte den Mechanismus funktionsbereit. Der termineur überprüfte, dass die Spielwerke richtig funktionierten. Abschliessend wurden sie im Atelier in ihre Hüllen eingefügt, ein letztes Mal kontrolliert, etikettiert und versendet. Obwohl um 1875 in Sainte-Croix die ersten Fabriken entstanden, bestand die Heimarbeit noch rund hundert Jahre weiter.

1890 eröffnete das Aufkommen von M. mit austauschbaren Walzen den Herstellern in Sainte-Croix neue Möglichkeiten. Ein neuer Typ von M. mit einer Lochplatte aus Leipzig trübte jedoch 1894 ihre Hoffnungen. Diese günstigen Platten eroberten rasch das Publikum. In Sainte-Croix erkannten nur wenige Fabrikanten die Bedeutung der Neuerung. Indem sie diese perfektionierten, eroberten sie den Markt zurück. Nach dem 2. Weltkrieg interessierten sich japan. Industrielle für die M., die trotz neuer Systeme der Musikwiedergabe überlebt hatten. Sie investierten in bedeutende Fliessbandproduktionen, wodurch die Gestehungskosten für Massenspielwerke sanken. Dies hatte fatale Folgen für die meisten Hersteller in Sainte-Croix und Umgebung, von denen 1995 nur noch drei existierten, darunter als wichtigste Firma die Reuge SA. Die Konkurrenz aus Japan wurde durch jene aus China verschärft. Ende des 20. Jh. produzierte Japan jährlich 55-60 Mio. Spielwerke, China 30 Mio. und die auf grosse Luxusspielwerke spezialisierten Unternehmen in Sainte-Croix und Yverdon rund 3 Mio. Das Musée Baud in L'Auberson und das Centre international de la mécanique d'art (CIMA) in Sainte-Croix erinnern an die Bedeutung dieses Industriezweigs für die Region. 1979 wurde zudem das Museum für Musikautomaten in Seewen eröffnet, das seit 1990 Teil der Schweiz. Landesmuseen ist.


Literatur
– A. Chapuis, Histoire de la boîte à musique et de la musique mécanique, 1955
– D. Troquet, Im Land der M. und Automaten, 1989
KlangKunst: 200 Jahre M., Ausstellungskat. Zürich, 1996
– J.-C. Piguet, Les faiseurs de musiques, 1996
La boîte à musique, une industrie genevoise, Ausstellungskat. Genf, 1997

Autorin/Autor: Daniel Troquet / EM